Scheitern in der Wissenschaft: "Ach, das kannst du dir sparen!"

Tatjana Dänzer, Chefredakteurin des Journal of Unsolved Questions (JUnQ), im Gespräch mit Christine Prußky über gelernte Verhaltensmuster und Wege, sie aufzubrechen.  
 

Frau Dänzer, Sie sind promovierte Chemikerin und arbeiten in der Wirtschaft. Sind Sie in der Wissenschaft gescheitert oder ist die Wissenschaft daran gescheitert, Sie zu halten? 

Portrait
Tatjana Dänzer ist Promovierte Chemikerin und ehrenamtliche Chefredakteurin des Journal of Unsolved Questions. Derzeit arbeitet sie als Ingenieurin im Bereich Qualifizierung/Validierung bei Testo Industrial Services. (Foto: Atelier Mainz)

Dänzer: Weder noch. Ich ging in die Industrieforschung, weil ich schon immer Produkte entwickeln wollte, die das praktische Alltagsleben in jedem Haushalt besser machen. Aber, wissen Sie was? Die Frage wird mir interessanterweise ziemlich oft gestellt.   

Das zeigt, wie unterschiedlich und erklärungsbedürftig die Vorstellungen von Erfolg und Misserfolg in einer Gesellschaft sind. Sie leiten das Journal of Unsolved Questions (JUnQ). Die wissenschaftliche Zeitschrift publiziert Forschungsarbeiten, die in eine Sackgasse führten. Warum engagieren Sie sich? 

Da muss ich etwas ausholen. Als ich mich vor ein paar Jahren auf die Diplomarbeit vorbereitete, fiel mir auf, dass die Wissenschaft negative Ergebnisse oder Nullergebnisse am liebsten unter den Teppich kehrt. Ich fand das schade. Heute halte ich es für unsinnig. Die Wissenschaft könnte unfassbar viel Zeit und Ressourcen sparen, wenn sie Nullresultate konsequent veröffentlichen und bekannt machen würde, was alles nicht funktioniert. "Ach, das kannst du dir sparen!" – den Satz hört man, wenn überhaupt, dann eher zufällig beim Kaffeetrinken.

Wie erklären Sie sich das? 

Das hat viel mit dem Erfolgsdruck in der Wissenschaft zu tun. Forschende müssen sich profilieren. Sie wollen mit Fortschritten in Verbindung gebracht werden, nicht mit Rückschlägen. Über Sackgassen spricht man deshalb nur im vertrauten Kreis, selten öffentlich, wie zum Beispiel in Fachzeitschriften. Das ist ein gelerntes Verhaltensmuster: In den Forschungsgruppen feiern wir zum Beispiel auch immer nur dann, wenn jemand einen Erfolg verbucht. Gescheiterte Projekte werden einfach ad acta gelegt. Das hat auch viel mit dem jeweiligen Ego zu tun. 

Was meinen Sie? 

Ob jemand sein Scheitern öffentlich macht und beispielsweise Nullresultate publiziert, ist eine Charakterfrage und eine des Selbstbewusstseins. Es gibt Professorinnen und Professoren, die möchten in den von ihnen betreuten Promotionen keine Nullresultate sehen. Sie fürchten um ihren guten Ruf. Das ist nicht nur unsinnig, sondern auch noch falsch. Ein Nullergebnis heißt ja nicht, dass nichts herauskam. Die Methode führt nur eben nicht zum Ziel. Das festzustellen und in Form einer Publikation zu teilen, halte ich für einen Ausdruck von wissenschaftlicher Professionalität. Die Wissenschaft muss sehr sparsam mit ihren Ressourcen umgehen, deshalb müssen Irrwege bekannt sein. 

Der Chemie-Nobelpreisträger Stefan Hell, am Anfang seiner Karriere von der VolkswagenStiftung gefördert, plädiert dafür, ehrbares Scheitern zu belohnen. Er will Forschende damit risikofreudiger machen. Sie dagegen heben auf Effizienz ab. 

Das eine schließt das andere nicht aus. Es ist immer gut, wenn Forschung reibungslos läuft, und ich mir schon ganz persönlich den Ärger sparen kann, der auf mich zukommt, wenn es nicht glatt geht, und ich mein Projekt nicht in der vorgesehenen Zeit mit den vorgesehenen Mitteln wuppe. Aber natürlich muss man auch mutig sein und manchmal eben erst recht genau den Versuch unternehmen, von dem andere abgeraten haben. Ich habe auf diese Weise schon selbst Erfolge erzielt. Nullresultate können ein Ausgangspunkt für Forschungsdurchbrüche sein. 

Seit seiner Gründung vor neun Jahren ist das Journal of Unsolved Questions 19 Mal erschienen. In letzten Jahren hatten sie nicht gerade viele Artikel veröffentlicht. 

Das stimmt. Wir hatten schon einmal mehr Zuschriften, aber es gibt immer noch genügend. Die Anzahl der Zusendungen ist nicht das Problem. Dass wir vergleichsweise wenige Fachartikel publizieren, hat eher etwas mit unseren Qualitätsansprüchen zu tun. 

Wie sehen die denn aus? 

Publiziert werden bei JUnQ nur Beiträge, die den Peer Review-Prozess überstehen. In der Begutachtung wird geprüft, ob in der vorgestellten Arbeit das methodische Handwerkszeug richtig angewendet wurde und das Experiment auf dem aktuellen Wissensstand durchgeführt wurde. Wenn also jemand versucht haben sollte, Radioaktivität mit dem Mikroskop zu untersuchen, dann zeigt das, dass die Person wissenschaftlich ganz einfach nicht auf der Höhe der Zeit ist. Solch ein Paper hat bei uns keine Chance. Unsere Auswahlkriterien sind streng. Von drei bis vier Einsendungen im Jahr wird in der Regel eine publiziert.  

Ihr Journal ist von Naturwissenschaftlern gegründet worden und wird bis heute von diesen dominiert. Fallen die Geisteswissenschaften weg, weil sie keine Nullresultate kennen? 

Gegenfrage: Lebt die Philosophie nicht eigentlich komplett von ungelösten Fragen und könnte man das nicht auch als eine Art Nullresultat verstehen? Wir sind offen für Beiträge aus den Geisteswissenschaften. Für ungelöste Alltagsfragen haben wir übrigens auch eine eigene Rubrik geschaffen, die "Question of the Month" heißt. 

In der griechischen Mythologie ist das Scheitern des Helden unausweichlich. In der Literatur, der Kunst und im Film wimmelt es von Versagern. Was hätte Ihnen in wissenschaftlichen Durststrecken mehr geholfen – ein kulturell anderer Umgang mit Scheitern oder ganz einfach nur die zweite Chance und eine Forschungsfinanzierung, die diese ermöglicht? 

Geld und Zeit sind ein großer Faktor. Die Vertragslaufzeiten und Finanzierungszeiträume sind eng und lassen keine zweite Chance zu. Das verführt natürlich dazu, den einfachsten Weg zu gehen. Wer ein neues Verständnis und einen neuen Umgang mit Scheitern in der Wissenschaft fördern möchte, muss mehr Geld für die Forschung ausgeben. Gleichzeitig müssen Gesellschaft und Politik aber auch verstehen, wie Wissenschaft funktioniert. Wir können keine Ergebnisse auf Knopfdruck produzieren. Denken Sie an die Corona-Impfstoffforschung. Ein Vakzin kann einfach nicht von jetzt auf nachher entwickelt werden. Rückschläge sind unvermeidbar, sie gehören dazu – und sind keine Katastrophe, solange keine Menschenleben gefährdet sind.