Digitale Verfahren in den Geisteswissenschaften: Mit 'Mixed Methods' in die Zukunft?

Insgesamt rund 4,4 Millionen Euro stellt die VolkswagenStiftung für neun kooperative Projekte zur Verfügung, die qualitativ-hermeneutische und digitale Verfahren kombinieren.

Foto: VolkswagenStiftung
Foto: VolkswagenStiftung

Computerbasierte Textanalyse, digitales Gedichtrhythmus-Erkennungstool oder komplexer Analysealgorithmus für den Bildvergleich – insgesamt neun von der Stiftung geförderte Forschungsvorhaben untersuchen, wie moderne digitale Verfahren in den sogenannten "historisch-hermeneutischen" Geisteswissenschaften eingesetzt werden können. Forscher(innen) in diesen Disziplinen, zu denen beispielsweise Geschichte, Philosophie, Rechts- und Kunstgeschichte zählen, nutzen für ihre Arbeit klassischerweise zumeist "herkömmliche", also nicht-digitale Verfahren. Mit der einmaligen Ausschreibung "'Mixed Methods' in den Geisteswissenschaften?" rief die VolkswagenStiftung die Wissenschaftler(innen) zum Stichtag im Frühjahr 2016 auf, gemeinsam mit Partner(inne)n in den Digital Humanities bzw. der Informatik Projektanträge einzureichen, die nicht-digitale mit digitalen Verfahren kombinieren.

Dr. Vera Szöllösi-Brenig, Förderreferentin der VolkswagenStiftung, erklärt: "Für die Geisteswissenschaften bieten die großen Mengen an neuerdings verfügbaren digitalen Materialien und die neuen digitalen Verfahren unglaubliche Chancen und Herausforderungen. Diese auszuloten, das ist das Ziel des Förderangebots. Schon in den Anträgen waren die Teams aufgefordert, nicht nur ein gemeinsames Forschungsprojekt zu entwerfen, sondern auch auf theoretisch-methodischer Ebene über das gemeinsame "Mixed methods"-Vorgehen zu reflektieren. Wie sehen die Geisteswissenschaften des 21. Jahrhunderts aus, wenn neben den derzeit üblichen Ansätzen auch die digitalen Verfahren genutzt werden können?"

Die Ausschreibung stieß auf große Resonanz: Insgesamt 101 Anträge gingen bei der Stiftung ein. Ein international und interdisziplinär besetzter Gutachterkreis wählte die neun jetzt geförderten Vorhaben aus. Sie sollen sich im Laufe ihrer Projektarbeit miteinander vernetzen und gemeinsam die übergeordnete Fragestellung bearbeiten sowie die Entwicklung weiter vorantreiben.

Aktuelles Förderangebot

Im Rahmen der zweiten Linie des ‚Mixed Methods'-Förderangebots bietet die VolkswagenStiftung aktuell Mittel für Workshops und kleinere Sommerschulen mit bis zu 60 Teilnehmer(inne)n. Weitere Informationen finden Sie unter 'Mixed Methods' in den Geisteswissenschaften?.

Im Folgenden stellen wir einige der neuen Projekte kurz vor:

Ähnlich oder nicht? Klimabilder im Internet

Bilder des Klimas und des Klimawandels sind ein Forschungsschwerpunkt im Projekt "New potentials for analyzing networked images". (Abbildung: Weltkarte der dokumentierten Veränderung der Oberflächentemperatur im Zeitraum von 1901 bis 2012. IPCC, 2013)
Bilder des Klimas und des Klimawandels sind ein Forschungsschwerpunkt im Projekt "New potentials for analyzing networked images". (Abbildung: Weltkarte der dokumentierten Veränderung der Oberflächentemperatur im Zeitraum von 1901 bis 2012. IPCC, 2013)

Mit welchen digitalen Methoden lassen sich Bilder im Netz analysieren? Ein interdisziplinär zusammengesetztes Projektteam möchte am Beispiel von Klimabildern die derzeit existierenden digitalen Verfahren, mit denen sich Bildähnlichkeiten quantitativ erfassen lassen, bewerten und optimieren.

Im Rahmen des Projekts "New potentials for analyzing networked images – Similarity as a criterion for comparing images in image studies, computer and visualization science using the example of climate images on the web" arbeitet die Medienökologin und Expertin für Klimabilder Prof. Dr. Birgit Schneider (Universität Potsdam) mit dem Interfacedesigner Sebastian Meier (Fachhochschule Potsdam) und dem Spezialisten für visuelle Datenanalyse und visuelle Kommunikation von Klimawissen Dr. Thomas Nocke (Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung) zusammen. "Wir werden kunsthistorische Methoden mit aktuellen Bildanalysealgorithmen verbinden, wobei uns die Potenziale und Grenzen beider Methoden besonders interessieren", sagt Prof. Dr. Schneider. "Dabei fragen wir auch nach dem Stellenwert digitaler Klimabilder für Wissenschaft, Politik und Kultur." Weitere Informationen zu diesem Projekt finden Sie unter klimabilder-im-netz.

"Unkonkretes" konkretisieren: Neuer Ansatz der digitalen Textanalyse

Dr. Cristina Vertan (Universität Hamburg) (Foto: privat)
Dr. Cristina Vertan (Universität Hamburg) (Foto: privat)

Im Projekt "Hermeneutic and Computer based Analysis of Reliability, Consistency and Vagueness in historical texts" (HerCoRe) unter Leitung von Dr. Cristina Vertan (Universität Hamburg) und Anca Dinu (Universität Bukarest) arbeiten Teams aus den Geisteswissenschaften und der Informatik an einer neuen Methode der digitalen Textanalyse. In den digitalen Geisteswissenschaften ist es gängige Praxis, Texte zu annotieren – also sie auf bestimmte Merkmale zu analysieren. Dabei können bislang nur solche Elemente erfasst werden, die sicher zugeordnet werden können, etwa die Jahreszahl 1590. Im Projekt HerCoRe soll nun eine Anwendung erarbeitet werden, die auch unkonkrete Angaben wie "Ende des 16. Jahrhunderts" als Zeitangabe erkennt.

"Exemplarisch wird das Projekt zwei Werke von Dimitrie Cantemir analysieren", erklärt Vertan. Im 18. Jahrhundert war der Herzog des damaligen Moldawien einer der großen Universalgelehrten. Die lateinischen Originale von zweien seiner Werke waren lange Zeit verschollen; die deutschen, englischen, französischen, russischen und rumänischen Übersetzungen galten bis Mitte des 19. Jahrhunderts als Referenzen. Doch die Urheber der Übersetzungen interpretierten oft das Original und stellten mitunter historische Fakten anders dar als der Autor selbst. Diese Unterschiede sollen durch HerCoRe herausgearbeitet und gedeutet werden. Weitere Informationen unter https://www.uni-hamburg.de/presse/pressemitteilungen/2017/pm7.html.

Rhythm is it: Gedichtrhythmus-Erkenner für moderne Lyrik

Timo Baumann (Universität Hamburg) (Foto: Universität Hamburg)
Timo Baumann (Universität Hamburg) (Foto: Universität Hamburg)

Der überwiegende Teil moderner und postmoderner Lyrik ist nicht gereimt und folgt auch keinem klassischen metrischen Muster wie etwa Jambus, Trochäus oder Hexameter. Stattdessen basieren die Gedichte auf alltagssprachlichen und musikalischen Rhythmen wie Beat, Jazz oder Hip-Hop. Das gemeinsame Projekt "Rhythm detector. A digital tool to identify free verse prosody" von Prof. Dr. Claudia Müller-Birn, Prof. Dr. Artur Jacobs sowie Priv.-Doz. Dr. Burkhard Meyer-Sickendiek (FU Berlin) in Kooperation mit Dr. Timo Baumann(Universität Hamburg) und Prof. Dr. Manfred Stede (Universität Potsdam) wird erstmals Hörgedichte untersuchen, die von den Originalautoren wie Jandl oder Enzensberger eingelesen wurden.

Die Gedichte werden zunächst auf ihre spezifischen lautlichen Muster hin untersucht. Diese Klassifikationen werden dann automatisiert verarbeitet und mit Methoden des maschinellen Lernens systematisiert und erweitert. Mithilfe der so entwickelten Methode und Software soll schließlich nach wiederkehrenden Mustern in Tempo und Betonung gesucht werden können. Das Ziel des Projekts ist es, die besondere Rhythmik und Phrasierung dieser Art von Stücke besser zu verstehen, um so beispielsweise Übersetzungen optimieren zu können. Langfristig soll das interdisziplinär entwickelte Werkzeug auf lyrikline.org für die universitäre Lehre und Forschung zur Verfügung gestellt werden. Weitere Informationen können Sie der Pressemitteilung der Universität Hamburg sowie der Pressemitteilung der Universität Berlin entnehmen.

Weitere Projekte:

QuaDramA – Quantitative Drama Analyse

Dr. Nils Reiter und Dr. Marcus Willand, Universität Stuttgart
Weitere Informationen unter https://quadrama.github.io sowie unter http://portal.volkswagenstiftung.de/search/projectDetails.do?ref=93479.

Reading at Scale. Mixing Methods in Literary Corpus Analysis

Prof. Dr. Thomas Weitin, Technische Universität Darmstadt, und Prof. Dr. Ulrik Brandes, Universität Konstanz
Weitere Informationen unter http://www.digitalhumanitiescooperation.de/projects/reading-at-scale/ sowie unter http://portal.volkswagenstiftung.de/search/projectDetails.do?ref=91920.

ArchiMediaL: Developing Post-colonial Interpretations of Built Form through Heterogeneous Linked Digital Media

Prof. Dr.-Ing. Carola Hein und Dr. Jan van Gemert, Delft University of Technology, Prof. Dr. Dirk Schubert, HafenCity Universität Hamburg, Dr. Beate Löffler, Universität Duisburg-Essen, und Dr. Victor de Boer, VU University Amsterdam
Weitere Informationen unter http://de.slideshare.net/vdeboer/archimedial-proposal-slides sowie unter http://portal.volkswagenstiftung.de/search/projectDetails.do?ref=91913.

From Bach to the Beatles: Exploring compositional building blocks and style change with hermeneutic and computational methods

Prof. Dr. Martin Rohrmeier, Technische Universität Dresden, in Kooperation mit Dr. Markus Neuwirth, Catholic University of Leuven
Weitere Informationen zu diesem Projekt und den Projektbeteiligten finden Sie unter http://portal.volkswagenstiftung.de/search/projectDetails.do?ref=91961.

Tracing patterns of contact and change: Philological vs. computational approaches to the handwritings of a 18th century migrant community in Berlin

Prof. Dr. Roland Meyer, Humboldt-Universität Berlin, in Kooperation mit Jan Schneider, Dirk Pöhler und B. Nickolay, Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik, Berlin
Weitere Informationen zu diesem Projekt und den Projektbeteiligten finden Sie unter http://portal.volkswagenstiftung.de/search/projectDetails.do?ref=91977.

Dhimmis and Muslims – analysing multi-religious spaces in the Medieval Muslim World

Prof. Dr. Dorothea Weltecke, Universität Frankfurt, und Dr. Steffen Koch, Universität Stuttgart
Weitere Informationen zu diesem Projekt und den Projektbeteiligten finden Sie auf der Projekthomepage unter https://database.nisibin.de/projects/19 sowie unter http://portal.volkswagenstiftung.de/search/projectDetails.do?ref=93252.