Freigeist Dr. Julia Eichenberg sucht die große Weltgeschichte im Kleinen

Dr. Julia Eichenberg erforscht als Freigeist-Fellow an der HU Berlin die transnationale Zusammenarbeit zwischen den Exilregierungen in London zur Zeit des Zweiten Weltkriegs.
Freigeist-Fellow Dr. Julia Eichenberg. Fotos: Mirko Krenzel für VolkswagenStiftung.
Freigeist-Fellow Dr. Julia Eichenberg. Fotos: Mirko Krenzel für VolkswagenStiftung.
Mit ihrer Promotion über polnische Kriegsveteranen tauchte Freigeist-Fellow Dr. Julia Eichenberg in die Zeit des Ersten Weltkriegs ein. Anschließend beschäftigte sie sich mit der Entstehung paramilitärischer Gewalt in Polen und Irland. Im Rahmen ihres Freigeist-Vorhabens "The London Moment. Transnational Collaboration of Governments-in-exile during the Second World War and its Impact on European History" rückt die Historikerin an der Humboldt-Universität Berlin nun die Exilregierungen der von den Nationalsozialisten besetzten europäischen Länder in den Fokus ihrer wissenschaftlichen Arbeit: Während des Zweiten Weltkrieges waren die meisten in der britischen Hauptstadt vertreten. Julia Eichenberg möchte herausfinden, wie diese internationalen Kooperationen die Geschichte des 20. Jahrhundert beeinflussten. Warschau, Brighton, Straßburg, Dublin, Berlin – Sie haben in verschiedenen Städten im In- und Ausland gelebt und sprechen mehrere Sprachen. Auch Ihre Doktorarbeit ist in einem internationalen Kontext angesiedelt. Woher kommt Ihr Interesse für internationale Themen?
Ich bin schon immer gerne gereist und habe gerne Sprachen gelernt. Aber ich finde es vor allem spannend, vor Ort Einblicke in andere Länder zu gewinnen und dabei immer auch etwas über mich selbst zu lernen. Ein Beispiel: Während des Studiums habe ich begonnen Polnisch zu lernen und dabei gemerkt, wie sehr sich die Polen in Europa und in der europäischen Geschichte verhaftet sehen und wie verbreitet dort auch das Wissen über europäische Geschichte ist. Gleichzeitig wurde Polen – meines Empfindens nach – in Deutschland eher ganz in den Osten Europas geschoben. In Polen habe ich damals zum ersten Mal deutlich erkennen können, dass die europäische Geschichte mehr ist als nur die Geschichte Westeuropas und dass die Bewertung der gemeinsamen Geschichte oft stark vom Betrachter abhängt.
Und was ist so faszinierend an der Konstellation in London?
Ich finde, dass man hier Weltgeschichte an einer einzigen Stadt und an wenigen Jahren festmachen kann. Das macht die in den letzten Jahren beschworene Globalgeschichte greifbarer, weil sie sich mit einzelnen Personen verknüpfen lässt. Es geht also nicht nur um abstrakte Ideen, sondern um etwas ganz Präzises, das gleichzeitig mit dieser großen Weltpolitik im Zusammenhang steht.
Zum andern ist es mir sehr wichtig, dass man diesen Abschnitt der Geschichte nicht nur aus heutiger Perspektive betrachtet, sondern sich aus dem damaligen Blickwinkel heraus anschaut, welche alternativen Pläne zum Beispiel in der ost-westeuropäischen Zusammenarbeit im Raum standen, die danach durch den Kalten Krieg unterbunden wurden. Sie zu verstehen, kann zu einem besseren Verständnis von west- und osteuropäischer Geschichte führen. Mit welchen Fragestellungen nähern Sie sich dieser Zeit?
Ich schaue mir das Thema aus drei Perspektiven an, die man sehr verkürzt unter den Stichwörtern Raum, Macht, und Recht zusammenfassen könnte. Zum einen geht es mir um den Raum: Was passiert in London? Welchen Einfluss hat die Stadt auf die Geschehnisse? Denn das Faszinierende ist, dass Staatsoberhäupter, Regierungen und Verwaltungen in Fußnähe voneinander angesiedelt sind. Welchen Einfluss hat diese alltägliche und geografische Nähe bei der Verhandlung eines Themas, das normalerweise Gegenstand der Diplomatie, der Korrespondenz ist?
Zweitens frage ich danach, wie man eigentlich regiert, wenn man keinen Staat hat? Diese Exilregierungen kontrollieren kein Territorium, kein Volk, keine Armee, nur einige von ihnen haben begrenzte Kontrolle über militärische Einheiten. Deshalb müssen sie ihre Macht ganz anders inszenieren. Zum Beispiel werden gegenseitige Anerkennungen unabdingbar. Diplomatische Begegnungen, Begehen von Nationalfeiertagen und insbesondere die Radioansprachen, die zusammen mit dem BBC erfolgen, gewinnen stark an Bedeutung. Hier wird also über die Performanz Macht konstruiert.
Drittens frage ich, wie die Zeit nach dem Krieg diskutiert wird. Wie stellt man sich ein gemeinsames Europa vor? Welche Themen werden wichtig? Hier stehen insbesondere die Juristen in den Reihen der Exilregierungen im Mittelpunkt, die am schnellsten zueinanderfinden und in der Sprache des Rechts versuchen, gemeinsame Lösungen für einen stabilen Frieden nach dem Kriegsende zu finden. Um dieser drei unterschiedlichen Themen dann zusammenbringen zu können, nutze ich unterschiedliche methodische Ansätze.
Auch wenn Sie sich erst seit Kurzem mit Ihrem Thema beschäftigen: Haben Sie schon erste Vorstellungen, was die Fußnähe verändert hat?
Ja, zum einen wurden die persönlichen Kontakte sehr wichtig. Diese lösten teilweise die traditionellen Kanäle der Diplomatie ab. Stellen Sie sich vor: Normalerweise müssten diese Regierungen immer über das Außenministerium korrespondieren; persönliche Kontakte zwischen den Ministerien sind diplomatisch gar nicht vorgesehen. Aber zu dieser Zeit treffen sich in London Angehörige aller Regierungen auch in Restaurants, in Hotels, in Bars, vermutlich selbst beim Spaziergang im Park.
Zum anderen gibt es auch sehr viele bi-, tri- und internationale Komitees, die in London während des Zweiten Weltkrieges entstehen und gemeinsame Themen verhandeln. Beispielsweise gibt es – was ich sehr spannend finde – eine Versammlung, die London International Assembly, in der vor allem Juristen aktiv sind. Während also zeitgleich der Völkerbund abgewickelt wird und die Vereinten Nationen kurz vor der Entstehung sind, versucht diese London International Assembly durch die Berufung diverser Fachkomitees bereits eine Nachkriegsordnung vorzubereiten. Wie sollte solch eine Nachkriegsordnung aussehen? Welche konkreten Vorschläge gab es?
Besonders wichtig waren der London International Assembly und den Exilregierungen eine juristische Abwicklung und Aufarbeitung des Krieges. Beispielsweise sah man sich an, welche rechtlichen Grundlagen es zur Abwicklung und Aufarbeitung des Krieges schon in den verschiedenen Ländern gab, und überlegte, wie sich diese auf eine internationale Ebene heben ließen.
Die meisten Beteiligten in London glaubten auch weiterhin an das System des Völkerbundes. Angesichts seines Scheiterns wollten sie die ihm zugrundeliegenden Ideen insgesamt verbessern und stabilisieren.
Man wünschte sich – neben einem internationalen System zur Ahndung von Kriegsverbrechen – auch eine stärkere finanzielle und militärische Zusammenarbeit. Ebenso wurden Konzepte bis ins kleinste Detail entworfen, wie nach dem Krieg schnelle medizinische Hilfe und Nahrungsmittel in die zerstörten Länder gebracht werden könnten, wie Europa auch architektonisch wieder aufgebaut werden oder eine gemeinsame Sozialpolitik gestaltet werden könnte. Was davon konnte tatsächlich umgesetzt werden?
Nun, einiges wurde umgesetzt, anderes verändert, einige Ideen verliefen im Sand. Es wurden natürlich viele Ideen aufgegriffen, die schon vorher existierten. Die Zeit in London wirkte allerdings wie eine Art Katalysator, da es ein größeres, ein dringenderes Interesse daran gab, bestimmte Dinge durchzusetzen. Die in London ansässigen Akteure waren unter anderem an der Erklärung der Menschenrechte, aber auch am Aufbau eines Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte beteiligt. Sie unterstützen den Aufbau der United Nations War Crimes Commission, ein Vorbote des Internationalen Gerichtshofs. Starke Kontinuitäten lassen sich auch in Hinblick auf die Europäische Union und den Vereinten Nationen feststellen.
Besonderes Augenmerk meiner Arbeit richte ich auch darauf, dass während des Krieges auch die Ostmitteleuropäer sehr stark in die Planungen einbezogen waren. Erst durch den Eintritt der Sowjetunion sowie den weiteren Kriegsverlauf verschoben sich die politischen Interessen stark, so dass diese Länder letztendlich nicht mehr in gleicher Weise beteiligt waren. Dennoch möchte ich den osteuropäischen Beitrag gleichberechtigt miterzählen und seinen Kontinuitäten nachgehen. Ich möchte dies keinesfalls als Geschichte eines Scheiterns erzählen, sondern offen darlegen, was hätte möglich sein können, was diskutiert wurde, was blieb. Man wollte sich damals nicht vom Nationalstaat verabschieden?
Das war nicht möglich. Es gab zwar in London auch durchaus einflussreiche Akteure, die gerne gesehen hätten, dass der Nationalstaat deutlich Souveränitäten abgibt. Allerdings trifft hier als Widerspruch aufeinander, dass einerseits Internationalisten vor Ort waren, andererseits aber der jeweilige Nationalstaat das einzige Kapital der Exilregierungen darstellte. Diesen(welche sind gemeint?) Vertretern ging vor allem darum, dass der Nationalstaat in irgendeiner Form überleben musste durch die Politik und die Handlungen in London. Das Nationalstaatsprinzip konnte als Grundlage aller Politik gar nicht angetastet werden.
Es wurde bereits viel über die Politik während des Zweiten Weltkrieges publiziert. Welche Quellen sind für Sie wichtig?
Ja, ich kann auf einen sehr großen Fundus an Sekundärliteratur zurückgreifen, weil die Geschichten der einzelnen Exilregierungen in ihrem eigenen Kontext oft schon sehr gut bearbeitet wurden – mit der Literatur über de Gaulle allein ließen sich wohl Bibliotheken füllen. Was jedoch bisher nicht – oder nur in Ansätzen – bearbeitet wurde, ist die Zusammenarbeit der Regierungen in London: der Mikrokosmos, der dort vor Ort entstand und der Einfluss dieser besonderen Situation auf die politischen Diskussionen und Entscheidungen.
Um diese Fragen zu klären, nehme ich viele bereits publizierte Quellen zu Hilfe und versuche zusätzlich in der Kommunikation mit und über die britische Regierung und die Quellen der London International Assembly herausfinden, wie die Kooperation zwischen den Regierungen konkret aussah. Dazu kommen noch persönliche Memoiren und Nachlässe. Wichtig ist an meinem Projekt, dass Literatur und Quellen der verschiedenen west- und osteuropäischen Exilregierungen kombiniert werden. Viele Ihrer Quellen befinden sich in London, Sie selbst haben Ihren Lebensmittelpunkt in Berlin. Wie erhalten Sie Zugang zu Ihren Quellen?
Das lässt sich dank der Förderung als Freigeist-Fellow mit längeren Archivreisen gut lösen. Neben der zeitlichen Sicherheit kann ich diese Reisen durch das Fellowship finanzieren und meine Forschung überhaupt erst umsetzen. Neben Aufenthalten in London sind aber auch Reisen nach Paris, Warschau, Prag, Brüssel und Den Haag geplant. Wie ist Ihr Vorhaben gestartet?
Soweit läuft es sehr gut. Ich habe vor gut sechs Monaten angefangen und arbeite zurzeit daran, Quellen und Literatur aufzunehmen und mit anderen Wissenschaftlern in Kontakt zu treten, die sich mit ähnlichen Themen befassen, um Kooperationsmöglichkeiten auszuloten. Das Institut für Geschichtswissenschaften an der Humboldt Universität ist dafür auch ein angenehmer Ausgangspunkt: Ich finde hier viele Ansprechpartner für unterschiedliche Bereiche, die sowohl inhaltlich als auch geografisch mein Thema berühren. Zum Beispiel habe ich hier im letzten Semester bereits zusammen mit zwei weiteren Historikern, Marcus Payk und Kim Priemel, und mit Benjamin Lahusen, der ebenfalls im Freigeist-Programm gefördert wird, ein Kolloquium zur Rechtsgeschichte ins Leben gerufen. Haben Sie noch weitere Pläne, um Ihre Forschung nach außen zu öffnen?
Ja, ich konzentriere mich natürlich gerade am Anfang vorwiegend darauf, mein Projekt im wissenschaftlichen Kontext publik zu machen. Durch meine eigene Zeit im Ausland bin ich aber auch im Gespräch mit internationalen Kollegen und sondiere Möglichkeiten der Vernetzung. Ich denke auch über einen Blog oder weitere Vorträge und Veranstaltungen nach, die das Projekt ebenso an eine breitere Öffentlichkeit vermitteln könnten. Was genau entsteht, wird die Zukunft zeigen. Liebe Frau Dr. Eichenberg, bestimmt tun sich zukünftig spannende Möglichkeiten auf. Wir wünschen Ihnen viel Erfolg dabei! Das Interview führte Andrea Oechtering
   Mehr Informationen zu Dr. Julia Eichenberg unter: https://www.geschichte.hu-berlin.de/de/bereiche-und-lehrstuehle/gewest/personen/wissenschaftliche-mitarbeiter-und-mitarbeiterinnen/dr.-julia-eichenberg Mehr Informationen zu den Freigeist-Fellowships unter: www.volkswagenstiftung.de/freigeist-fellowships