Wissenschaftskommunikation erforschen: Das RRC

Wie kann Kommunikation mit unterschiedlichen Zielgruppen gelingen? Wie können Prozesse der Forschung verständlich und das Innenleben beteiligter Institutionen transparent dargestellt werden? Und was braucht es, um Vertrauen in Wissenschaft zu stärken? 

Vier neu gegründete interdisziplinäre Forschungszentren in Kiel, Tübingen, Bonn/Dortmund und München werden im Rahmen der Initiative "Wissenschaftskommunikation hoch drei" gefördert, die langfristig bestehende Experimentierräume für die Wissenschaftskommunikationsforschung etablieren soll. In jedem der vier Zentren arbeiten Praktiker:innen der Wissenschaftskommunikation Seite an Seite mit Forschenden aus Fachdisziplinen und Kommunikationswissenschaften, jeweils mit einem anderen Fokus.

Rhine Ruhr Center for Science Communication Research (RRC)

Portrait von David Kaldewey
Professor David Kaldewey lehrt Wissenschaftsforschung und Politik an der Universität Bonn. Als Wissenschaftssoziologe interessiert er sich für die Handlungs- und Entscheidungsgrundlagen verschiedener Akteure im Schnittfeld von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. (Foto: Universität Bonn)

Moderne Gesellschaften sind auf Wissen angewiesen. Das wird heute schnell und in großen Mengen produziert. Wie können sich Bürger:innen, Politiker:innen und andere Entscheidungsträger bei der hohen Informationslast und in den komplexen interdisziplinären Zusammenhängen zurechtfinden? Diese Frage ist Kernthema des Zentrums Rhine Ruhr Center for Science Communication Research.

"Im politischen Raum herrscht zunehmend die Sorge, dass wir uns über grundlegende Fakten nicht mehr einigen können und den Bezug zur gemeinsamen Wirklichkeit verlieren", schildert der Wissenschaftssoziologe David Kaldewey. Und es gebe die Hoffnung, die Wissenschaft könne korrigierend eingreifen. 

Krise der Faktizität 

"Doch Wissenschaft kann nicht auf jede Frage eine klare Antwort generieren, auf die Politik und Gesellschaft sich dann in der Entscheidungsfindung beziehen können", erklärt Kaldewey. Vielmehr gehört es zur Wissenschaft, dass Forscher:innen verschiedene Perspektiven einnehmen, die jede für sich genommen wichtig sind. Sie agieren mit multiplen Fakten und Faktoren, ihre Erkenntnisse werden laufend aktualisiert und können unsicher oder gar widersprüchlich erscheinen. Diese Multiplizität, die manchmal undurchschaubar wirkende Gemengelage an Fakten, Faktoren und Perspektiven, bedingt ein Spektrum an Phänomenen, die die Krise der Faktizität ausmachen. "Es reicht über Fake News und alternative Fakten hinaus: von politisierter Verwendung über verzerrte Darstellung wissenschaftlicher Erkenntnisse bis hin zu Desinformation und Wissenschaftsleugnung", beschreibt Kaldewey. 

Wissenschaftsjournalist:innen als Experten auf bestimmten Gebieten der Wissenschaft ebenso wie in der Kommunikation kommt eine wichtige Rolle bei der Bewältigung dieser Krise zu. Sie sind deshalb eine wichtige Zielgruppe und gleichzeitig aktive Beteiligte der geplanten Forschung im Rhine Ruhr Center for Science Communication Research. 

Portrait von Prof. Holger Wormer
Professor Holger Wormer forscht am einzigen deutschen Universitätslehrstuhl für Wissenschaftsjournalismus an der TU Dortmund. Er hofft, dass sich Wissenschaftskommunikation wieder stärker an wissenschaftlichen und journalistischen Standards orientiert als an PR und Marketing. (Foto: TU Dortmund)

Im Dialog: Vorstellungen transparent machen 

Ein zentrales Element der Pläne ist es, ein Orientierungswissen über Strukturen und Prozesse im Wissenschaftssystem zu erarbeiten und es Wissenschaftsjournalist:innen und anderen intermediären Akteuren zur Verfügung zu stellen. Im ersten Schritt möchten die Forschenden mehr darüber herausfinden, welches Verständnis von wissenschaftlichen Arbeitsweisen vorherrscht. Um die Vorstellungen verschiedener Akteure und Zielgruppen transparent zu machen, begeben sie sich in den Dialog mit Wissenschaftsjournalisten sowie mit Studierenden und Personen aus dem Wissenschaftsmanagement. "Die geplanten Workshops sind gleichzeitig ein Forschungs-, Dialog- und Weiterbildungsformat und bilden das inhaltliche Dreieck des Forschungszentrums ab", sagt Kaldewey. Er erläutert: "In der Wissenschaftssoziologie sind die Bilder und Vorstellungen, die verschiedene Akteursgruppen von Wissenschaft haben, ein zentrales Forschungsthema. Für die Journalist:innen sind die Workshops eine Weiterbildung, sie lernen mehr über ihre eigene Vorstellung von Forschung. Und die Kommunikationswissenschaftler im Forschungszentrum beobachten und analysieren diese Gespräche." Fragen und Probleme der Wissenschaftsjournalist:innen fließen so in die Forschungsagenda des Centrums ein. Ein Ziel der Workshops ist es, gemeinsam Strategien zu entwickeln, um künftig ein allgemeines Verständnis von Wissenschaft und des Wissenschaftssystems besser zu vermitteln. 


"Bisher konzentriert sich Wissenschaftskommunikation zu sehr auf die Präsentation von Ergebnissen", sagt Holger Wormer. "Unsere Herausforderung ist es, auch die weniger greifbaren Prozesse und Methoden innerhalb der Wissenschaft anschaulich und verständlich darzustellen." Ein Verständnis davon sei von zentraler Bedeutung, um als Gesellschaft mit multiplen Fakten umgehen zu können. Die Forscher:innen im Rhine Ruhr Center for Science Communication Research wollen deshalb innovative Formate entwickeln, mit denen sich auch „sperrige wissenschaftliche Themen“ verständlich kommunizieren lassen.

Portrait von Franco Zotta
Dr. Franco Zotta ist Geschäftsführer der Wissenschaftspressekonferenz, einem Berufsverband für Wissenschaftsjournalismus in Deutschland. Er ist davon überzeugt, dass Demokratien ohne die informierte Orientierung durch Qualitätsjournalismus dysfunktional werden. (Foto: Franco Zotta)

Robustes Wissen identifizieren 

Ein besonderes Augenmerk haben die Beteiligten des Forschungszentrums auf den Geistes- und Sozialwissenschaften. Hier sei der Bedarf an Orientierungswissen für Journalist:innen besonders hoch, sagt der Geschäftsführer der Wissenschaftspressekonferenz (WPK) Franco Zotta. "In der wissenschaftsjournalistischen Berichterstattung gibt es oft eine Verengung der Betrachtungen auf die naturwissenschaftlich-technischen Disziplinen", beobachtet Zotta. "Diese Fokussierung ist erklärbar - nämlich mit der Historie der Ausdifferenzierung von Ressorts in journalistischen Redaktionen. Aber sie bedeutet auch eine Einschränkung der Perspektiven für die Suche nach Antworten."

Dass Geistes- und Sozialwissenschaften im Wissenschaftsjournalismus tendenziell weniger Beachtung finden, führe zu einem Mangel an Informationen für Entscheidungsprozesse in der Öffentlichkeit. "Unser Ziel ist es, Wissenschaftsjournalisten Heuristiken an die Hand zu geben - Vorgehensweisen mit deren Hilfe sie auch in bisher weniger beachteten Wissenschaften robuste Wissensbestände identifizieren und diese für öffentliche Diskurse aufschließen können."

Unser Ziel ist es, Wissenschaftsjournalisten Heuristiken an die Hand zu geben

Gemeinsam mit dem Praxispartner Science Media Center Germany wollen die Forschenden beispielsweise redaktionelle Recherche- und Auswahlroutinen in diesen Themenfeldern konsolidieren und weiterentwickeln.

Entscheidungsträgern zu Urteilsfähigkeit verhelfen 

"Vielleicht stellen wir im Laufe unserer Arbeiten fest, dass manche Geistes- und Sozialwissenschaften für die Suche nach robusten Wissensbeständen zu kompliziert aufzuschlüsseln sind", sagt Zotta. "Unser Wunsch ist aber, dass es uns gelingt, Logiken zu finden, nach denen sich ein Forschungsfeld sortieren lässt und die entsprechenden Heuristiken für Praktiker des Wissenschaftsjournalismus und der Wissenschaftskommunikation zu entwickeln und erproben." Dabei dürfen die aufgestellten Modelle nicht zu einfach sein, warnt David Kaldewey. "Natürlich brauchen wir beispielsweise Kriterien, um seriöse Wissenschaftler identifizieren zu können - die Auswahl ist aber nicht binär", erklärt er. Wissenschaftler:innen können nur selten nach einem einfachen Schema in seriös und unseriös sortiert werden. Beispielsweise können auch Argumente seriöser Wissenschaftler:innen unter Umständen, manchmal ganz unerwartet, verschwörungstheoretisch anschlussfähig werden. Ziel der Projekte sei es letztendlich, Entscheidungsträger:innen - in Politik wie in Redaktionen - zu ermöglichen, sich im Dickicht der Expertisen zurechtzufinden, um urteilsfähig zu bleiben. 

Portrait von Frau Griem
Prof. Dr. Julika Griem ist Vizepräsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und leitet das Kulturwissenschaftliche Institut Essen (KWI). (Foto: KWI, Muchnik)

Probleme sortieren 

"In dem Moment, wo Wissenschaftler mit verschiedenen Rationalitäten auf ein komplexes Feld blicken, entstehen neue Fragestellungen", gibt Franco Zotta zu bedenken. Die Herausforderung bestehe darin, Logiken zu finden, nach denen sich diese Fragestellungen in eine Handlungsempfehlung überführen lassen. "Wissenschaft hilft oft, ein Problem überhaupt erst als solches zu identifizieren", sagt Kaldewey. "Auch die ‘Krise der Faktizität’ muss zunächst als Problem präzisiert werden, und dafür sind verschiedene disziplinäre Perspektiven notwendig."

Wissenschaft hilft oft, ein Problem überhaupt erst als solches zu identifizieren

Diese Aufgabe hat sich das neue Rhine Ruhr Center for Science Communication Research gestellt. Ein Motto der Beteiligten lautet ‘Komplexität entfalten statt zu vereinfachen’. "Mit unserer Forschung wollen wir die Komplexität von Wissenschaft entfalten, anstatt Zusammenhänge zu vereinfachen", beschreibt Julika GriemManchmal müsse ein scheinbar einfaches Problem erst in viele zu betrachtende Einzelaspekte unterteilt werden, erläutert David Kaldewey. "In dieser Komplexität der Einzelprobleme kondensieren dann wissenschaftlich bearbeitbare Fragestellungen." Für die Forschenden ist dieses Sortieren von Problemen, Fragestellungen und Perspektiven ein wichtiger Teil der Aufklärung über Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation. Eines ihrer Ziele ist es, Akteur:innen der Wissenschaftskommunikation selber zu befähigen, Probleme adäquat zu klassifizieren. "Und dazu gehören auch solche Probleme, die eigentlich keine sind", ergänzt Zotta. In der Zusammenschau beider Zugänge - Verengung der Perspektive im Journalismus, Weitung in der Wissenschaft - sieht er auch die Chance, Scheindebatten zu erkennen. "Für den öffentlichen Debattenraum wäre es oft schon ein Fortschritt, Argumente aufzuzeigen, die nicht sachlich begründet sind, eigentlich eine Meinung widerspiegeln und den Diskurs nur verwirren", sagt er. 

Zielgruppen differenzieren 

In einer Gesellschaft wird es immer Menschen geben, die sich sachlichen Argumenten verschließen. "Es ist wenig sinnvoll, von der Wissenschaftskommunikation zu fordern, auch den letzten Andersdenkenden mit fest gefügtem Weltbild noch zu erreichen", stellt Kaldewey fest. Wissenschaftskommunikation soll maximale Transparenz und Klarheit schaffen und Wissen öffentlich zur Verfügung stellen. Die Zielgruppe dafür kann aber nicht immer die Gesamtbevölkerung sein. "Diese idealisierende Vorstellung eines Publikums im Singular aufzugeben und stattdessen Zielgruppen konkret zu differenzieren und Kommunikationsziele zu definieren, ist ein zentraler Punkt unserer Forschung", sagt Kaldewey. In passenden Kommunikationsarrangements könnten tiefgehende, fruchtbare Diskussionen stattfinden. "Am Ende geht es darum, dass wir zwischen Wissenschaftler:innen, Entscheidungsträger:innen und demokratischen Mehrheiten robustes Wissen verwenden, um gute Entscheidungen zu treffen und das gesellschaftliche Zusammenleben zu gestalten." 

Am Rhine Ruhr Center for Science Communication Research beteiligte Institutionen:

Vorstellung der Forschungszentren in Kiel, Tübingen und München

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