Forscher untersuchen Demokratiebewegung in Nordafrika und im arabischen Raum

VolkswagenStiftung unterstützt wissenschaftliche Projekte zu den Demokratisierungsprozessen in Nordafrika und auf der arabischen Halbinsel

Die westliche Welt zeigt sich überrascht von den Umbrüchen im nordafrikanischen und arabischen Raum. Ob Nahost-Experten weltweit, in der Region ansässige internationale Unternehmen oder auch die globalen Medien: Niemand hatte für möglich gehalten, dass in kurzer Zeit solche zivilgesellschaftlichen Prozesse in Nordafrika und auf der arabischen Halbinsel mit ihrer Forderung nach mehr Demokratie und Freiheit derart dynamisch an Fahrt gewinnen könnten. Die VolkswagenStiftung hat schnell reagiert und Mitte 2011 eine die Situation aufgreifende Ausschreibung auf den Weg gebracht. Nun unterstützt sie vier Forschungsvorhaben mit insgesamt rund 1 Million Euro.

Dr. Wilhelm Krull, Generalsekretär der VolkswagenStiftung: "In Nordafrika und im arabischen Raum wird derzeit Demokratie-Geschichte geschrieben. Selten bietet sich für Wissenschaftler die Gelegenheit, solche Entwicklungen begleitend zu erforschen. Als Stiftung, die sich als Impulsgeberin für die Wissenschaft versteht, wollten wir diese einmalige Chance nicht verstreichen lassen und freuen uns, jetzt vier Projekte zu fördern, die in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern aus Nordafrika und dem arabischen Raum durchgeführt werden."

Im Einzelnen nehmen die Forscher die Revolution im Jemen in Augenschein und schauen auf das zivilgesellschaftliche Engagement der arabischen Jugend. Ein drittes Projekt untersucht die Machtteilung in den multiethnischen Gesellschaften des Nahen Ostens, insbesondere in Bahrain und Syrien verglichen mit dem Irak und dem Libanon, während ein viertes Vorhaben den Grad der akademischen Freiheit an verschiedenen sozial- und geisteswissenschaftlichen Fakultäten an Universitäten in Ägypten und im Libanon in den Fokus nimmt. Angesiedelt sind die Projekte an den Universitäten in Bonn, Tübingen und Bochum sowie am GIGA Institut für Nahost-Studien in Hamburg.

Vom 23. bis zum 26. Februar 2012 findet an der Universität Leipzig eine Auftaktkonferenz mit dem Ziel statt, Möglichkeiten des weiteren Engagements der VolkswagenStiftung für die geistes- und gesellschaftswissenschaftliche Forschung in Nordafrika und im arabischen Raum zu diskutieren. An der Veranstaltung, die von Prof. Dr. Jörg Gertel organisiert wird, werden jeweils 40 Wissenschaftler(innen) aus Deutschland und Nordafrika sowie dem arabischen Raum teilnehmen. Die Konferenz ist bereits komplett ausgebucht.

Im Folgenden stellen wir die vier Forschungsvorhaben kurz vor:

Prof. Dr. Stephan Conermann von der Universität Bonn und sein wissenschaftliches Team erforschen die Protestbewegungen im Jemen. Räumlich konzentrieren sich diese auf den Change Square in der Hauptstadt Sanaa. Auf diesem begrenzten Raum in unmittelbarer Nähe zur Universität wetteifern Vertreter unterschiedlicher sozialer und politischer Couleur um Macht und Einfluss. Die Wissenschaftler(innen) werden die Diskussionen und Aktionen auf diesem "Marktplatz neuer Ideen" analysieren, um Aussagen über die Zukunft des Landes machen zu können.

Das Team um Prof. Dr. Oliver Schlumberger von der Universität Tübingen nimmt die arabische Jugend als eine der wichtigsten Protestgruppen in den Blick. Die Wissenschaftler(innen) möchten zum einen mehr über diese jungen Erwachsenen zwischen 18 und 35 wissen; sie fragen nach ihrem soziografischen Hintergrund, ihren Motiven und Organisationsstrukturen. Zum anderen untersuchen die Forscher, inwiefern staatliche Institutionen auf die Forderungen der jungen Demonstranten eingehen und versuchen, diese in die Reformprozesse einzubeziehen. Schließlich interessieren sie sich für externe Aktivisten und ihre Rolle bei der Unterstützung der arabischen Jugend.

Die Forschergruppe um Prof. Dr. Henner Fürtig vom GIGA Institut für Nahost-Studien in Hamburg untersucht die Machtteilung in den multiethnischen Gesellschaften des Nahen Ostens, insbesondere in Bahrain und Syrien verglichen mit dem Irak und dem Libanon. In Bahrain und Syrien beeinflussen ethnische und konfessionelle Gegensätze die Konflikteskalation zwischen Regime und Opposition. Einigen politischen Akteuren ist diese Eskalationsgefahr bewusst und sie suchen nach Optionen, um eine friedliche Transformation zu ermöglichen. Der Irak und der Libanon haben in der Vergangenheit bereits ähnliche Erfahrungen gemacht und dienen den Forschern bei ihrer Arbeit als Referenzrahmen.

Prof. Dr. Stefan Reichmuth von der Ruhr-Universität Bochum und seine Forschergruppe analysieren den Grad der akademischen Freiheit an verschiedenen sozial- und geisteswissenschaftlichen Fakultäten an Universitäten in Ägypten und im Libanon. Die Wissenschaftler(innen) nehmen die Wechselbeziehungen zwischen institutioneller und individueller Autonomie in den Blick und untersuchen, welche Folgen die derzeitigen politischen und gesellschaftlichen Umbrüche auf die akademische Freiheit haben.