Ethnographie der Digitalisierung

Kürzlich war Stefanie Büchner wieder einmal auf Recherche-Tour im Krankenhaus. Dabei stand auch der Besuch einer Intensivstation auf dem Programm. "Sie glauben gar nicht, wie wahnsinnig laut das dort ist. Überall piept ständig etwas." Noch dazu die vielen Bildschirme, die ununterbrochen Aufmerksamkeit einfordern. "Und jetzt stellen Sie sich vor, in diesem Setting soll ein neues digitales Warnsystem eingeführt werden, etwa zur Anzeige einer drohenden Blutvergiftung. Wie soll sich das in einer kritischen Situation bemerkbar machen? Durch einen weiteren Alarmton?"

Seit Jahren wird Digitalisierung pauschal als Phänomen diskutiert, das einfach über alles hinwegrollt.

Die junge Soziologin liebt solche praxisnahen Beobachtungen. Und deshalb lässt sie die Frage auch fast genüsslich kurz im Raum stehen – wie um dem Gegenüber die Gelegenheit zu geben, sich ganz einzufühlen in das Szenario. Ein weiterer Warnton in einem Meer an Tönen? Nein, das wäre vermutlich keine gute Idee. Und schon ist man mittendrin im Kern von Büchners Forschung: der Wechselbeziehung von Digitalisierung und Organisation.

"Seit Jahren wird Digitalisierung pauschal als Phänomen diskutiert, das einfach über alles hinwegrollt. Mich interessiert, was dabei in Organisationen passiert, ganz konkret und im Detail", erzählt sie. "Wie integrieren Intensivpfleger:innen solch ein neues digitales Monitoring-Tool? Wie bauen sie es in ihren Arbeitsalltag ein? Sind es Ansprachen oder neue Routinen, die das Tool erfolgreich integrieren? Und welchen Anteil daran hat die Organisation Krankenhaus, welchen die neuen Möglichkeiten des digitalen Tools selbst?"

Freigeist-Fellow Dr. Stefanie Büchner.
Freigeist-Fellow Dr. Stefanie Büchner forscht an der Leibniz Universität Hannover. (Foto: Philip Bartz für VolkswagenStiftung)

Intention und Praxis

Begonnen hat alles vor fast 20 Jahren mit einem Praktikum, das die damalige Studentin der Sozialen Arbeit in einem Hamburger Jugendamt absolvierte. "Im Studium hörten wir immer wieder, in der Praxis würden schlicht und einfach Hilfepläne umgesetzt. Als ich dann aber vor Ort war und selbst mitarbeitete, wurde mir schnell klar: Das ist komplizierter. Da klafft eine nicht unerhebliche Lücke zwischen Lehrmeinung und gelebter Praxis. Und über diese Lücke wollte ich mehr herausfinden." 

Das theoretische Rüstzeug hierfür findet Büchner in der Soziologie und dort speziell der Organisationssoziologie. Nach ihrem FH-Diplom in Sozialer Arbeit geht sie hierfür nach Bielefeld, promoviert in Potsdam im Sommer 2016 mit einer vergleichenden qualitativen Analyse von Fallbearbeitung in Jugendämtern und forscht bis Ende 2018 als Postdoktorandin in Bielefeld. "Für mich war das von Anfang an eine Offenbarung. Endlich hatte ich das Gefühl, diesem Phänomen auf den Grund gehen zu können, mit dem wir im Grunde alle und ständig konfrontiert sind: dem Auseinanderklaffen von Intention und Praxis." Der Grund hierfür, so Büchner, liege oft in den ganz eigenen Strukturen von Organisationen begründet, die immer eine ganz eigene Dynamik entfalten. 
 

Fall und Wirklichkeit

Zentral wird für sie dabei der Begriff des Falls. "In den Jugendämtern hat man es mit Fällen zu tun. Die beziehen sich natürlich auf reale Personen und ihre Beziehungen untereinander. Aber trotzdem bleiben sie immer auch Interpretationen der Wirklichkeit, sind Konstruktionsleistungen." Interpretationen, die bislang ein bizarres Eigenleben mit potenziell drastischen Folgen entwickeln können, wie ein ganz besonderer Fall aus Bremen beweist, der Büchner in ihrer Zeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Organisations- und Verwaltungssoziologie an der Universität Potsdam beschäftigt, wo sie von 2010 bis 2016 tätig war.

2006 wird der zweijährige Kevin K. tot in der Wohnung seines Stiefvaters aufgefunden. Und das, obwohl der Junge seit seiner Geburt vom Jugendamt begleitet wird. "Viele haben, mich eingeschlossen, lange Zeit nicht verstanden, was da eigentlich passiert ist. Also habe ich versucht, das organisationssoziologisch zu analysieren", erzählt Büchner. Ihr Ergebnis: Im sogenannten Fall Kevin stand am Ende gar nicht mehr das Kind, sondern der Stiefvater und seine Bedürfnisse im Mittelpunkt. "Denn dieser kann etwas, was Organisationen dankbar aufgreifen: Er kommuniziert, und zwar verlässlich. Er ist, in diesem Sinne, ein guter Klient." Erst durch einen Zufall wird bekannt, dass der Vater seine angekündigten Umzugspläne für sich und Kevin nicht umsetzt, ist man im Jugendamt hoch alarmiert. Doch zu diesem Zeitpunkt lebt Kevin längst nicht mehr. "Die Eigenlogik der Organisation Jugendamt hat also dazu geführt, dass die Fallbearbeitung länger läuft, als es Kevin überhaupt gibt."

Digital Cases

Noch tiefer in die Eigenlogik von Organisationen steigt Büchner 2017 ein, als, wie sie sich erinnert, "die Debatte um Digitalisierung so richtig hochkocht". Sie interessiert sich dafür, wie Dokumentationssoftware in Jugendämtern eingesetzt wird. "Es war spannend zu sehen, wie digitale Tools den gesamten Arbeitsprozess veränderten. Eine Akte aus Papier ruht zum Beispiel, wenn man sie nicht bearbeitet. Eine digitale Akte nicht. Sie erzeugt automatisiert Aufgaben, etwa Fristen, die anfangen zu laufen. Einer dicken Akte im Schrank sehen Sie sofort an: das ist ein komplexer Fall. Bei einer digitalen Akte funktioniert das so natürlich nicht mehr." 

Frau in blauem Blazer mit verschränkten Armen im Portrait.
Dr. Stephanie Büchner kann bereits ein vorläufiges Resümee ziehen: Was in Organisationen wie mit digitalen Tools passiert, hängt viel stärker davon ab, welche Bedeutung ihnen zugesprochen wird, als davon, welches technische Veränderungspotenzial sie entfalten können. (Foto: Philip Bartz für VolkswagenStiftung).

Das Verhältnis von Digitalisierung und Organisation wird zum Hauptfokus von Büchners Forschung. Sie sieht die Chance, besser erklären zu können, was eigentlich passiert, wenn digitale Tools auf Arbeitsprozesse und -strukturen treffen. Seit 2019 leitet Büchner hierzu die Forschungsgruppe "Digital Cases" in Hannover, die mit ethnografischen Mitteln vergleichen will, wie Digitalisierung in verschiedenen, fallförmig operierenden Organisationen stattfindet: einem Krankenhaus, einem App-Entwickler für Soziale Träger sowie einem sozialen Dienst. Auch der Besuch auf der Intensivstation ist Teil des Projektes, das noch bis 2024 läuft und im Rahmen des Freigeist-Fellowships der VolkswagenStiftung gefördert wird.

Umgang mit Knappheit

Für erste Zwischenergebnisse sei es vielleicht noch ein wenig zu früh, aber einen Punkt könne sie schon jetzt als zentral herausstellen, erklärt Büchner: Was in Organisationen wie mit digitalen Tools passiert, hängt viel stärker davon ab, welche Bedeutung ihnen zugesprochen wird, als davon, welches technische Veränderungspotenzial sie entfalten können. "Wenn Sie in einem Jobcenter, wie in Österreich geschehen, einen Algorithmus einführen, der Klienten vorsortiert, damit sie knappe Ressourcen besser einsetzen können, dann dreht sich die Diskussion gerade massiv um die Technologie selbst und darum, was sie kann oder nicht kann. Dabei ist das Problem hier gar kein technisch-algorithmisches, sondern ein sozialpolitisches: Wie gehen wir als Organisation mit der Distribution knapper Ressourcen um? An welcher Stelle entscheiden wir uns, Klient:innen in eine von drei Kategorien zu sortieren? Und diese Kategorisierung schlicht dadurch folgenreich zu machen, dass sie Zugänge zu bestimmten Hilfemaßnahmen eröffnet oder verschließt?" Gerade dieses Ineinandergreifen von Algorithmus und Entscheidungsstrukturen und die Bedeutung von klassischen, neuartigen und soziotechnischen Fallklassifizierungen faszinieren die Forscherin.

Der Warnton auf der Intensivstation braucht immer noch jemanden, der ihn hört. 

So unterschiedlich die einzelnen Praxisfelder auch sind, die Büchner im Digital-Cases-Projekt bearbeitet, der Umgang mit Organisationsrealitäten wie der Knappheit von Ressourcen, von begrenzter Aufmerksamkeit, der Unmöglichkeit, einen Fall "objektiv" zu konstruieren, spielen eine zentrale Rolle. Sie sind es, die maßgeblich darüber mitbestimmt, wie Digitalisierung praktisch umgesetzt wird. "Jedes Tool braucht immer auch eine zentrale Anschlussstelle. Der Warnton auf der Intensivstation braucht immer noch jemanden, der ihn hört." Wenn das aber, bedingt durch Pflegenotstand oder eben auch durch mehr Frühwarnsysteme, gar nicht gegeben ist, kommt es zu Ausgleichsbewegungen. "Dann beginnen Mitarbeitende ganz klassisch und meist unbewusst das Priorisieren, klassifizieren bestimmte Sachverhalte als besonders dringlich. Dann braucht es mehr, damit man sozial von einem technischen Warnton wirklich alarmiert wird."

Lösungsansätze für die Praxis

Aber was genau bedeutet das für den Arbeitsalltag, zum Beispiel auf einer Intensivstation? Obwohl Digital Cases als Grundlagenforschungsprojekt angelegt ist, hat das Projekt durchaus den Anspruch, konkrete Lösungsansätze für die Praxis zu entwickeln. Zum Beispiel im Rahmen von Workshops –  "in geschützter Atmosphäre und ohne Druck, erfolgreich digital sein zu müssen", wie Büchner betont. "Entscheidend ist es, Fachkräfte an der Entwicklung digitaler Infrastrukturen zu beteiligen." Zusammen mit dem Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme (FOKUS) in Berlin arbeite man an entsprechenden Konzepten.

Wir wollen für die Breite der Möglichkeiten sensibilisieren, digitale Optimierung integriert zu denken.

"Wir wollen für die Breite der Möglichkeiten sensibilisieren, digitale Optimierung integriert zu denken. Also offen zu fragen, welches Problem sich sinnvoll digital lösen lässt, welche sozialen Strukturen es dafür verlässlich braucht und wo rein soziale Lösungen besser und krisenfester sind."

Eines möchte Büchner dabei auf keinen Fall: als Digitalisierungsskeptikerin verstanden werden. "Ich will einfach nur, dass wir genauer hinsehen." Für Herbst 2021 ist ein methodisches Experiment geplant, um das Ineinandergreifen von Sozialität und Digitalität noch besser zu verstehen. Im Rahmen einer sogenannten Ko-Ethnografie  wechseln Mitarbeiter des Digital-Cases-Projekts ihr Feld und begleiten einen Kollegen oder eine Kollegin in einem anderen Bereich. Mit diesen erlebten Kontrasterfahrungen erhofft sich die Gruppe, zusätzliches Vergleichswissen ans Licht zu befördern. "Entdecken beginnt ja nicht beim Verstehen, sondern beim Nichtverstehen". 

Die inzwischen beendete Initiative wendet sich an Nachwuchswissenschaftler:innen aus allen Disziplinen. Ziel der Stiftung ist es, die Durchführung außergewöhnlicher Forschungsprojekte zu ermöglichen und einen substanziellen Beitrag zur Etablierung verlässlicher Karrierewege für die kommende Wissenschaftlergeneration zu leisten. Seit 2014 wurden jährlich zehn bis fünfzehn Freigeist-Fellows ausgewählt.