Social Contagion: Wenn selbstverletzendes Verhalten auf Instagram ansteckend wirkt

Instagram assoziieren die meisten mit Fotos vom morgendlichen Avocado-Toast oder dem blauen Meer im Urlaub. Doch das soziale Netzwerk hat auch dunkle Seiten: Communities, die sich gegenseitig darin bestärken, zu hungern oder sich zu verletzen. "Soziale Ansteckung" nennen Wissenschaftler dieses Phänomen, das ein Projektteam am Beispiel Instagram untersucht hat.

"Es war die Katze", #itwasthecat, steht unter dem Instagram-Foto. Es zeigt einen Unterarm, eine Rasierklinge liegt darauf, feine Schnitte ziehen sich quer über die Haut, Blut läuft heraus.

In einer Umfrage gaben 35% der deutschen Teenager an, sich schon einmal vorsätzlich verletzt zu haben — damit ist Deutschland trauriger Spitzenreiter in Europa. Doch die Wunden verstecken sich nicht immer in Ärmeln. Sie werden auch offen zur Schau gestellt — etwa auf Instagram.

Dort begegnete der Datenjournalist Tin Fischer den sogenannten Ritzungen zufällig, während er für einen eher harmlosen Magazinartikel recherchierte: "Wir hatten damals die Instagram-Daten untersucht auf Fragen wie: Wann ist die regenbogenreichste Jahreszeit? Welche Körperteile werden am meisten fotografiert, welche kriegen die meisten Likes?", erklärt Fischer. "Dabei stießen wir auf den Hashtag #depression und guckten uns an, welche Form von Depression am häufigsten auf Instagram visualisiert wird. Das waren vor allem Ritzungen und Magersucht."

Instagram bietet Psychologen ein weniger geschöntes Bild

Nachdem Fischers Instagram-Artikel in der Zeitschrift Neon erschienen war, nahm Paul Plener, Leitender Oberarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Universität Ulm, Kontakt mit dem Journalisten auf, ob man nicht gemeinsam an den Daten arbeiten könne? Denn für Plener sind Daten wie die von Instagram etwas Besonderes: "Im Gegensatz zu dezidierten Fragebögen-Untersuchungen, bei denen der Befragte weiß, dass es ein Interview zu einem Forschungs- oder Behandlungszweck ist, liefern die Instagram-Fotos in dieser Hinsicht ein weniger geschöntes oder verzerrtes Bild."

Im Rahmen ihres Projektes "Social Contagion" wollten Fischer und Plener die zwischenmenschlichen Dynamik innerhalb der Community sich selbst verletzender Jugendlicher untersuchen. Dazu sammelten sie über die Schnittstelle von Instagram einen Monat lang öffentlich zugängliche Bilder mit verschiedenen Hashtags wie #depression oder #ritzen. Sie speicherten, wie die Nutzerprofile untereinander vernetzt sind, wie viele Likes und Kommentare ein Post erhält.

Ein Vorteil von Instagram: Die Datenmenge, mit der wir im Projekt arbeiten, ist wesentlich größer als bei Vorgängerstudien zu anderen Themen: Wir verfolgen mehrere Tausend Nutzer, was uns ermöglichen kann, Muster zu identifizieren", sagt Plener. "Auf der anderen Seite muss man aus diesen Daten die wirklich relevanten Informationen extrahieren. Im Gegensatz zu einem Interview gibt es hier nicht von vornherein eine konkrete Fragestellung, die die Nutzer beantworten. Stattdessen verhalten sie sich natürlich und bilden ihr gesamtes Leben ab; und eben nicht nur gezielt den Rahmen, der uns tatsächlich interessiert. Wir haben versucht dem entgegenzusteuern, indem wir besonders aktive Nutzer kontaktiert und im Chat interviewt haben. Wir wollten wissen, was die Beweggründe sind, solche Bilder zu posten."

Analysen von Instagram-Fotos gab es schon früher. Auch in anderen wissenschaftlichen Kontext finden Instagram-Daten Verwendung. Studien zeigen, welchen Aufschluss die Daten Stadtplanern und -entwicklern geben können oder wie im medizinischen Kontext Instagram-Daten helfen können, Medikament- und Drogennutzung zu beobachten.

Die Menschen hinter den Daten sehen: "Sprich mit mir!"

In 65 ausführlichen Chat-Interviews gaben Nutzer immer wieder denselben Grund an: Sie machen ihre Selbstverletzung öffentlich, um Kontakte zu knüpfen und zu halten.

Anders als in psychologischen Beratungsangeboten, wo Betroffene ihre Identität preisgeben müssen, können sie auf Instagram anonym bleiben und bekommen trotzdem sehr schnell Rückmeldungen aus der Community — die Wundbilder dienen also als Gesprächseinstieg. "Man kann so ein Foto posten und es melden sich ganz schnell Leute, die sagen 'wenn Du mit mir reden willst, schreib mich an'. Es sind vielleicht nicht wahnsinnig viele Kommentare, aber es sind immer Leute da, die sofort Hilfe anbieten", berichtet Fischer aus den Interviews. Die Nutzer, die Hilfe anbieten, sind meist Menschen, die ähnliche Probleme haben. "Auch wenn es keine professionelle Hilfe ist, die langfristig ihre Situation verbessert, hilft es vielen Betroffenen schon, sich auf diese Weise mit anderen auszutauschen, unkompliziert und unmittelbar reden zu können." 

Plener sagt, dass einige Nutzer ihren Instagram-Account fast wie ein Therapie-Tagebuch benutzen, festhalten, wann sie sich zuletzt geritzt haben, aber auch, wie lange sie es schon geschafft haben, sich nicht selbst zu verletzen.

Selbstverstärkender Effekt: Je krasser das Bild, desto mehr Reaktionen

Fischer hat sich für das Projekt hunderte von Bildern angesehen und die mit Wunden heraussortiert: "Es gibt natürlich auch andere Motive in solchen Accounts. Etwa Bilder zum Thema Traurigkeit, neblige Landschaften, oft Blicke von Hochhäusern herunter, weil es ja oft auch um Suizidalität geht. Die Krankheit Depression an sich bildhaft auszudrücken, ist nicht so einfach. Aber es ist einfach, deren Symptome zu zeigen, zum Beispiel Ritzungen. Und in den Daten haben wir auch gesehen, dass diese Wundfotos auch die einzigen Bilder sind, die wirklich Kommentare auslösen."

Und die Daten zeigen noch mehr: "Wir haben die Fotos auch nach verschiedenen Wundgraden ausgewertet und festgestellt: Je höher der Wundgrad, je tiefer die Verletzung, je offener die Wunde, umso mehr Kommentare gab es", sagt Plener.

 "So ist der Vorteil des Netzwerks — schnell Rückmeldung und Hilfe zu bekommen gleichzeitig auch  ein Nachteil, den wir in unserer Studie herausgearbeitet haben", sagt Plener: "Auch wenn Betroffene die Kommentare, die sie auf ihre Wundfotos erhalten, nicht direkt als Aufforderung verstehen, sich weiter selbst zu verletzen, ist es natürlich trotzdem so, dass die Rückmeldung, die Anteilnahme und die Kontakte, die man als Betroffener aufgrund des Öffentlichmachens seiner Wunden aufbaut, als soziale Verstärker funktionieren. Im Klartext: Neue Anteilnahme der Community wird nur durch neue Fotos ausgelöst. Ein Teufelskreis für die Betroffenen."

Wenn Journalisten und Wissenschaftler Zugang finden, warum dann nicht auch Hilfsangebote?

Betroffenen einen Weg aus diesem Teufelskreis zu zeigen, wäre Aufgabe von professionellen Hilfsangeboten. Sie könnten sich die Dynamik der Community zunutze machen und über Hashtags Zugang zur Szene finden. Technisch wäre das prinzipiell einfach umsetzbar. "Aber die Hashtags verändern sich sehr schnell und entziehen sich der Kontrolle. Wenn #selfharm blockiert wird, schreiben die Leute es eben mit drei m und der Hashtag ist wieder offen. Oder sie verwenden bestimmte Code-Wörter, die in der Szene bekannt sind, aber für Außenstehende nicht, wie zum Beispiel #itwasthecat, also was man den Leuten so erzählt, wenn man Kratzer am Arm hat und den wahren Grund nicht sagen will", erklärt Plener.

Ein anderer Ansatz für therapeutische Gegenmaßnahmen könnte sein, über sogenannte Influencer zu gehen. "Es gibt definitiv auch in dieser Szene der sich selbst verletzenden Jugendlichen Social Giants, also soziale Giganten, teilweise mit 2.000 bis 4.000 Followern, die für Prävention natürlich auch interessant sein könnten."

In der Community, die sich Plener und Fischer angeschaut haben, sind die meisten Accounts anonymisiert. Manche löschen Wundbilder nach einiger Zeit wieder, andere den gesamten Account. Nur bei ganz wenigen könne man die Menschen im echten Leben wiedererkennen. Solche Accounts haben statt wenigen hundert, dann auch deutlich mehr Follower, sagt Plener.

Die Verantwortung von Instagram

Eine andere Frage lautet: Welche Verantwortung hat Instagram? Die Richtlinien des Netzwerks besagen, dass keine Accounts, Bilder oder Hashtags erlaubt sind, die Selbstverletzung glorifizieren, begünstigen oder dazu ermutigen. Jedoch mit der Ausnahme, dass Accounts geduldet werden, die das Thema konstruktiv diskutieren, persönliche Erfahrungen  oder einen Genesungsprozess beschreiben.

"Im November und Dezember 2016 hat Instagram zum ersten Mal gegengesteuert", berichtet Plener. "Jetzt bietet es ein Tool an, mit dem man Instagram benachrichtigen kann, wenn man sich Sorgen macht um bestimmte Leute. Ich denke, dass Instagram erkannt hat, dass hier ein Problem vorliegt."

Ob Instagram tatsächlich das gesamte Thema von seiner Plattform verbannen sollte, wie es auch beispielsweise pornografische Inhalte löscht, da sind sowohl Psychologe Plener als auch Journalist Fischer zwiegespalten. Denn es habe ja für die Nutzer einen unmittelbaren und positiven Effekt, Hilfe zu bekommen. Gleichzeitig gebe es aber eben den Trigger-Effekt. Fischer regt an, nur bestimmte Wundgrade zuzulassen. Plener sagt, dass das schwierig zu realisieren ist, genaue Grenzen zu definieren. Er schlägt vor, nur die Bilder, aber nicht die Bildunterschriften und Kommentare zum Thema zu bannen.

Teamarbeit zwischen Psychologe und Datenjournalist: Akribisch arbeiten und hinterfragen

So wie in dieser Frage waren Wissenschaftler und Journalisten immer wieder unterschiedlicher Meinung über das "beste" Vorgehen. Plener: "Wenn wir uns unter Psychologen über statistische Modelle absprechen, dann sind wir uns immer sofort einig, warum wir was wie machen. Dieses Mal wurde von den Journalisten immer hinterfragt, ob der Weg, den wir vorschlagen, wirklich der richtige ist, oder ob man nicht anders denken muss. Und das ist etwas, was wir so natürlich nicht gewohnt sind, weil man ein stückweit im eigenen Saft schmort. Und da erhöht das ständige Hinterfragen 'Ist das legitim? Ist das valide? Ist das reliabel?' natürlich die Qualität." Deswegen würde Plener auch jedem Wissenschaftler empfehlen, zusammen mit Journalisten an gemeinsamen Projekten zu arbeiten.

Und auch Fischer nimmt etwas aus der Zusammenarbeit mit: "Für uns war es spannend mit einem Statistiker zusammenarbeiten zu können. Die Chance hat man als Journalist ja eher selten. Unter Journalisten gelte ich als Datenjournalist vielleicht schon als Nerd, aber meine statistischen Kenntnisse sind doch eher gering. Und da war es interessant, mit sehr viel Akribie an die Arbeit heranzugehen: Ich hatte zum Beispiel eine Stichprobe der Daten kategorisiert, ob es sich dabei um Wundbilder handelt und wenn ja um welchen Wundgrad. Anfangs dachte ich, dass wir als nächstes gemeinsam mit wissenschaftlichen Hilfskräften alle weitere Daten entsprechend auswerten. Stattdessen haben wir die Daten, die ich schon kategorisiert hatte, noch einmal kategorisieren lassen. Im nächsten Schritt haben wir verglichen, wie unsere Einordnungen voneinander abweichen. Und dann haben wir ein drittes Mal überprüft, inwiefern diese Einordnungen voneinander abweichen. Und weil diese Abweichungen immer noch zu groß sind, werden wir wahrscheinlich noch ein viertes Mal Bilder unabhängig voneinander einordnen, um eine möglichst objektive Kategorisierung der zu gewährleisten."

Auch wenn das mehr Arbeit und Zeit kostet, schätzt Fischer diesen Ansatz: "Meine Arbeit ist durch das Projekt sehr viel empirischer geworden und ich bin jetzt auch empfindlicher dafür, wie Journalisten mit Daten umgehen. Ich glaube es ist wichtig, dass generell mehr von der Empirie der Wissenschaft in den Journalismus einfließt."

Gianna Grün

Projektinformationen Social Contagion

Hauptantragsteller:

Paul Plener, Universitätsklinikum Ulm
Martin Fischer, Freier Journalist, Berlin
David Goldwich, Freier Programmierer, Berlin

Projektpublikationen

In revision (Psychologicla Medicine):#cutting: Nonsuicidal Self-injury (NSSI) on Instagram
Groschwitz RC, Fischer M, Goldwich D, Young R, Plener PL