"Vor der Welle schwimmen"

Die VolkswagenStiftung richtet ihre Förderstrategie ab 2021 neu aus, mit den drei Profilbereichen "Exploration", "Gesellschaftliche Transformationen" und "Wissen über Wissen - Reflexion und Praxis der Wissenschaften" sowie dem Querschnittsbereich "Wissenschaft in der Gesellschaft". Im Interview geben Dr. Georg Schütte, Generalsekretär der Stiftung, und Dr. Henrike Hartmann, Leiterin der Förderabteilung, einen Einblick in den Strategieprozess und erläutern, welchen Herausforderungen sich die Stiftung in Zukunft stellen möchte.

Welche Überlegungen haben am Anfang des Strategieprozesses gestanden? Welcher Handlungsbedarf wurde gesehen?

Schütte: Die Stiftung hat eine gute Tradition, sich etwa alle zehn Jahre von externen Fachleuten den Spiegel vorhalten zu lassen. Das Instrument dafür ist die Gesamtevaluation. Die jüngste endete im Juni 2020 mit einer Präsentation vor dem Kuratorium. Das Panel hatte sich die Mühe gemacht, nochmal tief in unsere Community in Deutschland und im Ausland hineinzuhorchen: Wie seht ihr die Stiftung? Was erwartet ihr von ihr? Das Feedback hat mit dazu beigetragen, unsere Strategie von Grund auf zu überdenken, die Vielzahl der Förderprogramme zu reduzieren und uns darüber klar zu werden: Welches sind die neuen, großen Herausforderungen? Welchen Beitrag kann Wissenschaft leisten? Und wie können wir als Stiftung die Wissenschaft in die Lage versetzen, aus sich heraus, von intrinsischer Neugierde getrieben, radikal neue Fragen zu stellen – und relevante Antworten zu liefern?

Welchen Herausforderungen will man sich nun in Zukunft stellen?

Was wir fördern, soll Wirkung erzeugen, Strukturen ändern, Zukunft gestalten.

Georg Schütte

Hartmann: Wir haben drei neue Profilbereiche gebildet. Der erste heißt "Exploration". Hier geht es darum, Risiko zu wagen, also in bislang unerschlossene Bereiche der Forschung vorzustoßen, mit ungewissem Ausgang. Als Stiftung stimulieren wir Experimentierlust und sagen: Scheitern gehört dazu; wir nehmen in Kauf, dass ein Projekt trotz bester Fundierung das selbstgesteckte Ziel nicht immer erreicht. Diese Einstellung empfinde ich durchaus als ein Alleinstellungsmerkmal unserer Stiftung.

Der zweite Bereich: "Gesellschaftlichen Transformationen". Um uns herum vollziehen sich Umbrüche in sehr vielen Bereichen. Die Pandemie hat da nochmal wie ein Brennglas gewirkt. Hier hat Wissenschaft eine Verantwortung, gute Lösungen zu entwickeln und gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen.

Portrait
Dr. Henrike Hartmann leitet seit 2015 die Förderabteilung. Zuvor war sie Teamleiterin "Personen und Strukturen" und hat Förderinitiativen, z. B. in der Biomedizin, verantwortet. (Foto: Nico Herzog für VolkswagenStiftung)

Im dritten Profilbereich "Wissen über Wissen" geht es um das System selbst: Wie kann Wissenschaft bestmöglich arbeiten? Welche Strukturen braucht sie, um die großen Zukunftsherausforderungen anzunehmen? Wir wollen Impulse für strukturelle Erneuerung geben. Nicht nur in der Scientific Community, sondern auch an deren Rändern. Da kommt dann ganz wesentlich der Bereich der Wissenschaftskommunikation mit hinein.

Woher kommen die Anregungen für neue Förderthemen?

Schütte: Grob gesagt auf zwei Wegen. Zum einen in einem Bottom-up-Prozess aus der Wissenschaft selbst, etwa bei Fachkonferenzen, in individuellen Gesprächen, aber auch anlässlich von Experten-Hearings, zu denen die Stiftung selber einlädt. Aber natürlich entwickeln unsere Fachreferentinnen und -referenten selbst spannende Fragen, die wir dann unsererseits mit der Bitte um Feedback in die Community spielen. Das Ganze immer mit dem Ziel, am Ende Wirkung zu erzeugen, Strukturveränderungen herbeizuführen, Folgeprojekte zu initiieren.

Welche Zielgruppen wünschen Sie sich für die neuen Förderangebote?

Schütte: Kreative, wagemutige, neugierige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Wir sind bereit, unkonventionelle Ideen voranzubringen, haben aber immer den Anspruch, dass sich Antragstellerinnen und Antragsteller dem kritischen Fachurteil aus der Community stellen.

Hartmann: Es gibt sehr starke Drucksituationen und Abhängigkeitsverhältnisse im Wissenschaftssystem. Dadurch gehen viele Ideen und Impulse verloren, die neue Perspektiven eröffnen könnten. Wir wollen insofern Vorreiter sein für die Leute, die bereit sind zu sagen: Ich schwimme nicht mit dem Strom - oder zumindest nicht nur…

Die Stiftung ist groß genug, um auch wirklich große Dinge zu bewegen.

Henrike Hartmann

Mit welchem Selbstverständnis startet die VolkswagenStiftung in die Zukunft?

Hartmann: Idealerweise wollen wir vor der Welle schwimmen, also das Zukunftspotenzial neuer Themen frühzeitig entdecken und dann auf die Wissenschaftslandkarte setzen. Wir wollen, dass durch das, was wir tun, wirklich neue Dinge entstehen und andere sich davon inspirieren lassen und das Neue in die Breite tragen. Die Stiftung ist groß genug, um wirklich große Dinge zu bewegen. Und wir sind klein genug, um schnell zu handeln. Als private Stiftung sind wir unabhängig, deshalb können wir selbst entscheiden, was wir auf die Agenda setzen. Und das tun wir mit größtmöglicher Flexibilität.

Portrait
Dr. Georg Schütte ist seit 1. Januar 2020 Generalsekretär der VolkswagenStiftung. Davor war er zehn Jahr lang Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung. (Foto: Gordon Welters für VolkswagenStiftung)

Schütte: Als Ergänzung dazu: Risikobereitschaft und Experimentierfreudigkeit erwarten wir nicht nur von unseren Antragstellerinnen und Antragstellern. Beides erwarten wir auch von uns selbst als Institution. Wir wagen auch intern Neues. So haben wir als erste Wissenschaftsförderin in Deutschland das herkömmliche Gutachtervotum mit einer Zufallskomponente ergänzt. Dass im "teil-randomisierten Auswahlverfahren" nun auch das Losglück über Bewilligungen entscheidet, hat uns im In- und Ausland enorm viel Aufmerksamkeit beschert. Es gab Beifall und Kritik. Über beides haben wir uns gefreut. Gegenwärtig beschäftigen wir uns mit der Frage, wie wir die Erfahrungen mit digitalen Kommunikationsmöglichkeiten für uns nutzbar machen können. Soll man Präsentationen vor Gutachtergremien künftig als Video anfordern? Wollen wir Videochat-Sprechstunden für unsere Community anbieten? Wie werden wir im Social Web nahbarer und interaktiver? Da wollen wir weiter explorativ sein.

Wie war der Prozess der Strategieentwicklung gestaltet? Wer war involviert?

Hartmann: Es war ein im besten Sinne iterativer Prozess. Alle Leute im Haus, die etwas beitragen wollten, konnten das tun. Ich denke, das war ganz wichtig, dass wir alle gehört haben und Schritt für Schritt zusammengetragen haben, was unsere Vorstellungen und unsere Ideen sind. Es kam dem Prozess zugute, dass zur selben Zeit die Empfehlungen der Gesamtevaluation vorlagen. Und wir hatten – und das war eine ganz wichtige Inspirationsquelle und ein ganz wichtiger Resonanzboden - den Forschungsausschuss des Kuratoriums, der eng eingebunden war und uns mit kritisch-konstruktivem Feedback immer wieder herausgefordert hat. Fasst man all das zusammen, haben wir jetzt eine wirklich solide Basis für die nächsten Schritte.

Wie hat man sich jetzt den Übergang vorzustellen?

Hartmann: Der Transformationsprozess beinhaltet, dass einige Initiativen auslaufen. Das hat das Kuratorium im Dezember 2020 beschlossen. Es ist aber gute Tradition, die Dinge nicht abrupt zu beenden, sondern in eine gut kommunizierte, partnerschaftlich orientierte Auslaufphase zu überführen. Es gibt aber auch Initiativen, die sich den neuen Profilbereichen zuordnen lassen, sobald wir sie ein wenig nachgeschärft haben. Und schließlich werden wir Neues entwickeln, das hoffentlich schon 2021 in unserem Förderangebot sichtbar werden wird.

Stichwort Finanzierung. Wird sich das Fördervolumen wegen der Niedrigzinsphase perspektivisch verringern?

Schütte: Darauf ein klares Nein! Wir sind vorsichtig und vorausschauend in der Anlage unseres Stiftungskapitals. Und bei allen Unsicherheiten an den Kapital- und Finanzmärkten sind wir sehr zuversichtlich, unser jährliches Fördervolumen in der allgemeinen Förderung erhalten zu können. Mit der Neuausrichtung des Förderportfolios ist jedenfalls keine "Hidden Agenda" verbunden. Wir strukturieren nicht um, weil wir Geld sparen müssten. 

Wofür wird die Stiftung in zehn Jahren stehen?

Schütte: Wie wir in der Geschäftsstelle arbeiten werden, das ist ein kontinuierlicher Lernprozess. Modewörter sind Agilität, Digitalität. Die Stiftung wird sich natürlich weiterentwickeln. Wer Impulse nach außen gibt, wird auch immer Impulse von außen erhalten, sich davon einen Moment lang kreativ irritieren lassen und dann eigene Schlüsse ziehen. Wenn wir uns als lernende Organisation die Freude am kontinuierlichen Wandel erhalten, dann werden nicht nur die nächsten zehn Jahre gut, sondern auch das wiederum daran anschließende Jahrzehnt.

 

Die VolkswagenStiftung richtet ihre Förderstrategie ab 2021 neu aus, mit den drei Profilbereichen "Exploration", "Gesellschaftliche Transformationen" und "Wissen über Wissen - Reflexion und Praxis der Wissenschaften" sowie dem Querschnittsbereich "Wissenschaft in der Gesellschaft".

In der Broschüre "auf bruch" fasst die VolkswagenStiftung ihre neue Förderstrategie zusammen, hier können Sie die Broschüre anfordern oder kostenlos herunterladen.