Afrikas Zukunft

Den Anfang macht eine gute Idee, ein überzeugendes Projekt. Wie etwas beginnt und sich allmählich fortsetzt: eine Begegnung mit drei jungen afrikanischen Wissenschaftlern, die Karriere machen in ihren Heimatländern. Und dort wollen sie auch bleiben.

Engagiert bei der Sache: Auch Dr. Martha Awo aus Ghana und Dr. Roland Azibo Balgah aus Kamerun gehörten zu den jungen Afrikanerinnen und Afrikanern, die in ihrer Heimat forschen wollen und sich um die ersten sozialwissenschaftlichen Postdoktoranden-Fello
Engagiert bei der Sache: Auch Dr. Martha Awo aus Ghana und Dr. Roland Azibo Balgah aus Kamerun gehörten zu den jungen Afrikanerinnen und Afrikanern, die in ihrer Heimat forschen wollen und sich um die ersten sozialwissenschaftlichen Postdoktoranden-Fellowships der Stiftung beworben hatten. (Foto: Melanie Gärtner)

Sie heißen Patience Mutopo, David Kyaddondo und Roland Azibo Balgah. Sie leben an unterschiedlichen Orten im sub-saharischen Afrika, forschen dort und engagieren sich für die Wissenschaft ihrer Länder. Mit ihnen und anderen exzellenten jungen Forscherinnen und Forschern läutet die Stiftung die nächste Phase ihres Afrika-Engagements ein: Wer sich als Doktorand bewiesen hat, soll nun im Wissenschaftsbetrieb reüssieren und Karriere machen können.

Ein Blick nach Mali und darüber hinaus – zu den ersten afrikanischen Postdoktoranden-Fellows der Stiftung in den Sozialwissenschaften.

Patience Mutopo zupft an ihrer Hose. Viel zu dick angezogen ist sie für die Hitze, die über Malis Hauptstadt Bamako liegt. Aber wer ehrgeizig an seiner Karriere bastelt, hat eben anderes zu tun, als über wettergerechte Kleidung nachzudenken. Die 33-jährige Sozialwissenschaftlerin aus Zimbabwe hatte noch am Vortag an der Universität Köln ihre Dissertation verteidigt – und sitzt nun, nur wenige Stunden später, im westafrikanischen Mali. Sie und zehn weitere Kandidaten aus verschiedenen Ländern Afrikas wurden nach Bamako eingeladen, um dem Expertengremium des Postdoktoranden-Programms der VolkswagenStiftung das Forschungsprojekt vorzustellen, mit dem sie sich in den kommenden Jahren beschäftigen wollen. Wieder zupft sich Patience ihre Kleidung zurecht. Die Anspannung vor solch einer wichtigen Präsentation ist groß – schließlich geht es um nicht weniger als ihre künftige Karriere als Wissenschaftlerin.

Sie wird sich künftig mit Transformationsprozessen in der Landwirtschaft ihres Heimatlandes Zimbabwe auseinandersetzen: Patience Mutopo (Mitte) stellt sich nach erfolgreicher Präsentation ihres Projekts den Fragen der Wissenschaftlerkollegen. (Foto: Mel
Sie wird sich künftig mit Transformationsprozessen in der Landwirtschaft ihres Heimatlandes Zimbabwe auseinandersetzen: Patience Mutopo (Mitte) stellt sich nach erfolgreicher Präsentation ihres Projekts den Fragen der Wissenschaftlerkollegen. (Foto: Melanie Gärtner)

Während Patience sichtlich nervös ihrem Gespräch entgegenfiebert, ist David Kyaddondo, 46 Jahre alt und promovierter Medizinethnologe aus Uganda, die Ruhe selbst. Er ist erst später an der Reihe und freut sich darüber, dass die Teilnehmer neben dem Auswahlgespräch zugleich in einem Workshop an anderen Kompetenzen feilen können – beispielsweise ihr Zeitmanagement schulen. Aufmerksam sitzt David über den bunten Zetteln, mit denen die Gruppe ihre Ideen präsentieren soll. Keiner der Teilnehmer hat vor der Tagung schon einmal mit einem der anderen gearbeitet, und dafür klappt die Teamarbeit recht gut. David heftet die Ergebnisse der Gruppenarbeit an die Wand und sieht zufrieden in die Runde. Kollegialer Austausch und der Ausbau innerafrikanischer Netzwerke haben bei Veranstaltungen der VolkswagenStiftung einen hohen Stellenwert.

Bei der Auswahlkonferenz 2012 in Malis Hauptstadt Bamako präsentierten die Teilnehmer ihre Forschungsprojekte einem internationalen Gutachtergremium. Acht der elf eingeladenen Bewerber setzten sich mit ihren Ideen durch: ein toller Erfolg. (Foto: Melanie
Bei der Auswahlkonferenz 2012 in Malis Hauptstadt Bamako präsentierten die Teilnehmer ihre Forschungsprojekte einem internationalen Gutachtergremium. Acht der elf eingeladenen Bewerber setzten sich mit ihren Ideen durch: ein toller Erfolg. (Foto: Melanie Gärtner)

In Momenten wie diesem wird solcher Anspruch mit Leben gefüllt: Der erste Schritt zu einer tragfähigen Vernetzung afrikanischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist getan. Patience und David jedenfalls konnten das Auswahlgremium für die ersten von der Stiftung in ihrer Afrika-Initiative geförderten sozialwissenschaftlichen Postdoktoranden-Fellowships von sich überzeugen. Sie sind zwei von insgesamt acht erfolgreichen Bewerbern, die nun drei Jahre lang ihr eigenes Forschungsprojekt vorantreiben können. Patience Mutopo wird sich mit Transformationsprozessen in der Landwirtschaft ihres Heimatlandes  Zimbabwe beschäftigen, David Kyaddondo mit der Frage, wie sich verschiedene Ressourcen im und für das Gesundheitswesen Ugandas besser mobilisieren lassen.

Die Chance auf eine wissenschaftliche Karriere als Anreiz zu bleiben

Mit der Initiative "Wissen für morgen – Kooperative Forschungsvorhaben im sub-saharischen Afrika" hat die VolkswagenStiftung ein Förderkonzept für kooperierende deutsche und afrikanische Wissenschaftler aufgelegt, das letztere möglichst dort wissenschaftlich verankern will, wo sie gebraucht werden: in Afrika. Gefüllt wird das seit zehn Jahren bestehende Rahmenangebot durch spezifische thematische Ausschreibungen, und es setzt darüber hinaus Akzente zur Förderung von Nachwuchskräften – wie beispielsweise für jene jungen afrikanischen Sozialwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, die sich im Frühjahr 2012 in Mali dem Wettbewerb um die besten Ideen stellten.

Dass ein Wissenschaftler wie David Kyaddondo mit 46 Jahren in Afrikas Universitätslandschaft überhaupt noch zur Kategorie "Nachwuchs" zählt, ist kein Einzelfall. Viele afrikanische Hochschulen sind schlecht ausgestattet; die Lehrenden sind unterbezahlt und sehen sich einer übergroßen Zahl an Studierenden gegenüber. Das fordert sie derart, dass an die eigene wissenschaftliche Karriere kaum zu denken ist, diese sich allenfalls schleppend entwickelt. Zudem spielen soziale Faktoren eine Rolle – beispielsweise hat manch ein Stipendiat bereits eine Familie zu versorgen.

Nun will und kann die VolkswagenStiftung weder gesellschaftliche Strukturen ändern noch die gravierenden strukturellen Probleme des tertiären Bildungssektors in Afrika lösen. Ihr Ziel ist es aber, talentierte junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Afrika so zu fördern, dass sie, möglichst auch im internationalen Vergleich, bestehen können und sich durch sie mittelbar auch die wissenschaftlichen Strukturen in ihrem Land weiter entwickeln – selbst wenn ein solcher Erfolg nur punktuell möglich sein dürfte.

Diese Ziele nachhaltig zu erreichen, hat die Stiftung ein eigenes, dreistufiges Modell der Karriereförderung aufgelegt, bei dem der einzelne Wissenschaftler als Person mit seinem Projekt im Mittelpunkt steht.

Stufe eins der individuellen Karriereentwicklung ist die Doktorandenförderung, die eingebettet ist in deutsch-afrikanische Netzwerkprojekte. In diesen eher klassisch angelegten Forschungsvorhaben können seit 2003 ausgewiesene afrikanische Doktorandinnen und Doktoranden aus den Natur- und Ingenieurwissenschaften, der Medizin und den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften promovieren. Sie forschen an ihrem Heimatstandort und kooperieren mit einem deutschen Partnerinstitut, über das sie sich langfristig auch ein internationales Netzwerk aufbauen können.

Die thematische Ausrichtung der Ausschreibungen und damit den Rahmen für die einzelnen zu fördernden Projekte entwickelte die Stiftung in Workshops mit den beteiligten Wissenschaftlern beider Kontinente und sorgte dabei für die Berücksichtigung vor allem jener Fragestellungen, die für die aktuellen wissenschaftlichen Diskurse relevant sind. Sechs solcher thematischer Ausschreibungen zu Netzwerkprojekten hat die Stiftung im vergangenen Jahrzehnt aufgelegt – etwa zu den vernachlässigten übertragbaren Erkrankungen der Tropen, zu verschiedenen Ressourcenproblematiken im sub-saharischen Afrika, zur Friedens- und Konfliktforschung oder über afrikanische Kultur im Kontext der Globalisierung.

Neu im Angebot der Stiftung für Afrika: Junior- und Senior-Fellowships

Ungebrochen gute Stimmung auch am zweiten Tag der Konferenz. Die Teamleiterin „Internationales“ der Volkswagen- Stiftung Dr. Almut Steinbach (Zweite von links) und Afrika- Referentin Dr. Cora Ziegenbalg (Mitte) freuten sich insbesondere über die hohe
Ungebrochen gute Stimmung auch am zweiten Tag der Konferenz. Die Teamleiterin „Internationales“ der Volkswagen- Stiftung Dr. Almut Steinbach (Zweite von links) und Afrika- Referentin Dr. Cora Ziegenbalg (Mitte) freuten sich insbesondere über die hohe Quote erfolgreicher Bewerberinnen und Bewerber.

Aufbauend auf der Doktorandenförderung zielen die Stufen zwei und drei des Karrieremodells auf die Unterstützung bereits Graduierter, für die es in der internationalen Förderlandschaft kaum Angebote gibt. Hier setzt die VolkswagenStiftung künftig verstärkt an: Promovierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im sub-saharischen Afrika sollen die Möglichkeit erhalten, ihre universitären Karrieren voranzutreiben, auf dass sich begleitend auch die Situation an afrikanischen Instituten verbessert.

Konkret sieht das so aus: In Stufe zwei können sich afrikanische Forscher bis drei Jahre nach ihrer Promotion für ein Junior-Fellowship, in Stufe drei bis sechs Jahre nach der Promotion für ein Senior-Fellowship bewerben – und sich so auf den Weg zu einer Professur machen. Die Wissenschaftler müssen an afrikanischen Instituten beheimatet sein, verfügen dann selbstständig über ihren Etat und setzen ihr Projekt nach eigenen Vorstellungen um. Sie haben die Möglichkeit, andere Wissenschaftler zu beschäftigen oder Masterstudierende auszubilden. Und sie arbeiten mit einem europäischen Partnerinstitut zusammen, über das nicht zuletzt Forschungsreisen, Vorträge und wissenschaftlicher Austausch organisiert werden können.

Mit David Kyaddondo und einer weiteren Bewerberin starteten jetzt bereits die ersten beiden Senior-Fellows, die übrigen sechs erfolgreichen Kandidaten erhielten ein Junior-Fellowship.

Nach der dritten Phase, dem Senior-Fellowship, können die Geförderten abschließend zudem eine zweijährige Auslauffinanzierung beantragen – nachgewiesene wissenschaftliche Qualität bei allen Stufen natürlich vorausgesetzt. Insgesamt ergibt sich so im Optimalfall für ein Projekt eine bis zu achtjährige Laufzeit. Für beide Seiten ist das von Vorteil, denn auch die VolkswagenStiftung möchte die afrikanischen Partner längerfristig begleiten, um die Nachhaltigkeit des Engagements bestmöglich zu sichern. Die Ausschreibungen der zweiten und dritten Karrierestufe richten sich im Übrigen an alle qualifizierten Wissenschaftler, deren Forschungsvorhaben in das Projektprofil passen. Dabei ist es nicht erforderlich, dass ein Bewerber schon als Doktorand von der Stiftung gefördert wurde.

Wäre dem so, hätte die Stiftung auf einen vielversprechenden Forscher wie Roland Azibo Balgah, 40 Jahre alt, verzichten müssen. Der Kameruner hatte für seine Promotion ein Stipendium einer anderen deutschen Stiftung erhalten, er hielt sich in den vergangenen Jahren mehrere Monate in Deutschland auf, knüpfte Kontakte und lernte ein wenig die Sprache des Gastlandes. "Man tut, was man kann", sagt er auf Deutsch und rückt sich verlegen lachend die Krawatte zurecht. Mit Unterstützung der VolkswagenStiftung nun ein eigenes Forschungsprojekt und wissenschaftliches Netzwerk aufzubauen, das ist für Roland eine der großen Chancen seines Lebens. "Ich habe im Leben viel Glück gehabt und sehe mich in der Verantwortung, meinem Land etwas zurückzugeben", sagt der promovierte Agrarwissenschaftler, der als Kind Feuerholz verkaufte, um sein Schulgeld bezahlen zu können. "Von dem Forschungsvorhaben profitieren nicht nur mein Institut, sondern auch meine Studenten. Sie können Kontakte aufbauen zu Wissenschaftlern in aller Welt, die ihnen auf ihrem Weg sicher weiterhelfen werden." Dass er mit seinem Projekt – es thematisiert den Umgang von Entwicklungsländern mit umweltbedingten Risiken – auch etwas für den Ausbau der wissenschaftlichen Infrastruktur tun kann, macht die Förderung für ihn noch wertvoller. Schließlich habe ihm seine Zeit in Deutschland klar gemacht, woran es an seiner Heimatuniversität mangelt. "Afrikanische Universitäten sind selten in Online Journals eingeschrieben und untereinander nicht genügend vernetzt. Daran müssen wir arbeiten."

Das Modell der individuellen Karriereförderung über mehrere definierte Stufen hat sich mittlerweile einen Namen gemacht. So konnte die VolkswagenStiftung andere europäische Stiftungen als Partner gewinnen. "Dies hat den Vorteil, dass das Angebot über die deutschen Netzwerke hinaus sichtbar wird und noch mehr potenzielle afrikanische Partner erreicht", sagt die Programm-Managerin der Stiftung Dr. Cora Ziegenbalg.

Kein Zweifel also: Die "Afrika-Förderung" der Stiftung trägt Früchte – im Sinne der Teilnehmer, von denen sich gerade viele jüngere auf unterschiedliche Weise qualifiziert und die bereits zahlreiche Ergebnisse publiziert haben, aber auch im Sinne der Stiftung. "Es lässt sich immer wieder erkennen, dass durch unser Engagement zum einen der deutschen Forschung zu stärkerer internationaler Orientierung verholfen wird und zum anderen die wissenschaftlichen Einrichtungen im Ausland von den Vorhaben profitieren", ergänzt Dr. Almut Steinbach, Leiterin des Förderteams "Internationales" bei der Stiftung. Und insbesondere werde inzwischen deutlich, dass gerade die jüngeren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der Region sich so gut wie möglich zu qualifizieren versuchen. Da ist man verständlicherweise auf allen Seiten gespannt, wie die neuen Bausteine im Förderangebot wirken werden.

Melanie Gärtner (Text und Fotos)