Opus Primum für Sachbuch über die Historie der Massentierhaltung

Veronika Settele erhält in diesem Jahr den Förderpreis Opus Primum für ihr Erstlingswerk "Revolution im Stall. Landwirtschaftliche Tierhaltung in Deutschland 1945-1990". Der mit 10.000 Euro dotierte Preis der VolkswagenStiftung für die beste wissenschaftliche Nachwuchspublikation wird in diesem Jahr zum 10. und letzten Mal vergeben. 

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In ihrem Buch "Revolution im Stall" zeichnet Veronika Settele nach, wie sich die industrialisierte Massentierhaltung in Deutschland entwickelte. (Cover: Vandenhoeck&Rupprecht)

Veronika Settele (Jahrgang 1988) ist Historikerin und arbeitet als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Bremen. In ihrem Buch "Revolution im Stall. Landwirtschaftliche Tierhaltung in Deutschland 1945-1990" zeichnet sie nach, wie sich die industrialisierte Massentierhaltung in Deutschland entwickelte. Dabei zeigt sie, warum mit steigender Produktivität die Berührungspunkte zwischen landwirtschaftlicher Tierhaltung und der wachsenden nicht-landwirtschaftlichen Bevölkerungsmehrheit abnahmen. Parallel entwickelten sich jedoch neue Diskussionen durch aufkommende Kritik an Haltungsformen wie der Geflügelkäfighaltung. Setteles Rekonstruktion von Strukturen und Akteuren zeigt zudem Möglichkeiten, in der aktuell geführten Debatte um landwirtschaftliche Tierhaltung zu einem neuen gesellschaftlichen Konsens zu kommen. 

"Deutsch-deutsche Geschichte, in der Gemeinsamkeiten Unterschiede ausstechen"

Zu ihren Beweggründen, über die landwirtschaftliche Tierhaltung aus historischer Sicht zu schreiben, sagt sie: "Als ich 2014 mit dem Projekt begann, fehlte mir in der schon damals aufgeheizten Debatte die Perspektive auf die Entstehungsbedingungen der heute kontrovers wahrgenommenen Tierhaltung. Warum bildete sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in bemerkenswerter Geschwindigkeit eine neuartige Form heraus, Rinder, Schweine und Hühner zu halten? Warum erfuhr diese zunächst so einmütig bejubelte Form – die Massentierhaltung – seit den 1970er Jahren immer stärkeren Gegenwind? Warum wurden die gehaltenen Tiere just dann so produktiv, wie keine ihrer Vorfahren je waren, als immer weniger Menschen mit ihnen arbeiteten?" 

Dabei waren jedoch zwei Aspekte von besonderer Bedeutung, ergänzt die Autorin: "Mich reizte an dem Thema, dass es so stark mit unser aller täglich Leben verwoben ist. Obwohl die wenigsten von uns tatsächlichen Kontakt mit landwirtschaftlichen Nutztieren haben, sind wir alle auf intime Weise mit ihnen verbunden. Außerdem sprach mich an, eine deutsch-deutsche Geschichte erzählen zu können, in der die Gemeinsamkeiten die Unterschiede ausstechen. Der gesellschaftliche Basisprozess, Tiere zu halten sowie sie und ihre Produkte zu essen, barg mehr geteilte denn trennende Erfahrungen."

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Veronika Settele erhält in diesem Jahr den Förderpreis Opus Primum für die beste wissenschaftliche Nachwuchspublikation. (Foto: Christoph Kalter)

"Politisch relevantes Werk"

Die Jury lobt Setteles kluges und gut recherchiertes Buch. "Methodisch überlegen reflektiert und ohne politische Voreingenommenheit gelingt ihr damit ein nachdenkenswertes und politisch relevantes Werk" zu einem hochaktuellen Thema und liefert eine historische Begründung für die Entwicklung der heutigen industrialisierten Massentierhaltung, so die Meinung der Jury.

Diese Massentierhaltung ist bekanntlich nicht unumstritten. "Der historische Blick hilft, Frontbildung und Anfeindungen entgegenzuwirken", so Veronika Settele zu möglichen Konsensmöglichkeiten zwischen den unterschiedlichen "Lagern" in der Debatte um landwirtschaftliche Tierhaltung. "Die Realisierung der Massentierhaltung war keine Verschwörung dunkler Mächte, sondern eine zu ihrer Zeit höchstplausible Entwicklung. Sie erlaubte der landwirtschaftlichen Branche Schritt zu halten mit der Wohlstandsentwicklung, sie stellte die Zutaten des 'guten Lebens' – allen voran Fleisch – endlich in ausreichender Menge für alle Bevölkerungsschichten zur Verfügung, und sie ermöglichte, dass immer weniger Menschen die anstrengende Arbeit im Stall verrichten mussten. Der heutige gesellschaftliche Kontext ist ein anderer geworden. Daher rührt das Akzeptanzproblem landwirtschaftlicher Tierhaltung. Unsere Gegenwart verlangt nach einer Neuaushandlung legitimer Tierhaltung." 

Ob sich ihre Sichtweise auf die landwirtschaftliche Tierhaltung durch ihre Recherchen verändert hat? "Ich bin noch zurückhaltender geworden, was die recht verbreitete Agrarromantik hinsichtlich früherer Zeiten angeht", sagt Veronika Settele. "Ohne damit die zahlreichen gegenwärtigen Missstände relativieren zu wollen, zeigten meine Recherchen, dass früher kaum etwas einfach "besser" war zwischen Mensch und Tier – es war anders, mit anderen Vor- und Nachteilen. Außerdem fand ich erstaunlich, in welchem Maße die Kommunikation zwischen landwirtschaftlichen Tierhalterinnen und -haltern sowie den Konsumierenden seit den 1960er Jahren weniger wurde. Sie wiederherzustellen, indem beide Seiten ihre Wünsche und Motive klar formulieren und in ihren Handlungen dazu stehen, ist meiner Ansicht nach eine erfolgversprechende Strategie, eine Tierhaltung zu entwickeln, die erneut auf einem stabilen gesellschaftlichen Fundament steht."

Verleihung am 24. November ohne Gala 

Normalerweise erfolgt die Verleihung des Förderpreises Opus Primum ‒ gemeinsam mit der Vergabe des NDR Kultur Sachbuchpreises ‒ im Schloss Herrenhausen in Hannover. Aufgrund der aktuellen Corona-Pandemie wurde die Veranstaltung abgesagt, die Verleihung ist am 24. November ab 19 Uhr im Radio zu hören. Der NDR Kultur Sachbuchpreis geht dieses Jahr an Caroline Criado-Perez für "Unsichtbare Frauen" und Andreas Kossert für "Flucht".

Mit dem Förderpreis Opus Primum stärkt die VolkswagenStiftung seit seiner Initiierung 2011 den wissenschaftlichen Nachwuchs und unterstreicht, dass Wissenschaftsvermittlung für die deutsche Forschung eine zentrale Aufgabe ist. Seitdem wird er jährlich für eine deutschsprachige Publikation von hoher wissenschaftlicher Qualität vergeben, die gut lesbar geschrieben und auch einem breiteren Publikum verständlich ist. 2020 vergibt die Stiftung den Förderpreis zum zehnten und letzten Mal

Die diesjährige Preisträgerin arbeitet derweil an einer Sachbuchversion der "Revolution im Stall", um die Ergebnisse der Studie einem noch breiteren Publikum zugänglich zu machen. Zudem steht für sie an der Universität ein neues, großes Projekt zum historischen Verhältnis von Außenhandel und Demokratie an.