"Die neuen Bürger der Gelehrtenrepublik"

An der Universität Göttingen wird mit Mitteln aus dem Niedersächsischen Vorab das "Göttingen Center for Digital Humanities (GCDH)" aufgebaut. Ein Interview mit dem geschäftsführenden Direktor Prof. Dr. Gerhard Lauer, geführt im Vorfeld der Herrenhäuser Konferenz "(Digital) Humanities Revisited" in Hannover, 5. bis 7. Dezember 2013.

Vera Szöllösi-Brenig im Gespräch mit dem dem Göttinger Literaturwissenschaftler Professor Gerhard Lauer. (Foto: Christoph Edelhoff für VolkswagenStiftung)
Vera Szöllösi-Brenig im Gespräch mit dem dem Göttinger Literaturwissenschaftler Professor Gerhard Lauer. (Foto: Christoph Edelhoff für VolkswagenStiftung)
Welche Hinweise, Ergebnisse oder Entwicklungen versprechen Sie sich von der Herrenhäuser Konferenz?

Digital Humanities oder genauer die computergestützten Geisteswissenschaften scheinen auf den ersten Blick eine kleine Community zu sein, eben die Nerds. Die Herrenhäuser Konferenz macht deutlich, dass es anders ist. Es gibt eine große Neugierde für neue Wege in den Geisteswissenschaften. Mehr als 250 Teilnehmer sprechen für sich, und mehr noch die vielen Bewerbungen für die Kurzvorträge durch die jüngeren Kolleginnen und Kollegen. Wir hätten auch dreimal so vielen Vorträgen Platz geben können, soviel Interesse besteht daran, neue Forscherergebnisse vorzustellen. Digital Humanities zieht an.

Und natürlich ist es wichtig, dass die noch vielfach verstreute geisteswissenschaftliche Community so verschiedener Fächer zusammenkommt. Die Herrenhäuser Konferenz lässt viel Raum für Gespräche. Es ist nicht die klassische Konferenz mit einem engen Reigen von Vorträgen, sondern ein Ort der Diskussion. Viele Fächer, viele neue Ideen und interessante Köpfe, die neugierig sind auf eine Erweiterung der bisherigen Geisteswissenschaften, das macht die Herrenhäuser Konferenz aus.

Herr Lauer, Sie sind Literaturwissenschaftler heute. Welche Fragen wird sich der Literaturwissenschaftler der Zukunft stellen, was wird er anders machen als bislang?

Noch vor wenigen Jahrzehnten war es aufregend, eine Bibliografie mit einem Telefonkoppler automatisiert durchsuchen zu können. Heute ist es Alltag, Bibliothekskataloge überall auf der Welt mittels Computer zu durchleuchten. Und auf digitale Editionen wird wie selbstverständlich zurückgegriffen, als hätte es diese immer schon gegeben.

In den nächsten Jahren wird das alles nicht nur für Texte möglich sein, sondern auch für Bilder, Filme und Objekte – beispielsweise wird gerade eine Technologie erprobt, wie sich Informationen aus Fernsehsendungen, die in den Archiven der Sender lagern, für an bestimmten Inhalten interessierte Nutzer via Internet bereitstellen lassen. In Metakatalogen wie der Europeana werden heute schon – ein anderes Beispiel – unterschiedliche Sammlungen zusammengeführt und Bilder und Texte miteinander verknüpft.

Das alles ändert die Relationen, in denen wir kulturelle Hervorbringungen wahrnehmen und wissenschaftlich bearbeiten. Wenig beachtete Werke, Spezialsammlungen oder Verbindungen zwischen Kunst-, Musik- und Literaturgeschichte treten plötzlich hervor. Das verschiebt die vertrauten kulturellen Hierarchien und Kanones. Schließlich kommen neue Methoden hinzu, die bislang nicht zum Inventar des Faches zählen – etwa Statistik oder Stylometrie. Sie erlauben Untersuchungen, die noch vor Kurzem als unmöglich gelten mussten. Weil immer mehr Literaturwissenschaftler und -wissenschaftlerinnen solche Methoden und Ansätze verwenden, gehe ich davon aus, dass die Digitalisierung das Gegenstandsfeld nicht nur in den Literaturwissenschaften nachhaltiger verändern wird, als dies gegenwärtig vielen von uns bewusst ist.

Foto: Christoph Edelhoff für VolkswagenStiftung
Foto: Christoph Edelhoff für VolkswagenStiftung
Spötter behaupten, dass die Literaturwissenschaftler in Zeiten der "Digital Humanities" zum Wörterzählen verkommen...

Zum einen sind die Digital Humanities aus der ganz klassischen Auseinandersetzung mit einzelnen, zumeist hochkanonischen Werken hervorgegangen. Die Edition der Parzival- oder Faust-Handschriften sind dafür Beispiele, in der Musik die digitale Mozart-Ausgabe, in der Kunstgeschichte die Leonardo da Vinci-Edition, in der Wissenschaftsgeschichte Darwin online, in der Theologie die Thomas-Ausgabe.

Zum anderen aber urteilen solche Spötter nicht nur in Unkenntnis der jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit Werken, sondern ebenso in Unkenntnis, was Datenmodellierung, formale Modelle und Statistik zu leisten vermögen – eine typische Überheblichkeit mancher Geisteswissenschaftler gegenüber den in den Naturwissenschaften gängigen Methoden. Wörterzählen gehört zu den sinnvollen Methoden der Textwissenschaften. Man kann mit intelligent konzipierten Wortfrequenzlisten die stilistische Besonderheit eines Heinrich von Kleist ermitteln oder die Unterschiedlichkeit von weiblichen und männlichen Autoren zu einer historischen Zeit bestimmen. Diese nicht-hermeneutischen Methoden sind in der Linguistik akzeptierte Verfahren, in der Literaturwissenschaft werden sie es in den nächsten Jahren werden.

Wenn ich Sie recht verstehe, dann wird künftig das einzelne Buch eines großen Autors wie Goethe oder Schiller für den Literaturwissenschaftler zunehmend an Bedeutung verlieren. Was bedeutet das für das Fach? Tragen Sie dadurch nicht zum Verlust des Kanons bei?

Der Kanon – darunter verstehen wir ja zusammengefasst jene Werke der Literatur, die herausgehobenen Wert haben sollen – wird sich ändern, wie er sich schon immer geändert hat. Es wird weiterhin die Ausgaben der großen Werke geben, aber dazu kommt das, was man mit dem Klassischen Philologen Gregory Crane die "million books situation" nennen kann. Wir können erstmals in der Fachgeschichte der Literaturwissenschaften nicht nur eine überschaubare Zahl von ein paar hundert Büchern wissenschaftlich bearbeiten, sondern Millionen Bücher, wie sie in den Korpora etwa von Google Books, vor allem aber in den digitalisierten Buch- und Drucksammlungen der Bibliotheken bereitliegen.

Jetzt sehen wir zum Beispiel, dass im Jahr 1809 nicht nur Goethes "Wahlverwandtschaften" erschienen sind, sondern rund hundert weitere deutsche Romane. Wir können das mit den Korpora der anderen europäischen Literaturen vergleichen und besser ermitteln, welches die Besonderheiten etwa der deutschen im Unterschied zur französischen, italienischen oder englischen Literaturgeschichte sind. Das ändert die Gewichte uns vertrauter Werke und verschiebt den Kanon. Aber das Ergebnis wird nicht sein, dass alle Werke gleich grau sind. Im Gegenteil: Wir werden vielfach erst dann genauer verstehen, was die Einzigartigkeit etwa der "Wahlverwandtschaften" ausmacht. Nur Laien glauben, dass Statistik alles nivelliert. Das Gegenteil ist richtig: Es kommt auf die Unterschiede an, also auf Eigenheiten von Texten, die letztlich die ihrer Autoren und Leser sind.

Bleiben wir bei der möglichen Verlustseite durch die Digital Humanities. Teilen Sie die Befürchtung, dass der Literaturwissenschaftler der Zukunft nicht mehr "lesen", also verstehen, interpretieren kann? Oder ist das zu kulturpessimistisch?

Über die digitale Welt kann man nicht reden, ohne dass die kulturphilosophischen Gemeinplätze einrasten. Nur wer viel liest, hat ein Wissen über Texte; nur wer viele Bücher studiert hat, wird eine präzise Textanalyse erarbeiten können: ob mit oder ohne Statistik. Das gilt weiterhin. Niemand nimmt ja an, dass Astrophysiker sich nicht mehr für Sterne und das Weltall interessieren, nur weil dort digital gestützte Methoden untrennbarer Bestandteil wissenschaftlichen Arbeitens sind. So wie dort genaue Beobachtung und Kenntnisse zählen, so ist das auch in einer geisteswissenschaftlichen Disziplin wie der Literaturwissenschaft der Fall.

In einem historisch derart (selbst-)bewussten Fach wie der Klassischen Philologie arbeitet heute fast jeder mit den digitalen Ausgaben, Wörterbüchern und Übersetzungen der "Perseus Digital Library". Und das Ergebnis ist, dass mehr klassische Texte gelesen werden – und zwar schon von den Studierenden in den ersten Semestern.

Die Nachfrage etwa nach der digitalen Mozart-Ausgabe (http://dme.mozarteum.at/DME/main/index.php) ist weltweit so groß, dass der Server die Hundertausenden von Anfragen oft nicht abarbeiten kann. Akademie-Vorhaben zu historischen Inschriften haben – kaum dass sie im Netz zugänglich sind – Tausende von Abfragen. Vorher lagen die Nachfragen gerade einmal im zweistelligen Bereich.

Die digitale Welt adressiert nicht mehr die Wenigen, wir reden hier über potenziell mehr als zwei Milliarden Leser. Sie sind die Herausforderung, der wir uns stellen müssen, nicht die Wiederholung der Urteilsroutinen aus der Tradition der deutschen Kulturphilosophie.

Werden sich auch Ihre Tätigkeit und Ihr Selbstverständnis als Literaturwissenschaftler ändern?

Ja, wenn auch nur langsam. An der Art und Weise, wie sich die Sprachwissenschaft zur modernen Linguistik wandelt, kann mein Fach, die Literaturwissenschaft, ganz gut studieren, wie sich dieser Wandel vollziehen dürfte.

Dabei ist allerdings zu bedenken, dass der disziplinäre Umbau nur zu einem Teil von der digitalen Modernisierung angetrieben wird. Mindestens ebenso wird er von den veränderten Bildungsvorstellungen in unserer Gesellschaft forciert, den anderen Medien, dem demografischen Wandel oder auch der Internationalisierung unserer Studenten, die in den nächsten Jahren spürbar die Geisteswissenschaften erreichen wird.

Wir können nicht mehr als die Hüter des kulturellen Erbes auftreten, wie es noch eine Fachtradition tun konnte, die selbstverständlich davon ausging, dass ohne Reflexion auf das Mittelalter oder auf Goethe die deutsche Nation nicht weiß, wer sie ist. Wir sind auch nicht die Pfleger des "seltenen Sinns für die Wenigen" – in Anlehnung an Stendhals berühmte Widmung "to the happy few", wie es immer noch im Fach kultiviert wird. Aber noch dominiert dieses Selbstverständnis.

Wenn Bücher, Bilder, Filme und Töne in Zukunft "nur noch" Daten sind – gibt es ein Szenario für interdisziplinäres Arbeiten?

Daten sind ja nicht Informationen und als pure Daten auch noch nicht etwas Verstandenes. Aber als digitale Daten können sie auf einer noch vor Kurzem kaum vorstellbaren Weise miteinander verknüpft werden – und das in einem Maßstab, den wir uns ebenfalls kaum vorstellen können. Das verändert das Verhältnis der Fächer wie ihrer Objekte zueinander. Passagen aus der Musik lassen sich mit Passagen aus der Literatur vergleichen, um etwa einen bestimmten romantischen Duktus zu identifizieren; zu Beginn des 19. Jahrhunderts vom Protodarwinisten Johann Friedrich Blumenbach niedergeschriebene Beobachtungen zum Verhalten von Primaten können mit zeitgenössischen anderen Naturbeschreibungen verlinkt und auch mit heutigen Betrachtungen verknüpft werden. Um die Namen der sechs Millionen ermordeten Juden zu ermitteln, werden heute schon Steuerlisten und KZ-Listen, Bilddatenbanken und Tagebücher, Verzeichnisse von Gedenkstätten und Aufzeichnungen von Überlebenden miteinander verknüpft. Und damit ist nur ein kleiner Ausschnitt einer neuen disziplinären Struktur umrissen, die natürlich auch die Grenze zu Fächern wie der Bioinformatik umgreift. Ein neues Szenario ist im Entstehen begriffen; es liegt an uns, es zu gestalten.

Bücher waren in der Vergangenheit mehr als Buchdeckel, zwischen denen Geschichten schlummern – in Büchern hat die Menschheit ihr Wissen gespeichert und vor allem geordnet. Wie wird das in Zukunft sein, wenn unser Wissen in Datenbanken ruht?

Es gibt Bücher, und es gibt Datenbanken. Wie so oft bei neuen Medien treten diese neben die alten. Daher ändert sich auch die Zahl der intensiven Leser seit Jahrzehnten nur unwesentlich. Daraus entstehen nicht nur neue Strukturen, in denen Wissen prozessiert. Vielmehr werden Bücher nur ein Speicherformat neben derzeit bereits vielen anderen, nicht nur digitalen Speicherformaten sein. Krankenakten sind schon lange eine wichtige Datenquelle und doch kein Buch. Die Schwierigkeit besteht heute eher darin, dass die digitale Modernisierung in vielen Feldern wie insbesondere im Recht dringend Anpassungen verlangt, mit denen wir kaum nachkommen. In Datenbanken abgelegtes Wissen über Krankheiten ist ein Beispiel dafür. Wer darf unter welchen Regeln über wen aus solchen Datenbanken Informationen gewinnen? Hier brauchen wir Regularien, und die können nicht einfach die Fortschreibung bekannter sein.

Der amerikanische Vordenker Kevin Guthrie von der Zeitschriftenplattform ITHAKA sieht das "Ende des akademischen Ökosystems" voraus. Geisteswissenschaftler müssten künftig mit dem interessierten Laien kommunizieren. Wie sehen Sie das?

Ich hoffe, er hat recht. Dass sich die kalifornischen Universitäten gegen die strangulierende Preispolitik des Oligopols der Wissenschaftsverlage wehren oder jüngst gerade erst die Mathematische Fakultät der TU München die Abonnements der unzumutbar verteuerten Zeitschriften des Elsevier-Verlags gekündigt hat, zeigt ebenso wie das Aufkommen von Wissenschaftsblogs und anderen Formaten, dass hier ein neues Selbstbewusstsein der Wissenschaften – genauer: ihrer Akteure – entsteht. Das hat zum Teil mit der digitalen Revolution zu tun, aber mindestens ebenso mit dem rasanten Anstieg der Wissenschaften zu einer immer schneller wachsenden Instanz, die immer weitere Lebensbereiche durchdringt. Das akademische Ökosystem ähnelt aber noch sehr dem aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, als sich die modernen Naturwissenschaften von den Geisteswissenschaften zu lösen begannen.

Wir müssen anfangen, die interessierten Laien und vor allem unsere Studenten nicht als die Abhängigen in der Gelehrtenrepublik zu behandeln, sondern als deren Bürger. Das hat viel mit den digitalen Möglichkeiten zu tun, die uns Chancen eröffnen, Konzepte dafür zu entwickeln, wie wir sie als Bürger ernst nehmen können. Es ist dieser Wandel der Akteure, den wir in Schulen und Universitäten, Fakultäten und Fächern erst noch zu erbringen haben, und die Aufgabe, an der uns die Gesellschaft messen wird.