Ein neuer Zugang zur Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts

Die VolkswagenStiftung und die Fritz Thyssen Stiftung unterstützen drei Pilotprojekte zur Vorbereitung des neuen Forschungsvorhabens "Deutsche Musik im europäischen Kontext 1806 – 1914" der Musikgeschichtlichen Kommission.

Die VolkswagenStiftung und die Fritz Thyssen Stiftung unterstützen drei Pilotprojekte zur Vorbereitung des neuen Forschungsvorhabens "Deutsche Musik im europäischen Kontext 1806 – 1914" der Musikgeschichtlichen Kommission.

Das Violinkonzert von Johannes Brahms, die Sommernachtstraum-Ouvertüre von Felix Mendelssohn Bartholdy oder Richard Wagners Ring der Nibelungen – deutsche Musik des 19. Jahrhunderts nimmt auch heute noch einen zentralen Platz im Musikleben ein. Aber welche Bedeutung hatten die Werke im historischen Kontext? Wie und bei welchen Gelegenheiten wurden sie beispielsweise im 19. Jahrhundert aufgeführt? Und wie wurden sie von Publikum und Kritik aufgenommen? Ein besseres Verständnis des 19. Jahrhunderts und seines Musiklebens ist eines der Ziele des von der Musikgeschichtlichen Kommission geplanten großangelegten Forschungsvorhabens "Deutsche Musik im europäischen Kontext 1806 – 1914". Die Werke der "großen" Komponisten wurden bislang meist als Musikergesamtausgaben editiert, nun soll auch ihr musik- und kulturwissenschaftlicher Kontext dargestellt werden. Die umfänglichen Buchausgaben werden mit Texten und vielfältigen anderen Dokumenten in einem Online-Portal begleitet und so auch für die breitere Öffentlichkeit aufbereitet. Das Vorhaben wird sich auf die Bereiche Oratorium und geistliche Musik, Kammermusik und Orchestermusik konzentrieren. Um das Konzept optimal vorzubereiten, wird in einer durch die VolkswagenStiftung und die Fritz Thyssen Stiftung geförderten Pilotphase zunächst je ein Projekt aus jeder dieser drei Bereiche bearbeitet. Das Pilotprojekt "Großbesetzte deutschsprachige Chormusik des 19. Jahrhunderts" widmet sich in erster Linie dem Notentext des Oratoriums "Frithjof" von Max Bruch. Solche oratorischen Kompositionen sind für Musikwissenschaftler von besonderem Interesse, da das Bildungsbürgertum hier nicht nur als Adressat, sondern – im Chor – auch als Interpret beteiligt war. Die Oratorienliteratur erlaubt somit Rückschlüsse auf den geistigen und künstlerischen Horizont der bürgerlichen Kultur des 19. Jahrhunderts. Das Projekt von Prof. Dr. Wolfgang Horn vom Institut für Musikwissenschaft der Universität Regensburg wird von der VolkswagenStiftung mit 230.200 Euro unterstützt. Mit vier der etwa 100 gedruckten Werke, die Johannes Brahms zu Lebzeiten zugeeignet wurden, befasst sich Prof. Dr. Wolfgang Sandberger vom Brahms-Institut an der Musikhochschule Lübeck im Pilotprojekt "Brahms gewidmet". Brahms galt seinen Zeitgenossen als zentrale Figur der kammermusikalischen Tradition, im Parteienstreit um die Zukunftsmusik wurde er als Identifikationsfigur verstanden – als "kammermusikalisches Bollwerk" gegen die symphonische Dichtung von Liszt und das monumentale Musikdrama Wagners. Somit sind die vier im Projekt stehenden kammermusikalische Werke von Robert Fuchs, Hermann Götz, Bernhard Scholz und Josef Suk auch als komplexe Positionsbestimmungen zu verstehen: zum Widmungsträger Brahms und zum historischen Horizont, in dem sich die Werke entfalten. Die VolkswagenStiftung unterstützt das Vorhaben mit 137.200 Euro. Das dritte Pilotprojekt "Die Konzertouvertüre im Zeitalter Mendelssohns" von Prof. Dr. Lothar Schmidt vom Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Marburg wird von der Fritz Thyssen Stiftung mit 150.000 Euro zunächst für zwei Jahre unterstützt. Es besteht die Möglichkeit, einen Verlängerungsantrag für ein drittes Jahr zu stellen. Hintergrund
Die 1953 gegründete Musikgeschichtliche Kommission geht auf die gleichnamige im Wilhelminischen Kaiserreich gegründete Organisation zurück, die zunächst die "Denkmäler deutscher Tonkunst" und dann das Projekt "Erbe deutscher Musik" veröffentlichte. Jetzt möchte sich die Kommission mit dem geplanten Vorhaben "Deutsche Musik im europäischen Kontext 1806 – 1914" neu aufstellen.