Emotionen im Feld

Ethnologen, Primatologen und Reiseschriftsteller sprechen über die Rolle von Gefühlen bei der Forschung und ihren Begegnungen unterwegs. 

Wissenschaflter und Affe
Begegnung mit einem Orang-Utan: Prof. Dr. Oliver Lubrich im Rahmen der Feldarbeit für das "Emotionen im Feld" Projekt. (Foto: Muhammad Fadli für VolkswagenStiftung)

Bei quälender Hitze und strömendem Regen auf einem Berg im nördlichen Kamerun festsitzen, kaum zu essen und häufig krank: So beschreibt der Ethnologe Nigel Barley seine Aufenthalte als junger Forscher beim Volk der Dowayo in den 1970er Jahren – und stellt sich die Sinnfrage. Weder die Dowayo noch die afrikanischen Behörden hätten den Nutzen seiner Unternehmung verstanden. Und am Ende kommt es Barley selbst "lächerlich" vor, seine Jugend mit der Beobachtung fremder Menschen zu verbringen. "Im Feld stellt man so viel in Frage, dass man am Ende selbst zwischen Anführungsstrichen landet", bemerkt der Wissenschaftler mit jenem britischen Humor, der ihn in solchen extremen Situationen nach eigener Aussage geschützt hat.

Dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei der Feldforschung Gemütszustände durchleben, die sich auch in ihren Befunden widerspiegeln, ist sicher keine überraschende Erkenntnis. Trotzdem spielen Emotionen in wissenschaftlichen Publikationen bislang eine untergeordnete Rolle. Und darum haben sich die Primatologin Katja Liebal und der Ethnologe Thomas Stodulka gemeinsam mit dem Literaturwissenschaftler Oliver Lubrich fünf Jahre mit den "Affekten der Forscher" beschäftigt. Aus dem interdisziplinären Projekt zwischen Berlin, Bern und Indonesien, das die VolkswagenStiftung unterstützt hat, ist der Band "Emotionen im Feld" hervorgegangen. Im Wechsel führen die Wissenschaftler darin deutsch- und englischsprachige Interviews mit zwölf reisenden und forschenden Personen – über ihre Gefühle bei der Auseinandersetzung mit ihren "Zielobjekten", seien es Primaten, fremde Kulturen oder entlegene Regionen.  

Cover
Buchcover "Emotionen im Feld" (transcript 2019)

"Forschungsfragen sind immer auch Affektfragen" – ausgehend von diesem Credo erzählen Liebal, Stodulka und Lubrich einleitend, wo und in welcher Gefühlslage sie selbst ihre Gesprächspartner getroffen haben. Zentrales Thema der Interviews ist, welche Emotionen die Forscher beim wochen- oder monatelangen Aufenthalt im Feld bei sich beobachten konnten und wie sie damit umgingen.

Jane Goodall, die als Pionierin das Verhalten frei lebender Schimpansen in Tansania erforscht hat, ist fest davon überzeugt, dass Forscher sich empathisch verhalten sollten. Beim Anblick eines schwer verletzten Schimpansenkindes habe sie weinen müssen, die Gewalttätigkeit, mit der rivalisierende Banden aufeinander losgingen, habe sie erschreckt. Dass Goodall den Affen, die sie beobachtete, Namen gab, war damals neu und wurde kritisiert. Man könne aber trotzdem objektiv über die Tiere berichten, betont sie im Rückblick: "Das ist nur eine Frage der Selbstdisziplin."

Um den "affektiven Filter", der über einer Datenbeschreibung liegt, zu klären, schlägt Birgit Röttger-Rössler vor, in einem Tagebuch die Auffälligkeiten zu reflektieren. Die Sozial- und Kulturanthropologin hat sich über drei Jahrzehnte hinweg immer wieder in Indonesien aufgehalten. Forschungsarbeit sieht sie auch von der emotionalen Beziehung zu den beforschten Akteuren beeinflusst: "Sind das Menschen, die ich sehr schätze? Dann ist davon auszugehen, dass ich aus ihrer Optik auf die Situation blicke und mir ihre Erklärung zu eigen mache. Oder sind es Menschen, die ich nicht so mag?" 

Der Band gewährt einen komplexen Einblick in die Arbeit von Feldforschern und Reiseschriftstellern – und in die damit verbundenen positiven und negativen Emotionen. Der Dokumentarfilmer Joshua Oppenheimer etwa berichtet über seine Begegnung mit Massenmördern in Indonesien, eine Recherche, nach der ihn monatelang Alpträume plagten. Von der Geduld, die das Reisen erfordert, erzählt Raoul Schrott. Der Schriftsteller, der häufig in der Sahara unterwegs war, bezeichnet die Begegnung mit den ihm fremden Einheimischen, zum Beispiel den Tuareg, als "in der Regel die schönsten, erfahrungsreichsten, auch die emotionell beglückendsten Erlebnisse".
 
Auch dass die drei Herausgeber nach typischen emotionalen Phasen fragten, die Forscher im Laufe eines  langen Feld-Aufenthaltes durchlaufen, macht das Buch lesenswert. Der Ethnologe Nigel Barley etwa fühlt sich vor allem durch das Ankommen herausgefordert, das er mit dem Fallschirm-Sprung in eine "verfremdete Welt" vergleicht: "Du springst aus dem Flugzeug, landest plötzlich irgendwo, und dann tobt das Leben um dich herum, und du hast keine Ahnung, was um dich herum eigentlich vorgeht: Du sprichst die Sprache nicht, du kennst niemanden. Du fängst ganz von vorne an. In jener Welt bist du wie ein Kind. Das macht große Angst, aber es ist zugleich sehr befreiend."

Von einem wiederkehrenden Rhythmus der Emotionen des Reisens spricht der Schriftsteller und Regisseur Michael Roes. Auf die anfänglich große Neugier und Energie folgt seiner Erfahrung nach wenigen Wochen eine depressive Verstimmung. Er stelle dann das ganze Vorhaben in Frage: "Es folgt eine Phase von Heimweh, Verlassenheit, in der sich die Kommunikation immer mehr einschränkt bis hin zur Idiosynkrasie, dass mich alles nervt, die Stimmen, die fremde Sprache, wo ich überempfindlich werde, ohne dass mir jemand etwas tut oder zumutet. Bis dann zum Ende hin wieder Energie aufkommt."

Nicht zuletzt unterliegen Forscherinnen und Forscher einem enormen Druck, Ergebnisse zustande zu bringen: "Du kommst im Feld an und das Schlimme ist, dass nichts passiert. Niemand scheint etwas Anthropologisches zu tun. Und das ist eine schreckliche Angst", erzählt Nigel Barley. Erfahrene Forscher wie er berichten auch, wie sich ihre Arbeit in anderen Kulturen und Naturräumen verändert hat. Heute reisen das Handy und der Laptop mit. Ob sie die Einsamkeit verringern oder ob sie vom Sich-Einlassen vor Ort ablenken, das empfindet jeder anders. Weniger subjektiv ist dagegen, dass Teile der Welt mittlerweile gefährlich und dadurch unzugänglich geworden sind. Andere Gebiete sind zunehmend ökologisch geschädigt, wie der Blick aus dem Flugzeug beim Rückweg nach Deutschland zeigt. Das Waldgebiet, in dem die Forschungsstation liegt, schrumpft von Jahr zu Jahr – auch das ist eine emotionale Herausforderung.

Isabel Fannrich-Lautenschläger 


"Emotionen im Feld. Gespräche zur Ethnografie, Primatografie und Reiseliteratur", Katja Liebal, Oliver Lubrich, Thomas Stodulka (Hg.), transcript 2019