Forschungsförderung als Lotterie? Diskutieren Sie mit!

"Auswahlverfahren sind bekanntermaßen unzuverlässig, kostspielig und anfällig für Verzerrungen. Gibt man dem Zufall bewusst Raum, kann dies die Wissenschaft bereichern und gleichzeitig Fairness und Effizienz verbessern", ist Dorothy Bishop überzeugt. Die Neuropsychologin aus Oxford hat eine lebhafte Diskussion über Begutachtungsverfahren entfacht. 

Lostrommel (Grafik)
Illustration: Giacomo Bagnara

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf Fördersuche, aber auch Mitglieder von Gutachtergremien und Administratorinnen und Administratoren beschweren sich oft darüber, dass die Forschungsförderung einer Lotterie gleicht. In der Regel kann ja nur ein kleiner Teil der eingereichten Vorschläge finanziert werden, denn das Geld ist knapp. Das derzeitige Peer Review System ist auch für Selektionsverzerrungen prädisponiert: Selbst wenn das Fächerspektrum nicht sehr breit ist, ist es unwahrscheinlich, dass das Expertenpanel alle Themen und Kompetenzen abdeckt. Zudem ist das Verfahren für alle Beteiligten sehr zeitaufwändig, also letztlich teuer. Man kann sich auch die Frage stellen, ob eine Bewertung durch angesehene Senior Scientists, die selbst im aktuellen System erfolgreich waren, notwendigerweise zur Auswahl der talentiertesten Forscherinnen und Forscher mit vielversprechenden Ideen jenseits des Mainstreams führt, d. h. zu innovativer Wissenschaft. 

Dem Zufall eine Chance

Nach meinen Erfahrungen in entsprechenden Gremien habe ich mich gefragt, ob es nicht Sinn macht, tatsächlich eine Lotterie einzuführen, bei der die Mittel nach dem Zufallsprinzip vergeben werden. In einem Blogbeitrag entwickelte ich die Idee, dass Geldgeber zunächst eine Selektion durchführen könnten, um schwache oder ungeeignete Vorschläge klar auszusondern, und dass dann alle, die diese Hürde passieren, an einer Lotterie teilnehmen. Im April 2018 startete ich auf Twitter eine einfache Umfrage, in der ich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bat, über diese Idee abzustimmen. Dabei sollten sie angeben, ob sie gerade eine Förderung erhalten oder nicht. Knapp über 1000 Personen antworteten innerhalb von 24 Stunden, und 66 Prozent sprachen sich für eine Lotterie aus – und zwar unabhängig davon, ob sie aktuell gefördert wurden. Nicht wenige Kolleginnen und Kollegen schickten auch ausführliche Kommentare. 

Mark Humphries, ein Neurowissenschaftler aus Nottingham, hat für seinen Blog die Chancen und den Zeitaufwand einer Antragstellung berechnet. Sein Fazit: "Es ist absurd, dass für das Schreiben von Anträgen für künftige Forschung mehr Zeit aufgewendet werden muss als für die gerade laufende Forschung. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich persönlich hätte es lieber, dass meine Steuern für die wissenschaftliche Arbeit verwendet werden und nicht für die Abfassung von Anträgen. Es gibt noch einen anderen Grund: Das Prinzip Zufall hält die Wissenschaft gesund. Neue Ideen und Projekte würden finanziert, was zu ganz unterschiedlichen Ansätzen und Erkenntnissen führen könnte. Es gäbe keine Schaumschlägerei, kein Herdenverhalten, kein Aufspringen auf die neuesten heißen Trends." 

Teilrandomisiertes Verfahren im Praxistest

Viele Antworten auf die Umfrage verwiesen mich auf weitere relevante Informationen und Quellen. So erfuhr ich auch davon, dass die VolkswagenStiftung – wie nur eine Handvoll anderer Institutionen weltweit – bereits eine teilrandomisierte Auswahl erprobt, in ihrer Initiative "Experiment!". Dies ist genau die Art von Förderangebot, die für diesen Ansatz gut geeignet scheint: Der Fokus liegt auf der Exploration von risikoreichen neuen Ideen, das Thema ist breit, die Höhe der Mittel ist relativ bescheiden und die Zahl der Anträge übersteigt dramatisch die Anzahl, die finanziert werden kann.

Ich sehe in einer Lotterie grundsätzlich drei klare Vorteile:

  • Erstens ist sie viel kostengünstiger und weniger zeitaufwendig als herkömmliche Verfahren.
  • Zweitens bedeutet es, dass implizite Vorurteile von Panel-Mitgliedern nicht die Förderentscheidungen beeinflussen können. Und wenn Förderer eine Art positiver Diskriminierung anstreben – zum Beispiel um bestimmte Fachgebiete zu bevorzugen oder bewusst jüngere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu fördern – könnten sie die Anzahl von Einreichungen in diesen Kategorien erhöhen.
  • Drittens verhindert dieses Verfahren, dass Institutionen bei der Bewertung von Mitarbeitern die eingeworbenen Fördermittel als Maßstab für die Qualität der Forschung nutzen: Eine Praxis, die in Großbritannien üblich ist, aber von fragwürdiger Gültigkeit und Fairness.

Ich werde mit Interesse verfolgen, wie es mit dem neuen Verfahren bei der VolkswagenStiftung läuft: Vier Runden von "Experiment!" mit teilrandomisierter Auswahl werden durch Begleitforschung erfasst und ausgewertet. Die Schlüsselfrage ist natürlich, ob die Qualität leidet, wenn Forschungsvorhaben auf diese Weise finanziert werden. Shahar Avin von der Universität Cambridge hat in seiner Doktorarbeit die Auswirkungen verschiedener Finanzierungsmodelle untersucht, und seine Befunde geben Anlass zu Optimismus. Er kommt zu dem Schluss, dass sich die Qualität verbessern sollte, da die konventionellen Systeme die Förderung risikoreicher Forschung erschweren. Dabei profitiert die Wissenschaft ja davon, wenn Anträge und Ideen zum Zuge kommen, die nicht Mainstream-Kategorien entsprechen, etwa multidisziplinäre oder risikoreiche Projekte. 

Autorin: Dorothy Bishop

Dorothy Bishop ist Professorin für Entwicklungsneuropsychologie an der Universität Oxford. In ihrem Blog "Bishopblog" bezieht sie Stellung zu einer Vielzahl von Themen, darunter zur Reproduzierbarkeit in der Forschung. Als @deevybee ist sie auch auf Twitter aktiv. 

 

 

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"NEULAND ENTDECKEN" - Vorschau auf die IMPULSE 2019

Der Beitrag von Dorothy Bishop wird auch in der nächsten Ausgabe "Neuland entdecken" unseres Magazins IMPULSE abgedruckt, die Anfang 2019 erscheint. Wir nehmen Sie gerne in unseren Verteiler auf und schicken Ihnen ein gedrucktes Exemplar des Magazins kostenlos zu – wenn Sie uns eine E-Mail mit Ihrer Postadresse und dem Stichwort "Impulse" schicken: rosengart-kamburis(at)volkswagenstiftung.de.