Das große Public Misunderstanding

Das große Public Misunderstanding: Warum habe ich diesen Titel für meinen Beitrag gewählt? Weil ich mich schon seit Jahren über den Begriff PUSH ärgere. Da setzt man sich das Ziel, mit den Menschen in Deutschland zu reden, und übernimmt dafür einen sperrigen, englischsprachigen Begriff: Public Understanding of Science and Humanities. Dann wird daraus in bester Tradition der Förderprogramme ein Akronym gemacht, und damit sind die Dinge verwissenschaftlicht, schon bevor man mit der Kommunikation angefangen hat. 

Das Schlimmste an dem Begriff ist aber: Für mich verbindet sich PUSH mit einer überholten Vorstellung von Einbahnstraßen-Kommunikation. Dahinter steht die Idee, dass man als Absender die eigene Botschaft einfach nur in die Öffentlichkeit reindrücken muss. Und das geht an dem aktuellen Kommunikationsverhalten der Menschen dramatisch vorbei. Jeder Inhalt ohne PULL-Faktor – also ohne Relevanz – fällt im Netz durchs Netz und wird nicht mehr wahrgenommen.

Public Misunderstanding als gesamtgesellschaftliches Phänomen

Mit Public Misunderstanding kann man aber auch das beschreiben, was derzeit zwischen den Eliten und der Bevölkerung in unserem Land insgesamt passiert: ein großes öffentliches Missverständnis. Und das möchte ich entlang meiner persönlichen Erfahrungen deutlich machen, die ich in den vergangenen Monaten in einem Land in der Vertrauenskrise sammeln konnte.

Es ist Zeit, weniger über sich selbst zu reden, sondern mehr mit dem Gegenüber.

In meiner Branche kratzen wir, anders als in der Wissenschaft, oft an der Oberfläche. Aber das tun wir immer wieder – an sehr vielen Oberflächen. Und daraus ergeben sich seismografische Schwingungen, die erstaunlich ähnliche Bilder über den Zustand unserer Eliten und unserer Gesellschaft zeichnen. 

Egal wo ich als Kommunikationsberater unterwegs war: In der Politik, in Kirchenkreisen, bei Medien aller Arten, im Sport oder auch in der Wissenschaft – überall hört man dieselben Klagen: "Die Menschen hören uns nicht mehr zu und glauben uns nicht", "Wir dringen mit unseren Botschaften nicht mehr durch", "Wir werden beschimpft und verleumdet", "An allem wird uns die Schuld gegeben".

Mann reicht nicht an anderen Mann heran
Das Gefühl des Abgehängtseins befällt viele Menschen außerhalb der Wissenschaft. (Bild: jozefmicic - fotolia.com)

Und alle stellen sich dieselbe Frage: Wie gewinnen wir Vertrauen zurück, das offenbar verloren gegangen oder zumindest gesunken ist? Für mich beginnt die Beantwortung dieser Frage mit der Frage, wie sie es verloren haben. Vorab: Die Eliten sind nicht allein schuld. 

Einer der Hauptgründe für den Vertrauensverlust ist die atemberaubende Beschleunigung von allem – Digitalisierung, Globalisierung, Migration etc. Damit verbunden sind zwei Bauchgefühle der Menschen. Das eine Gefühl lässt sich mit der Wahrnehmung beschreiben: "Diese Veränderungen haben Auswirkungen auf mich, aber ich weiß noch nicht, welche." Und das zweite Gefühl lautet: "Die da oben wissen doch auch nicht, wie sie mit dieser Veränderung umgehen sollen. Sie tun aber so."

Und diese Wahrnehmung verunsichert. Das Gefühl des Abgehängtseins kommt von einer unbestimmten Sorge über eine unsichere Zukunft in einer sich radikal verändernden Welt. Plötzlich fahren wir alle "auf Sicht".

Beobachtung der Parallelen, die diese Eliten in der Krise Verbinden

Was verbindet nun die Eliten in dieser unsicheren Welt, und was liegt in ihrer Verantwortung? Aus meinen aktuellen Erfahrungen sind es vier Parallelen, die man ziehen kann. 

Parallele 1: Eine institutionelle Unfähigkeit zur Selbstkritik 

Alle der genannten Institutionen haben Angst, sich angreifbar zu machen bei einem offenen, öffentlichen und kritischen Blick auf sich selbst und sich in ihrer Rolle zur Disposition zu stellen. Das führt zu einer Unbeweglichkeit und Unfähigkeit zur Erneuerung aus sich selbst heraus. Wer sich bewegt, verliert. 

Parallele 2: Eine ostentativ vorgetragene Überzeugung, das Richtige und Gute zu tun 

All diese Institutionen sind sich absolut sicher, dass ohne sie dieses Land zusammenbrechen würde. Dieser Alleinvertretungsanspruch für die Interpretation von dem, was gut und was schlecht für die Gesellschaft ist, wird auch als Ignoranz gegenüber anderen Meinungen wahrgenommen oder als eine Form von Paternalismus. 

Parallele 3: Eine intransparente Verflechtung mit der Politik 

All diese Institutionen profitieren auf direkte oder indirekte Art und Weise massiv von staatlichen Förderungen, Gebühren oder Steuereinnahmen. Damit ist die Politik der wichtigste Stakeholder der genannten Eliten. Die orientieren sich daher immer stärker an ihren Geldgebern statt an der Öffentlichkeit. Und das weckt Misstrauen. 

Parallele 4: Eine scheinbare Dialogbereitschaft ohne echte Mitsprache 

All diese Institutionen versuchen sich in Dialogformaten, die den Bürger einbeziehen, ohne ihn mitgestalten zu lassen. Und nichts ist frustrierender als ein Gesprächsangebot, das nicht ernst gemeint ist. 

Die Basis zwischen zwei Menschen bröckelt
Das bröckelnde Vertrauen in die Wissenschaft und das Wissenschaftssystem muss dringend erneuert werden. (Bild: dimon_ua - fotolia.com)

Ein Blick auf das Wissenschaftsbarometer von Wissenschaft im Dialog scheint Teile dieser Analyse zu bekräftigen. Drei Viertel der Deutschen nennen darin als Grund für Misstrauen gegenüber der Wissenschaft die starke Abhängigkeit von Geldgebern. Fast 60 Prozent halten den Einfluss der Politik auf Wissenschaft für groß/sehr groß. Aber nur 25 Prozent halten umgekehrt den Einfluss der Wissenschaft auf die Politik für ähnlich bedeutend.

Vier Vorschläge für einen neuen Kommunikationsstil

Was kann die Wissenschaft nun tun, wenn sie dazu beitragen will, einen weiteren Vertrauensverlust zu verhindern oder wieder Vertrauen zu gewinnen? Vier in der Kürze zugegebenermaßen pauschale Lösungswege möchte ich vorschlagen: 

1. Neue Ehrlichkeit: Ehrlich zu sich selbst sein und ehrlich mit den Bürgern sein. Das setzt voraus, dass die Eliten selbstkritisch mit ihrem Bild in der Öffentlichkeit umgehen. Dass Selbstverständlichkeiten hinterfragt werden. Die Fördermilliarden sollten nicht einfach so verbucht werden. Es sollte auch erklärt werden, wo sie herkommen, warum es richtig ist, wie sie ausgegeben werden. 

2. Neue Unabhängigkeit: Die Wissenschaft muss sich von der Politik emanzipieren und runter von ihrem Schoß. Das setzt eine neue Streitbarkeit voraus, auch die Hand zu beißen, die einen füttert. Dazu gehört auch, nicht für jeden Politiker und seine Agenda wissenschaftlicher Steigbügelhalter zu sein. Und das heißt auch, viel härter in der kritischen und öffentlichen Beurteilung falscher oder verfälschender Veröffentlichungen zu sein. Hier sind vor allem die obersten Köpfe der Wissenschaftsorganisationen gefragt, mehr öffentliches Profil zu zeigen.

3. Neue Sichtbarkeit: In der Welt der digitalen und (a)sozialen Medien muss die Wissenschaft eine lautere und eigenständigere Stimme erlangen. 

Medien tendieren in diesen Zeiten dazu, Wissenschaft weniger genau zu prüfen. Politik tendiert dazu, wissenschaftliche Ergebnisse für ihre eigenen Ziele zu missbrauchen. Konsumenten tendieren dazu, Informationen ungeprüfter zu übernehmen, solange sie ihren Überzeugungen entsprechen – eine Abwärtsspirale. 

Mauer steht zwischen zwei Menschen, die sich utnerhalten
Verständlichkeit der Wissenschaft ist ein entscheidendes Mittel. (Bild: porrot - fotolia.com)

Dagegen helfen Quantität (im Netz) und Qualität (in der Substanz). Und dabei sollten Synergien genutzt werden. Vielleicht braucht die Wissenschaft ein Bündnis nach dem Vorbild der "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft", die mit offenem Visier für ihre Themen kämpft und streitet. 

4. Neue Nähe: Was heißt Qualität in der Substanz, wenn es um Vertrauensbildung geht? Das heißt Verständlichkeit. Das heißt vor allem, von den Bedürfnissen der Zielgruppe aus zu denken. Was ist für die Menschen wirklich relevant entlang ihrer Lebenswelt? Alles andere wird ohnehin ausgeblendet. 

Ich empfehle, nicht wissenschaftszentriert, sondern menschenzentriert zu kommunizieren. Es ist Zeit, weniger über sich selbst zu reden, sondern mehr mit dem Gegenüber.

 

Weitere Beiträge zu unserem Themenschwerpunkt finden Sie unter "Wissenschaft und Gesellschaft".

Zwei Experten aus der Wissenschafts-PR, Franz Ossing und Josef Zens, reagieren auf Stefan Wegners Beitrag im Artikel "Wo Stefan Wegner irrt – eine Erwiderung auf den Gastbeitrag "Public Misunderstanding""

 

Stefan Wegner Scholz & Friends

Zur Person

Stefan Wegner ist mit dem Wissenschaftssystem bestens vertraut: Jahrelang betreute er u. a. das Marketing für die Wissenschaftsjahre. Dieser Text basiert auf Wegners Impulsvortrag bei der Konferenz "Wissenschaft braucht Gesellschaft – Wie geht es weiter nach dem March for Science?".