Grimme Online Award 2021 für das Projekt "Wissenstransfer hoch zwei – Russlandstudien"

Den renommierten Preis erhält ein innovatives Format zur Wissenschaftsvermittlung, das die Stiftung in ihrem Programm zur Stärkung Kleiner Fächer gefördert hat.

Website mit mehreren Vorschau-Bildern zum Thema Russland
Screenshot der mit dem Grimme Online Award ausgezeichneten Website "dekoder-Specials"

Spätestens seit der Ukraine-Krise steht Russland verschärft im Fokus der deutschen Politik und eines breiten Publikums. Medienberichte und polarisierende Debatten heizen das Klima an. Bloße Meinungen und faktenbasiertes Wissen sind zunehmend schwerer auseinanderzuhalten. Russische Fake News und die Propaganda regierungstreuer Sender sickern wie selbstverständlich in öffentliche Debatten hierzulande ein. Zur informatorischen Schieflage tragen auch westliche Medien bei, deren Analysen, so Professor Dr. Heiko Pleines von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, häufig geprägt seien von einer sehr verkürzten Darstellung der politischen, sozialen und kulturellen Verhältnisse im heutigen Russland.

Was aber kann man tun, zumal als sogenanntes Kleines Fach mit eng limitierten Ressourcen, um das festgestellte Informationsdefizit mit eigener Expertise zu lindern? Studien zu aktuellen Fragen russischer Wirtschaft, Politik und Gesellschaft werden zwar laufend produziert. Doch nur selten erreichen sie ein Publikum außerhalb der Fachcommunity. Die Brücke zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, so Pleines Eindruck, fehlt.

So passen Wissenschaft und Journalismus gut zusammen

In dieser Situation sind zwei sehr unterschiedliche Einrichtungen – ein Forschungsinstitut und ein Online-Medium – aufeinander zugegangen: Pleines und sein Team schlossen eine strategische Kooperation mit dem Online-Portal "dekoder – Russland entschlüsseln". 2015 gegründet, publiziert dekoder.org Nachrichten, Reportagen und Hintergründe, die ein facettenreiches, vor allem aber wissensbasiertes Bild von Russland erzeugen. Die Beiträge werden aus unabhängigen russischen Medien ins Deutsche übersetzt oder von Forschenden aus europäischen Instituten verfasst.

Das dekoder-Team besteht aus Redakteur:innen, die dafür qualifiziert sind, das Fachwissen aus den Hochschulen so aufzubereiten, dass die Intentionen der Wissenschaft gewahrt bleiben, die Inhalte gleichzeitig aber ein breites, vor allem internetaffines Publikum ansprechen. dekoder nutzt virtuos die Möglichkeiten und Formate des digitalen Journalismus und erreicht in seiner Nische beachtliche 100.000 Page Views pro Monat.

So erreicht ein Kleines Fach ein großes Publikum

Zusammen mit Leonid Klimov, der als Redakteur seit der Gründung von dekoder den wissenschaftlichen Part des Projektes betreut, stellte Heiko Pleines einen Förderantrag in der Initiative "Weltwissen – Strukturelle Stärkung Kleiner Fächer" – und war erfolgreich. So also wurde das Kooperationsprojekt "Wissenstransfer hoch zwei – Russlandstudien" als innovatives Format für Wissenschaftskommunikation bewilligt – auch als Vorbild für andere "Kleine Fächer", die ihre Strahlkraft über ihre eigenen Hochschulen hinaus erweitern wollen. 

Sieben umfängliche Online-Dossiers – von einer Kulturgeschichte des russischen Dampfbades  ("banja") über die Krim-Annexion bis zu Fragen des Nationalstolzes und der Identität Russlands – produzierten die Osteuropa-Expert:innen gemeinsam mit dem dekoder-Team seit Januar 2019. Eine Reihe von Einzelbeiträgen schafften zudem den Sprung in das anspruchsvolle Online-Portal der Bundeszentrale für politische Bildung. Und nicht zu vergessen: Die Universität Hamburg förderte zwei Semester lang (2019–2020) eine Lehrveranstaltung, in der Studierende in Kooperation mit den Projektbeteiligten von "Wissenstransfer hoch zwei – Russlandstudien" über den Abzug der Roten Armee aus Ostdeutschland (1991–1994) forschten, schrieben und ihre Inhalte bei dekoder publizierten. 

Folgeprojekte sind schon vereinbart

Jetzt erhielt diese experimentierfreudige Kooperation zwischen Wissenschaft und Journalismus den digitalen Ritterschlag: den renommierten Grimme Online Award in der Kategorie "Spezial".  Aus der Begründung der Jury: "Von der dokumentarischen digitalen Karte über das multimediale Dossier bis hin zu Scroll-Dokus und lebensgeschichtlichen Diashows: Die 'dekoder Specials' erforschen journalistische Darstellungsformen im Wechselspiel mit denen des Netzes (…) Wissenschaftler:innen, Journalist:innen, Webdesigner:innen und Programmierer:innen arbeiten gemeinsam. Dabei entstehen (…) Geschichten an der Schnittstelle von Wissenschaft und Journalismus."

Für dekoder ist dies übrigens, nach 2015, schon der zweite Grimme Online Award. Und für das Team um Heiko Pleines von der Forschungsstelle Osteuropa in Bremen ein Ansporn, um weiter zu machen: Die beiden Partner setzen ihre Kooperation fort und arbeiten bereits an zwei weiteren Specials – zur Geschichte der sowjetischen Dissident:innen und zur Dumawahl, die im September 2021 stattfinden soll.