Ein Netzwerk für die Gesundheit

Das African Research Network on Neglected Tropical Diseases (ARNTD) soll nachhaltige Strukturen für die so notwendige Forschung schaffen.

Um den Kampf gegen NTDs zu gewinnen sind passgenaue Medikamente essenziell. Hier berät sich John Amuasi mit einem Pharmazeuten in Kumasi. (Foto: Jean-Rivel Fondjo)
Um den Kampf gegen NTDs zu gewinnen sind passgenaue Medikamente essenziell. Hier berät sich John Amuasi mit einem Pharmazeuten in Kumasi. (Foto: Jean-Rivel Fondjo)

Kleine Würmer unter der Haut bei Filariasis, Krampfanfälle bei der Schlafkrankheit Trypomosomasis oder eine geschwollene Leber durch Larvenbefall bei Bilharziose – schreckliche Krankheitsbilder, die vor allem die Ärmsten der Armen auf der Welt bedrohen. Der ghanaische Wissenschaftler Dr. John Amuasi weiß das nur zu gut: "Diese Krankheiten sind überall und machen nicht nur uns in Afrika das Leben schwer." Tropenkrankheiten beeinträchtigen rund eine Billion Menschen auf der Erde. Gegen einige gibt es Therapien, anderen sind die Patienten jedoch hilflos ausgeliefert, denn Tropenkrankheiten sind nach wie vor ein vernachlässigtes Gebiet. "Weil die Menschen so arm sind, gibt es auch wenig Marktanreize für die Entwicklung von Produkten für Diagnose und Therapie", sagt Amuasi.

Er engagiert sich schon seit langem, um das zu ändern: Als junger Medizinstudent bei Ärzte ohne Grenzen, später als Mitarbeiter der Drugs for Neglected Tropical Diseases Initiative (DNTI) hat er sich vielfältig für die NTD-Forschung eingesetzt. Seit einigen Jahren nun forscht er als Senior Research Fellow am Kumasi Centre for Collaborative Research in Tropical Medicine (KCCR) in Ghana und wurde 2014 als erster Executive Director des African Research Network on Neglected Tropical Diseases (ARNTD) berufen. Das Netzwerk soll alle afrikanischen Spezialisten auf diesem Feld zusammenzubringen und es soll sie mit politischen Entscheidungsträger vernetzen: Damit die Erkenntnisse aus der Wissenschaft konkret umgesetzt werden und die Hilfe da ankommt, wo sie am meisten gebraucht wird – bei den erkrankten Menschen. Dazu reist Amuasi zu wissenschaftlichen Kongressen in alle Regionen Afrikas, spricht mit Vertretern der staatlichen Gesundheitsvorsorge, versucht Vertreter von internationalen NGOs für die Sache zu begeistern und berät sich mit Kolleginnen und Kollegen aus seinem über die Jahren geknüpften individuellen Netzwerk.

Dr. John Amuasi, erster Direktor des ARNTD-Netzwerks, ist sich sicher, dass es substanziell dazu beiträgt, das Leben vieler Menschen in Afrika zu verbessern. (Foto: Jean-Rivel Fondjo)
Dr. John Amuasi, erster Direktor des ARNTD-Netzwerks, ist sich sicher, dass es substanziell dazu beiträgt, das Leben vieler Menschen in Afrika zu verbessern. (Foto: Jean-Rivel Fondjo)

Der Aufbau des großen NTD-Netzwerks ist Teil der Afrika-Initiative der VolkswagenStiftung, die sich seit 2005 auch auf den Bereich der Tropenmedizin erstreckt. Im Jahr 2007 initiierte die Stiftung gemeinsam mit vier europäischen Partnerinnen (Nuffield Foundation, Fondation Merieux, Fondazione Cariplo und Fundacao Calouste Gulbenkian) die European Foundation Initiative for African Research in Neglected Tropical Diseases (EFINTD). Zentrales Ziel war es, afrikanische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in verschiedenen Karrierestufen zu fördern und ihnen einen Anreiz zu bieten, sich an den Instituten der Heimatuniversitäten zu etablieren. Innerhalb von fünf Jahren wurden durch das Programm 23 Postdoktoranden und sechs Reisestipendiaten in Afrika mit einer Gesamtfördersumme von rund 4,5 Millionen Euro unterstützt. Als die Förderung auslief, entwickelten die Stiftungen eine Strategie, um das begonnene capacity building zu sichern und zu erweitern. Das ARNTD ist das zentrale Instrument dafür.

"Unser Ziel ist es, das erste länderübergreifende Netzwerk afrikanischer NTD-Experten aufzubauen, und dafür engagieren wir uns sehr", sagt Dr. John Amuasi. "Wir stehen nun vor der großen Aufgabe, andere so von unseren Ideen zu überzeugen, dass wir ihr Vertrauen und ihre finanzielle Unterstützung gewinnen." Ziel des Netzwerks ist es, Zusammenarbeit und Austausch innerhalb Afrikas Wissenschaft zu stärken, über gute Ausbildung den Nachwuchs an den heimischen Universitäten zu fördern und langfristig Strukturen aufzubauen, aus denen heraus die Wissenschaftler Drittmittel für ihre Forschung selbstständig einwerben können. Bis 2019 stehen Dr. John Amuasi für den Aufbau des Netzwerks insgesamt 500.000 Euro aus dem EFINTD-Verbund der europäischen Stiftungen zur Verfügung.

Wenn die Informationen zu den NTDs in die Bevölkerung hineingetragen und sie aktiv an Prozessen zur Bekämpfung der Krankheiten beteiligt werden, ist sichergestellt, dass die Stimmen der Menschen gehört und beachtet werden. (Foto: Jean-Rivel Fondjo)
Wenn die Informationen zu den NTDs in die Bevölkerung hineingetragen und sie aktiv an Prozessen zur Bekämpfung der Krankheiten beteiligt werden, ist sichergestellt, dass die Stimmen der Menschen gehört und beachtet werden. (Foto: Jean-Rivel Fondjo)

Die meisten Wissenschaftler, die sich derzeit für das ARNTD engagieren, sind ehemalige Stipendiaten dieses Förderprogramms. "Langfristig wollen wir den Kreis der Mitglieder um weitere afrikanische Experten im Bereich NTD erweitern und neben politischen Entscheidungsträgern auch Ärzte, Apotheker und Gesundheitsexperten mit einbeziehen", sagt Dr. John Amuasi. "Wir stellen immer wieder fest, dass zwischen Forschung und Politik eine Lücke klafft, die es schwierig macht, dass neue Forschungsergebnisse umgesetzt werden und bei den Patienten ankommen." Ein Beispiel für solche Schwierigkeiten war die Durchsetzung des neu entwickelten Malariamedikaments für unkomplizierte Malariaerkrankungen (artemisinin based combination therapy, ACT), das gegenüber herkömmlichen Mitteln höhere Wirkungskraft und weniger Resistenzen aufweist. ACTs wurden zwar offiziell empfohlen, von den Ärzten und Patienten aber kaum angenommen. "Das Problem war, dass man das herkömmliche Mittel immer noch beziehen konnte", sagt Dr. John Amuasi. "Ärzte und Patienten haben sich an das Medikament gehalten, das sie es gewohnt waren, obwohl das Mittel weniger wirksam ist. Eine gewisse Steuerung wäre da gut gewesen."

Faktoren für den Erfolg eines neuen Medikaments sind seine Verfügbarkeit, aber auch der Ladenpreis. Dr. John Amuasi hat sich mit solchen Bedingungen intensiv auseinandergesetzt, auch in seiner Dissertation an der University of Minnesota, School of Public Health, USA. Aus seiner langjährigen Beobachtung der Umsetzung von Therapien weiß er auch, wie wichtig es ist, die richtigen Leute zu begeistern. "Zum Beispiel hat die Unterstützung des Carter Centers des ehemaligen U.S.-Präsidenten dazu beigetragen, den Guineawurm nahezu auszurotten", sagt Dr. John Amuasi. "Wenn wir es schaffen, mit dem ARNTD auf einer solchen Ebene sichtbar zu werden, werden auch wir für viele potentielle Unterstützer interessant sein." Einige entscheidende Schritte hat er dafür schon eingeleitet. So konnte ein Vertreter des ARNTDs bei der pre-G7-conference in Deutschland vor hochrangigen Politikern wie der deutschen Bundeskanzlerin die Idee des Netzwerks vorstellen. Zudem soll auch der ehemalige Präsident Ghanas John Agyekum Kufuor, der bereits jetzt weltweit um mehr Aufmerksamkeit für NTDs wirbt, von der Netzwerk-Idee überzeugt werden.

In Netzwerken aktiv zu sein bedeutet auch, viel zu reisen: Dr. Amuasi verlässt den Flughafen, um an einer Konferenz zum Thema „Country Leadership and Collaboration on NTDs“ in London im Juni 2015 teilzunehmen. (Foto: Jean-Rivel Fondjo)
In Netzwerken aktiv zu sein bedeutet auch, viel zu reisen: Dr. Amuasi verlässt den Flughafen, um an einer Konferenz zum Thema „Country Leadership and Collaboration on NTDs“ in London im Juni 2015 teilzunehmen. (Foto: Jean-Rivel Fondjo)

Dr. John Amuasi und seine Kollegen haben einen Aktionsplan entwickelt, mit dem sie bis 2019 das ARNTD nachhaltig ausbauen wollen. Neben dem Anbahnen von Kontakten zu Sponsoren und der fortlaufenden Ausbau der der NTD-Forschung in Afrika, zielen sie auf die Entwicklung von Kommunikationsinstrumenten und -kanälen, mit denen die Erkenntnisse der Wissenschaft direkt bei der betroffenen Bevölkerung ankommen. "Unser Traum ist, dass die Menschen nicht mehr an Krankheiten leiden müssen, für die es keine adäquate Behandlung gibt. Das ist ein Ziel, für das es sich wirklich zu kämpfen lohnt."

Melanie Gärtner