"... Risiken verständlicher machen."

Kurzinterview: Prof. Dr. Ulrike Ackermann vom John Stuart Mill Institut für Freiheitsforschung in Bad Homburg und Prof. Dr. Ulrich John, Universitätsmedizin Greifswald, waren als Experten zum nun abgesagten Herrenhäuser Forum "Weil's so gesellig ist? Alkoholkonsum in Deutschland“ eingeladen. 

Gesellige Runde mit Schnapsgläsern
"Weil's so gesellig ist? Alkoholkonsum in Deutschland" war der Titel eines aufgrund der Corona-Krise abgesagten Herrenhäuser Forums im Tagungszentrum Schloss Herrenhausen am 16. April 2020. (Foto: mdoelle - stock.adobe.com)

Wie hat sich Ihr (Arbeits-)Alltag aufgrund der Corona-Krise verändert?

Ulrike Ackermann: Da alle Vorträge und Podiumsdiskussionen, zu denen ich eingeladen war, abgesagt sind – mein neues Buch "Das Schweigen der Mitte. Wege aus der Polarisierungsfalle" ist gerade erschienen – bleibt mehr Zeit für Forschung. Allerdings verschlingt das Schlange stehen und die Vorsichtsmaßnahmen in der Alltagsorganisation viel Zeit.

Ulrich John: Mir bleibt sehr viel Ruhe und Zeit zum Arbeiten zu Hause. Das genieße ich.

Porträt
Die Politikwissenschaftlerin und Soziologin Prof. Dr. Ulrike Ackermann ist Direktorin des John Stuart Mill Institut für Freiheitsforschung, Bad Homburg (Foto: Alexander Paul Englert)

Was bedeutet die Krise für unsere Gesellschaft?

Ulrich John: Erstens zeigt sie uns die Verletzbarkeit des Menschen. Zweitens lernen wir, wie sehr Menschen bereit sind, durch ihr Verhalten Krankheiten abzuwehren. Das ist ganz wunderbar. Drittens schult die Krise das Zusammengehörigkeitsgefühl. 

Ulrike Ackermann: Erstmalig erleben die Deutschen solch fundamentale Freiheitseinschränkungen, wie man sie nur aus Diktaturen kennt. Bisher geht die Bevölkerung erstaunlich gelassen mit der Krise und den damit verbundenen Maßnahmen um. Hilfe für andere und Gemeinsinn wachsen einerseits. Aber auch Gereiztheit über politische Versäumnisse, berechtigte Existenzängste und Einsamkeitsgefühle machen sich breit. Die Geduld, gerade bei Menschen in beengten Verhältnissen, wird nicht mehr lange anhalten. Deshalb ist es richtig, Exit Strategien zu entwickeln. Wir müssen Lockerungen ins Auge fassen, generell testen und gleichzeitig Hygienestandards (Masken, Desinfektionsmittel) erhöhen. Und unsere Freiheiten neu schätzen lernen.

Porträt
Prof. Dr. Ulrich John, Universitätsmedizin Greifswald (© Ulrich John)

Was meinen Sie, wird jetzt mehr Alkohol konsumiert? 

Ulrich John: Dazu müsste ich spekulieren. Das erspare ich uns. Bemerkenswert ist aber, dass die Menschen zu Verhaltensänderungen und Verzicht auf soziale Kontakte bereit sind, wenn sie die Bedrohung ihrer Gesundheit verstehen. Wissenschaftliche Arbeit hat in diesen Tagen einen unmittelbaren Einfluss, wie es nur sehr selten vorkommt. An den Folgen von Alkoholkonsum und Tabakrauchen sterben in Deutschland nach dem Stand des Wissens wahrscheinlich mehr als 150 000 Menschen pro Jahr. Ein lohnendes Ziel ist, auch diese Risiken den Menschen verständlicher zu machen. 

Was möchten Sie jenen sagen, die jeden Abend ein Gläschen gegen die Krise trinken?

Ulrich John: Nutzen Sie Ihre Fähigkeit, sich auf die Bedrohung der Gesundheit einzustellen. Sie lernen sehr viel dazu in diesen Tagen. Überlegen Sie, ob Sie es nicht auch fertigbringen, Ihre Gesundheit zu schützen, indem Sie weniger und im optimalen Fall sogar keinen Alkohol mehr trinken. Sie reduzieren damit Ihr Risiko, eine Herz-Kreislauf- oder Krebserkrankung zu erleiden.

Ulrike Ackermann: Wir sind alle gestresst in dieser Krise, müssen uns aber auch bei Laune halten. Zugleich müssen wir selbstverantwortlich für unsere Gesundheit sorgen. Deshalb sind Maßhalten und Selbstkontrolle, eben die Balance zwischen der Hingabe an den Genuss und der Kontrolle des Genusses zu finden, in dieser Situation umso wichtiger. 

Interview: Katja Ebeling