Ein Recht auf Meer

Wo das Meer den Tisch seiner Anrainer reich zu decken vermag, gibt es traditionell eine Fischereiwirtschaft. Diese bedarf häufig Regulierungen von staatlicher Seite, wie die Überfischungen der Weltmeere zeigen. Doch wie steht es um Vorgaben für gewachsene nachhaltige, kleine, nur lokal verortete Fischereien? Und: Werden die Fischer dort in politische Entscheidungsprozesse eingebunden? Die südafrikanische Nachwuchswissenschaftlerin Dr. Samantha Williams sucht nach Antworten.

Südafrika, Western Cape, Lamberts Bay: Dr. Samantha Williams von der Universität Kapstadt begutachtet eine Hummerfalle im Boot von Fischer David Shoshola. Mit ihm und seiner Mannschaft ist sie gerade unterwegs zu guten Fanggründen. (Foto: Felix Seuffer
Südafrika, Western Cape, Lamberts Bay: Dr. Samantha Williams von der Universität Kapstadt begutachtet eine Hummerfalle im Boot von Fischer David Shoshola. Mit ihm und seiner Mannschaft ist sie gerade unterwegs zu guten Fanggründen. (Foto: Felix Seuffert)

Es dürfte eins der meistgezeigten Motive Südafrikas sein – ob es als Illustration von Reiseberichten in Zeitungen dient, weil es uns als Touristenschnappschuss vor Augen gehalten wird oder einem aus Werbematerial von Reiseveranstaltern malerisch entgegenfunkelt: das Western Cape mit seinen vielen kleinen Fischerbooten, von denen (fast) immer welche auf See zu sein scheinen. Beinahe so, als wollten sie sicherstellen, dass das Motiv für Auge oder Kamera stets das pittoreske ist, dass man kennt. Damit bloß kein anderes Bild von diesem fast unwirklich schönen Fleckchen Erde entstehen kann.

Eben dieses Bild, das den meisten Betrachtern wohl so das Herz weitet, zeigt letztlich harte Arbeit. Denn für die, die es entstehen lassen, heißt es tagtäglich: früh aufstehen, auf die See hinaus, Netze auswerfen. Das Meer an der Küste entlang des Western Cape ist traditionelles Fischereigebiet. Seit Jahrtausenden schon bieten die Fanggründe den Fischern in dieser Region eine dauerhafte Beschäftigung und den Menschen an Land eine verlässliche Nahrungsgrundlage. Reich an Leben ist das Meer hier durch das Benguela Upwelling Ecosystem, einen Auftrieb nährstoffbeladener Wasserschichten aus der tiefen See, der quasi in seinem Sog zahlreiche Fische in die Nähe der Küste zieht. Und so gibt es viel zu tun und viel zu fischen, und die Tage der Fischer werden schnell lang – so lang eben, dass sie als Nebeneffekt eine bezaubernde Wasserlandschaft von scheinbarer Dauerhaftigkeit entstehen lassen.

Zwei typische Ortschaften an diesem Abschnitt der südafrikanischen Westküste sind Elands Bay und Lamberts Bay, rund 220 Kilometer nördlich von Kapstadt gelegen. Hier hat die Fischerei eine lange Tradition und ist tief in der Geschichte, der Kultur und der Identität der Menschen verankert. Ob Meeräschen, Hechtmakrelen, Hummer oder die als Delikatessen begehrten Seeohrschnecken: Wo und zu welcher Zeit des Tages die See die besten Fänge hergibt, das haben die Fischer noch von ihren Vätern und Großvätern gelernt – und die wiederum von ihren Vätern und Großvätern. Bis heute bestreiten sie mit dem, was in ihren Netzen hängen bleibt, ihren Lebensunterhalt. Doch wer in südafrikanischen Gewässern was fischen darf, wird vonseiten des Staates reguliert – und hier beginnen die Schwierigkeiten. Denn den Vorgaben, Regelungen oder Entscheidungen von politischer Seite fehlt nach Meinung der Fischer vor Ort oft das Bemühen um ein nachhaltiges Wirken, das zudem auch ihnen gerecht wird.


Samantha Williams versucht im Gespräch mit heimischen Fischern herauszufinden, wie die Männer die Ressource Meer nutzen und inwieweit die Vorgaben des Staates sie behindern oder nicht. Hier befragt sie David Shoshola vor dessen Wohnhaus im südafrikanis
Samantha Williams versucht im Gespräch mit heimischen Fischern herauszufinden, wie die Männer die Ressource Meer nutzen und inwieweit die Vorgaben des Staates sie behindern oder nicht. Hier befragt sie David Shoshola vor dessen Wohnhaus im südafrikanischen Lamberts Bay. (Foto: Felix Seuffert)

"Womöglich ändert sich das gerade", zeichnet Dr. Samantha Williams einen leichten Silberstreif an den Horizont. Sie ist allerdings auch Realistin genug zu wissen, dass das politische Ringen um den Umgang mit einer natürlichen Ressource nicht einfach ist und es immer wieder schnell zu Rückschritten kommen kann – schließlich sind oft viele Akteure im Spiel mit teils recht unterschiedlichen Interessen. Die südafrikanische Wissenschaftlerin ist inzwischen ausgewiesene Fachfrau zu dem Thema. Sie erwarb ihren PhD an der Environmental Evaluation Unit (EEU) der University of Cape Town in Südafrika und forscht seit nunmehr acht Jahren zu und in den Fischerdörfern an der Westküste. Bislang beschäftigte sie sich vor allem mit den Methoden und Strategien, die sich die Männer zur See seit Jahrhunderten zu eigen gemacht haben, um mit ihren Familien vom Meer zu leben.

Ein großer Einschnitt in ihrem wissenschaftlichen Engagement kam um den Jahreswechsel 2013/14. Damals gelang es ihr, eines der begehrten Postdoktoranden-Fellowships für afrikanische Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler zu ergattern, die die VolkswagenStiftung in ihrer Förderinitiative zum sub-saharischen Afrika vergibt (siehe auch "Mehr über die Entwicklung des Förderangebots zum sub-saharischen Afrika"). Und so kann Samantha Williams das im Zuge ihrer Doktorarbeit herausgeschälte Wissen vertiefen und, angereichert um zahlreiche neue Erkenntnisse, fundiert weitergeben. In dem mit rund 100.000 Euro geförderten Projekt "Sustainability of marine social-ecological systems – linking fisheries livelihoods strategies and multilevel governance in the Benguela Upwelling Ecosystem" setzt sie sich mit den nachhaltigen Strategien der Fischer im Umgang mit der Ressource Meer auseinander und den Einflüssen, die vonseiten des Staates und seiner Institutionen auf das gesamte System wirken.

 

 


Benachteiligt bei Gesetzgebung und Lizenzvergabe: Die "kleinen“ Fischer haben's schwer

Williams verfolgt ein ganz grundlegendes Ziel: Sie möchte die Fischer zum einen darin bestärken, den Zugang zu den Gewässern vor ihrer Haustür als Arbeits-, Lebens- und Nahrungsgrundlage immer wieder mit Nachdruck vom Staat einzufordern. Zum anderen sollen die Männer zur See nicht nachlassen in ihrem Bemühen, an relevanten politischen Entscheidungsfindungsprozessen beteiligt zu werden – etwa, wenn es um die Zuteilung von Fischereilizenzen geht. Ein Blick zurück und zur Seite zeigt, dass solch eine Haltung, ein solches Auftreten absolut nicht selbstverständlich sind.

Das Western Cape ist durch den Benguela-Auftrieb eines der am stärksten befischten Seegebiete Südafrikas. Die Trawler der großen Fischereikonzerne können mit ihren Langleinennetzen dabei so viel aus dem Wasser ziehen, wie es sich die Fischer in ihren kleinen Booten nicht einmal zu träumen wagen. Obwohl sie derselben Tätigkeit nachgehen wie die große Konkurrenz, wurden sie über Jahrzehnte hinweg nicht als bestehender Sektor der Fischindustrie anerkannt und bei der Vergabe von Fischereilizenzen nicht bedacht. Vor allem in den Jahren der Apartheid tat man sie als Selbstversorger ab, die entsprechend in der Fischereigesetzgebung nicht zu berücksichtigen sind, in der Konsequenz dieses Denkens dann aber auch keine Ansprüche zu stellen haben. Erst mit dem Entstehen der ersten demokratischen Regierung 1994 wurden die Fischerfamilien an den Küsten als Unternehmer und damit als Teil des Fischereisektors eingestuft.

2007 setzte das National Department of Fisheries, die nationale Fischereibehörde, ein neues Gesetz in Kraft. Es spricht den Fischern das Recht zu, Lizenzen zu erwerben – eine Entscheidung, die bitter notwendig und überfällig war. Immerhin rund 28.000 Haushalten in Südafrika sichert die kleinteilige Fischerei zwar offiziell das wirtschaftliche Überleben, doch obwohl die südafrikanische Verfassung den Zugang zu natürlichen Ressourcen als grundlegendes Menschenrecht anerkennt, kann sich nur jeder zweite Fischerhaushalt von dieser Arbeit tatsächlich noch ausreichend ernähren. Für Samantha Williams ist das neue Gesetz daher ein großer Fortschritt in Richtung Armutsbekämpfung und soziale Gerechtigkeit. "Der Text weist viele gute Ansätze auf; insbesondere jene Passagen, die den Fischern mehr Mitbestimmung und mehr Eigenverantwortung zusprechen", sagt sie. "Leider verläuft der Prozess, in dem diese neue Politik umgesetzt wird und in den Köpfen ankommt, sehr langsam. Das zu verbessern, ist die entscheidende Herausforderung."


Samantha Williams' Interesse rund um ihr Thema ist weitgreifend: Hier lässt sie sich von Fischer Brian Anderson eine Angelschnur mit Haken und Senkblei zum Fangen von Hottentot (Pachymetopan) zeigen. Besondere Fangmethoden und ganz allgemein kulturelle E
Samantha Williams' Interesse rund um ihr Thema ist weitgreifend: Hier lässt sie sich von Fischer Brian Anderson eine Angelschnur mit Haken und Senkblei zum Fangen von Hottentot (Pachymetopan) zeigen. Besondere Fangmethoden und ganz allgemein kulturelle Eigenheiten gehören ihrem Verständnis nach dazu, will man sich ein umfassendes Bild davon verschaffen, was nachhaltige Fischerei ausmacht. (Foto: Felix Seuffert)

Zwar hatte die Regierung mehrfach in der Vergangenheit Anläufe unternommen, den Fischern "einen Weg zu ihren Rechten zu ebnen", doch diese Offerten schlugen weitgehend fehl. In einem der Versuche hielt man die Fischer dazu an, für den Erwerb einer Fischereilizenz einen Antrag zu stellen. "Viele wussten aber nicht, was sie genau tun sollten oder hatten neben der täglichen Arbeit schlicht keine Zeit dafür", sagt Samantha Williams. "Dieses Vorgehen drängte viele in die Illegalität – und zwar nur, weil sie keinen Antrag für das auszufüllen vermochten, was schon ihr ganzes Leben lang ihre Profession war."

Die aktuelle Strategie der Regierung besteht nun darin, Rechte nicht individuell, sondern an Kollektive in den Kommunen zu vergeben. Die Fischer wurden daher dazu aufgefordert, sich in ihren Dörfern in Vereinen oder Gewerkschaften zu organisieren. An diesem Punkt setzt das Forschungsvorhaben von Dr. Samantha Williams an. Sie analysiert, welche politischen Parameter sich gemessen an den Gegebenheiten des Alltags der Fischer als sinnvoll und wirksam erweisen. Und sie schaut, ob die Fischer sich in der Tat hinreichend einzubringen vermögen.

Dr. Samantha Williams ist eine vielversprechende Nachwuchswissenschaftlerin. Auf ungewöhnliche Weise und beinahe "in sich" interdisziplinär kreist sie zur Beantwortung ihrer Forschungsfragen ihren Untersuchungsgegenstand ein, indem sie Fragen des Zugangs zu natürlichen Ressourcen und Aspekten von Nachhaltigkeit oder Nahrungsmittelsicherheit aufwirft, dreht und wendet und darüber als Dach das Ziel von mehr sozialer Gerechtigkeit spannt. Damit steht die Geografin in Interesse und Engagement beispielhaft für die Stiftungsinitiative "Wissen für morgen – Kooperative Forschungsvorhaben im sub-saharischen Afrika".

Eine Forschungsförderung, die in ihrer internationalen Ausrichtung wie die Initiative zum sub-saharischen Afrika angelegt ist, erfüllt im Optimalfall viele sinnvolle Zwecke – Samantha Williams ist dafür das beste Beispiel. So wie sie können sich junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Schwellen- und Entwicklungsländern auf sonst kaum mögliche Weise qualifizieren: Mit der Unterstützung der Stiftung im Gepäck forschen sie vor Ort zu Themen, die für ihr Land oder ihre Region von Bedeutung sind. Einer der Kerngedanken, den die Stiftung mit ihrer internationalen Wissenschaftsförderung verfolgt, ist dabei nicht zuletzt Nachhaltigkeit. Am Anfang steht eine gute Idee, ein lohnenswertes Projekt. Gerät es in Schwung, kann sich die Stiftung nach einiger Zeit zurückziehen.


Samantha Williams und David Shoshola (Mitte) lauschen Ernest Titus, der den Gebrauch einer Hummerfalle demonstriert. (Foto: Felix Seuffert)
Samantha Williams und David Shoshola (Mitte) lauschen Ernest Titus, der den Gebrauch einer Hummerfalle demonstriert. (Foto: Felix Seuffert)
Mehrere Spulen Angelschnur mit großen Haken zum Fangen von Snoek (Thyrsites atun) liegen neben Seilen und anderem Fischereibedarf in Brian Andersons Boot. (Foto: Felix Seuffert)
Mehrere Spulen Angelschnur mit großen Haken zum Fangen von Snoek (Thyrsites atun) liegen neben Seilen und anderem Fischereibedarf in Brian Andersons Boot. (Foto: Felix Seuffert)
Der Hafen von Lamberts Bay mit seinen zahlreichen vertäuten Fischerbooten. Im Hintergrund: eine ehemals zur Fischverarbeitung genutzte Fabrik, in der jetzt Pommesfrites produziert werden.  (Foto: Felix Seuffert)
Der Hafen von Lamberts Bay mit seinen zahlreichen vertäuten Fischerbooten. Im Hintergrund: eine ehemals zur Fischverarbeitung genutzte Fabrik, in der jetzt Pommesfrites produziert werden. (Foto: Felix Seuffert)
 

Die "Afrika-Fellows": Engagiert für die Zukunft ihres Kontinents


Indem sich der umfassend geförderte akademische Nachwuchs in Afrika oder anderswo mit fortschreitender Dauer der Projekte dann länderübergreifend nach und nach vernetzt, stärkt sich wechselseitig die Expertise: bei dem Einzelnen, in dessen Heimat und in der Zielregion insgesamt. Derart gestützt, empfiehlt sich die Wissenschaftlergeneration von morgen dann nicht zuletzt in globaler Perspektive für die Zusammenarbeit mit Kollegen aus allen Kontinenten. All diese Ziele verfolgt auch die VolkswagenStiftung mit ihrem Förderbereich "Internationales" im Großen, mit den einzelnen Angeboten für bestimmte Regionen dieser Welt im Speziellen.

Das Herzstück des Angebots zum sub-saharischen Afrika sind seit einigen Jahren Postdoktorandenprogramme zur Unterstützung junger afrikanischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die an ihren Heimatuniversitäten den drängenden Fragen unserer Zeit nachgehen. Das Afrika-Engagement der Stiftung funktioniert als ein mehrstufiges Modell, bei dem sich junge Forscher nach der Promotion einem Auswahlverfahren um ein Junior- oder Senior-Fellowship stellen können (siehe "Mehr über die Entwicklung des Förderangebots zum sub-saharischen Afrika). Durch die Förderung erhalten nicht nur die Nachwuchskräfte selbst einen deutlichen Schub in ihrer wissenschaftlichen Karriere; über die Bewilligungen an junge, engagierte Spitzenleute brechen allmählich auch die akademischen Strukturen an den jeweiligen Heimathochschulen auf und sortieren sich neu. Um langfristig ein internationales Netzwerk für ihre künftige akademische Karriere zu entwickeln, kooperieren die Geförderten jeweils mit einem deutschen Partnerinstitut, das die Projekte begleitet, wissenschaftlich mitbetreut und auch darüber hinaus mit Rat und Tat zur Seite steht.


Wieder zurück an Land: Samantha Williams (vorne) und die Fischer (von links) Ernest Titus, David Shoshola, Alfonso Smith und Brian Anderson. (Foto: Felix Seuffert)
Wieder zurück an Land: Samantha Williams (vorne) und die Fischer (von links) Ernest Titus, David Shoshola, Alfonso Smith und Brian Anderson. (Foto: Felix Seuffert)

Dr. Samantha Williams hat als Partner die Biologin und Politologin Dr. Milena Arias Schreiber von der Universität Göteborg gewinnen können. Die gebürtige Peruanerin hat bis vor Kurzem anderthalb Jahrzehnte in Deutschland gearbeitet und geforscht, zuletzt mehrere Jahre am Zentrum für Tropenökologie in Bremen. Sie unterstützt das Forschungsvorhaben mit einer institutionellen Analyse der Zugangsstrategien der Fischer zur Ressource Meer und dokumentiert, welche der Gesetzgebungen, die explizit "kleine Fischereien" adressieren, tatsächlich einen – möglicherweise bleibenden – Effekt auf die Lebenswelt der Fischer haben. Im Frühjahr 2016 wird sie für insgesamt drei Monate zu Feldforschungsaufenthalten nach Südafrika reisen.

Arias Schreiber hat bereits über Fischereien in Peru gearbeitet und einen internationalen Zugang zu dem Thema. "Im Umgang mit natürlichen Ressourcen gibt es keine allgemeingültigen, global anwendbaren Lösungen", sagt die Biologin. "Alles hängt von Umweltbedingungen vor Ort ab, von der Geschichte, der Kultur und den gesellschaftlichen wie politischen Rahmenbedingungen sowieso. Lösungen müssen daher immer in lokaler Perspektive entwickelt werden." Nur so könne eine Umsetzung von Strategien erfolgreich sein.


Aushandlungsprozesse sollten von unten nach oben verlaufen – ausgehend von den Fischern

Fischer David Shoshola demonstriert weiteres Angel- und Fischereiwerkzeug und erläutert die jeweils erforderlichen Handgriffe. (Foto: Felix Seuffert)
Fischer David Shoshola demonstriert weiteres Angel- und Fischereiwerkzeug und erläutert die jeweils erforderlichen Handgriffe. (Foto: Felix Seuffert)

Nichtsdestotrotz scheinen im Management des Zugangs zu und des Umgangs mit natürlichen Ressourcen Muster auf, aus denen sich durchaus Handlungsempfehlungen für ähnliche Fälle ableiten lassen. So hat sich neben ökosystembasierten Ansätzen, die bei der Ausrichtung des Fangs nicht nur den Fisch, sondern auch die anderen Lebewesen im Meer einbeziehen, als Partizipationsmodell das Ko-Management bewährt. Bei diesem Modell von Aushandlungsprozessen nach dem Down-totop- Prinzip werden die Fischer vor Ort am politischen Prozess beteiligt – und genauso soll es auch in Elands Bay und Lamberts Bay geschehen. "Menschen versuchen, das Meer anhand von Institutionen zu reglementieren, und tendieren dazu, Ressourcen zwischen den Nutzern aufzuteilen“, sagt Milena Arias Schreiber. „Das Ökosystem Meer besteht aber aus aufs Engste miteinander verwobenen Einheiten, und es ist nicht absehbar, welche Auswirkungen es hat, die Ressourcen einfach aufzuteilen oder einzelne Teile durch deren Verschwinden dem Meer für immer zu entziehen."

Durchgesetzt hat sich die Einsicht, dass es hilfreich ist, das über Generationen gewachsene Wissen der Fischer vor Ort anzuerkennen, zu berücksichtigen, zu gewichten und es schließlich einfließen zu lassen in den von staatlicher Seite zu gestaltenden Rahmen, der die Fischereiwirtschaft ja durchaus nachhaltig aufstellen will. Ob die Regierung die Menschen in Elands Bay und Lamberts Bay tatsächlich erreichen wird und ihre Beschlüsse und Gesetze künftig eher im Positiven greifen oder negativ wirken, muss sich zeigen. Die Fischer haben jedoch bereits begonnen, sich in Kollektiven zu organisieren und den Prozess von ihrer Seite aus zu begleiten und auf einen guten Weg zu bringen.


Samantha Williams führt zahlreiche Interviews mit Fischern entlang der Küste zwischen Elands Bay und Lamberts Bay. Hier nehmen sich die Sprecher der Fischervereinigung Masifundise Development Trust Nico Waldeck (Mitte) und Brian Anderson Zeit für sie.
Samantha Williams führt zahlreiche Interviews mit Fischern entlang der Küste zwischen Elands Bay und Lamberts Bay. Hier nehmen sich die Sprecher der Fischervereinigung Masifundise Development Trust Nico Waldeck (Mitte) und Brian Anderson Zeit für sie. (Foto: Felix Seuffert)

Vorträge im Ministerium, Booklets für die Fischer:
Die Forscherinnen haben die Zielgruppen im Blick 

Samantha Williams hat bei dem auf insgesamt drei Jahre angelegten Projekt noch bis Mai 2017 Zeit für ihre wissenschaftlichen Analysen. Und Milena Arias Schreiber startet jetzt, im Frühjahr 2016, ihre begleitenden Feldphasen vor Ort. Beide wissen sich zudem in jedem Fall gut gesichert, falls sie einmal mit Projekt oder Kooperation nicht weiterkommen. Denn im Hintergrund gibt es, sofern erforderlich, noch die helfende Hand der Professoren Nikolaus Schareika und Eva Schlecht von der Universität Göttingen. Sie begleiten jene acht Fellows wissenschaftlich, die bei der Ausschreibung um eine Postdoktorandenförderung im Bereich "Livelihood Management" erfolgreich waren.

Milena Arias Schreiber und Samantha Williams wirken aber in jeder Sekunde so, als wissen sie, was zu tun ist und was sie erreichen wollen. So möchten sie die Ergebnisse ihrer Forschung nicht nur für die akademische Welt veröffentlichen, sondern sowohl in Vorträgen den politischen Entscheidungsträgern im zuständigen Ministerium nahebringen als auch über Workshops mit den Fischern in deren Dörfern verbreiten. Für die Basisarbeit dort wollen sie alsbald Booklets mit den Projektergebnissen produzieren einschließlich daraus abgeleiteter Empfehlungen für die politische Arbeit. Die engagierten Nachwuchskräfte hoffen, dass die Kommunen das Material dann auch nutzen. Und damit zudem der wissenschaftliche Nachwuchs an der University of Cape Town nicht zu kurz kommt, ermöglicht es Samantha Williams einem Studierenden, im Rahmen ihres Projekts eine Bachelorarbeit zu schreiben. Was der politische Prozess für die Fischer bedeutet, wird sich zeigen müssen; ebenso, inwieweit es durch die Forschung gelingen kann, ein Bewusstsein zu schaffen für eine bessere Gestaltung der Prozesse mit dem Ziel angemessenerer Rahmensetzungen für die lokale Fischerei – eben unter Beteiligung der Fischer vor Ort. "Ich hoffe, dass schon bald greifbare Veränderungen kommen und Effekte auch sichtbar werden", sagt sie.

Ein Ergebnis aber steht schon fest: Samantha Williams hat durch das Projekt eine Entscheidung für ihre eigene berufliche Zukunft getroffen. Die inzwischen gut ausgebildete Geografin möchte zumindest mittelfristig der Wissenschaft erhalten bleiben. "Die Förderung erlaubt es mir, weiter an meinem Thema zu arbeiten und meine Expertise auszubauen", stellt sie fest. Sie will sich auch weiterhin mit Fragen zum Umgang mit natürlichen Ressourcen beschäftigen. Denn das sei ein Arbeitsfeld, das nicht an Bedeutung verlieren werde und für das gut ausgebildete Experten in Afrika dringend benötigt würden. "Eine davon möchte ich sein – auch auf Dauer!"

Fischer wohnen wie anderswo in der Welt auch in dieser Region meist unter sich. Im Hintergrund eine kleine Ansiedlung nahe der südafrikanischen Lambert's Bay mit ausrangierten Fischerbooten ringsumher. (Foto: Felix Seuffert)
Fischer wohnen wie anderswo in der Welt auch in dieser Region meist unter sich. Im Hintergrund eine kleine Ansiedlung nahe der südafrikanischen Lambert's Bay mit ausrangierten Fischerbooten ringsumher. (Foto: Felix Seuffert)

Text: Melanie Gärtner // Fotos: Felix Seuffert