Ein Schiff wird kommen: Die Wikinger in Haithabu

Deutschlands einziges Wikinger-Museum in Haithabu bei Schleswig informiert anhand von archäologischen Funden u.a. über ein von der VolkswagenStiftung gefördertes Projekt zum Ende Haithabus und der Phase seiner "Ablösung" durch die Stadt Schleswig.

Sie plündern und morden. Aber sie treiben auch Handel bis in den Orient und erkunden unbekannte Küsten: die Wikinger. In einer Epoche, in der mit Karl dem Großen zeitweilig ein einziger Herrscher über halb Europa gebietet, setzen sie im Norden des Kontinents den Kontrapunkt. Die Sphären der Macht teilen sich am Grenzwall der Wikinger, bei Haithabu, nahe der heutigen Stadt Schleswig. Wir befinden uns im 11. Jahrhundert, am Vorabend von Haithabus Untergang und Schleswigs Aufstieg.


Auf historischem Grund der einstigen Siedlung Haithabu befinden sich heute das Wikinger-Museum und das nachgebaute Wikingerdorf mit einem halben Dutzend rekonstruierter Häuser, in denen man auch auf „Wikinger-Darsteller“ wie Reinhard Erichsen trifft.
Auf historischem Grund der einstigen Siedlung Haithabu befinden sich heute das Wikinger-Museum und das nachgebaute Wikingerdorf mit einem halben Dutzend rekonstruierter Häuser, in denen man auch auf „Wikinger-Darsteller“ wie Reinhard Erichsen trifft. Die Schausammlung des Museums informiert anhand archäologischen Fundmaterials unter anderem über die Ergebnisse der von der Stiftung geförderten Forschung. (Foto: Johannes Arlt)

Von Kälte gestählt, groß und stark von Statur, furchteinflößend, Achtung gebietend. Kurz: ein Auftritt wie ein Donnerhall. Und dieser eilt ihnen als Ruf auch voraus. Wohl kaum ein Volk der europäischen Geschichte steht geschlossen in solch einem schlechten Leumund wie sie, die Wikinger.

Zwischen 800 und 1050 nach Christus überfallen die Männer aus dem hohen Norden gleich reihenweise die Küstenstädte Europas, das allerdings längst nicht das Europa ist, das wir heute vor Augen haben. Bei ihren Raubzügen plündern sie nach Belieben, brandschatzen und verbreiten Angst und Schrecken – ob an den Gestaden der Nordsee oder den Siedlungen entlang der Küste des Mittelmeeres. Sogar weit die Flüsse hinauf bis ins Binnenland dringen sie vor, erobern Städte wie Bourges, Clermont-Ferrand, Toulouse oder Périgueux. Ganz Irland und weite Teile Englands suchen sie heim, und selbst in Vorderasien sind die unerschrockenen Seefahrer gefürchtet und berüchtigt, gelten als wenig zimperlich und morden bei ihren Überfällen oft mit leichter Hand. Sie töten Männer, entführen Frauen und Kinder und nehmen immer wieder auch Sklaven, denn die lassen sich schließlich gut zu Geld machen.

Eine Begegnung mit ihnen ist stets eine mit weitreichenden Folgen. Auf wen die Nordmänner treffen, dessen Leben sieht hinterher meist anders aus als vorher. Ganz anders. Wenn man es denn überhaupt überlebt.

Doch das ist nur die eine Seite. Die Wikinger eint eine gemeinsame Sprache: von ihren Siedlungen entlang der Fjorde der Nordsee bis zu den Schären der Ostsee. Sie sind kluge Händler und geschickte Handwerker – und: hervorragende Schiffskonstrukteure. Sie entwickeln lange, schlanke, in vielerlei Hinsicht handliche Boote, ausgerüstet mit nur einem einzigen Rahsegel, und dabei äußerst seetauglich und robust. Die Konstruktion erlaubt es ihnen, weite Strecken über das offene Meer zu fahren, schnell vor Küsten aufzutauchen, zügig einzuholen – und später ebenso rasch wieder nach ihren Beutezügen zu verschwinden.

Auch ist es möglich, kleinere Schiffe wie jene, die das Gesicht der Kriegsarmada prägen, ruckzuck auf rollierende Baumstämme zu hieven und mit Manneskraft zig Kilometer über Land zu bewegen. Als geniale Seeleute steuern sie zielgenau und offensichtlich kenntnisreich durch den "norwegen", den Nordweg, in arktische Gewässer, über den Atlantik bis nach Grönland und landen als erste Europäer um 1000 in Amerika, an der Küste Neufundlands. Sie kolonisieren Island und andere Inseln im Nordatlantik. Und das in Zeiten, in denen es ansonsten in den Kulturen Europas allenfalls eine vage Vorstellung gibt von der Gestalt des Kontinents und insbesondere dessen nördlichen Rändern, geschweige denn von ferneren Gegenden dieser Welt.


Ein Tag in Haithabu, Impressionen der Midgard-Sippe
© aengus53 / www.youtube.com

Und dann kommen die Schicksalsjahre 1050 und 1066 nach Christus. Sie werden für den Untergang der Wikingerkultur von enormer Bedeutung sein.

Im Jahr 1050 nach Christus findet die damals größte Wikingerstadt des Nordens, die im heutigen Schleswig-Holstein gelegene Siedlung Haithabu, ihr erstes Ende im Feuer. König Harald der Harte von Norwegen (König von 1047 bis 1066) unternimmt den entscheidenden Angriff auf den Ort; der dänische König Sven Estridsen (König von 1047 bis 1074) ist an anderer Stelle gebunden und kann nicht eingreifen. Haithabu wird sich von diesem Zusammenbruch nicht mehr erholen.

1066 dann eine zweite folgenschwere Plünderung. Die Stadt wird erneut gebrandschatzt, diesmal von Westslawen, die damals in den Gebieten östlich der Kieler Förde leben. Die Einwohner Haithabus verlegen die Siedlung daraufhin nach Schleswig, direkt gegenüber an das andere Ufer der Schlei, und bauen Haithabu nicht wieder auf. Gemeinsam mit der Schlacht von Hastings in England im selben Jahr markiert die Zerstörung und Aufgabe Haithabus das Ende der Wikingerzeit. In Schleswig hingegen entsteht eine große Hafenanlage als neues "Logistikzentrum" zwischen Ostsee und Nordsee – einer der bedeutendsten Fernhandelsplätze seiner Zeit.


Einer der beiden Initiatoren des Verbundvorhabens: Museumsdirektor Dr. Ralf Bleile. (Foto: Johannes Arlt)
Einer der beiden Initiatoren des Verbundvorhabens: Museumsdirektor Dr. Ralf Bleile. (Foto: Johannes Arlt)

Ein Jahrtausend später: Die Ereignisse setzen den Rahmen für ein Forschungsprojekt, das 2012 startete: "Zwischen Wikingern und Hanse: Kontinuität und Wandel des zentralen Umschlagplatzes Haithabu/ Schleswig im 11. Jahrhundert". Ausgestattet mit 570.000 Euro, untersuchten Forscher der Universität Kiel und des in Schleswig ansässigen Archäologischen Landesmuseums Schloss Gottorf vier Jahre lang das Ende Haithabus und die Phase seiner "Ablösung" durch die Stadt Schleswig. Jetzt liegen die Ergebnisse vor.

Haithabu und Schleswig: zentrale Handelsplätze und Kommunikations-knotenpunkte ihrer Zeit

"Zwar war bekannt, dass der Hafen Haithabus im 11. Jahrhundert allmählich verlandete und beladene Schiffe ihn kaum noch anlaufen konnten; dennoch ließen archäologische Spuren schon einige Zeit vermuten, dass dort länger als bislang gedacht Handel getrieben wurde und Handwerker aktiv waren", sagt Dr. Ralf Bleile, Leiter des Landesmuseums. "Ziel war es, das zu konkretisieren und so das Ende der Wikingerzeit detaillierter und zeitlich genauer zu fassen."

Um zwei zentrale Ergebnisse vorwegzunehmen: "Jetzt, nach Abschluss der Forschung, gehen wir davon aus, dass Schleswig und Haithabu etwa noch eine Generation lang nebeneinander als Siedlungen existiert haben", sagt Bleile, einer der beiden Initiatoren des Projekts. "Ebenso kann man sagen, dass Schleswig einige Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte älter ist als bislang angenommen", fügt Ko-Projektinitiator Professor Dr. Ulrich Müller vom Institut für Ur- und Frühgeschichte der Christian-Albrechts-Universität Kiel hinzu und nennt 1070/1071 als bislang gültiges Gründungsdatum Schleswigs, das nun infrage zu stellen sei.

Unstrittig ist, dass beide am inneren Ende der Schlei nahe beieinander liegende Stätten als die zentralen Kommunikationsknoten und Warenumschlagplätze Nordeuropas ihrer Zeit gelten mit den jeweils größten Häfen: Haithabu vom 8. bis in die Mitte des 11. Jahrhunderts und Schleswig am Anfang seiner Blütezeit, die auf die zweite Hälfte des 11. Jahrhunderts datiert. Das Bemerkenswerte aus Sicht beider Forscher: Trotz des gravierenden Bruchs in der politischen Bedeutung sei der Übergang von Haithabu nach Schleswig so gut gelungen, dass die Wirtschafts- und Infrastruktur im Gebiet der inneren Schlei recht bruchlos weiter funktioniert habe. "Die ganz Nordeuropa umspannende Bedeutung der Region als Tor zwischen Nord- und Ostsee sowie als Umschlagplatz zwischen Ost- und Westeuropa hat auch nach der Mitte des 11. Jahrhunderts noch eine Zeit lang Bestand gehabt", halten sie fest.


Der Kieler Archäologe Professor Dr. Ulrich Müller. Er steht im heutigen Schleswiger Hafen auf historischem Grund – eine jener Ausgrabungsstätten, die reichlich Zeugnisse der Vergangenheit preisgegeben haben. (Foto: Johannes Arlt)
Der Kieler Archäologe Professor Dr. Ulrich Müller. Er steht im heutigen Schleswiger Hafen auf historischem Grund – eine jener Ausgrabungsstätten, die reichlich Zeugnisse der Vergangenheit preisgegeben haben. (Foto: Johannes Arlt)

Doch worauf gründen diese Erkenntnisse im Kleinen? Im Archiv und im Magazin des Archäologischen Landesmuseums in Schleswig befinden sich aus zahlreichen früheren Grabungen – insbesondere der 1970er und 1980er Jahre – Dokumente und Funde beider Orte, die jene entscheidende Phase zwischen dem Ende der Wikingerzeit und dem Beginn friesisch dominierten Handels erhellen können. Ein Postdoktorand, zwei Doktoranden und eine technische Mitarbeiterin haben sich mit den beiden Projektinitiatoren an die Arbeit gemacht, unter Zuhilfenahme neuester Methoden und Techniken solche Leuchtfeuer zu suchen. Der Kieler Archäologe Ulrich Müller umreißt die Eckpfeiler des Projekts: "Zum einen erfolgte eine Digitalisierung der Siedlungs- und Hafenbefunde der 'Altgrabungen' und auf dieser Basis die Analyse und Auswertung der Objekte mithilfe neuer Verfahren. Die Zeichnungen und Fotos der Grabungen wurden dann zu einem dreidimensionalen Modell zusammengefügt. All das mündete in entsprechende 3-D-Visualisierungen", erläutert er. Mit ihrer Hilfe lasse sich etwa die räumliche Situation an bestimmten Punkten eines Siedlungsabschnitts besser darstellen. So entsteht ein recht genaues Bild von der damaligen Bebauungsstruktur. "Spannend wird es, wenn man in entsprechende Computermodellierungen dann die vermuteten historischen Wasserstände über Berechnungen einfließen lässt. Solche Simulationen sind ja recht komplex und noch gar nicht so lange möglich!" Darüber hinaus seien dann und wann ergänzend systematische, flächendeckende Begehungen mit Metalldetektoren erfolgt, um kontinuierlich weiterhin Funde aus den Schichten des fokussierten 11. Jahrhunderts zusammenzutragen.

Doch wie konkret lässt sich nun belegen, dass die Region um Schleswig wichtiger Umschlagplatz blieb im Warenverkehr zwischen Nord- und Ostseeraum – auch nach der Verlagerung von Siedlung, Hafen und Markt von Haithabu an das nördliche Schleiufer infolge schwerer zweifacher Verwüstung? "Zeugnis für weitreichende Kontakte in alle Teile der bekannten Welt sind neben den historischen Quellen vor allem Importgüter im Fundmaterial", sagt Müller. Und die fänden sich durchaus in den Schleswiger Altstadt-Grabungen. Zwar lägen Stücke, deren geografische Herkunft sich klar benennen lässt, oft nur als Einzelfunde oder in geringer Stückzahl vor, was eine Aussage über die Handelsverbindungen und Fernkontakte Schleswigs nicht zulasse – doch: "Es gibt Ausnahmen wie etwa importierte Keramik." Mit unter anderem rund 5000 Keramikscherben einer Ausgrabung des Jahres 2007 im Hafengang 11 in Schleswig beschäftigte sich Doktorandin Michaela Schimmer. Wenn sie zu erzählen beginnt, erwachen die jahrhundertealten Objekte zum Leben.


Die wissenschaftliche Mitarbeiterin Michaela Schimmer am Kieler Institut für Ur- und Frühgeschichte fand reichlich Unterschiede hinsichtlich Formen, Techniken und Legierungszusammensetzungen zwischen den in Schleswig und den in Haithabu hergestellten Fi
Die wissenschaftliche Mitarbeiterin Michaela Schimmer am Kieler Institut für Ur- und Frühgeschichte fand reichlich Unterschiede hinsichtlich Formen, Techniken und Legierungszusammensetzungen zwischen den in Schleswig und den in Haithabu hergestellten Fibeln. Interessant ist, dass auf Schleswiger Grund vermehrt christliche Elemente wie Kreuze erstmals als Verzierung auftauchen. (Foto: Johannes Arlt)

"Über die Analyse der Funde wissen wir, dass im 11. und 12. Jahrhundert rege Handelsbeziehungen in den westeuropäischen Raum bestanden", wartet sie gleich mit einer wichtigen Erkenntnis auf. Schimmer kennzeichnete die Funde zunächst hinsichtlich Warenart und Fragmenttyp sowie nach der Rand- und Bodenform der Scherben. Besonderes Interesse galt auch – sofern vorhanden – den Verzierungsmustern. "Ergänzen lässt sich jetzt, dass es neben den Kontakten in Richtung Westeuropa ziemlich sicher auch regelmäßigen Warenaustausch mit dem westslawischen Raum gab." Auch manches an der Fundsituation spräche eindeutig für zumindest eine teilweise Einfuhr an Keramiken – als Handelsgut selbst, Ausstattung der Schiffsmannschaften oder als Transportbehälter, die beim Anlanden der Schiffe oder Verkauf des Inhaltes als defekt oder unbrauchbar vor Ort entsorgt wurden und sich jetzt wiederfinden.


Handelsbeziehungen in alle Regionen Europas – und darüber hinaus

Michaela Schimmer, Doktorandin an der Universität Kiel, begutachtet eine Christusfibel im Museum Schleswig. (Foto: Johannes Arlt)
Michaela Schimmer, Doktorandin an der Universität Kiel, begutachtet eine Christusfibel im Museum Schleswig. (Foto: Johannes Arlt)
Christusfibeln sind von ihrer Funktion her heutigen Broschen vergleichbar; sie dienten dem schmückenden Verschließen von Kleidung. (Foto: Johannes Arlt)
Christusfibeln sind von ihrer Funktion her heutigen Broschen vergleichbar; sie dienten dem schmückenden Verschließen von Kleidung. (Foto: Johannes Arlt)

In der neuen Siedlung Schleswig sei "besonders bei den Dingen des täglichen Bedarfs eine praktisch bruchlose Weiterführung der aus Haithabu bekannten Formen und Herstellungstechniken festzustellen", platziert Michaela Schimmer ein weiteres zentrales Ergebnis, das sie aus ihren Untersuchungen ableitet. Beinahe spielerisch gleiten die Objekte durch ihre Finger, während sie fortfährt: "Das gilt für das umfangreiche heimische Keramikmaterial ebenso wie für Holz- und Eisenfunde." Zum einen liege diese Kontinuität wohl sicherlich in der funktionsbestimmten Formgebung der Objekte begründet, "zum anderen handelt es sich aber eben auch um Produkte, die sich weitgehend aus den im Umland vorkommenden Rohstoffen fertigen ließen".

Ein anderes Bild ergibt sich, wenn man den Blick auf Preziosen aus jener Zeit richtet. Michaela Schimmer nahm sich aus der alten Schleswiger Hafengang-Grabung unter anderem Glas- und Metallfunde vor. Nahezu 3000 Einzelfunde hat sie insgesamt bis heute erfasst, katalogisiert und ausgewertet: die meisten davon Objekte aus Eisen, einige Hundert aus Kupfer, Kupferlegierungen, Blei und/oder Zinn – aber auch seltene Funde wie sieben Gussformen oder -fragmente aus Gestein sowie elf Gusstiegelfragmente aus Keramik.

Als äußerst aufschlussreich erwiesen sich zwanzig besondere Gegenstände aus Glas, darunter Fingerund Glasringe, Ringperlen sowie eine Silberfibel und ein silberner Ohrring. "Für Haithabu lässt sich die Herstellung von Glasobjekten recht sicher nachweisen, in Schleswig fand dieses Handwerk offenbar allenfalls in geringem Umfang eine Fortsetzung; auch kommt dort die Formgebung deutlich weniger vielfältig daher", stellt Schimmer mutig fest. Zumindest lasse sich bis jetzt nichts anderes belegen. "Die Funde legen die Vermutung nahe, dass vergleichsweise mehr importiert wurde."

Auch das – rohstoffimportabhängige – Bunt- und Weißmetallhandwerk in Schleswig weist Unterschiede auf zu den aus der Spätphase Haithabus bekannten Formen, Techniken und Legierungszusammensetzungen. Spannend ist vor allem der Blick auf die Schmuckobjekte aus Weißmetall, und hier insbesondere auf die Herstellung von Kleidungsbestandteilen, zu denen sogenannte Fibeln zählen. Sie ähneln von der Funktion her heutigen Broschen und dienten dem schmückenden Verschließen von Kleidung. Solche Fibeln gibt es in verschiedenen Ausführungen, etwa als Buckel- oder Scheibenfibeln. "An der Art und Weise, wie die Fibeln ausgestaltet wurden, lässt sich einiges ablesen", erläutert Schimmer. Vor allem sei erkennbar, dass sich über die Zeit eine eigene Formensprache entwickle. "Die Gestaltung der Weißmetallobjekte setzt sich deutlich ab von jener der Edelmetallfibeln." Interessant sei auch, dass auf Schleswiger Grund vermehrt christliche Elemente wie Kreuze als Verzierung auftauchten.


Unterstützung durch moderne Prüfverfahren – ob Röntgenfluoreszenz- oder Bleiisotopenanalyse

Um im Detail zu erkennen, wie sich das Spektrum verschiedener Materialien zwischen den Fundorten unterscheidet, knüpften die findigen Forscherinnen und Forscher ein Netz in alle Richtungen zu ausgewiesenen Experten für bildgebende oder auch andere analytische Verfahren. Als etwa bei Michaela Schimmer die Vermutung wuchs, dass sich die Glasfunde von Haithabu in ihrer Materialzusammensetzung von jenen in Schleswig unterscheiden könnten, ließ sie Objekte beider Fundorte von Spezialisten des Geowissenschaftlichen Zentrums der Georg-August-Universität Göttingen auf die chemische Zusammensetzung hin untersuchen. Die Grundglastypen wurden dann gleich mit analysiert.

Zahlreiche Materialuntersuchungen erforderten hingegen eine Röntgenfluoreszenzanalyse. Die entsprechende Expertise für umfangreiche archäometallurgische und chemische Analysen fand man in Bochum am Deutschen Bergbau- Museum. Die Projektpartner dort untersuchten das ihnen weitreichend vorgelegte Ausgrabungsmaterial zunächst einmal generell auf Metalle, die im skandinavischen Raum zu jener Zeit typischerweise bevorzugt verwendet wurden: Silber, Kupfer, Blei/Zinn und Messing – und zwar hinsichtlich der Herkunft sowie der Verarbeitung.

Als Glücksgriff fällt immer wieder der Name eines engagierten Doktoranden dort: Stephen William Merkel. Der junge US-Amerikaner analysierte unter anderem 243 Bunt- und Weißmetallobjekte auf die Zusammensetzung der jeweiligen Legierung. Die Entdeckung einer seltenen und damit besonders charakteristischen Kupfer-Zink-Zinn- Blei-Legierung führte zur Untersuchung weiterer rund fünfzig Funde aus drei anderen Grabungsorten in der Schleswiger Altstadt. Zudem wurden je zehn Proben von Blechen aus der Kupfer-Zink- Zinn-Blei-Legierung und von Weißmetallobjekten (Blei, Zinn und Blei-Zinn-Legierungen) zur Bleiisotopenanalyse hinzugenommen.


Im Wikinger-Museum in Haithabu ausgestelltes Reitzubehör: Zaumzeug und Steigbügelbeschlag. (Foto: Johannes Arlt)
Im Wikinger-Museum in Haithabu ausgestelltes Reitzubehör: Zaumzeug und Steigbügelbeschlag. (Foto: Johannes Arlt)
In Haithabu gefundener Steigbügelbeschlag. (Foto: Johannes Arlt)
In Haithabu gefundener Steigbügelbeschlag. (Foto: Johannes Arlt)
Museumszeichner Gert Hagel-Bischof  fertigt von einem ebenfalls aus Haithabu stammenden Gewicht eine Skizze an. (Foto: Johannes Arlt)
Museumszeichner Gert Hagel-Bischof fertigt von einem
ebenfalls aus Haithabu stammenden Gewicht eine Skizze an. (Foto: Johannes Arlt)
Volker Hilberg vermisst einen Zaumzeugbeschlag. (Foto: Johannes Arlt)
Volker Hilberg vermisst einen Zaumzeugbeschlag. (Foto: Johannes Arlt)

Fasst man die Untersuchungen auch über verschiedene Objektklassen hinweg einmal etwas generalisiert zusammen, lässt sich im Vergleich der Funde aus Haithabu und der Schleswiger Altstadt anhand der Röntgenfluoreszenzanalyse sagen: Die verwendeten Metalle und ihre Legierungen unterscheiden sich deutlich. "Während in Haithabu überwiegend Blei oder bleireiche Blei- Zinn-Legierungen verwendet wurden, dominiert bei den Schleswiger Funden Zinn als Werkstoff; Blei-Zinn-Legierungen treten am nördlichen Schleiufer häufiger und vor allem mit hohem Zinnanteil auf", geben die Wissenschaftler einen ersten zusammenfassenden Überblick.

Und während sie so ein Ergebnis nach dem anderen präsentieren, wird zugleich sichtbar, wie vielfältig vernetzt die Forschergruppe ist: ein Kooperationspartner nach dem nächsten scheint auf. Die eingebundenen Standorte sind klug gewählt und die Zusammenarbeit greift vielschichtig ineinander. So ist es gelungen, das "Kooperationsvorhaben Haithabu/Schleswig" über eine Promotionsarbeit einzubinden in die neue Graduiertenschule "Rohstoffe, Innovation und Technologie alter Kulturen (RITaK)" – ein Verbundangebot von Ruhr-Universität Bochum und Deutschem Bergbau-Museum. Die Dissertation zum Thema "Silber und Silberwirtschaft in Haithabu" ist Teil des dort verankerten Forschungsclusters "Nordmitteleuropa zwischen römischer Kaiserzeit und Mittelalter".


Die Wikinger: harte Krieger, gnadenlose Eroberer – oder doch: kluge Händler und ehrbare Kaufleute?

Silber ist einer der begehrten Rohstoffe in der Hochphase Haithabus um das Jahr 1000, als die Stadt zentrale Metropole im Wikingerreich ist. Woher aber stammt es? Immerhin reicht das Einflussgebiet der Nordmänner von Neufundland in Nordamerika bis in die Steppen Zentralasiens und von Grönland bis ans Mittelmeer. Sie befahren die nördlichen Gewässer vom Labradorstrom bis zum Eismeer und die europäische Atlantikküste bis Gibraltar. Sie dringen über die Flüsse Großbritanniens und des Kontinents bis ins Herz Westeuropas vor. Außerdem gelangen sie über Wolga und Dnjepr ins Schwarze und Kaspische Meer; von dort aus bedrängen die Wikinger Byzanz. Und immer geht es um Waren, Menschen, Geld, Profit. Manches Gut wird gehandelt, doch vieles holen sie sich – oft mit Gewalt.

Um an gleich welche Objekte ihrer Begierde zu kommen, scheuen sie keine Auseinandersetzung. Gefürchtet sind die Blitzkriege und ihre Taktik dabei – sofern man von Taktik reden kann. Denn die ist eigentlich immer gleich. Die Schiffe rasen auf die Küste zu, die Mannen werfen sich von Bord, rennen brüllend an Land, stürmen Wohnhäuser, schrecken auch nicht davor zurück, Klöster abzufackeln und Mönche zu massakrieren. Kurzgefasst: plündern, morden, Feuer legen, Beute machen, zurück aufs Boot, in See gestochen – so der Ablauf.

Doch das Bild bedient auch ein Klischee; es hat eine Unwucht und bildet nur einen Teil der Wikingerkultur ab. Denn die Nordmänner treten auch anders auf, wie ein genauer Blick zeigt. Ebenso brillieren sie als frühe Entdecker, Kapitalisten – und eben Händler. Und als solche hinterlassen sie Eindruck in Russland, Spanien oder Byzanz. Über die Gründung einer Art frühmittelalterlichen Hanse kurbeln sie gleichsam als Pioniere der Globalisierung den Welthandel an. Und der dreht sich um Pelze, Schwerter, Schmuck – aber auch um Waren wie Honig. Sie handeln mit Salz aus Frankreich, Speckstein von den Shetlandinseln, Wein aus dem Rheinland, Seide aus Byzanz. Sie sind ehrbare Kaufleute. Und als solche haben sie Interesse an allen edlen Dingen – so auch an Silber, das ein besonderes Gut ist, dient es doch zugleich als Zahlungsmittel für all die anderen Waren.


Im 10. Jahrhundert kommt Silber vor allem aus dem Harz, im 11. Jahrhundert wird es knapp

Zurück im 21. Jahrhundert treffen wir erneut auf Stephen William Merkel in Bochum, der sich mit den Silberfunden des Forschungsvorhabens beschäftigt und diesmal versucht, anhand von Bleiisotopenanalysen die genaue Herkunft des in Haithabu bekannten Edelmetalls zu ermitteln. "Die Analysen zeigen, dass im Verlauf der 960er und 970er Jahre das aus Zentralasien ins Ostseegebiet einströmende Silber in den Münzen immer stärker durch Silber ersetzt wird, das aus deutscher Produktion stammt; später womöglich – wobei das bislang nur eine Vermutung ist – auch aus englischer", sagt Dr. Volker Hilberg. Als heimische Quellen nachgewiesen seien Lagerstätten im rheinischen Schiefergebirge und vor allem im Harz.


Teamleiter Dr. Volker Hilberg begutachtet eine Kampfaxt, die in Haithabu gefunden wurde. Dem Archäologen gelang es, für detaillierte Analysen der bei den Fundobjekten verwendeten Materialien Experten zu gewinnen am Deutschen Bergbau- Museum in Bochum so
Teamleiter Dr. Volker Hilberg begutachtet eine Kampfaxt, die in Haithabu gefunden wurde. Dem Archäologen gelang es, für detaillierte Analysen der bei den Fundobjekten verwendeten Materialien Experten zu gewinnen am Deutschen Bergbau- Museum in Bochum sowie an den Universitäten Hannover, Göttingen, Frankfurt am Main und Tübingen. (Foto: Johannes Arlt)

Der Archäologe Volker Hilberg fungiert als Leiter der Forschergruppe und Kopf der kleinen "Jungen Akademie auf Zeit", in die die beiden Doktoranden und fallweise Studierende eingebunden sind. Er selbst bearbeitet die Sammlungen "Ausgrabungen Haithabu 2005-10" und die Ergebnisse der "Detektorbegehungen Haithabu". Er koordiniert die am Archäologischen Landesmuseum sowie am Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Kiel vorhandene Expertise für das Projekt, bündelt die Kontakte zu den Analysepartnern vor allem in Bochum und Göttingen – dort begleitet er auch die archäometallurgischen und chemischen Untersuchungen – und hält die Vernetzungen zu vergleichbaren Sammlungen einschließlich jener im Ausland am Leben.

214 Fundmünzen nahm Hilberg bisher auf. "Die Münzanalysen zeigen: Haithabu verfügt mit fast hundert nach 983 geprägten Münzen über das bislang größte bekannte Münzspektrum, das von bis Ende des 11. Jahrhunderts bekannt ist. Zudem förderten die Detektorbegehungen dort annähernd 500 wikingerzeitliche Gewichte zutage. Viele wurden für das genaue Abwiegen beim Bezahlen mit Silber benötigt, sind damit vor allem Beleg für Handel und geschäftliche Transaktionen. "Auch dies ist ein Ausmaß an Funden, das seinesgleichen sucht", sagt Hilberg und fügt hinzu, dass als Ergebnis der wissenschaftlichen Analyse jener Münzen und Gewichte sowie von ergänzend gut hundert Proben diverser Silber- und Buntmetallobjekte und 28 Blei-Schmuckobjekten sich übergreifend alles in allem festhalten lasse: "Haithabu hat bis zuletzt seine Stellung im internationalen Fernhandelsnetz behauptet."

Um auch hier den Vergleich zwischen beiden Siedlungen zu haben, unterzog Hilberg den umfangreichen Bestand an Fundmünzen aus der "Grabung 'Schleswig Hafengang'" ebenfalls einer detaillierten Analyse. Er bestimmte von 73 Münzen die Zusammensetzung des Feingehalts an Silber. "Im Ergebnis zeigt sich, dass es im Laufe des 11. Jahrhunderts zu einer spürbaren Silberverknappung kam", sagt der Projektleiter. Liegt der Feingehalt an Silber bei Münzen dänischen, deutschen und englischen Ursprungs anfangs noch bei 80 bis 90 Prozent, so sinkt er bis zu den 1080er Jahren auf Feingehalte von lediglich 50 bis 60 Prozent.


Kreuz und quer durch die Republik: Jedes Objekt reist zu "seinem" Experten

Hilberg nutzte für die Analytik der Silberobjekte neben Know-how und Gerätepark der Bochumer Forscher auch die Erfahrung der Wissenschaftler am Institut für Anorganische Chemie der Leibniz Universität Hannover. Dort wurden darüber hinaus von Dr. Robert Lehmann 158 Münzen und 15 Schmuckgegenstände auf Bleiisotope untersucht. 28 weitere Objekte wiederum, im Wesentlichen Silberbarren und Hacksilberfragmente, reisten mit Stephen Merkel zur Universität Frankfurt am Main und erlebten, was moderne Analytik zu leisten vermag. Und die Identifizierung und Bestimmung von Münzen islamischer Herkunft übernahm Dr. Lutz Ilisch von der Forschungsstelle für Islamische Numismatik an der Universität Tübingen; dort lagert die in Deutschland größte Sammlung von Münzen islamischer Provenienz.


Doktorand Felix Rösch vermisst Tröge im Archäologischen Landesmuseum Schloss Gottorf in Schleswig, (Foto: Johannes Arlt)
Doktorand Felix Rösch vermisst Tröge im Archäologischen Landesmuseum Schloss Gottorf in Schleswig, (Foto: Johannes Arlt)

Gegenstände aus Keramik, Metall, Glas, Silber, Legierungen: All das zu untersuchen ist schon eine Menge. Doch fehlt eine entscheidende Substanzklasse, die wesentliche Erkenntnisse liefert: Holz. Und in der Tat: Vieles, was man jetzt weiß, stammt aus der Aufarbeitung von über zehntausend Holzfunden. Allein 1500 Hölzer wurden akribisch dendrochronologisch untersucht, ein Drittel davon konnte exakt datiert werden. "Durch solch eine breite Basis lassen sich kurzphasige Siedlungsprozesse differenziert abbilden", sagt Felix Rösch, der sich mit Unterstützung der technischen Mitarbeiterin Kerstin Greve diesen Werkstoff und damit die Bautätigkeiten jener Zeit vorgenommen hat.


Die Erfassung Tausender Hölzer macht es möglich: Die Bebauungsstruktur wird sichtbar

Das Interesse von Doktorand Felix Rösch gilt der wissenschaftlichen Aufarbeitung Zehntausender Holzfunde jener Zeit. (Foto: Johannes Arlt)
Das Interesse von Doktorand Felix Rösch gilt der wissenschaftlichen Aufarbeitung Zehntausender Holzfunde jener Zeit. (Foto: Johannes Arlt)

Inzwischen hat das Zweierteam sämtliche 19.683 Hölzer der Baubefunde vollständig digital erfasst, die Daten aufbereitet und dreidimensional kartiert. Damit nicht genug: In die Analyse flossen auch Bodenverfärbungen ein, die in die Simulationen eingespeist wurden; sogar die Position markanter Steine nebst Profilen und ausgewählten Oberflächen wurde aufgenommen. Ziel war es, all das in ein räumliches Verhältnis zueinander zu setzen und so ein Modell von den untersuchten Grabungsorten zu erhalten, das die damalige Bebauungs- und Grundstückssituation abbildet und in einem weiteren Schritt etwa über die Einspeisung historischer Wasserstände noch weitergehende Simulationen ermöglicht.

"Unerlässlich war es dafür, die digitalisierten Hölzer mithilfe eigens entwickelter GIS-Shapes zu vermessen und anhand dieser Daten die Befunde dreidimensional zu kartieren. Zeitgleich liefern diese Messungen die letzten benötigten Informationen für die Befunddatenbank, ohne die im Hintergrund eine Analyse und Beschreibung der einzelnen Objekte, die sich dann nach und nach zu einem großen Ganzen zusammensetzen, nicht möglich sind", erläutert Rösch, der mittlerweile seine Doktorarbeit eingereicht hat. Er hat dieses große Ganze nun mithilfe neuer Darstellungsverfahren am Rechner dreidimensional rekonstruieren können: unter Einspeisung jeder einzelnen getrennt erfassten Grabungsschicht – und das sind alles in allem immerhin 4000.

Man staunt, und der Blick in plötzlich sich öffnende Tiefen auf dem Computerbildschirm lässt den Betrachter in die zweite Hälfte des 11. Jahrhunderts eintauchen und ihn zunächst eine Reihe rechtwinklig zur Schlei ausgerichteter Parzellen wahrnehmen. "Die durch Freiräume oder einfache Bohlenwegkonstruktionen voneinander getrennten rechteckigen Strukturen weisen Breiten zwischen sieben und zwanzig Metern auf", erklärt Rösch mit geübtem Blick und macht auf weitere Details aufmerksam, die sich dem ungeübten Betrachter erst nach und nach offenbaren. Man erkennt: Die Parzellen sind umgrenzt von Flechtwandzäunen, die im Südteil bis zu sieben Phasen aufweisen können.

"Diese Mehrphasigkeit lässt sich unserer Meinung nach nur durch den stark schwankenden Wasserspiegel der Schlei erklären – das wechselfeuchte Milieu erzwang eine häufige Erneuerung der Zäune", sind Rösch und Müller sich einig. Der Doktorand sieht auch bei einigen identifizierten Baumaßnahmen den Grund darin, dem schwankenden Wasserspiegel der Schlei etwas entgegenzusetzen. So erklärt er sich, warum einige der Befunde zeigen, dass in seinem Untersuchungsareal in den späten 1070ern und zu Beginn der 1080er Jahre Flechtwandzäune durch eine Reihe massiver, spundwandartig aneinandergesetzter Spaltbohlen ersetzt wurden. Da zudem die in mehreren Phasen gebauten Parzellenbegrenzungen stratigrafisch unter den datierten Holzausbauphasen lägen, könne als gesichert gelten, dass es in Schleswigs Kern bereits vor den 1070er Jahren umfangreiche Siedlungstätigkeiten gegeben habe, ergänzt Rösch. "Die dürften spätestens Mitte des 11. Jahrhunderts eingesetzt haben." Die parzellenartigen Einteilungen der Grundstücke wurden inzwischen an vielen Stellen in Schleswigs Altstadt durch Ausgrabungen dokumentiert.

"Das Bild einer Stadtentwicklung, das sich hier zeigt, ist durchaus typisch für das ausgehende 11. Jahrhundert", erläutert Wissenschaftler Müller. "Die systematische Unterteilung von Flächen ist ein epochenübergreifendes Phänomen, das sich in entstehenden Siedlungen des Frühen Mittelalters und der Wikingerzeit genauso beobachten lässt wie bei Städten, die im Hochmittelalter gegründet wurden." Das sei gut zu sehen bei vergleichbaren Gründungen jener Zeit wie etwa Dorestad, Ribe, Sigtuna, Trondheim und Lübeck – "auch wenn Details und Entwicklungsverläufe natürlich von Fall zu Fall variieren", fährt der Archäologe fort.

 

 


Die Blütezeit: wichtigster Seehandelsplatz mit modernem Hafen und organisierter Müllentsorgung

Gerade die Städte Skandinaviens zählen zu dieser Zeit zu den wichtigsten Handelszentren. Haithabu, gelegen zwischen Nord- und Ostsee am Fuße der Halbinsel Jütland, ist in seiner Hochphase nicht nur wichtigster Seehandelsplatz Nordeuropas und Skandinaviens Tor zur Welt, sondern auch – eins folgt dem anderen – Schmelztiegel der Kulturen. Um das Jahr 1000 leben hier Franken, Slaven, Sachsen und Byzantiner mehr oder minder friedlich mit Wikingern und versprengten Vertretern weiterer Völker zusammen. In all diesen Gruppen wiederum finden sich Zimmerleute, Schmiede, Fischer, Töpfer, Glasmacher und Landwirte.

Im Jahr 965 lebt der maurische Gesandte Achmed al-Tartuschi einige Zeit in der Stadt. Er hält viele seiner Eindrücke schriftlich fest. So ist er nicht nur überrascht davon, dass eine Art Müllentsorgung festgeschrieben ist – nun ja, man hat sich darauf verständigt, allen Unrat im Hafenbecken zu versenken –, ausgesprochen beeindruckt zeigt er sich von der Stadt mit ihren angelegten Gräberfeldern und der Hafenanlage mit den Landungsbrücken.

Auch lässt sich bei ihm nachlesen, wie in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts die Bewohner nach und nach einen mehrere Meter hohen, halbkreisförmigen Wall aufschichten, um sich gegen Angriffe landseitig abzuschirmen. Gibt es bei den Menschen in Haithabu ein womöglich kollektives diffuses Gespür, dass sich erste Schatten auf die Blütezeit zu legen beginnen, eine noch nicht näher fassbare Gefahr droht? Noch jedenfalls sind die Wikinger hier und anderswo auf dem Höhepunkt ihrer Macht – und die bildet sich nirgends besser ab als in dem massiven Ausbau der Hafenanlage.

Dr. Volker Hilberg beschäftigt sich mit Silbermünzen und anderen Silbergegenständen jener Zeit. Der Archäologe am Schleswig- Holsteinischen Landesmuseum fungiert als Leiter der Forschergruppe und bündelt die Kontakte zu den vielen "Analytikpartnern"
Dr. Volker Hilberg beschäftigt sich mit Silbermünzen und anderen Silbergegenständen jener Zeit. Der Archäologe am Schleswig- Holsteinischen Landesmuseum fungiert als Leiter der Forschergruppe und bündelt die Kontakte zu den vielen "Analytikpartnern" in Deutschland. (Foto: Johannes Arlt)

Ein Jahrtausend später zeigt die Fülle an Erkenntnissen: Rösch hat die Möglichkeiten der Dendrochronologie derart umfassend ausgeschöpft, dass die jahrhundertealten Hölzer wohl kurz vorm Glühen waren. "Mit dem Jahr 1087 muss in Schleswig ein ‚Bauboom‘ eingesetzt haben", sagt er. Zumindest würde man es heute so bezeichnen. "Innerhalb kurzer Zeit wurden vor den Parzellen Dämme erbaut: U-förmige Konstruktionen, errichtet aus eng gesetzten Spaltbohlen und verfüllt mit Reisig, Mist und Erde." Im Abstand von wenigen Jahren wurden diese Dämme in die Schlei hineingetrieben – bis etwa ins Jahr 1100. "Die Akteure haben so ihre Grundstücke in den Flachwasserbereich ausgedehnt."

Es geht noch genauer: Wann konnten bei welchem Wasserstand die Schiffe wo anlegen?

"Bisher dachte man, dass es sich bei diesen Anlagen wegen ihrer Beschaffenheit und Lage um feste Landebrücken einzig für das Anlegen von Schiffen handelt", erläutert Ulrich Müller. Doch dagegen sprächen die in den Profilen aufgearbeiteten Daten einschließlich der in die Simulationen eingespeisten historischen Wasserstände, die deutliche Schwankungen für die Zeit zeigen, inklusive der ebenfalls berücksichtigten Seesandschichten in der Schlei.

"Der Wasserspiegel der Schlei befindet sich im ausgehenden 11. Jahrhundert etwa 20 bis 30 Zentimeter unter dem heutigen Mittelwert; bei einem solchen Wasserstand beträgt die Tiefe vor den ersten Phasen der Dämme gerade einmal 30 Zentimeter und vergrößert sich mit den weiteren Ausbauten", versucht Rösch eine Erklärung. "Dies bedeutet, dass mittelgroße Transportschiffe mit einem Tiefgang von einem Meter frühestens etwa im Jahr 1095 im Untersuchungsareal anlegen konnten." Wozu also feste Landebrücken?

Inzwischen scheint es den Forschern plausibler, von multifunktionalen Einrichtungen auszugehen. Rösch favorisiert die Idee, dass es sich bei den meisten Dämmen um Anlagen professioneller Händler handelt, die sich dadurch ein Grundstück in Poleposition im Schleswiger Hafen sichern wollten. "In Schleswig wurde der Handel schließlich anders als in Haithabu nicht mehr überwiegend von Nebenerwerbshändlern getragen, demzufolge entwickelte sich eine professionellere Infrastruktur."


Die Boote bringen Waren, schaffen Raum, bedeuten Freiheit – ein echter Kerl ist nur, wer zur See fährt

Historischer Grund, der Jahr für Jahr viele Besucherinnen und Besucher anzieht: Umgeben von einem baumbestandenen halbkreisförmigen Wall grenzt die Wikingerstadt Haithabu – bestehend aus Museum und Schaudorf – in ihren einstigen Ausmaßen auf der anderen Seite an die Schlei. Im Hintergrund zu erkennen die Stadt Schleswig mit Altstadt samt Dom.
© Mirko Klütz / www.youtube.com

Ob in Haithabu oder Schleswig: Das Leben in dieser Zeit dreht sich vor allem um Schifffahrt und Handel. Die Chroniken überliefern: Nur wer auf große Fahrt geht, ist im mittelalterlichen Skandinavien sozial geachtet. Die Helden der Ozeane sind die Helden daheim – fünfzig verschiedene Bezeichnungen kennt das Skandinavische dieser Zeit allein für das Wort Meer.

Und so sind es denn auch zwangsläufig die Boote, in deren Bau alle Energie, alles Wissen, alles Können fließt. Kein Schiff kann es mit den schnellen, wendigen Drachenbooten aufnehmen. Und immer weiter perfektionieren die Wikinger den Schiffbau. Dabei experimentieren sie viel, verzichten etwa bei ihren bis zu dreißig Meter langen und vier Meter breiten "Langschiffen" auf Tiefgang, um sie schneller und wendiger zu machen. So versuchen sie, diesen Bootstyp für ihre Beutezüge und kriegerischen Überfälle zu optimieren.
Hundert Krieger haben Platz in solch einem Boot, das gesegelt oder gerudert wird – in extremer, von Schiffen anderer Völker bei Weitem nicht erreichter Geschwindigkeit. An der Bordwand angebracht die Schilde, stets sofort griffbereit für die nächste Auseinandersetzung, den nächsten Gegner. Etwa drei Zentimeter dick sind die Klinkerplatten, die sie wie Dachziegel verbauen. Die Rahsegel fertigen sie aus Schafwolle und imprägniert wird alles mit Pferdefett. Und auch die Frachtflotte wird kontinuierlich verbessert. Die Handelsschiffe sind so gebaut, dass sie sehr viel Ladung aufnehmen können und dennoch äußerst wendig und seetüchtig sind – auch dieser Bootstyp sucht seinesgleichen auf den Weltmeeren. Ihr Erkennungsmerkmal: ein ausgesprochen breites Deck und ein offener Laderaum. So ist auch das Be- und Entladen der Schiffe schnell und effektiv möglich. Es sind für lange Zeit unerreichte Konstruktionen, an denen permanent gefeilt wird. Es sind die Boote der Seemacht einer ganzen Epoche.


Der umfassende Ausbau des Schleswiger Hafens im 11. Jahrhundert in nur kurzer Zeit – Ergebnis der Forschung – spiegelt letztlich die aufstrebende Handelsmetropole. "Vermutlich siedelten sich zeitgleich mehr und mehr Menschen dort an", meint Müller. "Das sich verschärfende Platzproblem auf der Altstadthalbinsel erzwang dann die Dammbauten." Immerhin war das historische Altstadtareal Schleswigs mit einer Fläche von seinerzeit rund 12,5 Hektar nur halb so groß wie das Gebiet innerhalb des Halbkreiswalls von Haithabu. Da in fast allen Bodenaufschlüssen Siedlungsnachweise des späten 11. Jahrhunderts zu finden sind, könne man für diese Zeit von einer enormen Verdichtung und damit der Notwendigkeit für Landgewinnungsmaßnahmen ausgehen, um einfach Platz zu schaffen für die Bevölkerung Schleswigs.


Von den Details zum großen Ganzen: ein Blick in die Stadtentwicklung im Mittelalter

Reinhard Erichsen ist einer der Wikinger-Darsteller in Haithabu. (Foto: Johannes Arlt)
Reinhard Erichsen ist einer der Wikinger-Darsteller in Haithabu. (Foto: Johannes Arlt)

Landgewinnung? Stadtwerdung? Da ist Ulrich Müller bei "seinem" Sujet, der Gründung von Städten und Stadtentwicklung im Mittelalter. Und flugs startet ein spannender Ausflug über planerisches Vorgehen und Aushandlungsprozesse, über Interessen und Aktionen unterschiedlicher Akteure und die Prozesshaftigkeit bei der Entwicklung urbaner Strukturen – ein eigenes Thema.

Mit seinen Doktoranden ist er sich jedenfalls einig: Schleswig stellt beispielhaft eine ebenso rare wie herausragende "Quellengrundlage" für die Erforschung frühester Stadtgründungen im skandinavischen Raum dar. "Wir wissen das jetzt, da wir die alten Ausgrabungen und deren Funde neu sichten und begreifen können", betont Müller. Die Ergebnisse belegten das eindrucksvoll. "Gerade Altgrabungen wie in unserem Fall die Befunde der flächigen Stadtkerngrabungen in den 1970er und 1980er Jahren neu zu betrachten unter Zuhilfenahme moderner Techniken und Methoden: Darin liegt eine große Chance auch für viele unserer Kolleginnen und Kollegen in ihren Arbeits- und Forschungssituationen!"

Museumschef Dr. Ralf Bleile, dessen Blick immer mehr auf Haithabu denn auf Schleswig ruht, ist zu Recht stolz auf das Zusammenwirken aller Akteure. "Die Vernetzung mit den zahlreichen Experten: Das war der Schlüssel zu der Vielzahl neuer Erkenntnisse über die beiden Städte, die damals Nordeuropas Kommunikations- und Handelsknoten waren – am Vorabend der Hanse, von der und deren Protagonisten wir doch so ein ganz anderes Bild in unseren Köpfen haben als von den Wikingern." Und doch: Es sind die zur See fahrenden Pioniere, die auch heute noch sogar außerhalb Europas diesem Kontinent ein Gesicht geben. Wer könnte diesen Symbolgehalt besser bekräftigen als die "globalisierte" Hillary Clinton. Sie bezeichnete die Wikinger, die im Zuge ihrer Reisen auch Menschen und Orte verbanden und dabei über große Entfernungen Informationen, Erfahrung, Wissen und Kultur transportierten, als "Internet des Jahres 1000". Und über die erste Begegnung mit ihrem späteren Ehemann Bill Clinton 1970 schreibt sie in ihrer Autobiografie: "Ich sah seinen sexy roten Bart und die langen rötlich-blonden Haare – er war ein Wikinger aus Arkansas."

Text: Christian Jung // Fotos: Johannes Arlt