Unser Erinnern, euer Vergessen

Das Projekt Doing Memory untersucht, wie die Gesellschaft mit der Erinnerung an rechte Gewalttaten umgeht. Der Fokus liegt auf den rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen 1992.

Hochhaus im Hintergrund mit großen Sonnenblumen auf der Fassade, im Vordergrund Baumwipfel
Das Wohnheim für vietnamesische Vertragsarbeiter befand sich im sogenannten Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen. (Foto: mc005 via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0 http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)

Seit 1990 sind laut der Amadeu Antonio Stiftung in Deutschland mindestens 218 Menschen infolge rechter Gewalt ums Leben gekommen. In Städten wie Hanau, Kassel und Rostock, in denen rassistisch motivierte Gewalttaten verübt wurden, gab und gibt es vielfältige Kontroversen darüber, wie im öffentlichen Raum an die Opfer dieser Gewalt erinnert werden soll. Häufig geht es darum, an wen oder was, an welchen Orten und in welcher Form erinnert wird, ob durch ein Mahnmal, einen Film, durch Literatur oder Fotografie. Mit solchen Praktiken des Erinnerns beschäftigt sich Doing Memory – ein Projekt, das auch untersucht, wo nicht erinnert wird, und so Taten und Opfer in Vergessenheit geraten. Es wurde in der inzwischen beendeten Initiative "Originalitätsverdacht? Neue Optionen für die Geistes- und Kulturwissenschaften" gefördert.

Das Fanal von Lichtenhagen

Im Zentrum des Projekts stehen die pogrom-ähnlichen Krawalle von Rostock-Lichtenhagen im August 1992. Es war der Höhepunkt einer größeren Welle rassistischer Gewalt, die seit 1991 die Bundesrepublik erschütterte. Die Angriffe von Rostock-Lichtenhagen richteten sich zunächst gegen Rom:nja, anschließend gegen vietnamesische Vertragsarbeiter:innen. Diese beispiellose rassistisch motivierte Massengewalt trug paradoxerweise zu einer Beschneidung der Rechte der Opfer bei, nämlich zur Einschränkung des Grundrechts auf Asyl, Artikel 16 Grundgesetz. Die Erfahrungen und Sichtweisen der Betroffenen auf das Pogrom hingegen blieben in der Mehrheitsgesellschaft weitgehend ungehört.

Weiße Stele aus Stein auf Kopfsteinpflaster
In Erinnerung an die Anschläge 1992 wurden in Rostock fünf Steinstelen als Memorial aufgestellt - so wie diese mit dem Titel "Empathie". (Foto: Schiwago via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0 http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)

Internationaler Austausch zu Gewalterfahrungen

Zusammen mit Akteur:innen vor Ort untersuchten die Forschenden um die Medienwissenschaftlerin Tanja Thomas von der Eberhard Karls Universität Tübingen, den Politikwissenschaftler Fabian Virchow von der Hochschule Düsseldorf und den Literaturwissenschaftler Matthias Lorenz von der Leibniz Universität Hannover, wie sich die Erinnerung an dieses erschütternde Ereignis im Laufe der Jahre entwickelt hat, welche Konflikte entstanden sind, wer sich zu Wort meldet und gehört wird, wer nicht. Dazu und zu Fällen rechter Gewalt in anderen Ländern wurden vier Workshops in Rostock, Athen, Oslo und London veranstaltet. Diese sollen wie auch das Projekt insgesamt vor allem dem Austausch und der Vernetzung derjenigen dienen, die sich mit dem Erinnern an rechte Gewalt befassen.

Die Mehrheit ignoriert die rechte Gefahr, die Minderheiten bedroht

Doing Memory wolle eine Lücke schließen in der Forschung zu Erinnerungskultur und -praxis, sagt Tanja Thomas, die nicht im Zusammenhang mit staatlich organisierter Gewalt in Form eines Genozids steht, sondern die sich auf nichtstaatliche rechte Gewalt bezieht. Eine wichtige Erkenntnis aus Doing Memory: Das Erinnern an rechte Gewalt sei zwangsläufig konflikthaft. Denn es gehe darum, Einfluss auf das Selbstverständnis der Mehrheitsgesellschaft zu Themen wie Rassismus und Antisemitismus zu nehmen. Ziel des Projekts sei es, so Thomas, dazu beizutragen, dass die verschiedenen Lebenserfahrungen, die für Menschen mit Einwanderungsgeschichte spezifisch sind und mit Ausgrenzung oder Rassismus einhergehen, von der Mehrheitsgesellschaft anerkannt werden.

Private Initiativen schaffen Dialogangebote, nicht die Stadtpolitik

"Menschen mit Rassismuserfahrung sind Teil unserer Gesellschaft", sagt Thomas, "deshalb müssen solche Erfahrungen auch als Teil des Erinnerns und Trauerns der Gesamtgesellschaft und nicht als ein Problem sogenannter "Anderer" betrachtet werden." Dabei sei es den Wissenschaftler:innen einerseits darum gegangen, dass Betroffene sprechen, andererseits aber auch darum, dass die Mehrheitsgesellschaft zuhört und die Perspektiven der Betroffenen anerkennt. Den Opfern rassistischer Gewalt wurde in der Vergangenheit vielfach erst dann zugehört, so die Forschenden, wenn es zivilgesellschaftliche Akteur:innen gab, die sich mit ihnen solidarisch zeigten, ihnen Sichtbarkeit gaben, indem sie sie zum Beispiel zu öffentlichen Vorträgen einluden. Solche Initiativen würden meist von privater Seite gestartet. Thomas zufolge seien es selten offizielle Stellen wie Städte und Gemeinden, die so handeln. 

Weiße Stele aus Stein auf Kopfsteinpflaster
Auch eine Stele mit dem Titel "Gesellschaft" ist Teil des Memorials. (Foto: Schiwago via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0 http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)

Eigene Formate für die partizipative Wissenschaftsvermittlung 

Inzwischen gibt es mehr öffentliche und mediale Räume für Betroffene. Das Projekt Doing Memory bietet dabei selbst eine Plattform für gemeinsames Erinnern – unter anderem durch eine eigene Audio-Podcast-Reihe, in der auch Journalist:innen, Künstler:innen und Forschende über ihre Erfahrungen mit rechter Gewalt und das Erinnern sprechen. Aus Sicht der beiden Hosts Tanja Thomas und Fabian Virchow bietet sich der Podcast als offenes Format an, das gerade auch bei der jüngeren Generation beliebt ist. "Es ermöglicht tiefgehende Gespräche, die Raum bieten für eine intensive Verhandlung ohne zeitliche Vorgabe", so Thomas. "Außerdem waren die Kosten überschaubar, und man konnte trotz der Corona-Pandemie Gespräche führen über erfahrenes Leid, aber auch über Empowerment durch unterschiedliche Praktiken des Erinnerns – durch Mahnmale, durch Filme, Theater, Hörspiele, Literatur und Poesie." 

Mehrsprachigkeit als Spiegel der postmigrantischen Wirklichkeit

In Form eines Podcasts partizipativ mit Betroffenen und Akteur:innen der Erinnerung Wissen öffentlich zu machen, sei dabei neben der Forschung ein weiteres, eigenes Projekt – und dabei, so räumt Thomas ein, habe man zu Beginn "ein wenig unterschätzt, wieviel Arbeit letztlich mit einer Podcast-Produktion verbunden ist". Insgesamt haben die Forschenden einen beträchtlichen Aufwand für die Kommunikation zum Projekt betrieben. Neben dem Podcast gibt es eine Website mit zahlreichen Videos und einer interaktiven Karte. Auf der sind Orte des Erinnerns an rechte Gewalt verzeichnet, so dass sich Interessierte auch inspirieren lassen können, welche Formen der Erinnerung bereits existieren. Die Karte wird ständig aktualisiert.

Die Website steht in deutscher, türkischer und englischer Sprache zur Verfügung. "Mit der Mehrsprachigkeit wollen wir markieren, dass eine postmigrantische Gesellschaft längst eine soziale Realität ist," erläutert Thomas. Alle Angebote sind allgemeinverständlich formuliert, sodass ein breites Publikum angesprochen wird: Wissenschaftler:innen, Betroffene, Akteur:innen der Erinnerung, Studierende, Journalist:innen, die breite Öffentlichkeit.

Das Fazit von Thomas: "Eine gute Wissenschaftskommunikation erfordert ein hohes Maß an Ressourcen, darunter Zeit, aber auch Kompetenzen, die man als Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler nicht automatisch mitbringt." Dazu hat sich das Forscher:innenteam von einer professionellen Kommunikationsagentur unterstützen lassen. 

von Eva Völker

Publikation:

Lorenz, Matthias N./Tanja Thomas/Fabian Virchow (Hrsg.) (2022): Rechte Gewalt erzählen. Doing Memory in Literatur, Theater und Film, Heidelberg: J.B. Metzler