Hebt das "bürgernahe Flugzeug" bald ab?

"Niedersächsisches Vorab": Forschen für die Luftfahrt von morgen.

„Vorflugbesprechung“ am Forschungsflugzeug D-IBUF: Pilot Rudolf Hankers (links) und Helmut Schulz vom Institut für Flugführung der Technischen Universität Braunschweig planen die nächsten Tests.
„Vorflugbesprechung“ am Forschungsflugzeug D-IBUF: Pilot Rudolf Hankers (links) und Helmut Schulz vom Institut für Flugführung der Technischen Universität Braunschweig planen die nächsten Tests.

Noch ist es eine Vision, doch Wissenschaftler aus Niedersachsen stehen kurz davor, ihr Leben einzuhauchen. Denn in wenigen Jahren soll es fliegen, das "bürgernahe Flugzeug". Dabei trifft, um das gleich vorwegzunehmen, der Begriff bürgernahes Flugzeug eigentlich nur unscharf das, was gemeint und geplant ist. Treffender wäre es, vom "Flugzeug der Zukunft" zu sprechen, oder besser noch: vom "Fliegen in der Zukunft".

Das Flugzeug der Zukunft fliegt leise, verbraucht weniger Sprit und belastet die Umwelt nicht in dem Maße wie heutige Maschinen. Und es holt seine Passagiere von kleinen, stadtnahen City-Airports ab. "Dies erspart dem Fluggast die Anfahrt zu den Großflughäfen, die heute oft länger dauert als der eigentliche Flug", erläuterte Professor Dr. Rolf Radespiel vom Institut für Strömungsmechanik der Technischen Universität Braunschweig bei der Projektvorstellung im Oktober 2010. Er und andere Luftfahrtexperten gehen davon aus, dass in den Metropolen dieser Welt in absehbarer Zukunft für den Flugverkehr der Kurz- und Mittelstrecken zunehmend stadtnahe, wenn nicht innerstädtische Flugplätze angelegt werden.

Natürlich können die Flughäfen nur dann näher an die Stadtzentren rücken, wenn Flugzeuge weniger Abgase produzieren und leiser sind als bisher. Dieses anspruchsvolle Ziel lässt sich aber nur mit neuen Technologien vor allem für das Hochauftriebssystem und den Antrieb verwirklichen. Und so arbeiten die Wissenschaftler unter Hochdruck zum Beispiel an neuen Anflug- und Landeverfahren, die weniger Lärm mit sich bringen und die weit kürzere Start- und Landebahnen erlauben. "Die Technologien, an denen wir forschen, zielen darauf ab, dass diese Flugzeuge mit Start- und Landebahnen von 1000 oder vielleicht nur 500 Metern auskommen", erklärt Professor Dr. Peter Hecker vom Institut für Flugführung der Technischen Universität Braunschweig. Auch völlig neuartige Leit- und Sicherheitssysteme seien erforderlich, damit die Maschinen in kürzeren Abständen starten und landen könnten als bisher.

Bis das bürgernahe Flugzeug Wirklichkeit wird, können allerdings noch Jahre vergehen. "Neue Technologien brauchen eben ihre Zeit – zumal alles in allem, wie gezeigt, Entwicklungen notwendig sind auf ganz unterschiedlichen Feldern", sagt Hecker, der zugleich Vorstand des Campus Forschungsflughafens in Braunschweig ist. Um bis zu 25 Prozent wollen die Forscher allein den Spritverbrauch und die Emissionen senken, indem die Flugzeuge leichter gebaut und die Hochauftriebssysteme bei Tragflügeln und Klappen aerodynamischer gestaltet werden. Die Triebwerke der Zukunft müssen deutlich leiser und leistungsstärker sein. Auch sollen die Flugzeuge von morgen extrem leichte und trotzdem hochfeste Strukturen aufweisen, die zudem einfacher zu warten sind. Rund fünfzig Wissenschaftler aus 17 Instituten der Technischen Universität Braunschweig, der Leibniz Universität Hannover und dem Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt tüfteln im „Forschungsverbund bürgernahes Flugzeug“ gemeinsam an der Entwicklung der perfekten Zukunftsmaschine. Für das Gesamtvorhaben stehen zunächst fünf Jahre lang elf Millionen Euro zur Verfügung, die Hälfte davon kommt aus dem Niedersächsischen Vorab. „In der Summe aller neun Teilprojekte wird es einen richtigen Technologiesprung geben“, prognostizieren die Beteiligten. Immerhin haben sich die engagierten Wissenschaftler zum Ziel gesetzt, die Vorgaben zu erfüllen, die gemäß dem Europäischen Forschungsrat für Luft- und Raumfahrt (ACARE) bis zum Jahr 2020 zu erreichen sind: Reduzierung des Treibstoffverbrauchs und der CO2-Emissionen je Fluggast und Kilometer um 50 Prozent, Verminderung der Stickoxid-Emissionen um 80 Prozent und eine Verringerung des Lärms um 50 Prozent.

Der Ort, an dem sich alles konzentriert, der Campus Forschungsflughafen in Braunschweig, ist weltweit wohl einmalig: Die Technische Universität Braunschweig und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt bündeln dort ihre breit gefächerten Kompetenzen luft- und raumfahrttechnischer Institute; auch die Leibniz Universität Hannover ist beteiligt. Bereit stehen Forschungsflugzeuge, Windkanäle, Simulatoren, Prüfstände, eine exzellente Flughafeninfrastruktur und vieles mehr. Braunschweig nimmt damit inzwischen eine international führende Rolle in der Luftfahrtforschung ein. Derzeit werden am Forschungsflughafen alles in allem rund 100 Millionen Euro in Gebäude und Technik investiert.

Christian Jung

Auch das Institut für Strömungsmechanik der Hochschule profitiert vom Forschungsflughafen – im Bild oben erklärt Mitarbeiter Timo Gericke Studierenden im 7. Semester vom Grundlagenlabor Allgemeiner Maschinenbau den Windkanal.
Auch das Institut für Strömungsmechanik der Hochschule profitiert vom Forschungsflughafen – im Bild oben erklärt Mitarbeiter Timo Gericke Studierenden im 7. Semester vom Grundlagenlabor Allgemeiner Maschinenbau den Windkanal.
Diplom-Ingenieur und Pilot Rudolf Hankers führt dann einen Vorflugcheck im Cockpit der D-IBUF durch.
Diplom-Ingenieur und Pilot Rudolf Hankers führt dann einen Vorflugcheck im Cockpit der D-IBUF durch.
Dem Institut für Flugführung steht ein hochschuleigenes Forschungsflugzeug des Typs Do 128 zur Verfügung: Institutsmitarbeiter Helmut Schulz nimmt regelmäßig die Vorflugkontrolle am Forschungsflugzeug D-IBUF vor.
Dem Institut für Flugführung steht ein hochschuleigenes Forschungsflugzeug des Typs Do 128 zur Verfügung: Institutsmitarbeiter Helmut Schulz nimmt regelmäßig die Vorflugkontrolle am Forschungsflugzeug D-IBUF vor.