Im Spannungsfeld von Heil, Heilung und Ware

Die Religionswissenschaftlerin Katja Triplett im Interview über die Bedeutung von Körpertechniken und Heilmethoden aus Asien

Wie kamen alternative Heilverfahren nach Deutschland und warum boomen sie? Katja Triplett vom Institut für Religionswissenschaft der Leibniz Universität, gewährt uns Einblicke in ihre aktuelle Forschung. (Foto: Isabel Winarsch für VolkswagenStiftung)
Wie kamen alternative Heilverfahren nach Deutschland und warum boomen sie? Katja Triplett gewährt uns Einblicke in ihre aktuelle Forschung. (Foto: Isabel Winarsch für VolkswagenStiftung)

"Ware Heilung. Zur Beliebtheit asiatischer Therapieformen und Gesundheitskonzepte" war der Titel einer für den 22. April 2020 im Xplanatorium Schloss Herrenhausen geplanten Veranstaltung. Wir haben Dr. Katja Triplett, Assoziiertes Mitglied des Verbundprojekts "Nachhaltige Ernährungsstile" der Universitäten Hannover und Göttingen, die als Referentin dieses nun leider abgesagten Abends eingeladen war, einige Fragen zu ihrem Forschungsgebiet gestellt.

Frau Triplett, Sie sind Religionswissenschaftlerin und beschäftigen sich mit Spiritualität und Heilpraktiken in der Gesellschaft, im asiatischen Raum und hier bei uns. Was trägt Ihr Fach zur Erforschung von Gesundheit bei?

Katja Triplett: Religion hat nicht nur viel mit einem – wie auch immer gearteten – Heil zu tun, sondern auch mit Heilung. Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich Mitglieder einer Gesellschaft oder religiösen Gruppierung Heilung wahrnehmen. Ich untersuche diese kulturspezifischen Unterschiede und entwickle Modelle, um die dynamische Vielfalt zu erfassen und darzustellen.

Wie haben sich Yoga, Tai Chi und Qi Gong, um nur die bekanntesten Praktiken zu nennen, in Deutschland etabliert und wie ist die aktuelle Lage?  

Katja Triplett: Ich untersuche, wie etwa Yoga- oder Tai Chi-Schulen ihre Geschichte darstellen, um sich in unserer Gesellschaft zu legitimieren. Fast immer berichten sie von der Weitergabe durch einen anerkannten Meister aus Asien. Die Praktiken sind bei uns nun weit verbreitet und gelten in der Regel als attraktive Entspannungstechniken und willkommene Ergänzung zu schulmedizinischen Behandlungen. Sie bemühen sich jetzt verstärkt, sich jeweils im inzwischen sehr reichhaltigen Angebot an asiatischen Heilpraktiken zu behaupten. Die aktuelle Lage aufgrund von Corona ist für die meist eher kleinen Einrichtungen katastrophal. Ich sehe die Online-Angebote der letzten Wochen auch als Bitte um Solidarität.

Welche Rolle spielen die Praktiken heute in ihren Entstehungsregionen – auch im Unterschied zu Deutschland? 

Katja Triplett: Praktiken und Heilverfahren in den Herkunftsgesellschaften Indiens, Chinas und anderer Regionen Asiens werden unter vier Kategorien gepflegt: Tradition, Gesundheit, Sport und Religion. Traditionspflege spielt bei uns natürlich kaum eine Rolle. Hier werden die Bewegungsarten aus Asien gewählt, weil sie Sinnlichkeit, Ästhetik und Körperlichkeit betonen. Bis auf einige Kampfkunstarten werden sie auch nicht in der Kategorie Sport verhandelt. Sie sind attraktiv, weil sie eine heilsame Spiritualität verheißen, die nicht in Konkurrenz zu der Mehrheitsreligion Christentum gesehen wird. Das Konzept der sogenannten Lebensenergie, mit der die Therapieformen und Gesundheitskonzepte operieren, wirkt dabei wie ein unpersönliches Naturgesetz. Das ist meines Erachtens ein wichtiger Grund für die weite Akzeptanz in westlichen Aufnahmegesellschaften. In Asien ist das Wort für Lebensenergie dagegen schon Jahrhunderte im allgemeinen Sprachgebrauch; die Gesundheitskonzepte setzen da grundsätzlich anders an.

Welche Erkenntnisse gewinnen Sie durch den Vergleich von unterschiedlichen Gesellschaften und der Rolle, die Religion dort spielt? 

Katja Triplett: In der Volksrepublik China etwa, die sehr restriktiv mit Religion umgeht, beobachten wir, dass der Staat sehr genau definiert, Was ist Sport, was Gesundheitspraxis, was Religion? Qi Gong-Gruppierungen konnten bestehen, weil sie als Sport oder Gesundheitspraxis gelten wollten, und sie bekamen Förderung vom Staat. Eine Qi Gong-Gruppe wie Falun Gong strebte jedoch in den 1990er Jahren nach Anerkennung als Religion. Sie wurde schließlich als Verbreiterin von schädlichem Aberglaube eingestuft, verboten und verfolgt. Der Soziologe Fenggang Yang spricht von einem Wechsel der Gruppe vom anerkannten "roten" zum verbotenen "schwarzen" Markt. Yang erforscht auch den "grauen" Markt, der sich durch Angebote wie Wahrsagen, Glücksbringer, Heilwässerchen und dergleichen auszeichnet. Diese sind als Aberglaube in der Volksrepublik eigentlich verboten, aber weit verbreitet. So ist der Anteil des "grauen" Marktes interessanterweise mit dem in freiheitlichen Gesellschaften wie den USA fast identisch. Häufig ordnen Menschen den Gebrauch von diesen Objekten als kulturelle Praktik ein, nicht als religiöse. So ist meiner Ansicht nach auch zu erklären, dass sich in vielen deutschen Haushalten Buddha-Statuen oder dergleichen befinden. Sie sind Dekoration, die sich mit einer spirituell angehauchten, magisch-exotischen Atmosphäre der Entspannung und des Wohlseins verbindet, und haben für die Menschen keine religiöse Bedeutung. 

Gibt es aus der Corona-Krise Erkenntnisse für Ihr Feld? 

Katja Triplett: In Zeiten der globalen Krise, die direkt die Gesundheit der Weltbevölkerung trifft, tritt der Unterschied von wissenschaftlichen Gesundheitskonzepten und nicht-wissenschaftlichen klarer zutage als je zuvor. Wie ich Presseberichten zu den verheerenden Falschmeldungen über Heilmittel, die das Virus erfolgreich bekämpfen sollen, entnehme, wirkt sich der jahrelang florierende Handel mit alternativen Heilmitteln eher negativ aus. Sind solche Angebote mit Weltbildern verknüpft, die mit symbolischen Dimensionen von Heilung arbeiten, befinden sie sich klar außerhalb der Systeme Medizin und Wissenschaft. Dazu gehören für mich auch Gesundheitskonzepte, die auf Verschwörungstheorien und sozialdarwinistischen Ideen beruhen – wie etwa bei der Impfgegnerschaft. Sie haben in der Medizin und in der medizinischen Fürsorge keinen Platz.