Im Porträt: Sylvanus Spencer, Sierra Leone

Für den Bildband zum 50. Jubiläum der VolkswagenStiftung besuchten Nachwuchsfotografen der Hochschule Hannover von der VolkswagenStiftung geförderte Projekte in aller Welt.

Sylvanus Spencer erforscht im ehemaligen Bürgerkriegsland Sierra Leone, wie das Recht auf freie Meinungsäußerung zu Demokratisierung und friedlichem Miteinander beiträgt. (Foto: Erik Zöllner)
Sylvanus Spencer erforscht im ehemaligen Bürgerkriegsland Sierra Leone, wie das Recht auf freie Meinungsäußerung zu Demokratisierung und friedlichem Miteinander beiträgt. (Foto: Erik Zöllner)

Ein einsamer Ventilator brummt gegen die Hitze im Vorlesungsraum an. Noch gibt es offenbar Strom im Fourah Bay College von Freetown in Sierra Leone. Meist aber fehlt es an allem. Die Hochschule besitzt keinen Internetzugang, keine Festnetzanschlüsse, keine wissenschaftliche Bibliothek, die den Namen verdiente.

"Und abends arbeite ich beim Schein einer Kerosinlampe, während mein Laptop bereits schlummert", erzählt Sylvanus Spencer. Für den promovierten Geschichtsdozenten sind nicht nur die Infrastrukturprobleme seines Landes eine tägliche Herausforderung. Der Wissenschaftler beschäftigt sich mit den politischen und gesellschaftlichen Folgen des brutalen Bürgerkriegs. Im Projekt "Travelling Models in Conflict Management" erforscht er, wie Konzepte zur Demokratisierung, vor allem zur Verbreitung der Meinungsfreiheit, in Sierra Leone übernommen werden und welche Chancen zur Konfliktlösung sie bieten.

Auf dem Sozius eines Motorrades unterwegs zum nächsten Termin. (Foto: Erik Zöllner)
Auf dem Sozius eines Motorrades unterwegs zum nächsten Termin. (Foto: Erik Zöllner)

Dazu reist Spencer über staubige Pisten in alle Ecken des Landes, beobachtet das politische Leben in seiner ganzen Breite: Er befragt Meinungsführer, Kriegsveteranen, Zivilisten, Aktivisten, was ihnen Bürgerrechte bedeuten, warum sie sich für Meinungsfreiheit einsetzen, welche Strategien sie dabei verfolgen. Das ehrgeizige Ziel, Konflikten auf den Grund zu gehen und Lösungsvorschläge zu erarbeiten, teilt Spencer mit weiteren afrikanischen Projektpartnern: Bei dieser Forschung mit dabei sind Wissenschaftler in Äthiopien, Liberia, Südafrika, im Sudan und im Tschad.

"In jedem Land wurde ein symptomatischer Konflikt identifiziert, an dem Einflüsse organisatorischer, rechtlicher und politischer Lösungsvorstellungen erforscht werden", erzählt Andrea Behrends, Koordinatorin des Projekts vom Institut für Ethnologie der Uni Halle-Wittenberg. Dabei zeigt sich, dass regionale Konflikte nur systemspezifisch gelöst werden können. Konzepte und Ideen, wie etwa die in Südafrika erfolgreiche "Truth and Reconciliation Commission", sind nur bedingt übertragbar. So scheiterte ein von der Weltbank und NGOs propagiertes Gesetz zur Verteilung der Erdöleinnahmen im Tschad an den Bedingungen dieses Landes, sprich dem Präsidentenclan, der keiner Kontrolle untersteht. In Sierra Leone wiederum fehlte dem Gesetz gegen Gewalt in der Ehe die institutionelle Absicherung klagender Frauen. "Das bedeutet, dass 'reisende Modelle' Werkzeuge sein können, um soziale Prozesse zu beobachten", sagt Behrends. "Als Top-down-Lösungen für die unterschiedlichen Konflikte aber taugen die Travelling Models nicht."

Spencer, der im Rahmen des Projekts promovierte, freut sich über die vielseitige Erfahrung, die er bei seinen Befragungen gewinnt: "Durch diese qualitative Forschungsmethode schulen wir auch unser Gespür für Konfliktpotenziale."

Am Projektdesign schätzt er "besonders die Forschungskooperation". Weil der Vergleich die Sicht auf die eigenen Konflikte und Verhaltensweisen schärfe. Und weil das interdisziplinäre Netzwerk Mut mache, Veränderungen in Afrika mitzugestalten.

Fotos: Erik Zöllner, Text: Ruth Kuntz-Brunner

Gedankenaustausch: Im Gespräch mit dem Herausgeber eines politischen Magazins.
Hektische Hauptstadt: Seine meisten Dienstgänge erledigt Spencer zu Fuß. Im Autoverkehr der 800 000-Einwohner-Hauptstadt Freetown gibt es allzu oft kein Durchkommen.
Aus der Vergangenheit lernen: Am Fourah Bay College hält Spencer Seminare zur Geschichte des Imperialismus.
Nachrichtennachschub: Ein analytischer Blick auf die Berichterstattung in der freien Presse des Landes.
Der Campus des Fourah Bay College liegt auf dem Mount Aureol, hoch über der Stadt.
Unter einem Jesus-Bild an der Wand flimmert der Fernseher in Spencers Wohnung. Der Historiker verfolgt, wie so oft, eine politische Sendung.
Interview mit dem Moderator eines lokalen Radiosenders. Die Vielfalt der privaten Medien sorgt für eine veröffentlichte Meinungsvielfalt.
Verstümmelte Opfer des Bürgerkriegs beantworten Spencers Fragen. Zwangsamputationen wurden an Zivilisten durchgeführt, um sie von Wahlen auszuschließen; der Daumenabdruck galt als Identitätsnachweis.
Mit dem Weltempfänger im Schoß horcht Spencer, was im Land und dem Rest der Welt passiert.
Gedenken an die Bürgerkriegsopfer auf dem Friedhof Malaman in Lumley.
Blick vom Kennedy Building des Fourah Bay College. Freetown liegt am Atlantik; sein Seehafen ist das Wirtschaftszentrum des Landes.