"Kirchen sind mehr als Immobilien"

Wie sieht Ihre Arbeit derzeit aus, was beschäftigt Sie in der aktuellen Krisensituation vor allem?

Kerstin Wittmann-Englert: Die Universitäten haben derzeit ja vorlesungsfreie Zeit, geeignet für Korrekturen studentischer Arbeiten und Seminarvorbereitungen, aber auch die eigene Forschung. Dafür bietet sich das Home-Office auf den ersten Blick bestens an. Allerdings fehlt es mir angesichts des Weltgeschehens noch an der notwendigen inneren Ruhe – und auch die kreativen Gedanken wollen nicht so frei fließen. Das Fokussieren muss sich erst noch einstellen. Doch ich bin auf gutem Weg …

Stefan Krämer: Aktuell bin ich im Home-Office und habe hinsichtlich der Themen meiner Arbeit keine inhaltlichen oder zeitlichen Einschränkungen. Es sind eher die Grenzen der Kommunikation, die es trotz Telefon- und Video-Konferenzen gibt und die vor allem für den Austausch und Diskurs im Kreis mit Experten, Initiativen und Institutionen gelten. Der für unsere interdisziplinären Themen und Projekte so essentielle Face-to-face-Diskurs lässt sich medial nicht gleichwertig ersetzen, trotz aller Kreativität, die vielerorts entsteht.

Welche Aspekte des Themas Kirchenumnutzung interessieren Sie besonders?

Frau in Kirche
Prof. Wittmann-Englert in einem Kreuzgang in Cloisters, New York City. (Foto: Eckart Wittmann)

Kerstin Wittmann-Englert: Kirchen sind mehr als Immobilien. Die Gebäude haben vielfältige Funktionen, mit denen nicht nur der rein sachliche Nutzen angesprochen ist. Kirchen wirken zeichensetzend, bilden wichtige Orientierungsmarken im städtischen und auch ländlichen Raum. Mich interessieren vor allem jene Beispiele einer Umnutzung, bei der die kirchliche Nutzung nicht gänzlich verloren geht – also erweiterte Nutzungen, Mischnutzungen. Architektur ist von allen Künsten diejenige, die aufgrund ihrer Funktionen am unmittelbarsten die gesellschaftlichen Ideale, Entwicklungen und Brüche widerspiegelt. Kirchen veranschaulichen gesellschaftliche und religiöse Strukturen und Hierarchien; sie sind künstlerische Artefakte und als solche ein wichtiger Teil unseres kulturellen Erbes. Sie wirken sowohl örtlich als auch zeitlich strukturierend. Und vor allem sind sie als materialisierte Theologie bedeutungstragend. All das gilt es zu reflektieren bei der Entwicklung neuer Konzepte. Drum mein Plädoyer für Mischnutzungen, mit denen neuen Anforderungen und tradierten Ansprüchen gleichermaßen entsprochen werden kann.

Stefan Krämer: Ich stelle mir vor allem die Frage, wie es uns als Gesellschaft mit unseren vielfältigen Interessen und Präferenzen gelingt, den Kirchen bei Umnutzungen ihren identitätsstiftenden Charakter zu bewahren, ihn gegebenenfalls zu transformieren und weiter zu entwickeln. Sie als historisch wertvolle Gebäude zu erhalten ist eine Aufgabe; für die Fortführung ihrer besonderen Bedeutung wird das aus meiner Sicht für die Mehrzahl aber nicht ausreichen.

Kirchengebäude vermitteln Werte und Wertmaßstäbe vergangener Zeiten

Laufen wir Gefahr, durch Kirchenumnutzung ein wichtiges historisches Erbe zu verlieren?

Kerstin Wittmann-Englert: Eindeutig! Kirchengebäude haben in der westlichen Gesellschaft ein hohes Identifikationspotential. Es hat sich uns ein festes Repertoire an für Kirchengebäude charakteristischen Merkmalen eingeprägt. Kraft unseres kulturellen Gedächtnisses vermögen wir zwar auch solche Gebäude christlich zu konnotieren, die längst ihrer eigentlichen Nutzung enthoben sind, so ihrem Bestand mit Respekt begegnet wurde. Soweit so gut: Doch die Architektur als Hülle vermag ungleich weniger zu überzeugen. Mein Kollege Leo Schmidt brachte es 2008 in seiner "Einführung in die Denkmalpflege" für mich überzeugend auf den Punkt: "Die materiellen Objekte sind vor allem Medien; sie sind Vehikel für weiter reichende Betrachtungen und Erkenntnismöglichkeiten, die letztlich mit Menschen zu tun haben: mit ihren Wertmaßstäben, Lebensbedingungen und Lebensentwürfen, mit ihren Realitäten und Träumen." Kirchengebäude vermitteln Werte und Wertmaßstäbe vergangener Zeiten. – Wie Odo Marquardt es so treffend sag : "Zukunft braucht Herkunft". Das bestätigen auch die zahlreichen Architekturrekonstruktionen unserer Zeit, die den Bedarf an "Geschichte" zum Ausdruck bringen.

Die Kirche St. Josef in Luzern ist heute ein Veranstaltungszentrum (Der MaiHof), in dem Konzerte, Theater, Vorträge, Familienfeste, Tanzveranstaltungen, Bankette, Tennisturniere und auch kirchliche Anlässe stattfinden (Foto: Priska Ketterer)
Die Kirche St. Josef in Luzern ist heute ein Veranstaltungszentrum (Der MaiHof), in dem Konzerte, Theater, Vorträge, Familienfeste, Tanzveranstaltungen, Bankette, Tennisturniere und auch kirchliche Anlässe stattfinden (Foto: Priska Ketterer)

Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie in den von Ihnen begleiteten Umnutzungsprozessen gemacht?

Stefan Krämer: Faszinierend finde ich, welche große und verbindende Kraft die Kirchengebäude auch heute noch mobilisieren können. Oft wird das erst erkennbar, wenn die Kirche konkret vom Abriss bedroht ist; der anstehende Verlust verdeutlicht vielen Menschen, wie wichtig die selbstverständliche und allgegenwärtige Präsenz der Kirchen auch für sie selbst weiterhin ist, auch wenn die Bindungskraft der Amtskirchen ansonsten stark nachlässt. Der Wunsch zum Bewahren vereint regelmäßige Kirchgänger und solche, die schon lange keinen Gottesdienst mehr besucht haben. Es sind Konzepte und Ideen für eine Transformation gefragt, wie Kirchengebäude auch in ihrer alltäglichen Nutzung ein wichtiger Ort der Begegnung, des Austausches und einer gemeinsamen Kultur bleiben können.

Blick in Kirchenraum
Preisgekrönt: Die Friedenskapelle im Q1 Bochum-Stahlhausen wurde im Wettbewerb "Kirchen und ihre Zukunft" der Wüstenrot Stiftung ausgezeichnet. (Foto_Roman Weis)

Wo sehen Sie Beispiele gelungener Umsetzung?

Kerstin Wittmann-Englert: Als gelungene Beispiele möchte ich natürlich jene beiden Kirchen anführen, die wir in dem Wettbewerb der Wüstenrot Stiftung "Kirchengebäude und ihre Zukunft" mit jeweils einem ersten Preis bedachten: Das ist die katholische Heilig-Geist-Kirche in Olpe und das Stadtteilzentrum Q1 im Quartier in Bochum-Stahlhausen. Erstere wurde 2015 von Schilling Architekten durch äußere Umgestaltung und Wegnahme des mittleren Gebäudeteils mit der Werktagskapelle, der Freistellung des Turmes und Reduzierung des liturgischen Raums zu einer neuen Struktur mit unterschiedlichen Handlungsräumen. Beim zweiten Erstplazierten, dem Stadtteilzentrum im Quartier in Bochum-Stahlhausen, reagierten SOAN Architekten auf die konfessionelle Umstrukturierung des Quartiers und entwickelte aus einem evangelischen Gemeindezentrum der späten 1960er Jahre ein Quartierszentrum mit vielfältigem Angebot und einem kleinen Sakralraum mit großer spiritueller Wirkung.

Welche ethischen und moralischen Grenzen gilt es bei einer Umnutzung einzuhalten?

Kerstin Wittmann-Englert: Ethische und moralische Grenzen? Ein schwieriges Thema, weil Grenzen nicht festgeschrieben sind, sondern sich verschieben. Welche Verschiebung wir zulassen, ist unsere bewusste Entscheidung. Zu dem, was heute noch nicht akzeptiert scheint, gehört die (Um-)Nutzung einer christlichen Kirche in eine Moschee, wie jüngst bei der Kapernaumkirche in Hamburg-Horn geschehen. Toleranz, Beliebigkeit, Selbstaufgabe sind Stichworte, die in diesem Zusammenhang diskutiert werden und müssen.

Welches sind die größten Herausforderungen, die es zu meistern gilt?

Stefan Krämer: Zwei Aufgaben greife ich aus einem ganzen Bündel an heraus: Zum einen die Notwendigkeit, für die einzelnen Kirchen je eigene Lösungen zu finden, die ihrer jeweiligen Bedeutung gerecht werden. Trotz aller Impulse und Motivation, die gelungene Beispiele geben können, gibt es keine Standardrezepte. Zum anderen die Herausforderung, Kirchen als besondere Orte mit ihrer Ausstrahlung zu erhalten, auch bei Umnutzungen oder Erweiterungen. Sie können dafür nicht einfach nur als Orte außerhalb des Alltags bewahrt bleiben, sondern müssen ein Merkmal behalten oder neu bekommen, das auch gesellschaftliche Veränderungen aushält. Das geht nur, wenn es weiterhin ein verbindendes Element für die Kirchen gibt, in ihrer von außen wahrnehmbaren Gestalt wie in ihrem inneren Raumerlebnis.

Welche Kirche, egal wie genutzt, wäre auf jeden Fall mal wieder einen Besuch wert?

Blick in Betonkirche
Die Betonkirche Notre Dame in Royan (Foto: Kerstin Wittmann-Englert)

Kerstin Wittmann-Englert: Notre Dame in Royan, eine jüngst instandgesetzte Betonkirche der 50er Jahre an der französischen Atlantikküste, die von den Möglichkeiten der Übersetzung tradierter Formen in das moderne Material Beton zeugt. Und als Beispiel der Umnutzung: St. Maximin in Trier -  eine ehemalige Abteikirche, die schon in den 1980er Jahren von den Architekten Alois Peitz und Gottfried Böhm zu einer Turn- und Festhalle umgestaltet wurde – multifunktional genutzt und von beeindruckender räumlicher und sakraler Wirkung: ein gelungener Brückenschlag!

Stefan Krämer: Die Kirche Ihrer eigenen Kindheit - der Ort, wo meist ja Taufe, Kommunion oder Konfirmation stattgefunden haben.

Hintergrund zur Veranstaltung

Das aufgrund der Corona-Krise abgesagte Herrenhäuser Gespräch "Vom Gotteshaus zur Sparkasse? Kirchenumnutzung in Deutschland" sollte am 24. März 2020 als öffentlicher Veranstaltungsteil des (ebenfalls abgesagten) Herrenhäuser Symposiums "Kirchenumnutzung - neue Perspektiven im europäischen Vergleich" stattfinden. Das Programm zum Symposium können Sie herunterladen unter "Program Reusing Churches (pdf)".