Digitale Bildung: Diskurs in Schieflage

Deutschunterricht in Zeiten der Digitalisierung – ein Forschungsprojekt an der LMU hinterfragt gängige Narrative, gefördert in der Initiative "Originalitätsverdacht?".

Kinder im Klassenzimmer
Welche Kompetenzen muss der Deutschunterricht vermitteln? (Foto: wavebreak3 - stock.adobe.com

Dass die Digitalisierung die Gesellschaft verändert und sich auch unser Bildungssystem auf die neuen Anforderungen einstellen muss, ist Konsens. Die große Frage ist nur: Welche Kompetenzen sind es genau, die wir für ein immer stärker digitalisiertes Leben benötigen? Und was bedeutet das konkret für die zu vermittelnden Lerninhalte in den Schulen?  

Antworten darauf hat ein Forschungsvorhaben an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) gesucht – fokussiert auf den Einfluss der Digitalisierung auf die Kulturtechnik des Schreibens und mit dem Ziel, konkrete Empfehlungen für den Deutschunterricht abzuleiten. Die kürzlich im Stauffenburg-Verlag erschienene Publikation "Schule, Digitalität & Schreiben" fasst die Ergebnisse des Projekts zusammen, das von der VolkswagenStiftung im Rahmen ihrer Initiative "Originalitätsverdacht? – Neue Optionen für die Geistes- und Kulturwissenschaften" gefördert wurde.

Wer sinnvoll in die Diskussion über didaktische Fragestellungen einsteigen will, sollte zwischen politischen und fachlichen Argumenten unterscheiden, so eine Grundlage der Überlegungen. Die – gerade auch im Zuge der Corona-Krise sehr dominante – öffentliche Diskussion über die Digitalisierung in Schulen, habe zu einer problematischen Schieflage des Diskurses geführt, meint Projektleiter Prof. Dr. Michael Rödel vom Fachbereich Germanistik der LMU: "Wir haben es hier vor allem mit Sprachbildern zu tun, die einen Digitalisierungsdruck aufbauen."

Buchcover
"Schule, Digitalität & Schreiben. Impulse für einen souveränen Deutschunterricht", Michael Rödel, Stauffenburg 2020

In einer umfangreichen Analyse vor allem journalistischer Texte identifizierten Rödel und sein Team weit verbreitete Formulierungen und Metaphern, darunter "Schulen verschlafen die Digitalisierung", "Unterricht aus der Kreidezeit" oder "digitale Aufrüstung". Daraus entstünde, so Rödel in der Publikation weiter, die Forderung einer dringend notwendigen Anpassung: "Und jeder, der das, vor allem in der Lehrerschaft, nicht erkannt zu haben scheint, gilt als Bremser."

Wie das Projekt ausführlich am Beispiel des Schreibens unter digitalen Bedingungen zeigt: Aus fachdidaktischer Perspektive sind diese Narrative alles andere als zwingend. Zwar habe sich mit dem sogenannten interaktionsorientierten Schreiben (z. B. auf Messenger-Plattformen) eine vollkommen neue Praxis des Schreibens entwickelt, diese sei aber als selbsterworbene Alltagskompetenz der Schülerinnen und Schüler zu sehen. In der Schule sei es wichtig, die Sensibilität für die Situativität des Schreibens zu schärfen – keine "neue", sondern eine gewissermaßen "klassische" Kompetenz des Deutschunterrichts. Etwa wenn es darum geht, informelle Kommunikationssituationen im Digitalen (Chat mit Freunden) von formellen Situationen (Bewerbung über ein Online-Portal) unterscheiden zu können und zu verstehen, welcher Sprachgebrauch wann angemessen ist.

Illustration
Das Projekt wird im Rahmen der Initiative "Originalitätsverdacht?" gefördert. (Bild-Link zur Förderinitiative)

Mit der Zielsetzung eines "neuen, integrierenden" Blickes auf das digitale Schreiben unter digitalen Bedingungen nimmt sich Rödel auch weitere Fachdiskurse vor – etwa über neue Textualitäten des Internets: Kommentare, Blogeinträge und web-optimierte journalistische Texte. Auch hier geht es nach seiner Analyse viel eher darum, bekannte Kompetenzen zu stärken, als neue zu identifizieren: "Für digitale Texte gilt genau dasselbe wie für analoge: Sie müssen kohärent sein." 

Auch auf die Debatte um eine Aufweichung von Sprachnormen durch die Digitalisierung geht die Studie ein. Entgegen der These, digitale Tools – etwa zur Überprüfung von Rechtschreibung und Schreibstil – machten Sprachwissen entbehrlich, wird aufgezeigt: Diese lassen sich im Gegenteil nur effektiv nutzen, wenn ein umfangreiches Sprachwissen schon vorhanden ist. Und schließlich wird auch die Diskussion zur Abschaffung der Handschrift aufgegriffen. Auch hier spricht sich Michael Rödel gegen einen drastischen Kurswechsel aus: "Die Studienlage rechtfertigt zumindest beim jetzigen Stand der technischen Entwicklung keine Vernachlässigung der Bemühungen, Schulkindern das Handschreiben zu lehren." So sei der Beitrag von Stift und Papier zur frühen Schreibleistung aus kognitionspsychologischer Sicht inzwischen klar nachgewiesen. Aufgrund der intensiven motorischen Schulung könne Handschreiben zudem als ein wichtiger Schritt zum guten Tastaturschreiben interpretiert werden.

Auf die zentrale Frage nach einer Neuausrichtung des Deutschunterrichts für eine zunehmend digitalisierte Gesellschaft hat das Forschungsprojekt nach einer Antwort gesucht, die über die aktuellen Herausforderungen und Forderungen hinausreicht: "Im Zentrum eines Konzepts müssen Kompetenzen stehen, von denen die Schülerinnen und Schüler auch dann noch profitieren, wenn die heute prominenten Digitalisierungsphänomene schon wieder von gestern sind."

Autor: Klaus Lüber