Was wird aus dem "March for Science"? 

Von München bis Helgoland demonstrierten letztes Jahr zehntausende Menschen für die Freiheit der Wissenschaft. Am 14. April startet der diesjährige "March for Science" – ohne viel Euphorie. 

Plakat beim bundesweiten March for Science, 22. April 2017 (Foto: acrogame – fotolia.com)
Plakat beim bundesweiten March for Science, 22. April 2017 (Foto: acrogame – fotolia.com)

Wie viele Menschen am 14. April in Deutschland für die Wissenschaft demonstrieren werden, wagt niemand zu prognostizieren. Fest steht: Die Begeisterung, die vor einem Jahr übers Land zog und nach Angaben der verschiedenen Veranstalter 37 000 Menschen an 22 Orten für so abstrakte Werte wie Wissenschaftsfreiheit, Wahrheit und Integrität demonstrieren ließ, ist dahin. Das spürt auch Claus Martin, Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins "March for Science Germany": "Die Situation hat sich gegenüber 2017 geändert. Der Schock, der durch Trumps neuen ‚Politikstil‘ ausgelöst wurde, ist nicht mehr so frisch", stellt Martin nüchtern fest. Nur: "Die Nöte der Wissenschaft und ihre Vertrauenskrise sind geblieben." 

Gründe für einen Aufmarsch gäbe es tatsächlich - auch in Deutschland, wo die Wissenschaft einerseits so viel Geld wie nie vom Staat bekommt, sich andererseits aber auch nicht dauerhaft darauf verlassen kann. Die Folgen der kurzatmigen Wissenschaftsfinanzierung sind alarmierend. Neun von zehn Forschern unter 45 Jahren sind einem Ministeriumsbericht zufolge befristet beschäftigt. Sie leben in prekären Verhältnissen, hangeln sich von Vertrag zu Vertrag. Freiheit sieht anders aus. Bedroht ist aber auch die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Hochschulen. Nach Angaben des statistischen Bundesamtes überweisen ihnen Konzerne jährlich rund 1,4 Milliarden Euro. Das entspricht nahezu dem gesamten Jahresbudget der Max-Planck-Gesellschaft (1,8 Milliarden).  

Finanzielle Abhängigkeiten von externen Geldgebern seien "ein zentraler Grund, weshalb Menschen der Wissenschaft nicht vertrauen", sagt Dr. Tanja Gabriele Baudson, eine Mitstreiterin an der Seite von Claus Martin. Für ihr Engagement beim March for Science wurde die Begabungsforscherin 2017 als "Hochschullehrerin des Jahres" ausgezeichnet. Der Preis ehrt Professorinnen und Professoren, die "das Ansehen der Berufsgruppe in der Öffentlichkeit fördern" und insinuiert Unterstützung für Baudson und die Bewegung des "March for Science". 

Das Problem: Unterstützung heißt nicht viel. Zwar wollten letztes Jahr buchstäblich alle Hochschulen, Wissenschaftsorganisationen, Förderer oder sonst im Feld der Wissenschaft tätigen Institutionen auf die Unterstützerliste des "March for Science" – doch nur wenige mochten sich auch an den Kosten dieses ehrenamtlichen Engagements beteiligen. Heute reicht die Sympathie bisweilen nicht mal mehr für eine ideelle Unterstützung. Die Allianz der Wissenschaftsorganisationen, die in diesem Jahr von der Fraunhofer-Gesellschaft mit Reimund Neugebauer an der Spitze vertreten wird, mag die geplanten Aktionen weder einordnen noch bewerten. "Leider müssen wir Ihnen an dieser Stelle mitteilen, dass wir zu Ihren Fragen nicht im Detail Stellung nehmen können", erklärt die Fraunhofer-Gesellschaft auf Anfrage und bescheidet auf weitere Nachfrage, dass "das wohl bis auf weiteres so" bleiben werde, "sorry".

"Wir wollen auf Probleme aufmerksam machen, die wir sehen und die wir als sehr dringend empfinden. Ich glaube nicht, dass wir diese Probleme aussitzen können", erklärt Claus Martin. In immerhin zehn Städten werden Menschen am 14. April auf die Straße gehen. In sechs weiteren sind alternative Formate geplant. So auch in Berlin, wo 2017 allein 11 000 Bürgerinnen und Bürger beim bundesweit größten "March for Science" dabei waren. Hier nun verzichtet man auf einen öffentlichen Zug durch die Straßen. Stattdessen werden sich im Projekt "Kieznerds" Forschende mit ihren Nachbarn treffen, um ihnen von ihrer Arbeit und deren Bedeutung für die Gesellschaft zu erzählen. 

16 solcher kleinen Kiez-Treffpunkte soll es geben. Das ist wenig, gemessen an den mehr als 200 000 Menschen aus aller Welt, die in Berlin an elf staatlichen, zwei konfessionellen und rund 30 staatlich anerkannten privaten Hochschulen lehren, forschen, arbeiten und studieren. Eve Craigie, die die "Kieznerds" mit ins Leben gerufen hat, ist mit der Resonanz zufrieden.  Gegen die  Demonstration als Format habe man sich ganz bewusst entschieden. Man komme da ja nicht in den Dialog. 

Na, dann.

Christine Prußky

 

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