Wissenschaftskommunikation erforschen: Das MSCL

Wie kann Kommunikation mit diversen Zielgruppen gelingen? Wie können Prozesse der Forschung verständlich und das Innenleben beteiligter Institutionen transparent dargestellt werden? Und was braucht es, um Vertrauen in Wissenschaft zu stärken? 

Vier neu gegründete interdisziplinäre Forschungszentren in Kiel, Tübingen, Bonn/Dortmund und München werden im Rahmen der Initiative "Wissenschaftskommunikation hoch drei" gefördert, die langfristig bestehende Experimentierräume für die Wissenschaftskommunikationsforschung etablieren soll. In jedem der vier Zentren arbeiten Praktiker:innen der Wissenschaftskommunikation Seite an Seite mit Forschenden aus Fachdisziplinen und Kommunikationswissenschaften, jeweils mit einem anderen Fokus.

Das Munich Science Communication Lab (MSCL)

Portrait von Eva Rehfuess
Prof. Dr. Eva Rehfuess forscht an der Ludwig-Maximilians-Universität München zu Public Health, Global Health und Planetary Health. (Foto: MSCL)

"Um auch in Zukunft auf unserem Planeten leben zu können, müssen wir uns der großen, menschengemachten Probleme annehmen: zoonotische Pandemien, Klimakrise, schwindende Artenvielfalt", warnt die Public Health Wissenschaftlerin Eva Rehfuess. "Sie alle hängen miteinander zusammen."  Die Zusammenhänge sind in der öffentlichen Kommunikation häufig nicht klar, beobachtet Julia Serong. "Klimawandel steht da oft wie eine Chiffre für ‘alles was da draußen passiert’", sagt die Kommunikationswissenschaftlerin. 

Ko-kreative Entwicklungsprozesse 

Im Munich Science Communication Lab forschen Rehfuess und Serong gemeinsam mit Wissenschaftler:innen vielfältiger Fachrichtungen, Wissenschaftskommunikator:innen und Medienakteuren. Vom Geophysiker bis zur Epidemiologin, vom Museumsdirektor bis zur Journalistin arbeiten sie an einem gemeinsamen Thema: dem noch jungen Forschungsfeld "Planetary Health". Es beschäftigt sich mit den Zusammenhängen zwischen der Gesundheit des Menschen und der unseres Planeten. "Wir wollen der Öffentlichkeit verschiedene Türen öffnen, durch die sie sich den Themen dieses hochgradig interdisziplinären Forschungsfeldes nähern können", beschreibt Serong das gemeinsame Ziel. 

Wir haben den Anspruch [...] risikobereit, ergebnisoffen und innovativ zu sein.

Die Beteiligten betonen den experimentellen Charakter ihrer Vorhaben. "Wir haben den Anspruch, in unseren Ansätzen risikobereit, ergebnisoffen und innovativ zu sein - ob inhaltlich oder formal, im Prozess der Entwicklung oder der Zielsetzung", sagt Serong. Praktiker:innen und Wissenschaftler:innen verschiedener Disziplinen wollen in dem großen Netzwerk aufs engste zusammenarbeiten und ihre Zielpublika einbinden, um neue Kommunikationsformate und -inhalte zu entwickeln und zu erproben. Mit ihrer Vorstellung solcher ko-kreativen Entwicklungsprozesse betreten die Münchner Wissenschaftler:innen Neuland; und sie begegnen ganz neuen Herausforderungen. 

Portrait von Julia Serong
Dr. Julia Serong forscht an der Ludwig-Maximilians-Universität München zu Wissenschafts- und Gesundheitskommunikation sowie zu Medienqualität.(Foto: MSCL)

Eine davon: Kommunikation für das Publikum ansprechend zu gestalten und gleichzeitig die wissenschaftlichen Gütekriterien der Forschenden zu berücksichtigen, deren Erkenntnisse präsentiert werden. "Wir bewegen uns in einem Spannungsdreieck", sagt Serongs Kollege Bernhard Goodwin: "Darstellungen sollen korrekt, nicht banal und dabei verständlich sein." Und: Der Prozess der Kommunikation selber soll nach wissenschaftlich erprobten Prinzipien aufgebaut sein und ablaufen. "Wir wollen die Ziele unserer Experimente so definieren, dass sie auch die kommunikationswissenschaftliche Forschung vorantreiben und wir etwas herausfinden über Menschen, die miteinander kommunizieren", beschreibt Goodwin. 

Aus einem vielschichtigen Feld kommunizieren 

"Uns interessiert zum Beispiel, wie das Thema Planetary Health als Frame funktioniert - in der strategischen Kommunikation, im Journalismus, beim Publikum", sagt Julia Serong. Was es bedeuten kann, ein Thema als Frame zu untersuchen, erläutert Michael John Gorman: "Wir stellen uns beispielsweise die Frage: Ist es wahrscheinlicher, dass Menschen ihre Überzeugungen und ihr Verhalten ändern, wenn wir über Klimawandel unter dem Aspekt kommunizieren, wie er uns krank machen kann?" Der Gründungsdirektor des sich in Planung befindenden BIOTOPIA Naturkundemuseums wirkt als erfahrener  Wissenschaftskommunikator im MSCL mit. Der Aspekt des Framings ist Teil der übergreifenden Frage danach, wie Wissenschaftskommunikation so genannte "Wicked Problems" vermitteln kann. Gemeint sind Probleme, die mehrere Ursachen haben und, wie Gorman erklärt, "immer wieder neu gelöst werden müssen". 

Wicked Problems: Probleme, die immer wieder neu gelöst werden müssen.

Die Beteiligten des MSCL wollen außerdem dazu beitragen, dass verschiedene Publika der Wissenschaftskommunikation ein besseres Verständnis von Prozessen und Strukturen in der Forschung bekommen. Das gemeinsame Thema "Planetary Health" bietet dafür viele Möglichkeiten. Die zahlreichen beteiligten Forschungsdisziplinen tragen vielfältige Aspekte zur Betrachtung eines facettenreichen Problems bei, die Erkenntnisprozesse sind komplex und sehr dynamisch. "Aus einem so vielschichtigen Feld zu kommunizieren, ist eine Herausforderung", sagt Julia Serong. 

Portrait von Bernhard Goodwin
Dr. Bernhard Goodwin forscht an der Ludwig-Maximilians-Universität München zu Umwelt- und Wissenschaftskommunikation. (Foto: MSCL)

Beziehung und Dialog 

Um herauszufinden, wie Kommunikation über komplexe Probleme und Prozesse gelingen kann, wollen die Münchner Forschenden die wechselseitige Beziehung zwischen den Akteuren besser verstehen. Eine ihrer Fragen ist, wie ihre Erwartungen besser aufeinander abgestimmt werden können. "Wir wissen beispielsweise viel zu wenig darüber, was Wissenschaftler dazu motiviert und was sie sich davon erhoffen, über ihre Forschung zu sprechen", erklärt Serong. "Ebenso wie über die Dynamik, die sich dann entfaltet: Wie gehen wir etwa mit Enttäuschungen und Missverständnissen um?"

Es braucht dialogische Formen der Kommunikation - und Dialog heißt auch Zuhören

In der Beziehung liegt auch der Schlüssel zu Ansprache neuer Zielgruppen. "Wir wissen alle, dass das alte Modell vom Experten, der das unwissende Publikum informiert, in der Wissenschaftskommunikation nicht mehr gilt", stellt Michael John Gorman fest. "Vielmehr braucht es dialogische Formen der Kommunikation - und Dialog heißt auch Zuhören." Das BIOTOPIA Naturkundemuseum hat deshalb ‘Empathie’ zu einem seiner Kernziele erklärt. "Empathisch zuzuhören bedeutet, eine Beziehung einzugehen und die Perspektive des anderen einzunehmen", erklärt Gorman. "Das hilft uns zu verstehen, wie wir unser Publikum erreichen." Für Museen gebe es allerdings eine besondere Schwierigkeit: Sie sind (meistens) an einen Ort gebunden. "Wir müssen über diesen Ort hinaus denken und kreativ werden!" betont Gorman. Dass sich das BIOTOPIA gerade im Aufbau befinde, biete den Gestaltenden die spannende Möglichkeit, die Experimente und Erkenntnisse des MSCL direkt in ihre Planung einfließen zu lassen. "Mit den Kommunikationswissenschaftlern im MSCL könnten wir Wege finden, um auf Menschen zuzugehen und mit ihnen in den Dialog zu kommen."

Portrait von Herrn Gorman.
Prof. Dr. Michael John Gorman ist Museumsleiter und Gründungsdirektor des BIOTOPIA Naturkundemuseums Bayern. (Foto: Biotopia)

Thema stiftet Motivation und Zusammenhalt

Die Arbeit im MSCL biete allen Beteiligten eine große Chance für gemeinsames Lernen, sagt die Public Health Wissenschaftlerin Rehfuess. "Indem wir immer wieder die Perspektive wechseln, um verschiedenste Aspekte eines Problems zu betrachten, werden wir gemeinsame Konzepte und eine gemeinsame Sprache finden." 

Dass das übergreifende Thema das große Netzwerk des MSCL zusammenhält, betont auch Bernhard Goodwin. "Es stellt drängende Fragen, die uns motivieren. Und es hat einen deutlichen Kommunikationsaspekt", sagt er: "Fragen der Wissenschafts-, politischen und Gesundheitskommunikation treffen hier zusammen." Um gemeinsame Aktivitäten der vielen Partner anzustoßen, wird das MSCL Projekte zu Fokusthemen wie Ernährung oder Mobilität ausschreiben. In Workshops können Forschende und Praktiker:innen dann zusammenfinden und angedachte Projekte konzipieren und konkretisieren. Wechselnde Fokusthemen können später auch neu auftretende Trends in der "Planetary Health" Forschung aufgreifen und Zugänge zu weiteren Problemen und Zusammenhängen öffnen.

Grafik mit allen beteiligten Institutionen des MSCL
Die beteiligten Institutionen und Praxispartner des Munich Science Communication Lab. (Grafik: VolkswagenStiftung)

Kommunikation und gesellschaftliche Transformation

Gemeinsam wollen die Partner im MSCL ihre Erkenntnisse in Kommunikationsstrategien und -praktiken umsetzen, die allseitig Nutzen stiften - für Kommunizierende wie für Wissenschaftler:innen und Bürger:innen. "Ich wünsche mir, dass unsere Erkenntnisse einen transformativen Effekt auf die Kommunikation über komplexe Themen haben", sagt Gorman. Eva Rehfuess geht noch weiter: "Indem wir die Herausforderung, den Planeten zu retten, um unsere Gesundheit zu bewahren, ins Bewusstsein vieler Menschen rücken", sagt sie, "hoffe ich, dass wir zu einer dringend notwendigen gesellschaftlichen Transformation beitragen." 

Vorstellung der Zentren in Kiel, Tübingen und Bonn

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