"Es gibt keine völlig unabhängige Forschung"

Interview mit Klaus Lieb und Jochen Gläser über die interessengeleitete Beeinflussung von Wissenschaft

Lexikon-Ausschnitt zu "influence"
(Foto: Devon Yu – stock.adobe.com)

"Die Unabhängigkeit der Forschung – Interdisziplinäre Perspektiven" lautete der Titel eines internationalen Workshops in Berlin, der von der VolkswagenStiftung gefördert wurde. Im Gespräch ziehen die beiden Hauptorganisatoren ein Fazit. Prof. Dr. Klaus Lieb ist Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz. PD Dr. Jochen Gläser leitet die Arbeitsgruppe Wissenschaftsforschung am Zentrum Technik und Gesellschaft der Technischen Universität Berlin. 

In Deutschland ist die Freiheit der Forschung im Grundgesetz festgeschrieben. Ist damit nicht auch die Unabhängigkeit der Forschung garantiert?

Lieb: Nein, denn das sind verschiedene Dinge. Die Freiheit der Forschung garantiert, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Themen und Mittel frei wählen können, um möglichst unbeeinflusst zu "wahren Ergebnissen" zu kommen. Unabhängigkeit - oder Abhängigkeit - beschreibt, ob und wie stark interne und externe Faktoren Einfluss auf den Prozess der Forschung nehmen. Tatsächlich gibt es keine völlig unabhängige Forschung. Der Einfluss ist mal größer, mal kleiner, je nach Forschungsgegenstand und Disziplin. Im Einzelfall muss man dann herausarbeiten, wo der Einfluss unangemessen groß ist.

Gläser: Im Rahmen des Projekts "Independence of Research" untersuchen wir z. B., inwiefern bestehende Abhängigkeiten die Forschenden dazu zwingen, sich am Mainstream ihrer Fachgemeinschaften zu orientieren oder das Risiko erhöhen, dass Ergebnisse verzerrt werden. Wir arbeiten aktuell an Studien zur Einflussnahme in der theoretischen Chemie, atomarer und molekularer Optik, Halbleiterforschung und Medizin.

Wo findet man denn unangemessene Einflussnahme am häufigsten?

Lieb: Generell bei Disziplinen, die das Potenzial haben, gesellschaftliche Probleme zu lösen oder ökonomische Innovationen hervorzubringen. Und auch immer dann, wenn die Forschung stark von Kooperationen abhängig sind. Dazu gehört, wie wir lange wissen, die Medizin. 

Gläser: Was mich sehr überrascht hat, ist, wie groß der Einfluss von Pharmafirmen auf Patientenorganisationen ist. Auf dem Workshop berichtete eine australische Arbeitsgruppe, dass Patientenorganisationen finanziell von der Pharmaindustrie unterstützt werden. Manche wurden sogar von der Industrie gegründet mit dem Ziel, das Marketing der Firma zu unterstützen. Wenn das so ist, müssen Patientenorganisationen ihre Interessenkonflikte offen legen, wenn sie mit darüber entscheiden wollen, wie Forschungsgelder verwendet werden.

Ist eigentlich Einflussnahme per se immer schlecht?

Gläser: Nein. Wir brauchen sogar eine gewisse Steuerung der Forschung. Ich bin beispielsweise davon überzeugt, dass sich die Wissenschaft ohne externe Einflussnahme weniger mit Lösungen für gesellschaftliche Probleme beschäftigen würde. Aber es muss natürlich Grenzen geben. Unbeeinflusste Projekte müssen möglich sein, und die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssen auch in ihrer beeinflussten Forschung ausreichend Entscheidungsspielraum haben. 

Könnte man Regeln entwickeln, die eine Balance zwischen Einfluss und Unabhängigkeit garantieren?

Gläser: Spannende Frage. Wir könnten in die Verträge, die Universitäten mit den Industriepartnern abschließen, beispielsweise Klauseln zur Veröffentlichungspflicht aufnehmen, damit die Wissenschaftler interessante Ergebnisse tatsächlich auch publizieren können. Das würde aber wahrscheinlich zu einer Verringerung der Industriefinanzierung führen.

Sie sprachen eingangs auch von internen Faktoren, die die Unabhängigkeit bedrohen. Was ist darunter zu verstehen?

Lieb: Zu solchen Faktoren kann beispielsweise der Wunsch nach Karriere oder eine überzogene Begeisterung und unkritische Distanz zur eigenen Arbeit gehören. Beides kann einerseits Ansporn sein und andererseits dazu führen, Evidenz auszublenden, wenn sie der eigenen Hypothese widerspricht. Das führt dann zur Verzerrung der Ergebnisse. In der Psychologie nennen wir das Phänomen "Allegiance" (dt.: Treue). Außerdem können falsche Anreize seitens des Wissenschaftssystems und der Politik zu Abhängigkeiten führen. Forschende müssen beispielsweise viel publizieren, um Forschungsgelder zu bekommen. Die Datenlage wird dadurch völlig unüberschaubar, wir können diese Datenmengen gar nicht mehr bewältigen. Das muss sich dringend ändern. Wir müssen weniger, dafür gehaltvoller publizieren. 

Auf dem Workshop wurde auch über die Abhängigkeit des wissenschaftlichen Nachwuchses diskutiert. 

Lieb: Es ging darum herauszufinden, ob und wie junge Forscher und Forscherinnen es schaffen können, ein eigenes Thema zu entwickeln und nicht abhängig von den Lehrstuhlinhabern und den großen Schulen zu sein. Natürlich kann ich davon profitieren, wenn ich als Doktorand in der Gruppe eines arrivierten Professors arbeite und dadurch an herausragenden Publikationen beteiligt bin. Aber durch solche Abhängigkeiten werden Querdenker und Forscher, die lange gehegte Hypothesen in Frage stellen, ausgebremst. Deshalb müssen die Programme speziell für den Nachwuchs ausgeweitet werden, gerne zu Lasten von Mainstream-Projekten. Gut finde ich das Auslosen von zu fördernden Projekten, mit dem VolkswagenStiftung begonnen hat.

Sie meinen die Förderlinie "Experiment!"?

Lieb: Genau. Die Jury schließt zunächst qualitativ nicht infrage kommende Projekte aus. Aus den übrigen Projekten schlägt sie die besten zur Bewilligung vor. Zusätzlich werden weitere Projekte ausgelost, die ebenfalls gefördert werden sollen. Dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass auch unkonventionelle Ideen eine Chance bekommen.

Gläser: Die Gewährleistung der Unabhängigkeit von jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern durch die Stellen an der Universität ist von der Fachdisziplin abhängig. Wir konnten beispielsweise in der atomaren und molekularen Optik fast keine Juniorprofessuren finden. Warum? Die Daten sind zwar noch nicht fertig ausgewertet, doch wir vermuten sehr stark, dass die hohen Kosten der Ausstattung für diese Art der Forschung der Grund dafür sind.

Die Wissenschaft ist für die gesellschaftliche Entwicklung sehr wichtig geworden, dennoch wissen wir nicht viel darüber, wie das Wissenschaftssystem funktioniert. Sollte sich das ändern?

Gläser (lacht): Da habe ich jetzt natürlich einen Interessenkonflikt, denn ich arbeite ja in der Forschung über die Forschung. Die Finanzierung hat zwar in Deutschland zugenommen, doch ich glaube nicht, dass wir im internationalen Vergleich schon sonderlich gut dastehen.

Lieb: Forschung über Forschung ist nicht nur unterfinanziert, sondern auch unbequem und für den Nachwuchs eher karriereschädlich. In den Fachgesellschaften kommt kritisches Denken und Kritisieren nicht gut an. Für jemanden, der bereits als Professor etabliert ist, ist eine Beschäftigung damit und öffentliche Positionierung nachvollziehbarer leichter.

Die Fragen stellte Dr. Karin Hollricher