Zukunftsszenarien? Hörspiel über KI-gestützte Polizeiarbeit

Wissenschaftskommunikation einmal anders: Ein Forschungsprojekt über Polizeiarbeit in der Migrationsgesellschaft lieferte die Fragestellungen für das Hörspiel "Cassandra Rising".

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(Illustration: Lenny Ward)

"Predictive Policing", die Auswertung polizeilicher Daten durch Algorithmen, wird auch in Deutschland bereits eingesetzt. Ziel ist es, auf Basis relevanter Faktoren aufkommende Brennpunkte frühzeitig zu identifizieren, Ordnungskräfte ressourceneffizient einzusetzen und potentielle Täter abzuschrecken. Allerdings gibt es auch schwere Bedenken gegen diese Art von Kriminalitätsprognosen: Das Verfahren fußt auf nicht repräsentativ erhobenen Polizeidaten und birgt ein hohes Diskriminierungsrisiko.

Zu welchen Szenarien dies führen könnte, steht im Zentrum des im Jahr 2060 angesiedelten Fiction-Hörspiels "Cassandra Rising" von Martin Heindel. Protagonist ist ein Security-Officer, der von Cassandra, der Stimme der dann etablierten Prognose-Software einen besonderen Auftrag erhält. Das Hörspiel wird auf WDR 1 LIVE Krimi am 2. Juli 2020, um 23.00 Uhr gesendet; danach steht es längerfristig auch zum Download zur Verfügung.

Die VolkswagenStiftung hat die Entstehung des Hörspiels als ein Projekt der Wissenschaftskommunikation gefördert. Erfolgreiche Antragstellerin ist die Amerikanistin Dr. Georgiana Banita von der Trimberg Research Academy der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Sie hat in das Hörspiel Fragestellungen und Ergebnisse aus ihrem ebenfalls von der Stiftung geförderten Forschungsprojekt "Sicherheit für alle: Polizeikultur in einer Einwanderungsgesellschaft" eingebracht (Förderinitiative: "Originalitätsverdacht?").

Das Projekt habe zeigen können, dass die Fokussierung auf sich abzeichnende Gewaltprozesse eine doppelte Gefahr birgt: Indem polizeiliche Ressourcen darauf konzentriert werden, einer sich ankündigenden Straftat entgegenzuwirken, würden anderweitige Beobachtungen vernachlässigt und diskriminierende Verzerrungen in der Datensammlung ignoriert, mit nicht unerheblichen Konsequenzen auf die Prognoseprozesse selbst, so Banita. Die Konzentration ermittelnder Intelligenz auf bevorstehende Bedrohungen führe dazu, dass interkulturelle Kompetenzfelder innerhalb der Polizei mit der Zeit verkümmerten, was die Reichweite polizeilicher Erkenntnis einschränke und sich wiederum auf die Qualität der prognostischen Ausgangsdaten auswirke. Doch das Fundament für kriminalistische Voraussagen sei umso stabiler, je mehr der prognostische Algorithmus von einem möglichst umfangreichen wie exakten Wissen ausgehen könne und psychologische, kulturelle, gesellschaftliche Zusammenhänge nicht verschleiert würden. Als eine Option sieht Georgina Banita die Verwendung von KI als interaktives Companion-System ("participatory AI") anstatt als eigenständiges Entscheidungsinstrument.

 

Ein Interview mit Georgiana Banita zu den Hintergründen der Proteste gegen Rassismus in den USA und in Deutschland finden Sie unter https://www.uni-bamberg.de/news/artikel/rassismus-polizeigewalt-interview-banita/.