Der unverzerrte Klang des Kolonialismus

Aktuelle Forschung zu historischen Tondokumenten aus dem südlichen Afrika erschließt neue Perspektiven.

Menschen in Afrika vor Phonographen, Schwarzweissbild
!Ai-khoë (Naro) Frauen mit Hörschläuchen beim Abhören von Tonaufnahmen, aufgenommen 1908 von Rudolf Pöch (Quelle: Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften)

Kolonialgeschichte rückt seit vielen Jahren immer stärker in den Fokus von Forschungsprojekten in den historischen und ethnologischen Wissenschaften. Dabei geht es zunehmend auch um einen kritischen Blick auf die vergangene und gegenwärtige Praxis in der jeweils eigenen Disziplin: Wie können Originalexponate und -dokumente objektiver gedeutet und in neue Zusammenhänge gebracht werden? Wie lassen sie sich aus dem historischen Korsett ideologischer Interpretationen befreien?

Dr. Anette Hoffmann, Lehrbeauftragte am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität Berlin, hat im Rahmen ihres Forschungsprojekts "Listening to the Archive. Historical Voice Recordings as Sources for Historiographies of the Colonial Period” die Bedeutung akustischer Sammlungen als Quellen zur Kolonialgeschichte untersucht. Ein Schwerpunkt dabei waren Tonaufnahmen, die der Anthropologe Rudolf Pöch mit Angehörigen der Naro, einer indigenen Ethnie in der Kalahari auf dem Gebiet des heutigen Namibia, im Jahr 1908 produzierte. Hoffmanns Arbeit wurde von der VolkswagenStiftung im Rahmen der Initiative "Originalitätsverdacht? – Neue Optionen für die Geistes- und Kulturwissenschaften" gefördert.

Nun hat die Wissenschaftlerin Ergebnisse des Projekts in der Publikation "Kolonialgeschichte hören. Das Echo gewaltsamer Wissensproduktion in historischen Tondokumenten aus dem südlichen Afrika" (Mandelbaum Verlag) veröffentlicht. Hoffmann arbeitete auch mit von ihr in Auftrag gegebenen Neuübersetzungen der Aufnahmen Pöchs, der als ein Pionier der Fotografie, Kinematografie und Tondokumentation gilt und Begründer des Instituts für Anthropologie und Ethnographie an der Universität Wien ist. Sie setzte die Tondokumente in Zusammenhang mit seinen Fotografien, Reisenotizen sowie von ihm ethnographisierten Objekten. Diese Rückverbindung getrennt aufbewahrter akustischer Dokumente mit Abbildungen und Gegenständen aus der gleichen Sammlung erlaubt Hoffmann eine Neuinterpretation des historischen Materials und einen Einblick in die Forschungspraktiken Pöchs. Sie kommt unter anderem zum Ergebnis, dass seine Zusammenfassungen der Aufzeichnungen zumeist nicht mit den originalen Sprechtexten übereinstimmen.

Buchcover
Cover der Publikation "Kolonialgeschichte hören" von Anette Hoffmann

Außerdem zeigt die Kontextualisierung mit anderen Objekten, dass die Tonaufnahmen auch gewaltsame Praktiken der Aneignung kommentieren. Hoffmann hört genau hin ("close listening") und kategorisiert das akustische Material zum Beispiel in Aufnahmen, die nicht mehr zurückübersetzt werden können und solche, die zumindest teilweise neu übersetzbar sind, in schriftlich dokumentierte und nicht oder kaum dokumentierte Aufnahmen. Unterschieden wird auch etwa nach Sprecherinnen und Sprecher, die in einem Arbeitsverhältnis mit Pöch standen und sich deshalb sehr vorsichtig äußerten und solchen, die nichts zu befürchten hatten.

Hoffmann stieß zum Beispiel auf eine schriftlich nicht dokumentierte Sprachaufnahme, in der Pöch selbst über seine Forschungssituation spricht, und eine Aufnahme, in der ein Naro die Aneignungspraktiken des Anthropologen kritisch thematisiert. All dies wirft ein neues Licht auf die damaligen Methoden der Wissensproduktion und Verstrickungen in imperiale Machtansprüche. Hoffmann vermeidet in ihrem Forschungsansatz das Wiederholen von Erzählungen und Diskursen der Vergangenheit und berücksichtigt Aufnahmesituationen, Anlässe, performative Posen und Sprechhaltungen: Wer spricht und wer spricht nicht? Wer erhält von wem Gelegenheit dazu?

Die Kulturwissenschaftlerin verschiebt so die Perspektive vom kommentierenden Ethnologen auf die Sprechenden und deren oft gewaltgeprägte Erfahrungen mit dem Kolonialismus. Sie weist außerdem darauf hin, dass eine immense Anzahl historischer Tondokumente aus kolonialen Zusammenhängen in europäischen Archiven lagert. Viele seien nicht einmal transkribiert oder übersetzt – ganz zu schweigen von einer kritischen Kontextualisierung. Diese Quellen könnten aber einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis kolonialer Sammlungen und der entsprechenden Forschung leisten.

Thomas Kaestle