Man baut deutsch

Ein älteres türkisches Ehepaar sitzt in der türkischen Stadt Kayseri im selbst gebauten Eigenheim. Sie trägt Kopftuch und schweigt, er spricht viel, und zwar auf Deutsch. Auch die Einrichtung sieht sehr deutsch aus: die Pendeluhr, der Hobbykeller, die Fototapete, Motiv Waldromantik. Ein Stück Deutschland, mitten in Zentralanatolien. Das ist eine von vielen Szenen, die die Professorin für Bildende Kunst Stefanie Bürkle auf Fotos und in Filmen im Rahmen ihres Forschungsprojekts eingefangen hat. Es trägt den etwas sperrigen Titel "Migration von Räumen – Architektur und Identität im Kontext türkischer Remigration", geht aber einer klaren Frage nach: Was wird aus den türkischen Gastarbeitern, die vor 30, 40 Jahren nach Deutschland gekommen sind, deren Arbeitsleben nun zu Ende ist und die in ihr Herkunftsland zurückkehren?

Architektur Häuser Türkei
Im Mehrschichthaus spiegelt sich wider, dass der Bau über viele Jahre, meist in der Urlaubszeit, und in Eigenarbeit entstand: ablesbar an unterschiedlichen Stilen und Materialien übereinander. (Foto: Prof. Dr. Stefanie Bürkle)

Mit dem Thema Migration beschäftigen sich Wissenschaft und Kunst schon lange. Inzwischen wird Migration nicht mehr nur als Zustand des Zerrissenseins und der Heimatlosigkeit gedeutet, sondern man erzählt eher von der Veränderung an sich. Dass es in einer globalen Welt unerlässlich ist, über die Grenzen der Sprache und des Selbst hinauszudenken.

So gesehen sind die Gastarbeiter, die einst aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind, "Pioniere einer Transnationalisierung", wie es der Soziologe Erol Yildiz ausdrückt. Denn sie mussten sich bereits in den 60er- und 70er-Jahren das aneignen, was heute von allen erwartet wird. Woanders zu arbeiten, sich in einem fremden Land zurechtzufinden, zu verkraften, die Familie und Freunde nur selten zu sehen. Was aber passiert, wenn diese Leute als Rentner dorthin zurückgehen, von wo sie aufgebrochen sind? Die Antwort, die das Forschungsprojekt gibt, ist eindeutig: Die Rückkehrer erfüllen sich ihren Lebenstraum. Sie werden Häuslebauer. 

Fast eine halbe Million türkische Einwanderer leben Erhebungen zufolge wieder in der Türkei. Ganze Landstriche dort sind inzwischen überzogen mit den Eigenheimen der Remigranten aus Deutschland. Man sieht Siedlungen von Einfamilienhäusern mit spitz zulaufenden Ziegeldächern und Kunststofffenstern, Wintergärten, ausgebaute und mit Holz verkleidete Dachböden. Dazu Säulen und Stuck aus dem Baumarkt, geschlossene Garagen und Gärten mit Zierbrunnen. Mit einem Wort: Es sieht in der Türkei vielerorts aus wie in der deutschen Provinz. Beziehungsweise wie im Speckgürtel jeder deutschen Großstadt. Nur die Gartenzwerge fehlen.

Türkische Häuser im deutschen Stil
Die gepflegte Garageneinfahrt eines Hauses an der Schwarzmeerküste. (Foto: prof. Dr. Stefanie Bürkle)

Voll Stolz erzählen viele Rückkehrer, wie sie immer wieder Materialien von Deutschland in die Türkei transportiert haben. Meistens im Sommer, wenn sie Urlaub hatten, weshalb manche Häuser die Moden einiger Jahrzehnte widerspiegeln, von den grell gemusterten Badezimmerfliesen über die Hausbar mit Kiefernholztresen bis zur hochmodernen Küchenzeile. Wie sie türkische Bauunternehmer dazu brachten, nach deutschen Maßstäben zu bauen. "Vor 20 Jahren wusste kein Handwerker in der Türkei, was ein Garagentor ist", sagt ein Mann. Inzwischen sieht man überall Zentralheizungen und Fensterbänke – und natürlich ordentlich gestutzte Hecken statt des in der Türkei üblichen Maschendrahts.

"Gemütlich" – Ein Wort, das in Erzählungen oft fällt

All diesen Gebäuden ist gemeinsam, dass sie Architektur ohne Architekten sind. Getragen vom Bedürfnis, sich in dem auszudrücken, was man baut. So wie der Mann, der sein Haus nach einem romantischen Ölgemälde von einem deutschen Flohmarkt baute. Jetzt sieht es aus, wie man auf solchen Bildern eben Häuser malte: mit Giebeldach, kleinen Fenstern, irgendwie anheimelnd. Oder gemütlich. "Gemütlich" ist ein Wort, das oft fällt in den Erzählungen der türkischen Häuslebauer. 

Im Wohnzimmer spiegelt sich eine doppelte Heimatlosigkeit wider.

Denn die Heimkehrer finden sich in einer Welt wieder, mit der sie häufig nichts mehr anfangen können. Viele sind gegangen, als die Türkei ein laizistisches Land war, jetzt sitzen sie in einer sich islamisierenden Gesellschaft und müssen jede Alkoholflasche in der Hausbar aus Deutschland verstecken. In ihren türkischen Heimatdörfern sind sie die "Deutschländer" und gelten als Angeber. Was ihnen bleibt, sind ihre Häuser. "Wir haben kein Land, unser Land ist hier", sagt ein alter Mann und zeigt dabei auf sein Wohnzimmer. Darin spiegelt sich eine doppelte Heimatlosigkeit wider. Denn das, was hier gebaut ist, bildet ein deutsches Wohngefühl der 70erund 80er-Jahre ab. Mit verglaster Veranda, zementierter Garagenzufahrt, Gelsenkirchener Barock.

Infos zu Projekt und Ausstellung

Das Projekt

Das Vorhaben "Migration von Räumen – Architektur und Identität im Kontext türkischer Remigration" wurde von der Stiftung im Rahmen ihrer inzwischen beendeten Initiative "Schlüsselthemen für Wissenschaft und Gesellschaft" gefördert. Projektleiterin Stefanie Bürkle ist seit 2009 Professorin für Bildende Kunst an der TU Berlin und für die künstlerische Ausbildung der Studierenden am Institut für Architektur verantwortlich. Als Künstlerin und Stadtforscherin initiiert sie eigene Kunst- und Forschungsprojekte, bei denen sie mit unterschiedlichen Medien wie Malerei, Fotografie und Video arbeitet. Für das Projekt "Migrating Spaces" kooperierte sie mit dem Soziologen Prof. Dr. Erol Yildiz, Universität Innsbruck.

Die Ausstellung

Die aus dem Projekt entstandene Ausstellung "Migrating Spaces" wurde 2016 im Haus der Kulturen der Welt in Berlin und im Salt, Institution für zeitgenössische Kunst, in Istanbul gezeigt, 2017 in Straßburg. Sie hatte über 4500 Besucher und wurde in über 100 Rezensionen in Print- und Online-Medien besprochen. Weitere Ausstellungen sind geplant, so 2018 in Innsbruck.

Buchcover Migration von Räumen

Infos zum Buch

Migration von Räumen – Migrating Spaces. Architektur und Identität im Kontext türkischer Remigration Deutsch/Englisch Vice Versa Verlag, 2016