"Corona hat meine Routinen völlig zerstört"

Prof. Dr. Barbara Caspers ist Freigeist-Fellow der Stiftung. Sie erforscht an der Universität Bielefeld, wie wichtig Duftsignale für die Beziehung zwischen Vogelküken und ihren Eltern sind – vor allem an Zebrafinken.  

Frau Caspers, der Lockdown hat unseren Alltag massiv eingeschränkt. Welche Konsequenzen hatte das für Ihre Forschung? 

Barbara Caspers: Durch Corona ist meine Forschung plötzlich unterbrochen worden, mit unterschiedlichen Auswirkungen auf meine Arbeit. Hier in der Universität untersuche ich mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, welche Bedeutung der Geruch für die Bindung von Küken und Eltern hat.

Für die tägliche Versorgung sind bei uns glücklicherweise Tierpflegerinnen und -pfleger zuständig, die auch während Corona arbeiten. Aber für unsere Versuche müssen die Zebrafinken täglich kontrolliert und das Brutverhalten protokolliert werden. Also wann die Finken ihre Eier legen, wann die Jungen schlüpfen und wie sie sich entwickeln. Und dafür müssen natürlich Leute aus dem wissenschaftlichen Team vor Ort sein. Mit dem Lockdown war das nicht mehr möglich. Die Bachelor- und Masterarbeiten meiner Studentinnen und Studenten mussten für einige Monate ruhen. 

Und wie hat sich Corona auf die Arbeit im Freiland ausgewirkt?

Ich hatte eigentlich vor, mit einem Doktoranden im März nach Madagaskar zu fliegen. Wir wollten dort bei mehreren Regenpfeiferarten untersuchen, welche Funktion bestimmte Duftstoffe haben, die die Vögel mit einem Sekret über ihre sogenannte Bürzeldrüse ausscheiden. Doch wegen Corona konnten wir nicht mehr reisen.

Während wir bei der Laborarbeit mehrere Monate verloren haben, ist meinem Doktoranden jetzt ein ganzes Jahr verloren gegangen, weil die Regenpfeifer nur zwischen März und Juni brüten und ihre Jungen aufziehen. Wir hoffen, dass die Feldarbeit im kommenden Jahr nachgeholt werden kann. So eine Doktorarbeit ist auf drei Jahre angelegt. Jetzt wird sie mindestens ein Jahr länger dauern.  Wie das finanziert werden soll, wissen wir noch nicht.

Welche anderen Herausforderungen haben sich gestellt?

Es war unmöglich, neue Bachelor- und Masterstudentinnen und -studenten anzulernen – ihnen beispielsweise zu zeigen, wie man Zebrafinken mit Plastikringen markiert, um diese unterscheiden zu können. Das ging jetzt nicht mehr. Hinzu kam, dass ich die Lehre von jetzt auf gleich auf digital umstellen musste. Die Vorbereitung und Nachbereitung hat viel mehr Zeit gekostet als üblich.

Für mich persönlich war es auch herausfordernd, im Homeoffice zu arbeiten – ich habe Kinder. Insofern hat Corona meine Routinen völlig zerstört. Wegen der geschlossenen Schulen war der Alltag doch so ziemlich auf den Kopf gestellt. Daheim "Home" und "Office" zu trennen ist sehr schwierig, wenn auf einmal alle zu Hause sind. Irgendwie verschwimmen Arbeits- und Familienzeiten miteinander. Auf der einen Seite total schön, wenn man jeden Tag gemeinsam zu Mittag essen kann, auf der anderen Seite muss ich mich im Corona-Alltag um viel mehr kümmern als sonst.

Viele Menschen können der Corona-Krise trotz allem Positives abgewinnen. Sie auch?

Erstaunt hat mich, was in Sachen Verwaltung plötzlich möglich ist. Normalerweise müssen Unterlagen persönlich in der Verwaltung der Universität abgeben werden. Nun konnte plötzlich alles per PDF-Datei eingereicht und elektronisch unterzeichnet werden. Das ist eine deutliche Arbeitserleichterung und bleibt hoffentlich auch nach Corona möglich. 

Hat die Digitalisierung im Zuge von Corona auch Vorteile für Ihren Forschungsalltag?

Ja. Als positiv empfinde ich, dass wir Seminare jetzt auch als Videokonferenzen abhalten. Damit kann man auch Kolleginnen und Kollegen zuschalten, die sonst nicht mit dabei sein können. Wir hatten zum Beispiel Vortragende aus Australien und den USA, was die Veranstaltungen enorm bereichert hat. Und noch ein Gewinn: In unserem Bereich gibt es zum Beispiel Mitarbeiterinnen, die im Mutterschutz sind. Früher wären sie für diese Zeit ganz aus dem Forschungsbetrieb raus gewesen. Mit den Videokonferenzen sind sie nicht ganz abgekoppelt. Jetzt können sie sogar mit Baby auf dem Schoß mit dabei sein. Ich kann mich selbst noch gut daran erinnern, wie zerrissen ich mich in der ersten Zeit mit meinen Kindern gefühlt habe, weil ich mich aus der Forschung herausgedrängt fühlte.  

Heißt das, dass Sie Ihre Lehre und Ihre Forschung künftig stärker auf Online-Formate ausrichten werden?

Einiges werde ich aus der Corona-Zeit sicher übernehmen. Andererseits bin ich ein sehr kommunikativer Mensch, und ich finde es furchtbar, dass ich meine Gruppe monatelang nicht gesehen habe. Außerdem sind die Online-Meetings anstrengend, weil ich mich sehr stark konzentrieren muss. Und am Ende sitzt man viele Stunden am Tag am Rechner. Solche Meetings haben Vorteile, aber der persönliche Draht ist doch sehr wichtig. Ich habe jetzt gemerkt, dass ich viele wichtige Dinge sonst nebenbei bespreche, wenn ich Leute treffe – auf dem Flur, beim Gang in die Mensa oder abends in der Kneipe. Da werden auch viele Entscheidungen getroffen. Mit dem Homeoffice fällt das alles weg. 

Das bedeutet, dass sich der direkte Draht durch nichts ersetzen lässt?

Ja, so sehe ich das. Das gilt vor allem auch für meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die während der Corona-Zeit zum Teil völlig isoliert waren. Wer eine Bachelor-, Master- oder Doktorarbeit schreibt, verbringt die meiste Zeit an der Uni. Da spielt sich das ganze Alltags- und Sozialleben ab. Und das geht jetzt eben nicht. Noch schlimmer, wenn man für die Arbeit in eine andere Stadt oder sogar ins Ausland zieht, so wie einige meiner Studentinnen und Studenten, die aus anderen Ländern stammen. Eine neue Stadt, Office und Bett in einem Zimmer und keine Möglichkeit, Menschen beim Sport oder ähnlichem kennenzulernen... Ich hoffe insgesamt, dass meine Studis gut durch diese Zeit kommen werden. 

 

Barbara Caspers

Der Duft der Beziehung

Barbara Caspers gehört zu den ersten Experten, die nachweisen konnten, dass der Duft eine wichtige Komponente der Bindung zwischen Küken und Eltern ist. Für andere Tiergruppen ist dies schon länger bekannt, bei Vögeln galt es als umstritten. In ihren Bielefelder Labors arbeitet sie – unterstützt mit einem Freigeist-Fellowship – vor allem an Zebrafinken. An Regenpfeifern in Madagaskar will sie jetzt verschiedene Hypothesen überprüfen: Zum Beispiel ob die Intensität des Geruchs im Bürzeldrüsensekret der Vögel während der Brut abnimmt, um zu vermeiden, dass Räuber oder Parasiten angelockt werden. Bei Feuersalamandern interessiert sie die Frage, wie Männchen und Weibchen einander mithilfe von Duftsignalen finden.

Flexible Unterstützung in der Corona-Krise

Unter den Auswirkungen von Corona auf Forschungsvorhaben sind Verzögerungen nur ein Aspekt. Zur Sicherung der Projekterfolge ist die Stiftung bereit, ihre Förderung flexibel anzupassen, etwa um über Laufzeitstreckungen den Abschluss von Doktorarbeiten sicherzustellen oder das Nachholen von durch Betreuungsverpflichtungen entfallener Arbeitszeit. Damit möchte die Stiftung ein klares Zeichen der Unterstützung für die Vereinbarkeit von Familie und Wissenschaft auch unter den aktuell schwierigen Bedingungen setzen. Im Unterschied zur DFG, die in einigen Förderbereichen eine pauschale Verlängerung um einen definierten Zeitraum gewährt, betrachtet die Stiftung den Einzelfall, um der jeweils spezifischen Situation gerecht zu werden.  Die Förderreferentinnen und –referenten stehen für Nachfragen in den von ihnen betreuten Initiativen gern zur Verfügung. 

Zusätzliche Förderangebote

Um Corona-bezogene Forschung zu unterstützen, macht die Stiftung das Angebot, laufende Förderprojekte um Zusatzmodule zu erweitern, die inhaltlich mit dem Ursprungsprojekt verwandt sind, in denen aber durch die Pandemie bedingte aktuelle Herausforderungen fokussiert werden. Diese Zusatzmodule können mit bis zu 120.000 EUR gefördert werden; Anträge können fortlaufend gestellt werden. Aktuell bereits über die Zusatzmodule geförderte Projekte finden Sie in der Projekt-Personen-Suche.