"KI löst Verteilungsprobleme besser als der freie Markt"

Netzwerke, Algorithmen und KI: Für Stefan Heidenreich, Co-Autor des Sammelbands "Postmonetär denken", eröffnet die Digitalisierung ideale Bedingungen für die Utopie einer geldlosen Ökonomie.

Buchcover
Cover des Dialogbands der Projektgruppe Gesellschaft nach dem Geld: "Postmonetär denken. Eröffnung eines Dialogs", erschienen bei Springer VS, Wiesbaden, 2019

In Ihrem Beitrag für den Sammelband "Postmonetär denken" heißt es, dass mit der umfassenden Digitalisierung die Ära der geldlosen Ökonomie längst begonnen hat. Woran lässt sich das ablesen?

Heidenreich: Das zeigt sich vor allem an der Datendominanz in der realen Wirtschaft. Digitale Plattformen wie Amazon, Google oder Facebook können inzwischen recht präzise vorhersagen, was wir wann, wo und zu welchem Preis kaufen. Das heißt, Preise bilden nicht mehr das Verhältnis von Angebot und Nachfrage ab, sondern sind längst eine abhängige Variable des Datenverkehrs. Diese datengetriebene Preisbildung ist ein äußerst präzises Steuerungsinstrument: zum Beispiel im Fall von personalisierten Sonderangeboten, die Konsumverhalten lenken. Und weil die beratende und bewertende Funktion vielfach auf Apps übergegangen ist, sind wir alle längst auf dem Weg, die Frage nach dem Preis hinter uns zu lassen; und damit auch die Vorstellung, dass der Wert von Dingen und Tätigkeiten per se in Geld übersetzbar sein muss – eine Idee der Repräsentation, die uns bislang als naturgegeben schien.

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Link zum Artikel "Abschied vom Geld" über den Sammelband "Postmonetär denken"

Sie schreiben, dass in einer geldlosen Gesellschaft die Erwerbsarbeit von einem "relationalen Tun" abgelöst wird; von Tätigkeiten, die sich nur im Gebrauch durch andere bewähren. Was bedeutet das konkret?

Heidenreich: Tatsächlich spiegelt sich in einer postmonetären Wirtschaft der Wert in unterschiedlichen Verhaltensneigungen wider: Was ist einer Person eine Arbeit oder ein Produkt wert? Welche Fähigkeiten bringt eine Person mit, und in welchem Bereich ist sie auf die Hilfe anderer angewiesen? Was trägt sie zu ihrer Gemeinschaft bei und was kann sie beanspruchen? Und wie beeinflussen Aufwand und Ressourcenverbrauch die Kauf- bzw. Verzichtsentscheidung? Überlegungen, die auch heute schon eine große Rolle spielen, zum Beispiel bei der Frage nach (Flug-)Reisen und -zielen.

Wie könnte eine Wirtschaft funktionieren, in der Daten die Aufgaben des Geldes übernehmen?

Heidenreich: Die These lautet, dass sich die maßgebliche Wirtschaftsleistung, die heute über Unternehmen, Geld und den Markt generiert wird, ebenso gut mit Algorithmen und Matching organisieren lässt. Ihnen kommt dabei die Funktion von Mediatoren zu, die die Koordination von Arbeit und Gütern steuern. Denn in einer geldlosen Ökonomie treten locker verknüpfte Netzwerke an die Stelle von Unternehmen und können temporär, flexibel und auf die Fähigkeiten Einzelner bezogen Aufgaben verteilen bzw. vorschlagen. Was bleibt, ist eine Art Gleichgewicht: Wer viel beiträgt, kann etwas mehr beanspruchen, wobei auch all die würdig leben sollen, die wenig beitragen können oder wollen. Vermögensakkumulation wäre in einer geldlosen Welt, in der die Gemeinschaft und der gegenseitige Respekt zählen, so gut wie unmöglich. Insbesondere, weil sich mit dem Einsatz von Daten und Künstlicher Intelligenz das Verteilungsproblem besser lösen lässt als es dem freien Markt möglich ist.

Was spricht dafür, dass eine geldlose Ökonomie der Schlüssel für eine gerechtere Gesellschaft ist?

Heidenreich: Auch in einer postmonetären Gesellschaft führt kein Weg daran vorbei, dass die Frage nach der Verteilungsgerechtigkeit in einem politischen Akt der Aushandlung entsteht, über Gesetze und Regulierungen. Und was Regulierungen betrifft, versagt unser gegenwärtiges System regelmäßig, beispielsweise wenn in Metropolen wie London ganze Viertel als Vermögensanlage missbraucht werden. Der freie Markt hat offenbar nicht per se die besseren Lösungen parat, sondern nur die besten für die mächtigsten Teilnehmer. Deshalb erscheint die Abschaffung des Geldes als erster wichtiger Schritt, weil es die Bildung und das Horten von Vermögen unmöglich macht. Denn mit der Entscheidung für ein Matching-System verliert Geld seine Funktion als Speichermedium und schafft sich selbst ab. Viele anthropologische Indizien sprechen dafür, dass das menschliche Bedürfnis zu horten, erst mit dem Geld aufkam und mit dessen Verschwinden auch verschwindet. Das ist zumindest die Hoffnung!

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Weltweit werden Daten für kommerzielle und politische Zwecke missbraucht. Warum sollten sich risikobehaftete Algorithmen als Hebel für eine radikal linke Utopie eignen?

Heidenreich: Voraussetzung ist auch hier eine gemeinsame politische Entscheidung darüber, was Algorithmen leisten können und was wir von ihnen erwarten. Und das erfordert eine breit angelegte gesellschaftliche Reflexion über denkbare technische Szenarien – und den Entwurf von Utopien. Auch wenn de facto die Lage eine ganz andere ist und datenbasierte Verfahren genutzt werden, um Ungleichheiten fortzuschreiben und sogar zu verstärken. Die Gefahr, dass ein repressiver Kontrollstaat diese als Mittel der Überwachung einsetzt, um bestehende Vermögensverhältnisse zu erhalten, ist real. Aber Sinn und Zweck von Theoriebildung ist es in diesem Kontext, Möglichkeiten durchzuspielen, wie der Einsatz von Algorithmen gut ausgehen könnte. Sicher ist allein eines: Soziale Gerechtigkeit kann man nicht gegen die Technik, sondern nur mit ihr herstellen. Da gilt die Hölderlin`sche Weisheit: "Wo aber Gefahr ist, wächst/Das Rettende auch."

Interview: Kristina von Klot-Heydenfeldt

Portraitfoto
Stefan Heidenreich (Foto: Deborah Ligorio via Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Zur Person

Stefan Heidenreich lebt als Autor in Berlin. Seine Forschungsfelder sind Ökonomie, Medien und Kunst. Er ist Co-Autor des Sammelbandes "Postmonetär denken" (Springer Verlag, 2019), der von der VolkswagenStiftung Rahmen der Förderinitiative "Originalitätsverdacht? Neue Optionen für die Geistes- und Kulturwissenschaften" unterstützt wurde, sowie Verfasser des Buches "Geld. Für eine non-monetäre Ökonomie" (Merve Verlag, 2017).