Global Health - mal anders betrachtet

Tine Hanrieder ist schon während ihres Studiums der Politikwissenschaften eigene Wege gegangen. Als sie ihrem Professor damals eine ungewöhnliche Idee für die geplante Magisterarbeit vorstellte, bügelte der sie unwirsch ab: "Ihre These eröffnet eine irrelevante Debatte. Die ist nicht bedeutender als eine Kampagne für Fledermausschutz in der öffentlichen Politik." Tine Hanrieder ließ sich nicht schrecken. Sie suchte sich einen neuen Mentor und schrieb ihre Magisterarbeit. Mit Erfolg: Es folgten Einladungen zu Konferenzen, und angesehene Fachzeitschriften veröffentlichten ihre Artikel zum Thema.

Überkommene Meinungen hinterfragen

Freigeist-Fellow Dr. Tine Hanrieder.
Freigeist-Fellow Dr. Tine Hanrieder. (Foto: Martin Bühler für VolkswagenStiftung)

"Es hat mich einfach schon immer interessiert, überkommene Meinungen zu hinterfragen und neues Terrain zu bearbeiten", sagt Tine Hanrieder, die mit dem Freigeist-Fellowship (Projekt: "Medical internationalisms and the making of global public health (Dr. Global)") die Chance bekam, am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung eine Nachwuchsgruppe für "Globale humanitäre Medizin" aufzubauen. Auch hier ist ihr der Perspektivenwechsel wichtig. Sie beleuchtet ein klassisches Thema von einer ganz neuen Seite.

Unter "Globaler humanitärer Medizin" oder "Global Health" versteht man in der Regel das, was man aus den Nachrichten kennt: Ereignet sich irgendwo in einem Entwicklungsland eine Katastrophe, ein schweres Erdbeben, eine Epidemie oder eine Flutkatastrophe, dann reisen möglichst rasch Helfer aus den Industrieländern an, um Kranke und Verletzte zu versorgen und kurzfristig mit Notfallausrüstung auszuhelfen.

Wir wollen herausfinden, inwieweit aus den sogenannten Entwicklungsländern etwas zurück in die Industrienationen getragen wird.

Doch es offenbart einen einseitigen und stereotypen Blick auf die Welt: Immer helfen die "Reichen" den "Armen". Tine Hanrieder bürstet jetzt gegen den Strich: "Wir wollen herausfinden, inwieweit aus den sogenannten Entwicklungsländern etwas zurück in die Industrienationen getragen wird. Also: Wie wirken sich die im Süden gewonnenen Lehren in der Heimat aus?"

Videointerview: Tine Hanrieder zu ihrem Forschungsprojekt "Dr. Global"

Portrait, Tine Hanrieder sits on stairs in Schloss Herrenhausen
Tine Hanrieder, hier im Schloss Herrenhausen, wird künftig u. a. Kuba in den Blick nehmen, weil es das klassische Bild von der Entwicklungshilfe auf den Kopf stellt. (Foto: Martin Bühler für VolkswagenStiftung)

Tine Hanrieder und ihr Team werden in den kommenden Jahren viel in Frankreich, Kuba und den USA unterwegs sein, um Interviews zu führen und weitere Kontakte zu Hilfsorganisationen zu knüpfen. Ein großer Teil der Arbeit besteht auch darin, aussagekräftige Akten und Dokumente zu sammeln und auszuwerten. "Die `Ärzte ohne Grenzen´ haben uns zum Beispiel viele interne Gesprächsprotokolle von Sitzungen zur Verfügung gestellt, die uns enorm helfen. Sie liefern einen tiefen Einblick in die Organisation, das Denken, den Sinneswandel, den Blick der Mediziner auf Frankreich und andere Industrienationen, in denen die Organisation Büros unterhält – auch in Deutschland." 

Versorgungsmodell aus Kuba in den USA gefragt

Besonders interessant ist für sie Kuba, weil hier das klassische Bild von der Entwicklungshilfe auf den Kopf gestellt wird. Denn die Karibikinsel exportiert heute eigenes Wissen über eine gute medizinische Versorgung ins Ausland – sogar in die USA. In Kuba gibt es ein volksnahes Gesundheitssystem für alle. In jedem Stadtviertel existiert eine Nachbarschaftspraxis, ein "consultorio", in der die Behandlung  gratis ist. Die Mediziner dort sind auch für die Gesundheitsvorsorge in ihrem Viertel verantwortlich, geben den Menschen zum Beispiel Tipps für die richtige Ernährung. Die Idee der consultorios als dem kubanischen Modell der Primärversorgung ist in den USA teils sehr angesehen, sagt Tine Hanrieder. Beim Volk der Navajo etwa gibt es Bestrebungen, das als Vorbild zu nehmen. Ob und wie die Erfahrungen der Kubaner in den USA wiederum in deren Heimat zurückwirken, weiß sie noch nicht. "Momentan sind wir in Kontakt mit kubanischen Fachleuten und hoffen, Zugang zu offiziellen Quellen zu erhalten", sagt sie. Ob sie die bekommen wird und ob sie die Informationen in ihre Arbeit einfließen lassen kann, ist derzeit noch offen – aber Flexibilität und das Bewältigen von Ungewissheiten gehören zu einem Freigeist-Fellowship ja mit dazu.

Ein Beitrag aus dem Impulse-Magazin 2019 der VolkswagenStiftung, in dem mit Juliane Simmchen und Carolin Antos weitere Freigeister und ihre ungewöhnlichen Projekte vorgestellt werden.

 

Mit ihrer Initiative fördert die Stiftung eigenwillige Forschungsvorhaben, die über Fachgrenzen hinweg unbekanntes Terrain erschließen und neue Perspektiven eröffnen. Vor allem aber fördert sie Freigeister: die kreativen Köpfe, die es für solche Ideen braucht.

Das komplette Heft mit weiteren Artikeln zu unseren Freigeist-Fellows und zu anderen "Querdenkern" gibt es hier zum Download oder zum Bestellen.