Kulturelles Erbe: Was das Gestern uns für morgen lehrt

Was bedeutet das natürliche und kulturelle Erbe für indigene Völker im Amazonasgebiet und wie könnte ein besseres Bewusstsein für dieses Erbe sie gegen äußere Einflüsse stärken? Sind die Erfahrungen und Spuren der Migrant:innen auf den Routen von Afrika nach Europa nicht auch als kulturelles Erbe zu betrachten, und legt dies nicht eine Neukonzeptionierung des Begriffs Erbe nahe? ‒ Dies sind zwei von vielen Fragen, die verdeutlichen, wie präsent und global die Debatte um unser kulturelles Erbe ist. 

Im Rahmen ihrer gemeinsamen Ausschreibung "Globale Herausforderungen – Integration unterschiedlicher Perspektiven zu Erbe und Wandel" stellen die Fondazione Compagnia di San Paolo (Italien), der Riksbankens Jubileumsfond (Schweden) und die VolkswagenStiftung insgesamt rund 11 Millionen Euro für acht neue Projekte zur Verfügung, fünf der Projekte werden von der VolkswagenStiftung gefördert.

Zwei Projekte, die exemplarisch für die Forschungsinteressen der acht internationalen Teams stehen, stellen wir im Folgenden kurz vor.

Anknüpfend an die erstarkende Provinienzforschung vor allem bei Ausstellungsstücken aus der Kolonialzeit setzt das Vorhaben "Re-connecting 'Objects': Epistemic Plurality and Transformative Practices in and beyond Museums" an. Prof. Dr. Bénédicte Savoy (Technische Universität Berlin), Prof. Dr. Albert Gouaffo (University of Dschang, Kamerun), Prof. Dr. Dan Hicks (University of Oxford, Großbritannien), Dr. El Hadji Malick Ndiaye (University Cheikh Anta Diop de Dakar, Senegal) und Prof. Dr. Ciraj Shahid Rassool (University of the Western Cape, Südafrika) streben neue Modelle des Umgangs mit Artefakten und immateriellem Erbe an. Dabei wollen sie von bestehenden Praktiken auf dem afrikanischen Kontinent lernen und symmetrische Strukturen für Zusammenarbeit und Austausch entwickeln. Sie untersuchen u. a. alternative Formen der Aufbewahrung, des Umgangs mit Objekten und der Präsentation in afrikanischen und europäischen Museen. 

Im Projekt "Heritage and territoriality: Past, present and future perceptions among the Tacana, T'simane and Waiwai" steht die Perspektive dreier indigener Völker in Boliviens und Brasiliens Amazonasbecken im Fokus. Das Projektteam um Dr. Carla Jaimes Betancourt; Prof. Dr. Karoline Noack (beide Universität Bonn), Dr. Lilian Painter (Wildlife Conservation Society, Bolivien) und Prof. Dr. Carlos Dias Junior (Federal University of Amazonas, Brasilien) will die Komplexität des Begriffs "Erbe" auf der Grundlage des lokalen indigenen Wissens verstehen, Wege zum kollektiven Lernen über das natürliche und kulturelle Erbe konzipieren und indigene Ansätze in das westliche Verständnis von Erbe und den Umgang damit einbringen, beispielsweise beim Schutz von Stätten. Dabei sollen unterschiedliche Vorstellungen von Kulturerbe rund um archäologische Stätten und Materialien sowie ethnografische Sammlungen und Landschaften der Region zusammengebracht werden. Perspektivisch möchten die Forschenden dazu beitragen, die Gebiete der indigenen Völker zu schützen, indem das Erbe in all seinen Facetten bewahrt wird, und damit auch die Gemeinschaften widerstandsfähiger gegen die Folgen globaler Probleme machen. Lesen Sie mehr dazu in der Pressemitteilung der Universität Bonn.

Zudem fördert die VolkswagenStiftung folgende Projekte: 

Prof. Dr.-Ing. Frank Lohrberg (RWTH Aachen); Prof. Makoto Yokohari (The University of Tokyo, Japan); Prof. Oekan S. Abdoellah (Padjadjaran University, Indonesien); Prof. Dr. Luciana Itikawa (Centro Universitário das Faculdades Metropolitanas Unidas, Brasilien); Prof. Dr. Jorge Pena Díaz (Technical University of Havana, Kuba): "INSUAH – Integrated Study on Urban Agriculture as Heritage"

Prof. Dr. Nicolò Marchetti (Università di Bologna, Italien); Prof. Khalid Salim Ismael (University of Mosul, Irak); Dr. Farhod Maksudov (Uzbek Academy of Sciences, Usbekistan); Prof. Dr. Adelheid Otto (Ludwig-Maximilians-Universität München): "KALAM. Analysis, protection and development of archaeological landscapes in Iraq and Uzbekistan through ICTs and community-based approaches" (mehr dazu in einer Nachricht der LMU München)

Dr. Girma Kelboro Mensuro (Universität Bonn); Dr. Abiyot Legesse (Dilla University, Äthiopien); Dr. Eric Kioko (Kenyatta University, Kenia): "Local Dynamics and Integration of UNESCO World Heritage Sites of Outstanding Universal Value: Evidence from Cultural Landscapes in Ethiopia and Kenya" (mehr dazu in der Pressemitteilung der Universität Bonn)

Von Compagnia di San Paolo und Riksbankens Jubileumsfond (RJ) geförderte Projekte: 

Prof. Dr. Christiane Brosius (Universität Heidelberg); Dr. Sabin Ninglekhu (Social Science Baha, Nepal); Dr. Stefanie Lotter (School of Oriental and African Studies, University of London, Großbritannien); Prof. Dr. Sasanka Perera (South Asian University, Indien): „Heritage as Placemaking: The Politics of Solidarity and Erasure in South Asia" (RJ)

Prof. Dr. Luca Ciabarri (Università degli Studi di Milano, Italien); Dr. Fatma Raach (University of Jendouba, Tunesien); Dr. Amira Ahmed (American University, Kairo, Ägypten); Dr. Rachel Ibreck (Goldsmiths, University of London, Großbritannien): "Traces of mobility, violence and solidarity: Reconceptualizing cultural heritage through the lens of migration" (Compagnia)

Dr. Susanna van der Watt (KTH Royal Institute of Technology, Stockholm, Schweden); Dr. Lizabé Lambrechts (Stellenbosch University, Südafrika); Dr. Fernanda Pitta (Pinacoteca do Estado de São Paulo, Brasilien): "Decay without mourning: Future-thinking heritage practices" (RJ)

Auf Basis eines internationalen Peer-Reviews wurden diese interdisziplinären Forschungsprojekte ausgewählt, die Perspektiven von Forschenden und Beteiligten aus verschiedenen Ländern zusammenführen. Neben einem/einer Hauptantragstellenden aus Deutschland, Italien oder Schweden sind an jedem Projekt mindestens zwei Partner:innen aus Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen außerhalb Europas beteiligt. Die jeweiligen Themen aus unterschiedlichen Perspektiven zu untersuchen, erscheint besonders gewinnbringend, da kulturelles Erbe über Ländergrenzen hinweg Identität stiftet. Zudem ist es weltweit ähnlichen Bedrohungen ausgesetzt, so dass transnationale Lösungsansätze gefragt sind. Ob Digitalisierung, Umweltveränderungen oder Globalisierung - im Hinblick auf die großen Transformationsprozesse der Gegenwart wird das Thema Kultur bislang meist wenig beachtet. Dies ist einer der Gründe, warum das Themenfeld für diese Ausschreibung definiert wurde.

Hintergrund

Diese Ausschreibung ist Teil des internationalen Förderprogramms "Global Issues – Integrating different Perspectives", das darauf abzielt, neue Erkenntnisse zu bisher wenig erforschten Herausforderungen von globaler Relevanz zu generieren. Formal werden unter diesem Förderangebot verschiedene Ausschreibungen zusammengefasst, die zwar unterschiedlicher thematischer Ausrichtung sind, sich jedoch alle an Themen orientieren, die im Rahmen der "Sustainable Development Goals" der Vereinten Nationen als globale Herausforderungen mit besonderem Handlungsbedarf charakterisiert wurden. Das Angebot ist bei der VolkswagenStiftung im Profilbereich Gesellschaftliche Transformationen verankert.