Hintergrund: Die deutsche Forschungsflotte

Deutschland verfügt über eine Flotte von acht Forschungsschiffen für den Einsatz auf allen Meeren und Ozeanen weltweit. Die Palette reicht von kleinen, regional operierenden Einheiten für die Fahrt entlang von Deutschlands Küsten bis hin zu modernen, hochseetüchtigen Spezialschiffen, die auch die entferntesten Meeresgebiete erreichen können. Unter "deutscher Forschungsflagge" können zwei weitere Schiffe neben der SONNE in allen Ozeanen operieren: die POLARSTERN, die vor allem in den Gewässern der Arktis und Antarktis unterwegs ist, und die METEOR, die im Atlantik, im Mittelmeer und im Indischen Ozean kreuzt. Fünf Schiffe hingegen sind spezifisch regional im Einsatz, in Nord- und Ostsee, Nordatlantik und Mittelmeer: die MARIA S. MERIAN, die POSEIDON, die ELISABETH MANN BORGESE, die ALKOR und die HEINCKE. Insgesamt gilt die deutsche Forschungsflotte im internationalen Vergleich als sehr gut aufgestellt und mit führend.

Als interdisziplinäre Forschungsplattform steht die METEOR Wissenschaftlern der maritimen Meteorologie und Aerologie, der physikalischen Ozeanographie, der angewandten Physik, der Meereschemie, der marinen Botanik, der Zoologie, der Bakteriologie und Myk
Als interdisziplinäre Forschungsplattform steht die METEOR Wissenschaftlern der maritimen Meteorologie und Aerologie, der physikalischen Ozeanographie, der angewandten Physik, der Meereschemie, der marinen Botanik, der Zoologie, der Bakteriologie und Mykologie, der Meeresgeologie, der Sedimentologie und der marinen Geophysik zur Verfügung. Wer mit seinem Projekt an Bord will, muss im günstigsten Fall aktuell zwei Jahre warten. (Foto: A. Müller-Michaelis, Universität Hamburg)
Eigens für die Polarforschung konzipiert, ist die POLARSTERN.
Eigens für die Polarforschung konzipiert, ist die POLARSTERN ausgestattet für Forschung in den Bereichen Biologie, Geologie, Geophysik, Glaziologie, Chemie, Ozeanographie und Meteorologie. Der Vorlauf für Fahrtvorschläge liegt derzeit bei drei bis vier Jahren. Sie untersteht dem Bund als Eigner – ebenso wie die HEINCKE und die METEOR. (Foto: Folke Mehrtens / Alfred-Wegener-Institut, Bremerhaven)

Diese Flotte ermöglicht es Wissenschaftlern, die Weltmeere umfassend zu bereisen und zu erforschen – egal, ob der Fokus sich auf biologische, physikalische, geologische oder chemische Prozesse im Meer richtet. Wie kommen Interessierte an ihre Tickets? Alle Wissenschaftler, die an öffentlich finanzierten Forschungseinrichtungen arbeiten, können die genannten Schiffe für ihre Experimente nutzen. Dazu müssen sie Fahrtvorschläge beim "Portal deutsche Forschungsschiffe" einreichen. Eine Begutachtung entscheidet dann darüber, wer zum Zuge kommt.

Die Kosten für die Finanzierung der Schiffe tragen Bund und Länder. Das Prozedere lässt sich am Beispiel der SONNE gut aufzeigen. 2008 verständigten sich der Bund und die Küstenländer Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein, Hamburg und Bremen auf den Bau des neuen Tiefseeforschungsschiffes. Der Wissenschaftsrat hatte dies zuvor empfohlen und den geplanten Neubau in die erste Kategorie der ohne Auflagen förderungswürdigen Forschungsinfrastrukturen eingeordnet.

 

 

Das Schiff SONNE steht allen meereswissenschaftlichen Disziplinen zur Verfügung.
Mit der Indienststellung der neuen SONNE Ende 2014 begann technisch gesehen eine neue Ära. Das Schiff steht allen meereswissenschaftlichen Disziplinen zur Verfügung. Forscher müssen sich derzeit auf zweieinhalb Jahre Wartezeit einstellen. (Foto: Thomas Badewien/ ICBM, Oldenburg)

Im August 2011 unterzeichneten die damalige Bundesforschungsministerin Annette Schavan und die seinerzeitige niedersächsische Wissenschaftsministerin, heutige Bundesforschungsministerin Johanna Wanka auf der Neptun-Werft in Rostock-Warnemünde den Vertrag zum Bau und zur Bereederung des neuen Tiefseeforschungsschiffes SONNE. Nach einer Bauzeit von zwanzig Monaten und mehrwöchigen wissenschaftlichen Erprobungsfahrten wurde Deutschlands jüngstes Forschungsschiff schließlich Mitte November 2014 der Wissenschaft übergeben. Es ist nach neuesten Standards ausgerüstet: nicht nur hinsichtlich benötigter Forschungs- Hightech, sondern auch mit Blick auf Energieeffizienz und ökologische Rahmensetzungen.   Bei der Auftragsvergabe hatte sich die Tiefseeforschungsschiff GmbH – ein Zusammenschluss der Meyer-Werft in Papenburg und der Bremer Reederei RF Forschungsschiffahrt – in einem europaweiten wettbewerblichen Ausschreibungsverfahren gegen starke Konkurrenz durchgesetzt. Der Auftrag gab nicht nur einen kräftigen Impuls für die deutsche maritime Wirtschaft, er sicherte auch Arbeitsplätze in der hiesigen Werftindustrie, der Reederei sowie bei zahlreichen deutschen Zulieferbetrieben.

Die Kosten in Höhe von 124,4 Millionen Euro übernahm das Bundesministerium für Bildung und Forschung zu 90 Prozent; die Küstenländer investierten im Verbund zehn Prozent, wovon Niedersachsen als Sitz des wissenschaftlichen Heimatinstituts an der Universität Oldenburg und des Heimathafens Wilhelmshaven mit sieben Millionen Euro allein gut die Hälfte trägt.

 

 

Die POSEIDON zählt zu den mittelgroßen Forschungsschiffen. Ihr Namensgeber ist der griechische Gott des Meeres.
Die POSEIDON zählt zu den mittelgroßen Forschungsschiffen. Ihr Namensgeber ist der griechische Gott des Meeres. Sie steht vor allem Wissenschaftlern der Ozeanografie, der Meeresbiologie und der Geologie für Forschungsreisen zur Verfügung; sie brauchen derzeit etwa zwei Jahre Geduld, wenn sie einen Buchungswunsch geäußert und einen Zuschlag bekommen haben. (Foto: Jens Greinert/Geomar, Kiel)

Nach dem gelungenen Neubau der SONNE zeigt derzeit Deutschlands größtes Forschungsschiff, die vor 35 Jahren in Dienst gestellte POLARSTERN, zunehmend Alterserscheinungen. Anfang 2015 musste eine Antarktisexpedition abgebrochen werden, weil es Probleme mit dem Antriebssystem gab. Die Ausschreibung für ein Nachfolgeschiff läuft bereits; 2020 soll dessen Jungfernfahrt anstehen. Und Anfang Oktober 2015 wurde beschlossen, die tief in die Jahre gekommenen Schiffe METEOR und POSEIDON ebenfalls zu ersetzen – und zwar durch ein Schiff, dessen Heimathafen Kiel sein soll. Nach Expertenmeinung lassen sich die Forschungsaufgaben künftig auf nur einem Schiff konzentrieren, da sich das Einsatzspektrum von Forschungsschiffen heute dank modernster Technik deutlich erweitert hat. Die Bauplanung für das neue Schiff beginnt 2016; entsprechend gibt es zu Größe und Kostenrahmen noch keine Zahlen.

Zurück zur SONNE: übereinstimmenden Einschätzungen zufolge absehbar das einzige europäische Forschungsschiff, das noch permanent im Indischen und im Pazifischen Ozean unterwegs ist. Damit wird sein Einsatz für die Wissenschaft umso bedeutender, da beide Weltmeere großen Einfluss haben auf das Weltklima, dessen Erforschung immer wichtiger wird. Wissenschaftler an Bord der SONNE arbeiten aber auch – das zeigt eine Auflistung geplanter Forschungsthemen – an der Beantwortung weiterer wissenschaftlich und gesellschaftlich relevanter Fragen. Sie interessiert unter anderem die Versorgung mit marinen Rohstoffen oder die Auswirkungen menschlicher Eingriffe in die maritimen und küstennahen Ökosysteme. Für eine Meeresforschung im Verbund ganz unterschiedlicher Disziplinen bietet das neue Schiff jedenfalls beste Voraussetzungen. Damit verfügt die deutsche Meeresforschung künftig in Europa über ein Alleinstellungsmerkmal.

Mehr zum Forschungsschiff SONNE zum Nachlesen finden Sie in der Geschichte aus der Förderung "Mit der Sonne um die Erde".

MARIA S. MERIAN: Sie zeichnet sich gegenüber anderen Forschungsschiffen vor allem durch ihre Eisrandfähigkeit aus.
MARIA S. MERIAN: Sie zeichnet sich gegenüber anderen Forschungsschiffen vor allem durch ihre Eisrandfähigkeit aus. Benannt wurde das Forschungsschiff nach Maria Sibylla Merian, der Begründerin der deutschen Entomologie, die Ende des 17. Jahrhunderts als erste Frau Forschungsreisen größeren Ausmaßes per Schiff unternahm. Wartezeit: zwei Jahre. (Foto: N. Verch, Universität Hamburg)
Die ALKOR zählt wie ihr Schwesternschiff HEINCKE zu den mittelgroßen Forschungsschiffen. Eigner ist jedoch nicht der Bund, sondern – wie bei der POSEIDON – das Land Schleswig-Holstein.
Die ALKOR zählt wie ihr Schwesternschiff HEINCKE zu den mittelgroßen Forschungsschiffen. Eigner ist jedoch nicht der Bund, sondern – wie bei der POSEIDON – das Land Schleswig-Holstein. (Foto: Daniela Krellenberg/Geomar Kiel)
Die ELISABETH MANN BORGESE wird durch das Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) betrieben.
Die ELISABETH MANN BORGESE wird durch das Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) betrieben. Das IOW führt die Begutachtung von Fahrtvorschlägen durch. Erhält man einen Zuschlag, dauert es etwa ein Jahr, bis man an Bord gehen und forschen kann. Eigner von ihr und ihrem Schwesternschiff, der MARIA S. MERIAN, ist das Land Mecklenburg-Vorpommern. (Foto: Leitstelle Deutsche Forschungsschiffe)

Das Forschungsschiff HEINCKE wurde 1990 in Dienst gestellt und gehört zu den mittelgroßen Schiffen. Sie ermöglicht wissenschaftliche Projekte in den Bereichen Biologie und Hydrographie und wird an rund 200 Tagen im Jahr eingesetzt.
Das Forschungsschiff HEINCKE wurde 1990 in Dienst gestellt und gehört zu den mittelgroßen Schiffen. Sie ermöglicht wissenschaftliche Projekte in den Bereichen Biologie und Hydrographie und wird an rund 200 Tagen im Jahr eingesetzt bei einer Vorlaufzeit für Buchungswünsche von zurzeit einem Jahr. (Foto: Kristina Bär/Alfred-Wegener-Institut, Bremerhaven)

Text: Christian Jung