Wo Stefan Wegner irrt – eine Erwiderung auf den Gastbeitrag "Public Misunderstanding"

Fast 25 Jahre nach PUSH kann man feststellen: Die Resultate sind durchaus vorzeigbar. Uns verwundert, ehrlich gesagt, das aktuelle Lamento, dass das Vertrauen in die Wissenschaft und deren Vermittlung in Deutschland in der Krise sei, und dass die Bevölkerung sich der Wissenschaft und Forschung zunehmend entfremde. Das Wissenschaftsbarometer zeigt seit Jahren ein konstantes Bild, dass Wissenschaft in Deutschland nämlich sehr akzeptiert ist.

Wenn hierzulande von einer Krise in der Wissenschaftskommunikation und von Vertrauensverlust die Rede ist, muss man genauer hinschauen.

Wenn hierzulande von einer Krise in der Wissenschaftskommunikation und von Vertrauensverlust die Rede ist, muss man genauer hinschauen. Die Krise betrifft unseres Erachtens in erster Linie den Wissenschaftsjournalismus, und der Vertrauensverlust hingegen betrifft sehr viele Institutionen, von Kirchen über Parteien über die Medien bis hin zu einigen Feldern der Wissenschaft (nicht "die Wissenschaft" allgemein), etwa die Grüne Gentechnik oder die Biomedizin (Stichworte: Impfgegner, Homöopathie, Tierversuche).

Das Internet krempelt die Wissenschaftskommunikation um

Der Beitrag von Stefan Wegner "Das große Public Misunderstanding" endet mit der abgenutzten Forderung, man solle "nicht wissenschaftszentriert, sondern menschenzentriert"  und "weniger über sich selbst (..), sondern mehr mit dem Gegenüber" reden, und dies knüpft an altbekannte Forderungen an wie: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als "normale Menschen" darzustellen, Filmdokus publikumsnäher zu gestalten, ehrlicher zu publizieren …. So richtig das alles ist: aber ist das was Neues? ("Neue Wege in der Wissenschaftskommunikation", November 1999). Vorschläge für Vermittlungsformate verkennen das Hauptproblem. Das liegt nämlich nicht in den Formaten der Wissenschaftskommunikation, sondern im Umfeld von Information und Kommunikation, das durch das Internet völlig verändert worden ist.

Screenshot des Beitrags von Stefan Wegner
Stefan Wegner veröffentlichte in seinem Beitrag "Das große Public Misunderstanding" vier Empfehlungen, wie die Wissenschaft dem Vertrauensverlust entgegenwirken könnte. (Screenshot: Volkswagenstiftung.de)

Immer mehr Zielgruppen verweigern sich dem Dialog

Das digitale Gebrüll ist, wie auch Wegner treffend formuliert, "einer der Hauptgründe für den Vertrauensverlust." Die Frage ist dennoch, wie weit dieser unter dem Begriff "Populismus" gehandelte Vertrauensverlust tatsächlich um sich greift. Wir haben an anderer Stelle (Beitrag im Helmholtz-Blog "Einen Strick kann man nicht schieben") bereits darauf hingewiesen, dass die durch die digitale Revolution radikal veränderte Informationsbeschaffung, die daraus resultierende veränderte Meinungs- und Willensbildung nicht nur der Politik, sondern auch der Wissenschaftskommunikation ein Problem beschert.

Insofern reicht es nicht aus, dass man nur mehr "mit dem Gegenüber reden" muss, wie Wegner fordert. Es gibt nämlich immer mehr Zielgruppen, die gar nicht zuhören (Josef Zens: Gentechnik-Urteil – ein Glaubenskrieg, aber kein "Lost Cause"), sondern nur ihr vorgefasstes Weltbild verbreiten wollen: Das ist tatsächlich "Push"-Einwegkommunikation. Grundsätzlich falsch ist deswegen Wegners Empfehlung eines Bündnisses der Wissenschaft "nach dem Vorbild der ‚Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft‘, die mit offenem Visier für ihre Themen kämpft". Ideologische Vertretung von Partikularinteressen würde das wichtigste Kapital beschädigen, das die Wissenschaft hat: evidenzbasierte Vertrauenswürdigkeit.

Ideologische Vertretung von Partikularinteressen würde das wichtigste Kapital beschädigen, das die Wissenschaft hat: evidenzbasierte Vertrauenswürdigkeit.

Wissenschaft sollte selbstbewusster auftreten

Auch durch das BMBF gehypt, waren Dialogformate irgendwann plötzlich das Nonplusultra. Das hat sich gelegt, einige dieser Formate waren erfolgreich, andere – da kann man Wegner nur zustimmen – eher bescheiden, wenn man Aufwand und Resultat als Maß nimmt. Als Mitglied der auftragnehmenden und ausführenden Agentur weiß Wegner, wovon er redet, wenn er in seinen vier Empfehlungen vorschlägt, dass die Wissenschaft "sich von der Politik emanzipieren und runter von ihrem Schoß" muss.

Das muss sie in der Tat: Die Wissenschaft konsumiert nicht einfach Unsummen an Fördermitteln, sondern sie liefert als (nicht nur) geldwerte Gegenleistung jeden Tag Wissen, Verfahren und Daten, welche diese Fördersummen bei weitem aufwiegen. Dieses mit mehr Selbstbewusstsein der Politik zu verdeutlichen, wäre eine wesentliche Aufgabe der Leitungsebenen in Forschungseinrichtungen, -organisationen und Hochschulen. Der beste Herdenschutz gegen Wissenschaftsfeindlichkeit ist eine Bevölkerung, die weiß, was sie an ihrer Forschung und Wissenschaft hat.

Der beste Herdenschutz gegen Wissenschaftsfeindlichkeit ist eine Bevölkerung, die weiß, was sie an ihrer Forschung und Wissenschaft hat.

Mobiltelefon mit grafischer Darstellung, wieviele Inhalte gleichzeitig konsumiert werden.
Das Internet verändert auch die Wissenschaftskommunikation grundlegend, sagen Franz Ossing und Josef Zens. (Foto: nopporn - stock.adobe.com)

Die Forschung über Meinungsbildung im Netz ist völlig unzureichend

Aber wie funktioniert das: den täglichen Wissenstransfer aus der Forschung in die Gesellschaft hinein allen bewusst zu machen? Die digitale Welt präsentiert sich als ein undurchsichtiges, wildes Durcheinander aus Information und Daten, die auf die Gesellschaft einprasseln. Wegner plädiert für eine "Neue Sichtbarkeit: In der Welt der digitalen und (a)sozialen Medien muss die Wissenschaft eine lautere und eigenständigere Stimme erlangen." Dem ist unbedingt zuzustimmen, aber damit die Wissenschaft in der WWW-Kakophonie überhaupt wahrzunehmen ist, muss man erst mal die Mechanismen verstehen, wie hier die (Wissenschafts)Kommunikation vor sich geht.

Es ist erstaunlich: während in den USA (z.B. D. Kennedy: "We May Hate 'The Media,' But We Love The Media That We Choose To Use") darüber reichlich geforscht wird, hat in Deutschland keiner der vorhandenen Lehrstühle für Wissenschaftsjournalismus oder Wissenschaftskommunikation bisher ernsthaft eine flächendeckende Untersuchung angestellt, wie diese virale Meinungs- und Willensbildung im Netz denn bei uns funktioniert. Eine positive Ausnahme bildet hier die Arbeit von Seemann/Kreil ("Digitaler Tribalismus und Fake News"), die zeigt, wo die Forschung hingehen könnte und sollte. Hier tut sich ein großes Forschungsfeld zum Thema Medien, Öffentlichkeit und Wissenschaft auf.

Wissenschaft muss ehrlicher werden – wie es Wegner fordert

Auch die deutschen Forschungs- und Wissenschaftsorganisationen haben den Bedarf festgestellt. Die Allianz überlegt derzeit, wie die PUSH-Initiative weiterentwickelt werden könnte. Soviel lässt sich zu diesem Zeitpunkt schon festhalten: ein schlichtes Update und Auffrischen der Formate wird nicht ausreichen.

Soviel lässt sich zu diesem Zeitpunkt schon festhalten: ein schlichtes Update und Auffrischen der Formate wird nicht ausreichen.

Die veränderte Informations- und Kommunikationsstruktur bedarf einer grundsätzlichen Umgestaltung (Ossing/Hüttl: "Wissenschaftskommunikation, Wissenschafts-PR und Wissenstransfer" (pdf)  der Wissenschaftskommunikation.

Dazu gehört vor allem die von Wegner geforderte "Neue Ehrlichkeit": die aus den Forschungszentren und Hochschulen stammenden Informationen, also die institutionell gebundene Wissenschafts-PR muss überprüf- und nachvollziehbar sein. Das ist den meisten in der Wissenschafts-PR Tätigen durchaus bewusst, weshalb sie sich auf "Leitlinien guter Wissenschafts-PR" (pdf) verständigt haben. Diese liegen seit 2016 (!) auch der DFG vor mit dem Vorschlag, diese "Leitlinien" zum Bestandteil der "Guten Wissenschaftlichen Praxis" zu machen; es scheint allerdings eher so, dass sie dort zu Sediment werden.

Fraglich, ob die Wissenschaft bereit ist für grundlegenden Wandel

Angesichts der aktuellen Diskussion um predatory publishing in der Wissenschaft ist es schon erstaunlich, dass die wichtigste deutsche Forschungsorganisation hier freiwillig auf eine solche zusätzliche Qualitätskontrolle verzichtet. Dass auch die übrigen deutschen Wissenschaftsorganisationen solche Leitlinien bisher eher für eine freiwillige Veranstaltung halten, lässt für die geforderte starke, laute Stimme der Ehrlichkeit und Verlässlichkeit der Wissenschaft im digitalen Info-Dschungel nicht gerade hoffen.

Und wie sieht es auf der anderen Seite des Schreibtischs aus? Die steile These, dass die Krise des Wissenschaftsjournalismus dem Ausbau der Kommunikationsabteilungen der Unis und Forschungseinrichtungen geschuldet ist, wird zwar ständig wiederholt, hält aber keinem empirischen Nachweis stand. Zwar haben die Forschungseinrichtungen, vor allem die Hochschulen, ihre Kapazitäten in den sogenannten Kommunikationsabteilungen tatsächlich ausgebaut, genau so, wie es PUSH forderte. Aber eine nähere Untersuchung (Zwischenbericht "Hochschulkommunikation erforschen"Teil 1 (pdf); Teil 2 (pdf)) zeigt, dass hier zwischen Kommunikation, Wissenschafts-PR und Marketing genauer differenziert werden muss, wenn man ein reales Bild der institutionellen Pressearbeit und der übrigen Wissenschaftskommunikation der Häuser haben will.

Unser Fazit: Nicht ein "Public Misunderstanding of Science" ist das Hauptproblem, sondern unsere Unkenntnis, wie "Public Understanding of Science" unter den veränderten Rahmenbedingungen digitaler Kommunikation und Information ablaufen müsste.

Weitere Beiträge zu unserem Themenschwerpunkt finden Sie unter "Wissenschaft und Gesellschaft".

Zu den Autoren

Franz Ossing, Mitorganisator des March for Science Berlin und der Kieznerds.de, Co-Autor der Leitlinien für gute Wissenschafts-PR; von 1994 bis 2016 Leiter der Öffentlichkeitsarbeit am Deutschen GeoForschungsZentrum GFZ.

Josef Zens, gelernter Tageszeitungsredakteur und ehemaliger Wissenschaftsjournalist, vor gut 15 Jahren in die Öffentlichkeitsarbeit für Forschungseinrichtungen und -organisationen gewechselt, seit 2016 Leiter der Öffentlichkeitsarbeit am GFZ, Mitglied des Siggener Kreises.