Forschung in Museen

Mit knapp 3,5 Millionen Euro unterstützt die VolkswagenStiftung zehn neue Forschungsprojekte zu Sammlungen von Museen mit ganz unterschiedlicher thematischer Ausrichtung. Drei davon stellen wir Ihnen hier vor.
In der Ausstellung der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde veranschaulicht eine rekonstruierte Flüchtlingswohnung mit Originalmobiliar aus den 1950er Jahren die Wohnsituation der Menschen im Lager. Foto: Andreas Tauber, ENM
In der Ausstellung der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde veranschaulicht eine rekonstruierte Flüchtlingswohnung mit Originalmobiliar aus den 1950er Jahren die Wohnsituation der Menschen im Lager. Foto: Andreas Tauber, ENM
Mit der Integration von DDR-Zuwanderern in die Bundesrepublik Deutschland und West-Berlin zwischen 1949 und 1989 befassen sich Bettina Effner von der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde in Berlin und Prof. Dr. Dirk van Laak von der Universität Gießen. Die Wissenschaftler analysieren u.a. 162 ein- bis sechsstündige lebensgeschichtliche Interviews mit DDR-Flüchtlingen bzw. Übersiedlern aus dem umfangreichen Zeitzeugenarchiv der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde und der Gedenkstätte Berliner Mauer. Welche Bedeutung für den Integrationsprozess hatten beispielsweise Faktoren wie Alter, Bildungsgrad, Beruf, politische Orientierung oder Motiv der Ausreise bzw. Flucht? Welche Auswirkungen hatten die Umstände des Verlassens der DDR, z.B. Flucht über Grenzen, Freikauf oder Nicht-Rückkehr von Besuchsreisen? Welche Rolle spielten die Dauer des Aufenthalts in den Aufnahmelagern und der Zugang zu staatlichen Integrationshilfen? Neben den Integrationsprozessen in West-Berlin in den 1950/60er und 1970/80er Jahren untersuchen die Forscher am Beispiel des Flächenbundeslandes Hessen die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Integrationsverläufe in West-Berlin und Westdeutschland. Für das Vorhaben "Im Westen angekommen?" Die Integration von DDR Zuwanderern als historischer Prozess stellt die VolkswagenStiftung 526.800 Euro bereit. Die umfangreiche Fischsammlung des Deutschen Meeresmuseums in Stralsund bietet ideale Voraussetzungen für das Projekt von Dr. Timo Moritz vom Deutschen Meeresmuseum, Prof. Dr. Lennart Olsson und Dr. Peter Konstantinidis von der Universität Jena und Dr. Nicolas Straube vom College of Charleston, USA. Die Wissenschaftler untersuchen die Verwandtschaftsbeziehungen der sogenannten "basalen Clupeocephala", zu denen u.a. Hering, Lachs und Karpfen, aber auch exotischere Arten wie Eidechsenfische oder Petersfische gehören. Für die phylogenetische Entwicklung dieser umfassenden Gruppe existieren bereits zahlreiche Hypothesen, die sich aber inhaltlich stark widersprechen. Um hier Klarheit zu schaffen, wollen die Wissenschaftler neben modernsten morphologischen Methoden auch ein neues "Next Generation Sequencing"-Verfahren für umfassende molekularbiologische Untersuchungen einsetzen. Die VolkswagenStiftung unterstützt das Projekt Hering, Lachs und Karpfen – alte Bekannte mit unbekannter Verwandtschaft – Phylogenie der basalen Clupeocephala mit 550.500 Euro.

Das Thema Kunst und Krieg in der Zeit des 1. Weltkriegs fand und findet in Forschung und Öffentlichkeit erhebliche Beachtung. Kaum bekannt und praktisch unerforscht ist allerdings, dass sich auch Insassen psychiatrischer Anstalten in dieser Zeit künstlerisch mit dem Thema Krieg auseinandersetzten. Eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe um den Kunsthistoriker, Musikwissenschaftler und Psychologen Dr. Thomas Röske, die Kulturwissenschaftlerin Sabine Hohnholz M.A. und die Psychiaterin und Medizinhistorikerin Dr. Maike Rotzoll von der Universität Heidelberg will diese Forschungslücke nun schließen. Dafür werden die Wissenschaftler(innen) Malereien, Zeichnungen, Skulpturen und sogenannte Egodokumente (Briefe, Gedichte, Prosatexte, Kompositionen) von Anstaltsinsassen aus der Heidelberger Sammlung Prinzhorn untersuchen. Die Ergebnisse des Projekts sollen u.a. in einer Ausstellung im Militärhistorischen Museum Dresden und im Museum Sammlung Prinzhorn Heidelberg präsentiert werden. Für das Kooperationsprojekt Uniform und Eigensinn. Militarismus, Weltkrieg und Kunst in der Psychiatrie zwischen der Heidelberger Sammlung Prinzhorn, dem Institut für Geschichte und Ethik der Medizin Heidelberg und dem Militärhistorischen Museum Dresden stellt die VolkswagenStiftung 290.100 Euro bereit.


Ebenfalls bewilligt wurden folgende Projekte:
Die VolkswagenStiftung stellt 325.100 Euro bereit für das Projekt Materielle Kultur als soziales Gedächtnis einer Gesellschaft. Der Sammlungsbestand des Dokumentationszentrums Alltagskultur der DDR als Quelle für die zeitgeschichtliche Forschung von Dr. Irmgard Zündorf und Dr. Jürgen Danyel vom Zentrum für Zeithistorische Forschung e.V. in Potsdam und Dr. Andreas Ludwig vom Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR in Eisenhüttenstadt.

267.300 Euro wurden bewilligt für Studien zum Kunst- und Technologietransfer in Hessen und am Mittelrhein in Spätmittelalter und Früher Neuzeit auf der Grundlage des Gemäldebestandes des Hessischen Landesmuseums Darmstadt von Dr. Thomas Foerster und Dr. Theo Jülich vom Hessischen Landesmuseum Darmstadt und Prof. Dr. Jochen Sander von der Universität Frankfurt am Main.
 
Mit 500.800 Euro unterstützt die Stiftung das Projekt Deformierte Schädel – Spuren weiblicher Mobilität und multikultureller Gemeinschaften am Anfang Europas? von Dr. Michaela Harbeck von der Bayerischen Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie in München, Prof. Dr. Gisela Grupe von der Universität München, Dr. Brigitte Haas-Gebhard von der Archäologischen Staatssammlung in München, Dr. Adam Powell vom University College London,
Prof. Dr. Rupert Gebhard von der Prähistorischen Staatssammlung, München, Dr. Andreas Boos vom Historischen Museum der Stadt Regensburg und Prof. Dr. Johannes Burger von der Universität Mainz.

385.000 Euro gehen an das Projekt Aufgeklärter Kunstdiskurs und höfische Sammelpraxis. Das "Mahlerey-Kabinett" Karoline Luises von Baden (1723-1783) im europäischen Kontext von Dr. Wolfgang Zimmermann von der Landesarchivdirektion Baden-Württemberg in Karlsruhe, Prof. Dr. Pia Mueller-Tamm von der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, und Prof. Dr. Christoph Frank von der University of Lugano (USI), Schweiz.

230.000 Euro werden bereitgestellt für das Projekt Die algorithmische Dimension in der visuellen Kunst von Dr.-Ing. Susanne Grabowski und Prof. Dr. Frieder Nake von der Universität Bremen und Dr. Christoph Grunenberg von der Kunsthalle Bremen.

197.500 Euro wurden bewilligt für das Projekt Regionaltypisches Kleidungsverhalten seit dem 19. Jahrhundert - Entwicklungen und Tendenzen am Beispiel Oberfranken von Dr. Birgit Jauernig vom Bauernmuseum Bamberger Land und Prof. Dr. Bärbel Kerkhoff-Hader von der Universität Bamberg.

Mit 200.000 Euro fördert die Stiftung das Projekt Ecophysiological signals of plant fossils as indicators of climatic and atmospheric change during the Paleogene von Dr. Anita Roth-Nebelsick und Prof. Dr. Johanna Eder vom Staatlichen Museum für Naturkunde in Stuttgart, Dr. Jiri Kvacek vom Narodni Muzeum in Prag, Prof. Dr. Christoph Neinhuis von der Technischen Universität Dresden und Dr. Lutz Kunzmann von den Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen Dresden. Zur Initiative "Forschung in Museen"
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