NEXT: Experimentierraum für die Wissenschaft

Frau Denecke, wofür steht der Profilbereich "Exploration"? 

Hanna Denecke: Im Profilbereich Exploration stehen unkonventionelle Ideen und innovative Forschungsvorhaben im Mittelpunkt. Gefragt sind neugierige und wagemutige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die mit unorthodoxen Fragestellungen und experimentellen Ansätzen zur Lösung großer, wissenschaftsgetriebener Herausforderungen beitragen möchten. Der Fokus liegt also im Bereich der Grundlagenforschung – und zwar in allen Fachbereichen. Ein gutes Beispiel, wie wir neuen Themen und Forschungsmethoden den Weg ebnen möchten, ist unser Förderdach NEXT.

Was verbirgt sich hinter NEXT?

Hanna Denecke: NEXT soll ein Experimentierraum sowohl für die Wissenschaft als auch die Stiftung sein. Hier möchten wir mit ein bis zwei Ausschreibungen pro Jahr Themen und Forschungsansätze aufgreifen, die einerseits ein hohes Maß an Erkenntnispotenzial und Zukunftsrelevanz aufweisen, andererseits aber derzeit nicht oder nicht ausreichend wissenschaftlich verfolgt werden. Ganz im Sinne des Titels NEXT rückt also das in den Fokus, was thematisch als Nächstes in den Blick genommen werden sollte. Wir möchten hier aber auch neue Förderformate, Auswahlprozesse und Verfahren der Themenidentifizierung entwickeln und ausprobieren. 

Portrait von Hanna Denecke
Dr. Hanna Denecke leitet den Profilbereich Exploration seit 2021. (Foto: VolkswagenStiftung)

Und wie sollen diese Themenfelder oder Forschungsgebiete identifiziert werden?

Hanna Denecke: Von Beginn an wollen wir die Themen gemeinsam und in engem Austausch mit der wissenschaftlichen Community identifizieren und entwickeln. Neu ist, dass Wissenschaftler:innen Themen für kommende Ausschreibungen direkt bei der Stiftung platzieren können, und zwar über unser Ideenformular.

Die Wissenschaftler:innen können also Vorschläge einreichen, welche zukünftigen Forschungsfelder aus ihrer Sicht eine Förderung erhalten sollten?

Hanna Denecke: Genau, wir wollen wissen: Was ist eine Fragestellung, die in einem bestimmten Fachbereich als nächstes adressiert werden müsste, um das Forschungsfeld weiterzuentwickeln? Die Wissenschaftler:innen sollten aber über ihr eigenes Forschungsgebiet hinausdenken, es geht nicht um inkrementelle Weiterforschung dessen, was sie ohnehin schon bearbeiten. Wir möchten uns der Neuaufstellung von bestimmten Forschungsbereichen widmen oder auch gänzlich neue Perspektiven auf bestimmte Forschungsfelder ermöglichen und völlig neue Fragestellungen zulassen.

Tobias Schönwitz: Außerdem entwickeln wir das neue Format der "Wissenschaftswerkstatt". Die Wissenschaftswerkstätten sollen einen sehr interaktiven Austausch mit und zwischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ermöglichen.

[...] ein Teilnehmer hat das eine "Antikonferenz" genannt, in der alle offen über ihre Schwierigkeiten, Zweifel und auch Ideen sprechen konnten.

Anders als man das von klassischen Konferenzen gewohnt ist, in denen das Ganze oft eher frontal angelegt ist und Diskussionsrunden weniger Raum einnehmen. Wir haben Ende 2021 eine erste Pilotveranstaltung durchgeführt, um das Format auszuprobieren und ein Teilnehmer hat das eine "Antikonferenz" genannt, in der alle offen über ihre Schwierigkeiten, Zweifel und auch Ideen sprechen konnten. Das ermutigt uns sehr, in diese Richtung weiterzudenken.

Wie entstehen dort Ideen für neue Forschungsfelder im Sinne von NEXT?

Tobias Schönwitz: Wir möchten den Forschenden dort einen geschützten Raum bieten, der Ihnen ermöglicht, den Fokus auf die Schwierigkeiten und Potenziale eines Themenfeldes zu lenken. In diesem vertrauensvollen Umfeld können wir gemeinsam Themen "in die Zukunft denken", weil offen darüber gesprochen werden kann, wo es hakt, wo Wissen fehlt oder wo es Widerstände gibt. Daraus ergeben sich für uns die interessantesten Anknüpfungspunkte für neue Förderthemen. Von den Teilnehmenden kamen auch durchweg positive Rückmeldungen. Sie fanden es einerseits sehr fruchtbar und andererseits haben sie auch die Atmosphäre sehr genossen.

Wir möchten den Forschenden dort einen geschützten Raum bieten, der Ihnen ermöglicht den Fokus auf die Schwierigkeiten und Potenziale eines Themenfeldes zu lenken.


Hanna Denecke: Für uns sind diese Gespräche auch wichtig, weil es viele Themen gibt, die aufgrund von bestehenden Widerständen im Fachgebiet nicht von allein wachsen können. Es gibt wissenschaftliche Communities, in denen bestimmte Pfadabhängigkeiten bestehen, oder in denen Themen aufgrund der herrschenden Strukturen kaum durchsetzbar sind. Wenn es solche Hürden gibt, möchten wir Forschende gezielt bei ihrer Überwindung und dem Betreten von Neuland unterstützen.

Portrait von Tobias Schönwitz.
Tobias Schönwitz betreut das Förderdach NEXT. (Foto: Philip Bartz für VolkswagenStiftung)

Und welche Themenfelder haben Sie bisher im Rahmen von NEXT identifiziert?

Hanna Denecke: Als Ergebnis aus dem ersten Werkstattgespräch arbeiten wir gerade an einer Ausschreibung im Bereich "Neuromorphic Computing" und nachdem wir im letzten Herbst ein Expert:innengespräch mit mehreren Rechtswissenschaftler:innen hatten, haben wir jetzt im März die Ausschreibung "NEXT - Rechtswissenschaften zwischen Normativität und Wirklichkeit" öffentlich gemacht, mit der wir einen Impuls in die deutsche Rechtswissenschaft geben möchten.

Worum geht es bei der Ausschreibung "NEXT Rechtswissenschaften"?

Tobias Schönwitz: Wir sind der Meinung, dass die verknüpfte Betrachtung von juristischer Normativität auf der einen Seite und sogenannten wirklichkeitswissenschaftlichen Aspekten auf der anderen Seite intensiver in den Blick genommen werden sollte. Gerade hier in Deutschland gibt es einen sehr starken Bereich der sogenannten Dogmatik in den Rechtswissenschaften. Dieser beschäftigt sich vor allen Dingen mit der normativen Dimension von Recht, also mit der systematischen Untersuchung von geltenden Normen oder Gesetzen.

Die sich verändernde Wirklichkeit wirkt auf die normative Dimension des Rechtes ein [...].

Die Kehrseite dieser Stärke ist, dass die Verknüpfung mit sogenannten wirklichkeitswissenschaftlichen Aspekten weniger stark ausgeprägt ist. Ein Beispiel: Im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung und durch das Thema Künstliche Intelligenz werden zukünftig Kategorien wie Akteur:innenschaft wie auch die Frage nach Verantwortung auf rechtlicher Ebene anders betrachtet werden müssen als unsere derzeitigen rechtlichen Konzepte und Systematiken es erlauben. Die sich verändernde Wirklichkeit wirkt auf die normative Dimension des Rechtes ein, die dann natürlich, wenn sich dieses Recht verändert, wieder zurückwirkt und wieder die Wirklichkeit formt. Die Untersuchung derartiger Verknüpfungen von Normativität und Wirklichkeit ist genau das, was wir in dieser Ausschreibung unterstützen möchten.

Wer kann sich bewerben?

Tobias Schönwitz: Projektteams aus Deutschland ab Promotion. Der Hauptantragsteller oder die Hauptantragstellerin sollte aus den Rechtswissenschaften kommen, aber wir sind hier sehr offen für interdisziplinäre Projekte. Internationale Kooperationspartnerschaften sind natürlich immer möglich. Der Stichtag für Anträge ist der 5. Juli 2022.

Und wie geht es mit NEXT weiter?

Hanna Denecke: Neben der geplanten Ausschreibung zu "Neuromorphic Computing" sondieren wir laufend weiter, welche Themen NEXT voranbringen sollte. Dafür steht das erwähnte Ideenformular zur Verfügung, und dafür konzipieren wir neue Wissenschaftliche Werkstattgespräche und suchen den Kontakt mit Wissenschaftler:innen.

Wenn man riskante oder unkonventionelle Ideen und Fragestellungen zulassen und ermöglichen will, kann das auch mal scheitern.

Der Profilbereich Exploration gibt auch uns als Stiftung die Möglichkeit, zu experimentieren: Wir sind uns bewusst, dass nicht jedes Forschungsthema, das wir aufgreifen werden, am Ende auch tragfähig ist. Wenn man riskante oder unkonventionelle Ideen und Fragestellungen zulassen und ermöglichen will, kann das auch mal scheitern - und das ist in Ordnung, wir erlauben dies den Wissenschaftler:innen und auch uns selbst.

Und widmen dem Scheitern nebenbei gesagt auch eine eigene Themenwoche in unserem Symposienprogramm. Dort können sich Wissenschaftler:innen gezielt damit auseinandersetzen, was es eigentlich bedeutet, in den unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen zu scheitern und was für einen Umgang damit wir haben sollten.