Ethik in der Wissenschaft: Perspektive und Orientierung

Wissenschaftsjournalistin Petra Krimphove sprach für das Stiftungsmagazin "Impulse" mit Monika Betzler, Professorin für Praktische Philosophie und Ethik an der LMU München, und der Stellvertretenden Generalsekretärin der VolkswagenStiftung, Henrike Hartmann.

Frau Betzler, wer definiert eigentlich in unserer komplexen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts, was ethisches Handeln ausmacht?

Monika Betzler: Es gibt viele unterschiedliche Moraltheorien oder Ethiken, aber zumindest alle modernen Ansätze eint eine Grundfrage: Was schulden wir anderen Menschen, wenn wir sie als gleichberechtigte Wesen betrachten? In jüngerer Zeit hat sich das weiter zu der Frage geöffnet, ob es neben Menschen andere Wesen gibt, die auch einen moralischen Status haben, zum Beispiel Tiere. Man könnte sogar ganz Sci-Fi-mäßig fragen: Wenn künstliche Intelligenz so weit entwickelt ist, dass Roboter uns ähneln, verfügen sie dann ebenfalls über einen moralischen Status, so dass wir ihnen etwas schulden?

Frau Hartmann, haben Wissenschaftler:innen unter diesen Vorzeichen eine besondere ethische Verantwortung?

Henrike Hartmann: Ja, und zwar auf zwei Ebenen. Da ist zum einen der Code of Conduct guter wissenschaftlicher Praxis. Forschende sollen professionell, solide und transparent arbeiten und kommunizieren, was sie tun. Ich trage als Wissenschaftler:in aber auch eine Verantwortung der Gesellschaft gegenüber. Nicht nur, weil sie meine Arbeit finanziert, sondern weil sie zu Recht erwartet, dass ich zur Lösung der großen Herausforderungen beitrage. Dabei muss die Wissenschaft die Werte, die diese Gesellschaft ausmachen, in ihrem Tun reflektieren.

Frau Betzler, was beinhaltet eine solche ethische Reflexion?

Monika Betzler: In der Philosophie bedeutet es, dass wir mittels unserer Vernunftfähigkeit auf Antworten kommen können, und zwar losgelöst von vorgegebenen Autoritäten, insbesondere den  Religionen. Diese Autonomie der Ethik ist eine moderne Errungenschaft. In besonderer Weise steht der Name Immanuel Kant dafür, Antworten auch auf ethische Fragen in unserem eigenen Denken zu begründen.

Sind Forschende denn ausreichend für diese Auseinandersetzung mit ethischen Fragen gerüstet?

Monika Betzler: Es gibt da schon Berührungsängste. Ich stoße immer wieder auf Kolleg:innen aus den Naturwissenschaften, die fast ängstlich auf den Begriff Ethik reagieren. Häufig wird befürchtet, dass die Ethiker:innen ihnen tadelnd sagen, was sie alles falsch machen. Aber dies ist überhaupt nicht das Anliegen
der philosophischen Ethik. Es würde niemals funktionieren, anderen Wissenschaften gewissermaßen von außen ethische Anleitung zu geben. Zum einen sind die Fragen viel zu diffizil und komplex, zum anderen haben wir Philosoph:innen viel zu wenig anderes Fachwissen, um sie ohne Zusammenarbeit mit ihnen zu beurteilen. 

Henrike Hartmann sitzt an einem Tisch.
Henrike Hartmann hat in Pharmakologie promoviert und leitet seit 2015 die Abteilung Förderung der Stiftung. Als Stellvertretende Generalsekretärin ist sie in allen strategischen Überlegungen und Prozessen engagiert. (Foto: Philip Bartz für VolkswagenStiftung)

Wie aber kann man den ethischen Diskurs Forschenden näherbringen?

Monika Betzler: Wir brauchen unbedingt Curricula, die die Philosophie mit anderen Fächern zusammenbringen und auch Foren und Lehrformate, in denen man dies ausprobieren kann. An der Universität München gibt es zum Beispiel einen gemeinsamen Kurs von Ethik und Geografie zum Thema Klimawissenschaft mit jeweils 15 Geografie- und Philosophiestudierenden. Da gab es natürlich erst Hürden, und manchmal versteht man sich überhaupt nicht. Aber man muss solche Gefäße schaffen. Leider werden solche Formate im Wissenschaftsbetrieb nicht ausreichend belohnt. 

Henrike Hartmann: Ich teile den Eindruck. Ich würde mir wünschen, dass Ethikmodule mit mehr Selbstverständlichkeit in Forschung und Lehre eingebettet werden. Stattdessen erlebt man immer noch auf mehrtägigen Veranstaltungen zu den Natur- und Lebenswissenschaften, dass ethische Implikationen erst ganz am Ende auf dem Programm stehen. Das ist sehr feigenblattmäßig. 

Wo liegt denn die ethische Verantwortung im Wissenschaftssystem? Bei den Forschenden oder den Organisationen mit ihren Kommissionen und Kodizes?

Henrike Hartmann: Die Verantwortung liegt auf allen Ebenen, bei allen Beteiligten. Ethikkommissionen spielen eine wichtige Rolle, weil sie Zeichen setzen und Bezugspunkte darstellen. Sie entlasten aber nicht den Einzelnen von seiner Verantwortung.

Frau Betzler, Sie haben kritisiert, dass in diesen Kommissionen die Ethik zumeist der Theologie überlassen wird.

Monika Betzler: Ja. Häufig denken die Leute, mit der Theologie sei die ethische Reflexion abgedeckt. Aber Ethik und Religion sind einfach verschiedene Dinge. Ich will damit nicht sagen, dass keine Theolog:innen in den Gremien sitzen sollten. Aber ich bin schon der Meinung, dass die ethische Reflexion unabhängig
von theologischen Überlegungen sein sollte. Welchen Status zum Beispiel ein Embryo hat, darf nicht durch die Papstenzyklika vorentschieden sein. Dazu muss ein offener Diskurs ermöglicht sein. Das ist mir wichtig. 

Ethische Reflexion ist also eine ergebnisoffene Methode, keine moralische Bewertung.

Monika Betzler: Genau, es sollte nicht schon von vornherein klar sein, was herauskommt. Das wäre schrecklich und unwissenschaftlich. Die in der Philosophie nicht übliche Verknüpfung von ethischer Reflexion und substantiellen Auffassungen darüber, was moralisch ist, kennen manche aus der Moraltheologie und der Sozialethik, die häufig mit dem erhobenen Zeigefinger daherkommen. Vielleicht ist dies der Grund, warum Forschende zuweilen skeptisch auf den Begriff Ethik reagieren.

Wird das Potenzial der ethischen Debatte in den Wissenschaften also falsch eingeschätzt?

Henrike Hartmann: Es gibt durchaus auch die Meinung, Ethiker seien Fortschrittsverhinderer. Dabei zeigen die letzten Jahre, dass das Gegenteil der Fall ist. Ethik gibt der Wissenschaft eine Perspektive und Orientierung. Nehmen wir das Beispiel künstliche Intelligenz: Wir tun alle gut daran, uns frühzeitig gemeinsam zu überlegen, welche Implikationen der technische Fortschritt für den Einzelnen und die Gesellschaft hat. Das ist erheblich sinnvoller, als mitten im Prozess auf die Bremse zu treten.

Monika Betzler geht eine Treppe hinunter.
Monika Betzler ist Inhaberin des Lehrstuhls für Praktische Philosophie und Ethik an der LMU München. Sie forscht schwerpunktmäßig zur Ethik der Beziehungen, der elationalen Moraltheorie und der Moralpsychologie und leitet das Münchner Kolleg "Ethik in der Praxis". (Foto: Janek Stroisch)

Welchen Stellenwert hat das Thema für die VolkswagenStiftung?

Henrike Hartmann: Einen sehr hohen. Wir versuchen, ethische Fragen in alle Prozesse zu implementieren: in die Begutachtungen von Anträgen, in Veranstaltungen und natürlich in die Projektbegleitung. Auch von unseren Gutachter:innen erwarten wir, dass sie berücksichtigen, ob sich die Antragstellenden Gedanken über die Implikationen ihrer Ergebnisse machen.

Frau Betzler, Sie haben mit Unterstützung der Stiftung das Kolleg "Ethik in der Praxis" gegründet. Wie kommt die Ethik in die Gesellschaft?

Monika Betzler: Die Ausgangsfrage war, wie die Philosophie Verantwortung für die Gesellschaft mittragen kann. Das Kolleg bildet Philosophie-Doktorand:innen so aus, dass sie zu ethischen Fragestellungen in der Gesellschaft etwas zu sagen haben und nicht in ihrem Elfenbeinturm bleiben. Sie verbringen ein halbes Jahr in Organisationen und Unternehmen und erfahren dort im Alltag, mit welchen Fragestellungen Menschen in der Praxis täglich konfrontiert sind. Vor diesem Hintergrund, so unser Ansatz, werden ethische Überlegungen empirisch informiert und auf spezifische Probleme fokussiert entwickelt.

Haben Sie da ein konkretes Beispiel?

Monika Betzler: Eine Doktorandin von mir forscht im Bereich der Familienethik über die Frage, was wir als Gesellschaft Scheidungskindern schulden. Sie hat in ihrer Zeit am Deutschen Jugendinstitut gelernt, wie man sozialwissenschaftliche Erhebungen über die Probleme von Scheidungskindern durchführt. Die Ergebnisse
sind die Basis dafür, philosophisch zu reflektieren, was Begriffe wie "gerecht" und "fair" in Bezug auf diese Kinder überhaupt bedeuten. 

Der Lernprozess geht vermutlich in beide Richtungen.

Monika Betzler: Genau. Ich bin dankbar, dass wir mit dem Kolleg dazu beitragen können, die Kompetenzen unseres Fachs stärker in die Gesellschaft zu tragen. In den USA und England gibt es bereits Beratungsunternehmen spezifisch für ethische Fragen. Das wären auch Berufsbilder für Philosophieabsolvent:innen hierzulande.

Frau Hartmann, die Stiftung fördert das Kolleg mit 1,6 Millionen Euro. Was überzeugt Sie an dem Ansatz?

Henrike Hartmann: Das sind viele Aspekte. Das Kolleg schafft eine Durchlässigkeit zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, zudem werden hier die Grenzen zwischen den Disziplinen überschritten. Wir verstehen uns ja als Impulsgeber, wir wollen zeigen: "Schaut mal, so kann es auch gehen." Insofern ist das eine Förderung, die der Mission und dem Selbstverständnis der Stiftung in hohem Maße entgegenkommt.

Monika Betzler: Solche Fördermaßnahmen sind von echter signalsetzender Bedeutung. Die Universitäten sind häufig starr in ihren Strukturen. Impulsgebung von außen hilft, Strukturen aufzuweichen und umzugestalten. Dafür geben Universitäten dann durchaus die Möglichkeit.

Zum Schluss eine Frage nach der Forschungsfreiheit: Sehen Sie die Gefahr, dass diese durch eine zunehmende Bedeutung ethischer Fragen eingeschränkt wird?

Henrike Hartmann: Diese Gefahr sehe ich nicht. Ethische Fragen fordern auf zum verantwortungsvollen Umgang mit Forschungsfreiheit. Gleichzeitig wird durch diese Freiheit gewährleistet, dass diese Fragen ergebnisoffen diskutiert werden können.

Monika Betzler: Man muss unterscheiden zwischen der Wissenschaftsfreiheit einerseits, die ich für ein wichtiges Gut halte, und dem, was mit den Ergebnissen der Forschung geschieht. Ob man zum Beispiel genmodifiziertes Saatgut einfach aussetzt oder zunächst im geschützten Raum gezielt beobachtet.

Henrike Hartmann: Da bin ich vollkommen Ihrer Meinung. Wissenschaftsfreiheit ist kein Freibrief, alles zu tun, was man kann.

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