"Niemand ist sicher, solange nicht alle sicher sind."

Dr. John Amuasi ist Experte für vernachlässigte Tropenkrankheiten und Direktor des Netzwerks ARNTD (African Research Network On Neglected Tropical Diseases) in Kumasi, Ghana. Impulse-Redakteurin Beate Reinhold sprach mit ihm im April 2021 über die Konsequenzen der Pandemie – für die Menschen in Afrika und für seine Arbeit. 

Wie wirkt sich die Pandemie auf die Bevölkerung aus, und welche Gruppen sind am meisten gefährdet? 

John Amuasi: Diejenigen, die am meisten leiden, sind die Armen in den überbevölkerten Vorstädten. Viele der dort auftretenden Infektionen und Todesfälle bleiben unbemerkt, weil die Armen weniger sichtbar sind und keine Stimme haben. Jüngste Seroprävalenzstudien, also Studien, bei denen über Antikörper im Blut nachgewiesen wird, ob jemand infiziert war oder ist, zeigen das. In Sambia zum Beispiel wurden im Juli 2020 weniger als 5.000 Fälle offiziell gemeldet. Eine Studie ergab jetzt jedoch, dass in sechs sambischen Distrikten zwischen März und Juli 2020 etwa 454.000 Infektionen mit SARS-CoV-2 aufgetreten waren. Und eine Studie in Südafrika belegt eine höhere Infektionsrate bei Arbeitern mit niedrigem sozioökonomischen Status. Generell hat der afrikanische Kontinent eine junge Bevölkerung, aber die hohe Arbeitslosigkeit ist eine Plage. Maßnahmen wie Lockdowns ließen die ohnehin schwachen Volkswirtschaften noch weiter absacken, wobei die Armen am meisten betroffen waren. 

Dieser Beitrag ist Teil unserer Impulse-Ausgabe 2021 mit dem Titel "Nur nicht aufhalten lassen!". Es geht um die Herausforderungen der Corona-Pandemie, aber vor allem um den Blick nach vorne. 

Wie managen Regierungen und Gesundheitsdienste die Pandemie? 

Das ist natürlich ganz unterschiedlich. Einige Länder wie Ghana sind aktiver bei der Ermittlung von Kontaktpersonen und der Meldung von Fallzahlen und haben letztlich eine niedrigere Sterblichkeitsrate wie etwa Burkina Faso. Es gibt Länder, die kaum Fälle melden, vermutlich weil einfach die Testkapazitäten gering sind. Mit seiner besseren Organisation und Transparenz bei den Fallzahlen war Ghana das erste Land der Welt, das den Impfstoff über das von der WHO koordinierte COVAX-Programm erhielt.

Welche covidbedingten Einschränkungen haben Forschende? 

Am Anfang war das eine große Herausforderung, viele wichtige Projekte mussten aufgrund der Schließung von Universitäten und Forschungseinrichtungen und der Reisebeschränkungen auf Eis gelegt werden. Aber jetzt können die meisten Forschungsarbeiten wieder aufgenommen werden. Auch die Beschaffung von Verbrauchsmaterialien aus dem Ausland war schwieriger, aber das hat sich inzwischen ebenso wieder verbessert.

Bei einer sich schnell ausbreitenden Pandemie ist niemand sicher, solange nicht alle sicher sind.

COVAX-Initiative

Wo sehen Sie große Unterschiede im Umgang mit der Pandemie zwischen dem Globalen Süden und dem Globalen Norden?

Zu beobachten war, dass die strengeren und längeren Lockdowns im Globalen Norden viele in Europa und Nordamerika lebende Afrikaner veranlassten, in ihre Heimatländer zu kommen. Und grundsätzlich ist es so, dass 'Hilfspakete' wie die in den Ländern des Globalen Nordens organisierten staatlichen Unterstützungen für Institutionen, Unternehmen und Einzelpersonen im Globalen Süden nicht in gleichem Maß angeboten werden können. So sind viele Menschen durch den Verlust ihrer Existenzgrundlage stark betroffen.

Hinzu kommt: Bis März 2021 hatten nur etwa 1,7 Prozent der afrikanischen Bevölkerung mindestens eine Dosis eines Covid-Impfstoffs erhalten – das ist deutlich weniger als 26,3 Prozent in den USA und 12,3 Prozent in Europa. Das liegt an der geringeren Kaufkraft und – noch wichtiger – an politischen Entscheidungen. Einige impfstoffproduzierende Länder haben ja den Export beschränkt, um sich zunächst auf die Versorgung der eigenen Bevölkerung zu konzentrieren. Es sollte aber wirklich der warnende Hinweis der COVAX-Initiative beachtet werden: Bei einer sich schnell ausbreitenden Pandemie ist niemand sicher, solange nicht alle sicher sind.

Was wird in Afrikas Forschung und Gesundheitswesen am meisten benötigt? 

Wir brauchen eine bessere Verknüpfung zwischen den Systemen der Gesundheitsversorgung und der klinischen Forschung, um Erkenntnisse zu gewinnen, die unmittelbar in Behandlungsmaßnahmen sowie in die Präventions- und Kontrollpolitik einfließen können. In der Forschung ist die Genomsequenzierung von zentraler Bedeutung für die Entwicklung einer adäquaten Reaktion auf die Krankheit. Angesichts der schnellen Mutation des Virus, wie sie in anderen Teilen der Welt festgestellt wurde, ist eine frühzeitige Erkennung und Identifizierung der zirkulierenden Stämme entscheidend. Die meisten Forschungslabore in Afrika sind für die Durchführung von Genomsequenzierung nicht gut ausgestattet.

Wie ist aktuell das Bewusstsein für die vernachlässigten Tropenkrankheiten? 

Die Neglected Tropical Diseases (NTDs) betreffen die Ärmsten der Armen, die weniger wahrgenommen und gehört werden – daher werden sie vernachlässigt. Doch dank der anhaltenden Bemühungen der wichtigsten Interessengruppen haben NTDs trotz Covid-19 ihre Sichtbarkeit behalten. Am 28. Januar 2021 stellte die WHO die neue NTD-Roadmap virtuell vor, was weltweit große Aufmerksamkeit erregte. Unser Netzwerk war gut vertreten und ich war Teil eines Panels, in dem diskutiert wurde, wie Partnerschaften den Erfolg im Kampf gegen diese Krankheiten voranbringen – zusammen mit der WHO-Direktorin für NTDs, Dr. Mwele Malecela, die selbst ARNTD-Mitglied ist. 

Haben sich die Aktivitäten des ARNTD-Netzwerks verändert – und in welcher Weise? 

Viele von uns, die in der Forschung tätig sind, mussten ihre Arbeit einschränken oder auf Eis legen. Aber das Gute ist, dass die Kompetenzen und Beziehungen eingesetzt wurden und werden, um in den verschiedenen Ländern den Kampf gegen die Pandemie zu unterstützen – auch in führenden Rollen beim Fallmanagement oder in Covid-Forschungsprojekten und Testlaboren. 

Wir sind besorgt, dass für NTD-Forschung weniger Geld zur Verfügung steht.

John Amuasi

Wie wirkt sich die Pandemie auf die NTD-Forschung aus?

Die Forschung hat sich verlangsamt, und mittelfristig sind wir sehr besorgt, dass für NTD-Forschung und -Maßnahmen weniger Geld zur Verfügung steht, da die Mittel Richtung neu aufkommender Infektionen wie SARS-CoV-2 umgeleitet werden. Dies birgt die Gefahr, dass einige der erzielten Erfolge bei NTDs zunichtegemacht werden. Beispiele sind die Guineawurm-Krankheit, die eigentlich kurz vor der Ausrottung steht oder die Trachom-Infektion, bei der die Gesamtzahl der gefährdeten Personen von 2002 bis 2019 um etwa 91 Prozent gesenkt werden konnte. 

Welche Unterstützung wünschen Sie sich für die Zukunft? 

Afrikanische NTD-Forschende wurden immer vielleicht genauso vernachlässigt wie die Krankheiten selbst. Die Agenda für NTD-Forschung und -Interventionen wurde üblicherweise ohne die Beteiligung afrikanischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler festgelegt. Das ändert sich jetzt dank der Bemühungen von engagierten Unterstützern. Aber es ist schon mehr an nachhaltiger Förderung nötig, damit Netzwerke wie das ARNTD ihre Aufgabe gut erfüllen können.

So ist es von entscheidender Bedeutung, die Zusammenarbeit mit und unter afrikanischen Forschenden zu sichern und den Aufbau von personellen und materiellen Kapazitäten – einschließlich Labors – zu unterstützen, in den Lebenswissenschaften und in den Sozialwissenschaften. Nur so können wir weitere Erkenntnisse gewinnen, die zur Kontrolle oder Eliminierung der vernachlässigten Tropenkrankheiten notwendig sind. Die aktuell von der WHO aufgestellten globalen Ziele geben eine klare Orientierung wie notwendig es ist, die Arbeit in diesem Feld zu fördern – jetzt mehr denn je.

Um zum Abschluss die Perspektive noch weiter zu öffnen: Wie beurteilen Sie das „One Health"-Konzept – ist das der dringend benötigte Schlüssel zur Lösung globaler Gesundheitsfragen?

Ich bin zufällig Ko-Vorsitzender der Lancet One Health Commission, daher liegt mir dieses Thema sehr am Herzen. 'One Health' erkennt die fundamentale Verbindung zwischen Menschen und Tieren innerhalb der natürlichen und der von uns geschaffenen Umwelt an, die wir gemeinsam nutzen. In diesem Sinne bezieht sich der 'One Health'-Ansatz ja nicht nur direkt auf die Gesundheit, sondern auf fast alle wichtigen globalen Aktivitäten. Das ist letztlich das, was eine gesunde, nachhaltige Zukunft für das Leben auf der Erde garantieren wird.

Gemeinsam gegen NTDs

Nachdem sie sich bereits seit 2005 im Rahmen ihrer Afrika-Initiative auf diesem Feld engagiert hatte, setzte die Stiftung im Jahr 2008 gemeinsam mit vier weiteren europäischen Stiftungen ein Programm zur Erforschung vernachlässigter Tropenkrankheiten (NTDs) auf. Es wurden 30 Postdoc-Fellowships vergeben und über 60 PhD- und Master-Studierende gefördert. Seit dem Auslaufen des Programms unterstützt das Stiftungskonsortium das ARNTD-Netzwerk, damit die Kompetenzen weiter ausgebaut und verzahnt werden können.