Abschied vom Geld?

 

I. Gedankenexperiment: Eine Gesellschaft frei von Geld

Wie sähe eine Wirtschaft aus, die den Kapitalmarkt und das Geld als Steuerungsinstrumente hinter sich lässt – und stattdessen Daten und Algorithmen die Funktion überträgt, Aufgaben und Güter zu verteilen? Was würde sich ändern, wenn nicht mehr der Tausch von Arbeitskraft gegen Bezahlung in einem herkömmlichen Job die Quelle der Wertschöpfung wäre, sondern alle nur erdenklichen Tätigkeiten – immer vorausgesetzt, dass diese einen Bedarf bei anderen erfüllen? Wie würde es sich gesellschaftlich auswirken, wenn familiäres und soziales Engagement die gleiche Wertschätzung erhielte wie jede andere Dienstleistung?

Link zum Interview
Link zum Interview mit Stefan Heidenreich, Co-Autor des Sammelbands "Postmonetär denken"

Es sind solche überraschenden Perspektiven, die die Verfasserinnen und Verfasser des 400-Seiten-Sammelbands "Postmonetär denken" entwerfen, der im Rahmen der Förderinitiative "Originalitätsverdacht - Neue Optionen für die Geistes- und Kulturwissenschaften" entstanden ist. Mit dem Anspruch, einen möglichst breiten öffentlichen Dialog darüber zu eröffnen, wie eine Gesellschaft nach dem Geld idealerweise aussehen könnte, versammelt die Publikation Denkansätze von einer ganzen Reihe von Autoren aus unterschiedlichen Wissensbereichen.

Die Abkehr vom Medium Geld hat längst begonnen

Zumindest in einem scheinen sich alle einig zu sein: Die hybride, kriselnde Weltwirtschaft und der epochale digitale Wandel laden dazu ein, um über die Bedingungen für die Realisierung einer großen linken Utopie – die globale Verteilungsgerechtigkeit – neu nachzudenken.Unstrittig scheint, zumindest für die Projektgruppe, dass die Abkehr vom Medium Geld längst begonnen hat – mit großem Potenzial, aber auch mit ungewissem Ausgang. Wie ein kollektives Credo klingt ein Satz in der der Einleitung: "Geld wächst nicht an den Bäumen. Es ist nichts Natürliches, es hat einen Anfang und kann vielleicht ein Ende haben, oder doch zumindest seine Form verändern!"

II. Beweisführung: Ein Epochenwandel – fünf Argumentationslinien

Entgegen der neoliberalen Lesart lautet eine zentrale These aller Autoren: Geld ist ein relativ junges Phänomen, das sich nicht aus dem Tauschhandel entwickelt hat. Stattdessen gilt: Geld konstituiert primär ein Schuldverhältnis und ist an Herrschaft und Abhängigkeit gekoppelt. Prägend für das Geldwesen heute ist hier die übermächtige Rolle des Kredits: Nur dadurch wurde seit den 1980-er Jahren die massive Vermehrung des fiktiven Kapitals möglich, das sich von der Realwirtschaft immer weiter abgelöst hat –  und mit einem ökologischen und sozialen Raubbau einhergeht. Heute haben die Armen der Wohlfahrtsstaaten einen höheren Lebensstandard als der Großteil der Weltbevölkerung, und 85 Prozent des weltweiten Vermögens fallen auf zehn Prozent der Reichsten.

Blick in den Handelssaal der Börse Frankfurt
Blick in den Handelssaal der Frankfurter Börse (Foto: Pythagomath via Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0)

Mit der Verselbständigung der ökonomischen Sphäre wurde nach Ansicht der Projektgruppe eine Gesellschaft geformt, in der Konsumwachstum die alles antreibende Kraft ist.  Eine Gesellschaft, in der das abstrakte Medium Geld es ermöglicht, Handlungen zu koordinieren und Handel zu treiben, ohne dass man seine Geschäftspartner genauer kennen müsste, also ohne sich auf Vertrauen und Solidarität verlassen zu müssen – ganz im Gegensatz zu den vormodernen Stammesgesellschaften, die ohne Geld lebten und leben und auf Egalität, Kooperation und Gemeinsinn beruhen. In kapitalistischen Systemen dagegen – so die These – sorgen der permanente Schulden-, Innovations- und Konkurrenzdruck dafür, dass Profitstreben, Gier und Selbsterhöhung sich als Verhaltensstandards etabliert haben.
 
Erst mit der Postmoderne begann die Kritik an der Wachstumsideologie, am Massenkonsum und an dessen Folgen für Mensch und Umwelt. Statusdenken nimmt gegenwärtig ab, und persönliches Glück wird nicht mehr von allen an ökonomischen Erfolg geknüpft. Das Vertrauen in Hierarchien und patriarchale Strukturen nimmt weltweit rapide ab, und in der jüngeren Generation steigt das Interesse an basisdemokratischen Verfahren und digitalen Netzwerken zum Teilen und Tauschen, also zu Ökonomien, in denen Geld nur eine untergeordnete Rolle spielt.

Dass zeitgleich mit dem digitalen Wandel die Weltwirtschaft immer krisenanfälliger wird, betrachten die Autoren als Indiz dafür, dass beide Phänomene – die Digitalisierung und eine zunehmend labile Ökonomie – eng zusammenhängen; und vor allem dafür, dass das Medium Geld bald überflüssig sein könnte. Drei Gründe führen sie dafür an:

  1. Die Wertschöpfung verlagert sich mehr und mehr von der Industrie auf den Bereich digitaler Dienste. Und digitale Produkte, die aus Bits und Bytes bestehen, sind beliebig reproduzierbar. Deren Vertrieb bzw. Vervielfältigung ist nur mit sehr geringen Kosten verbunden, weshalb sie per se nicht knapp sind, und keine Waren mehr im herkömmlichen Sinne darstellen;
  2. Das Prinzip von Angebot und Nachfrage erscheint antiquiert, weil datenbasierte Kaufprofile diese Funktion zunehmend schneller und effektiver einnehmen können;
  3. Im Zeitalter der Industrie 4.0 werden vieleTätigkeiten nicht mehr von Menschen, sondern von Maschinen ausgeführt werden – wodurch der Tausch von Arbeitskraft gegen Geld entfällt. 

Tugenden einer geldlosen Ökonomie: Kooperation, Fürsorge und Genügsamkeit

Als Beleg dafür, dass der Kapitalismus immer auch auf Beziehungen und Praktiken angewiesen ist, bei denen kein Geld fließt, wird im Buch immer wieder auf die ökonomische Bedeutung der Subsistenzwirtschaft verwiesen, also auf Eigenleistungen, die der Selbstversorgung dienen.

junge Frau liest älterer Frau ein Buch vor
In der Altenpflege sind Angehörige und Freiwillige oft unentgeltlich tätig. (Foto: drubig-photo - stock.adobe.com)

Darunter fallen primär die meist von Frauen geleistete Hausarbeit, Erziehung und Versorgung von Kindern, Alten und Kranken, die global zwei Drittel aller Tätigkeiten ausmacht. Deshalb wird die Subsistenzwirtschaft auch von feministischer Seite als zentrales Moment zur Aufrechterhaltung des kapitalistischen Systems genannt. Zugleich gilt diese Ökonomie aber auch als Anknüpfungspunkt für die Entwicklung alternativer Szenarien: Mit der ihr eigenen Handlungslogik, die auf selbstloser Kooperation, Fürsorge und Genügsamkeit beruht, bildet sie den Ausgangspunkt vieler Utopien geldloser Gesellschaften.

Viel diskutiert werden im Buch auch Ansätze im Feld der Netzwerkökonomie: Darunter fallen beispielsweise die Open-Source-Bewegungen, die freien Zugang auf Soft- und Hardware, aber auch auf Saatgut fordern; oder die so genannte "urbane Umsonst-Ökonomie", deren Impulse sich in Gemeinschafts- und "Volx-Küchen" ebenso widerspiegeln wie im populären "Urban Gardening".

mobile Hochbeete auf Gehwegplatten
Urban Gardening: Der "Inselgarten" in Berlin ist ein gemeinschaftlich genutzter Stadtgarten an der Cheruskerstraße. (Foto: WS ReNu via Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

In diesen Kontext gehört auch die Commons-Theorie, die dank der Nobelpreisträgerin Ellinor Ostrom einem breiten Publikum bekannt wurde. Sie beruht auf vier Grundprinzipien, die Nutzungsgemeinschaften wie offenen Werkstätten, Leih-Geschäften oder Food-Sharing zugrunde liegen:

  1. Besitz statt Eigentum,
  2. Teile, was Du kannst,
  3. Beitragen statt tauschen,
  4. Offenheit und Freiwilligkeit.

Da in diesem Konzept keine organisatorische Einheit existiert, die etwa die Herstellung und Verteilung organisiert, sorgt für deren Koordination die Logik der Stigmergie, auf der z.B. auch das Onlinelexikon Wikipedia beruht: Sobald auf dieser Plattform jemand seine Gedanken zu einem beliebigen Thema formuliert, wirkt das auf andere als Impuls, diese Ideen weiterzuentwickeln. So entsteht nach und nach ein komplexer Text, ohne dass dafür ein persönlicher Kontakt zwischen den Bearbeitern nötig ist.

Nach dieser Logik ist auch ein Commons-Kollektiv aufgebaut: Im Zentrum steht eine selbstorganisierte Aufgabenbearbeitung auf Basis der Blockchain-Technologie, die keine Form der Verrechnung kennt und offen ist für alle. Das bedeutet konkret: Das Kollektiv muss nicht für einen Ausgleich von Nutzen und Beitragen sorgen, insofern es inkludierendes, nicht konkurrentes Verhalten belohnt: Denn auch jene, die keine Beiträge leisten können, haben Anspruch auf Nutzung des gesellschaftlichen Reichtums. Entscheidend ist die Abkehr vom ökonomisch-abstrakten Äquivalenz- und Tausch-Gedanken, nach dem der Mensch als soziales Wesen danach strebt, Gaben mit Gegengaben auszugleichen. Vorausgesetzt wird stattdessen die intrinsisch gegebene Motivation, etwas zur Gemeinschaft beizutragen – und die aufrichtige Bereitschaft, das gemeinschaftlich Erwirtschaftete nach Bedarf zu teilen.

Feuerwehrfrau vor Regal mit Feuerwehrhelmen
Allgemeinwohl vor eigenem Wohlbefinden: Freiwillige Feuerwehr (Foto: Kzenon - stock.adobe.com)

Wer setzt wohl freiwillig das Gemeinwohl über sein Eigeninteresse?

Wer aber definiert, was unter "bedarfsgerecht" zu verstehen ist? Und was geschieht, wenn plötzlich das Eigeninteresse dominiert? Allein diese Paradoxie in der Commons-Theorie macht deutlich, dass sich angesichts von Utopien rund um eine geldlose Gesellschaft immer wieder auch die Frage nach dem Verhältnis von Ideal und Wirklichkeit stellt; eine Frage, die viele andere nach sich zieht, mit denen sich die Autorinnen und Autoren im Sammelband – letztlich ergebnisoffen – auch untereinander konfrontieren. Um an diese Dialogform anzuknüpfen, sollen hier einige zentrale Konfliktlinien des Buches umrissen werden.

III. Paradoxien/Offene Fragen: Vom Homo oeconomicus zum Homo cooperativus?

So populär die genannte Commons-Theorie auch ist, so anspruchsvoll sind die Voraussetzungen für ihren Erfolg. Aus welchen Gründen sollten Menschen so verantwortungsbewusst sein, dass sie das Gemeinwohl- über ihr Eigeninteresse stellen und selbst undankbare Tätigkeiten freiwillig übernehmen? Was tun, wenn man sich beim bedarfsgerechten Teilen nicht einigen kann? Und schließlich: Wie geht eine Gemeinschaft, sofern sie bewusst auf Sanktionen verzichtet, mit unerwünschtem, destruktivem Verhalten um?

Das Problem der Stellvertreterschaft, ihrer Legitimation und Organisation stellt sich auch bei zahlreichen postmonetären Konzepten, die dem Computer eine zentrale Funktion einräumen: Für den Fall, dass künftig Algorithmen darüber entscheiden sollen, was der oder die Einzelne braucht – wie lässt sich die Perspektive der Konsumierenden und die der Produzierenden zur Zufriedenstellung aller digital konstruieren? Wenn intelligente Programme definieren, wer welche Güter bekommt: wer kontrolliert dann die Programmierer, die die Algorithmen erstellen? Schließlich: Wie realistisch ist ein Szenario, in dem Künstliche Intelligenz vergleichbar effektive Mechanismen für eine äußerst komplexe globale Ökonomie zu etablieren imstande ist, die an die bewährten Koordinationsleistungen von Geld und Markt heranreichen?

Diskussionswürdig erscheinen nicht nur die These, dass das im Geld manifestierte Tauschprinzip per se mit der Verselbständigung des Profitgedankens einhergeht; sondern auch die Annahme, dass das universelle soziale Prinzip der Gegenseitigkeit – Ich gebe, damit Du gibst – durch die Abschaffung des Geldes vollständig und verlustfrei ersetzt werden könnte.

Eine weitere zentrale Frage berührt das Menschenbild, das vielen Entwürfen im Sammelband zugrunde liegt. Angenommen, dass sich unter dem Dach des Kapitalismus tatsächlich zwei konträre Handlungslogiken – hier die Profitmaximierung, dort der von Selbstlosigkeit geprägte Altruismus – herausgebildet haben: Wie ließe sich ein Vorher-Nachher-Szenario begründen? Aus welchen Gründen sollten sich kapitalistisch geprägte Bewohner des Tausch-Universums von egoistischen Nutzenmaximieren in uneigennützige Wesen verwandeln, für die Kooperation in Hinsicht von Bedürfnissen anderer ein höheres Gut darstellen als egoistische Ziele? Zugespitzt formuliert: Ist eine Transformation vom Homo oeconomicus zum Homo cooperativus historisch plausibel, realistisch – und wollen wir sie überhaupt?

Buchcover

Die Projektgruppe "Gesellschaft nach dem Geld"

Für den Sammelband "Postmonetär denken – Eröffnung eines Dialogs" gründete Initiator und Medienkulturwissenschaftler Jens Schröter von der Universität Bonn mit Wissenschaftlern der WU Wien, der LMU München und des Commons-Institut e.V. in Bonn die Projektgruppe "Gesellschaft nach dem Geld". Im Rahmen der Förderinitiative "Originalitätsverdacht? Neue Optionen für die Geistes- und Kulturwissenschaften" unterstützte die VolkswagenStiftung das Buchprojekt, das sich über eineinhalb Jahre erstreckte, mit fast 150.000 Euro.