Umgang mit dem kolonialen Erbe: "Wo kommt das her?"

Katja Lembke, Direktorin des Landesmuseums in Hannover, zitiert die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy, um anschaulich zu machen, welche Bedeutung in der Herkunft eines Exponats steckt: "Ich will wissen, wie viel Blut von einem Kunstwerk tropft." Savoy schrieb diesen Satz 2019 in ihrem Buch "Museen. Eine Kindheitserinnerung". Ein Jahr früher hatte sie gemeinsam mit dem senegalesischen Ökonomen Felwine Sarr einen Bericht über die Rückgabe afrikanischer Kulturgüter für den französischen Staatspräsidenten verfasst und so das Thema Provenienzforschung einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht.

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In Hannover war bereits einige Monate zuvor die Archäologin und Ägyptologin Prof. Dr. Katja Lembke Sprecherin des an ihrem Haus initiierten Verbundvorhabens "Provenienzforschung in außereuropäischen Sammlungen und der Ethnologie in Niedersachsen" geworden. Mit der Sonderausstellung "Heikles Erbe – Koloniale Spuren bis in die Gegenwart" hatte das Landesmuseum zudem schon 2016/17 das Thema aufgegriffen. Im Projekt PAESE, so das Akronym, kooperieren die Universitäten in Hannover und Göttingen, das Landesmuseum Oldenburg, das Städtische Museum Braunschweig, das Roemer- und Pelizaeus-Museum Hildesheim sowie das Evangelisch-lutherische Missionswerk in Niedersachsen. Die VolkswagenStiftung hat PAESE über drei Jahre gefördert.

Das Großprojekt ist mittlerweile fast abgeschlossen, die Ergebnisse entfalten ihre Wirkung. Inzwischen hat sich das Selbstverständnis in Sammlungen und Museen entscheidend verändert. "Wir denken das immer mit", sagt Katja Lembke, "wo kommt etwas her? Wurde es gekauft, geschenkt oder geraubt? Wurde ein fairer Preis bezahlt? Sind Menschen dabei zu Schaden gekommen?" Die Verstrickungen gehen aber oft viel weiter, bis hin zur Frage, aus welchen Kassen das Geld stammt, mit dem in Auftrag gegebene Kunstwerke während der Kolonialzeit bezahlt wurden.

Perspektiven und Methoden

"Viele haben anfangs gedacht, die Kurator:innen könnten das mit der Provenienz nebenbei klären", erinnert sich Dr. Claudia Andratschke. Sie studierte Kunstgeschichte, Geschichte und Rechtswissenschaften und ist seit dem Jahr 2008 Inhaberin einer eigenständigen Stelle für Provenienzforschung am Landesmuseum Hannover. Sie koordiniert sowohl das Projekt PAESE als auch das Netzwerk Provenienzforschung in Niedersachsen.

Viele haben anfangs gedacht, die Kurator:innen könnten das mit der Provenienz nebenbei klären. 

Dr. Claudia Andratschke

Fristen, etwa zur Herausgabe von Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten oder auch bei NS-Raubgut, seien formaljuristisch längst abgelaufen, sagt Claudia Andratschke: "Daher bieten juristische Aspekte zwar Orientierungshilfen, doch basiert die jüngere Provenienzforschung letztlich auf moralisch-ethischen Prinzipien und Selbstverpflichtungen. Im Fall von Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten bedeutet dies, die eigene Kolonialgeschichte aufzuarbeiten, unrechtmäßige Besitzverhältnisse offenzulegen, im Austausch mit Vertreter:innen der Herkunftsländer Transparenz über Sammlungen und ihre Herkunft herzustellen und somit die Voraussetzungen für Rückgaben zu schaffen."

schwarzes, ausgestopftes Reptil
"Das Erbe" hat Anne Schönharting ihr Fotoprojekt benannt, aus dem hier einige Bilder den Beitrag zum Forschungsvorhaben PAESE begleiten.

Die Diskussionen der letzten Jahre haben durchaus auch die Berechtigung ethnologischer Sammlungen in Europa infrage gestellt, erklärt sie – und zu einem Paradigmenwechsel geführt: "Wir reden inzwischen nicht mehr nur über die Herkunftsregionen der Objekte. Wir reden direkt mit Menschen, die heute dort leben und forschen." Kommunikation und Kooperation stehen auch bei PAESE im Mittelpunkt. So sind nicht nur Disziplinen wie Geschichtswissenschaft, Ethnologie und Rechtswissenschaften an hiesigen Institutionen beteiligt, sondern auch Expert:innen aus jenen Ländern, mit denen Objekte in den jeweiligen Sammlungen verknüpft sind. "Wir versuchen möglichst offen zu sein, auch dafür, welche Expertise jeweils wie weit führen kann", erläutert Andratschke. Dazu gehörten die unterschiedlichen Perspektiven und Methoden der Disziplinen, aber auch die Sichtweisen der anderen Kulturen.

Sammlungs- und Sammlergeschichte(n)

Nicht nur Objekte stehen im Zentrum von Provenienzforschung. Immer öfter sind es auch die Personen, die die Sammlungen einst zusammentrugen. Die Kulturanthropologin Isabella Bozsa, die im Rahmen von PAESE promoviert, erforscht am Städtischen Museum Braunschweig die nach dem Kolonialoffizier Kurt Strümpell benannte Sammlung mit 700 Objekten aus Kamerun. "Es ist wichtig, dass wir seine Beschreibungen anhand heutiger Perspektiven aus den Herkunftsregionen hinterfragen." Dies betrifft zunächst die kritische Betrachtung der Erwerbskontexte, da Strümpell zum Zeitpunkt zahlreicher Objektaneignungen an kolonialen Eroberungsfeldzügen beteiligt war.

Es ist wichtig, dass wir seine Beschreibungen anhand heutiger Perspektiven aus den Herkunftsregionen hinterfragen.

Isabella Bozsa

Daneben gelang es Bozsa 2021, drei Zeremonialobjekte aus der Sammlung Strümpell dem Herrscher der in Kamerun lebenden Bangwa, Fontem Asunganyi, als Vorbesitzer zuzuordnen und Kontakt mit dessen Nachfahren aufzubauen. Es handelt sich um ein Prestigeschwert und zwei mit Glasperlen verzierte Stäbe, die der lokale Herrscher bei Festen und Ritualen als Zeichen seiner königlichen Autorität trug. "Mit Hilfe von PAESE konnten wir einen Vertreter, Chief Charles Taku, 2021 an das Museum einladen, und für 2022 ist der Besuch einer Delegation des derzeitigen Königs Fontem Asabaton geplant", erklärt die Forscherin.

...we can now sleep in peace...

Chief Charles Taku

Taku machte bei seinem Aufenthalt in Braunschweig deutlich, wie bedeutsam für ihn und die Bangwa-Gemeinschaft diese Möglichkeit der Begegnung ist: "It is a historical moment for the simple fact that I had the opportunity to talk to my ancestors." Er fügte hinzu: "Means we can now sleep in peace that we now are reconciling with this history and the reality of this history." Und Isabella Bozsa betont, wie bereichernd der Einblick in die verschlungene Geschichte, den spirituellen Wert der Objekte und die jeweils damit verbundene kulturelle Praxis für sie als Forscherin gewesen sind. Die Kooperation zeige, dass Sammlungsobjekte nicht nur Funktionen der Beschreibung oder Repräsentation von Kulturen erfüllen, sondern auch für die Nachfahren der Vorbesitzenden Verbindungen zu ihren Ahnen sein können. Das müsse in der zukünftigen musealen Praxis stärker berücksichtigt werden.

Im Rahmen von PAESE fand der Austausch in beide Richtungen statt: Projektmitarbeiter:innen leiteten Workshops für Studierende in den Herkunftsregionen, um in einen Dialog mit zukünftigen Museumsverantwortlichen zu gelangen. Kooperationspartner:innen aus verschiedenen Ländern besuchten aber auch immer wieder die Sammlungen in Niedersachsen. 2019 kamen einige von ihnen bei einer Diskussionsveranstaltung in Hannover zusammen. Dabei fragte Flower Manase, Kuratorin am National Museum of Tanzania in Daressalam, ganz direkt: "Wie kann man jemanden wertschätzen, wenn man Skelette seiner Vorfahren im Keller hat?" Sie appellierte an die Forschenden: "Bei allem, was wir tun, muss die Menschlichkeit im Vordergrund stehen."

Kulturelle Diversität und Asymmetrien

Interessiertes Zuhören und anderen Stimmen Raum geben sei ein Grundanliegen der Ethnologie, sagt Michael Kraus, Kustos der Ethnologischen Sammlung der Georg-August-Universität Göttingen. Insofern sei nicht alles, was sich gerade innovativ gebe, wirklich neu. Kraus studierte Ethnologie, Vergleichende Religionswissenschaft und Soziologie und leitet bei PAESE das Teilprojekt "Sammeln und Lehren". Neu ist in seinen Augen jedoch die Rolle, die Museen in den aktuellen Debatten einnehmen.

Es gibt weltweit unterschiedliche Ethiken, die wir ernst nehmen müssen.

Michael Kraus

Neben der Zunahme an Transparenz, wie sie Kooperationen und Digitalisierung ermöglichen, sei vor allem die steigende Bereitschaft, auch Besitzverhältnisse kritisch zu hinterfragen, ein zentrales Novum. Wichtig ist dabei weiterhin, so Kraus, kulturelle Diversität nicht durch neue Pauschalisierungen zu ersetzen: "Es gibt weltweit unterschiedliche Ethiken, die wir ernst nehmen müssen."

Ernst nehmen müsse man auch einen weiteren Aspekt des Aneignens von materieller und immaterieller Kultur, meint Claudia Andratschke: den Entzug von Wissen. "Dass nicht nur ein Großteil der heute als Ethnografika bezeichneten Objekte aus den damaligen Kolonien verschwand, sondern dass auch Objekte wie zoologische oder botanische Präparate und Mineralien in europäischen Museen lagern, hat die Forschung in Disziplinen wie Paläontologie, Zoologie oder Medizin beeinflusst, das lässt sich nicht wiedergutmachen", sagt die PAESE-Koordinatorin. Bei Rückgabedebatten müsse zudem auch immer die Frage gestellt werden: "Hat ein Objekt heute eine besondere Bedeutung für die Herkunftsgesellschaft – zum Beispiel, um alte Techniken wiederzubeleben?" Andratschke ist sich sicher: "Koloniales Erbe setzt sich in wirtschaftspolitischen Interessen fort – wir müssen den Eurozentrismus aufbrechen."

Auch Isabella Bozsa wünscht sich Dekolonisierung als gemeinsames Ziel, das Herstellen von Gleichberechtigung ist ihr wichtig. "Augenhöhe" müsse mehr sein als ein Lippenbekenntnis. Doch die Wissenschaftler:innen stellen fest: "Symmetrische Beziehungen bleiben zunächst eine Utopie." In der Forschung betreffe dies auch Bezahlung, Arbeitsverhältnisse und Ressourcen. Und vor allem: "Wer setzt die Agenda?" Es gelte, auf allen Ebenen nach Abhängigkeiten, Asymmetrien und Dominanzen zu fragen.

Symmetrische Beziehungen bleiben zunächst eine Utopie.

Isabella Bozsa

Dies schließt auch die Reflexion der eigenen Rolle bei der Produktion von Wissen mit ein. Die eigene Position innerhalb von Übersetzungsprozessen und der Interpretation von Geschichte sollte deutlich gemacht werden. Bozsa: "Wir dürfen koloniale Deutungen nicht reproduzieren und müssen mit Widersprüchen und Lücken in der Geschichte umgehen."

Globale Gemeinschaft und kritisches hinterfragen

Projektkoordinatorin Claudia Andratschke plädiert für eine Öffnung hin zu einer globalen wissenschaftlichen Gemeinschaft – nicht nur durch öffentlich zugängliche Onlinedatenbanken, die Transparenz über die in europäischen Sammlungen bewahrten Bestände herstellen sollen – wie es auch im Rahmen von PAESE realisiert wurde. Und Katja Lembke, die Direktorin des Landesmuseums in Hannover, spricht sich für mehr Multiperspektivität aus. Sie wünscht sich kritische Besucher:innen: "Sie sollen lernen, aktiv zu hinterfragen." Denn auch das macht PAESE deutlich: Verantwortungsvoller Umgang mit dem kolonialen Erbe ist kein Problem der Museen allein, die Herausforderung richtet sich an die ganze Gesellschaft. Und Museen können der Gesellschaft helfen, die richtigen Fragen zu stellen und die passenden Antworten zu finden.

Collection pieces on wooden door

Fotoprojekt "Das Erbe"

Vom Urgroßvater stammt der Kern des Erbes, das Fotografin Anne Schönharting sich und anderen auf ungewöhnliche Weise neu erschließt. Viele Objekte, darunter Waffen, Alltagsgegenstände, Tierpräparate und Schmuck, hatte der Kakaoplantagen-Verwalter zu einem "Afrikazimmer" zusammengetragen, das die Familie zuletzt in Diera bei Meißen erhalten und erweitert hat. Afrika wirkte als Sehnsuchtsort, die koloniale Provenienz der Gegenstände wurde kaum hinterfragt. "Das Erbe" hat Anne Schönharting ihr Projekt benannt, aus dem hier einige Bilder den Beitrag zum Forschungsvorhaben PAESE begleiten. Die Berliner Fotografin stellt in ihrer Auseinandersetzung mit der vertrauten Sammlung einige der Objekte in neue Kontexte  - und ermöglicht damit eine veränderte Wahrnehmung der Gegenstände, die Familien- und Weltgeschichte zugleich spiegeln.

Weitere Förderungen

Die Stiftung hat neben PAESE weitere Projekte der Provenienzforschung gefördert, nicht nur zu ethnografischen Objekten. Und 2020 konnte an der Universität Lüneburg Prof. Dr. Lynn Rother ihre Arbeit als Lichtenberg-Professorin für Provenienzstudien aufnehmen. Sie kommt vom MoMA in New York, wo sie als Senior Provenance Specialist tätig war.