Predatory Publishing: "Publikationslisten werden überbewertet"

Ein lange bekanntes Phänomen wurde vor einer Woche von den Medien wiederentdeckt und wird seither mit großer Aufregung breit diskutiert: Gemeint ist das Predatory Publishing, bei dem dubiose Verlage Forscherinnen und Forschern anbieten, deren Fachartikel und Vorträge in Open Access-Journalen zu veröffentlichen – gegen Bezahlung und ohne Peer Review oder eine andere Form von wissenschaftlicher Qualitätskontrolle. 

Ein Rückschlag für die Open Access-Bewegung

Tausende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind offenbar auf solche Angebote eingegangen. Auf diese Weise sind viele Berichte publiziert worden, die bei den etablierten Peer Review Journalen wohl keine Chance gehabt hätten. Auch wenn andere Kommentatoren bereits darauf hingewiesen haben, dass die Zahl der in "Raubverlagen" erschienenen Beiträge nur einen einstelligen Prozentteil ausmachen an der Gesamtzahl der wissenschaftlichen Publikationen: Der Reputationsschaden für das Wissenschaftssystem ist immens, Auch für die Open Access-Bewegung dürfte die nun aufgeflammte Qualitätsdebatte ein herber Rückschlag sein.

Der Publikationsdruck macht die Raubverlage erfolgreich 

Die Widerrufe und Probleme bei der Reprodzierbarkeit haben die Flut der Neupublikationen nicht eingedämmt.

Wie erwähnt: Das Phänomen der Predatory Journals ist nicht neu. Ebenso wie die Kritik am Publikationsdruck, der weltweit auf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern lastet und die Geschäftsgrundlage der Raubverlage darstellt. Dass die DFG von ihren Antragstellern nur noch eine kleine Auswahl von Schriftnachweisen fordert, hat die Flut der hektischen Neupublikationen ebenso wenig eingedämmt wie die Widerrufe ("Retractions") und die Probleme bei der Reprodzierbarkeit von publizierten Forschungsergebnissen.

Quantitative Metriken werden überbewertet

Nur eine Woche vor dem Bekanntwerden der jüngsten Recherchen haben Jörg Hacker, Martin Lohse, Peter Strohschneider und ich in der FAZ  beschrieben, wie die häufig übertriebene Fixierung auf scheinobjektive Metriken – zum Beispiel eben Publikationslisten – die Vielfalt der Forschung bedroht und insbesondere jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Karrierewege verbaut.

Permanente Evaluierung schafft eine Atmosphäre des Misstrauens

Als wissenschaftsfördernde Stiftung betrachten wir diese Entwicklung zunehmend kritisch. Nach unserer Einschätzung beherrschen quantitative Metriken die Wissenschaft in zunehmend riskantem Maße. Überzogene Transparenz-Imperative und Dauer-Evaluation institutionalisieren Misstrauen gegenüber Forscherinnen und Forschern. Auf der anderen Seite wird von ihnen erwartet, möglichst schnell möglichst überraschende, am besten "disruptive" Befunde zu liefern, die dann auch noch unmittelbar in der Anwendung landen sollen. 

Mehr Konformität als Experimentierlust

Die Kurzatmigkeit der Förderung erhöht die Gefahr, dass der Neugier als intrinsischer Motivation des einzelnen Wissenschaftlers extrinsische Anreize den Rang ablaufen. Darunter leidet früher oder später die Qualität der Forschung. Es drohen Situationen, in denen risikobehaftete Projekte sowie erkenntnisorientierte Grundlagenforschung gar nicht erst in Angriff genommen werden und radikal neue Ideen keine finanzielle Unterstützung finden. Um beim Wettlauf um Ressourcen und Karrieren mitzuhalten, sind insbesondere junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu einer "Selbstoptimierung" gezwungen, die sich an abstrakten Metriken und Indikatoren orientiert, aber dem Individuum und seiner wissenschaftlichen Statur zu wenig Beachtung schenkt.

Microscopy Lab
Risikobehaftete Projekte und erkenntnisorientierte Grundlagenforschung müssen weiterhin in Angriff genommen werden. (Foto: Cira Moro für VolkswagenStiftung)

Wertschätzung für Persönlichkeiten statt für Indikatoren

Die VolkswagenStiftung vertritt mit ihrem Förderangebot einen gegen diesen Trend gerichteten Ansatz. Wer die Wissenschaft dazu befähigen will, innovative Forschungswege zu beschreiten und radikal neue Ideen zu entwickeln, muss nach unserer Überzeugung finanzielle Planungssicherheit über einen längeren Zeitraum hinweg bieten, das Risiko des kreativen Scheiterns vorbehaltlos akzeptieren – und sich bei der Entscheidung nicht nur auf "Antragsprosa", Publikationslisten und die üblichen quantitativen Metriken verlassen, sondern sich so oft wie möglich auch ein persönliches Bild von Antragstellern machen. 

Wer innovativ forschen will, braucht Zeit, Geld und Verlässlichkeit

Bei hochriskanten Projekten (bspw. in der Förderinitiative "Leben? – Ein neuer Blick der Naturwissenschaften auf die grundlegenden Prinzipien des Lebens" ), aber auch in der Personenförderung ("Freigeist" ), werden Antragstellerinnen und Antragsteller deshalb immer häufiger zur persönlichen Präsentationen ihrer Vorhaben nach Hannover eingeladen. Nur das persönliche Gespräch ermöglicht es dem Gutachterpanel bereits erbrachte Forschungsleistungen, das aktuelle Forschungshandeln sowie wissenschaftliche Aktivitäten im Umfeld des eigenen Kernthemas umfassend zu beurteilen.

Quantitative Bewertungen können qualitative nicht ersetzen

Die formalen Bewertungsverfahren zwingen junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu abnehmender Risikobereitschaft und gebremster Neugier.

Selbstverständlich kann die VolkswagenStiftung nicht bei jedem Antrag einen solchen Prozess in Gang setzen. Trotzdem wäre es wünschenswert, wenn mehr Institutionen bei der Entscheidung über Projekte und Personen einen vergleichbaren Weg beschritten. Andernfalls sehen wir die Vielfalt der Forschung bedroht.

Die formalen Bewertungsverfahren nach h-Faktor, Ratings und Rankings zwingen gerade junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu Formen der "Selbstoptimierung", die zwangsläufig zu abnehmender Risikobereitschaft und gebremster Neugier auf überraschende Ergebnisse führen1. Dieser Konformitätsdruck spiegelt sich bereits in den Anträgen wider, die die VolkswagenStiftung erreichen. Wir würden uns wesentlich mehr Experimentierlust und Aufbrüche zu (noch) unbekannten Ufern wissenschaftlicher Erkenntnis wünschen. 

Ein guter Zeitpunkt für neue, kritische Diskussionen

Würde das Wissenschaftssystem dazu übergehen, die Persönlichkeit der einzelnen Forscherinnen und Forscher in ihrer ganzen Komplexität wieder stärker in den Blick zu nehmen und im Gegenzug die Bedeutung quantitativer Indikatoren mit mehr Zurückhaltung bewerten, dann würde die Vielfalt der Forschung davon gewiss profitieren.

Falls die jüngste Recherche zu den Raubverlagen den Anlass geliefert haben sollte, die Diskussion über die Fragwürdigkeit der vermessenen "Accountabilty" von Forscherinnen und Forschern neu aufzunehmen, hätten die Journalisten viel geleistet.
 

1: Vgl. Wilhelm Krull; Die vermessene Universität. Ziel, Wunsch und Wirklichkeit. Wien:Passagen, 2017
 

Linktipps

Was "Predatory Publishing" ausmacht und wie sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gegen unseriöse Publikationsangebote wappnen, erklärt die Bibliothek der Humboldt-Universität auf ihrer Homepage.

Blogbeitrag von Carsten Könneker, Chefredakteur von "Spektrum der Wissenschaft" zum aktuellen Publikationsskandal: "Das Publish or Perish-Diktat muss enden".