Der Karst als Landschaftsform, Metapher und Sehnsuchtsort

"Vom Gehen im Karst" ist der Titel eines soeben bei Matthes & Seitz erschienenen Essays und das Ergebnis eines von der VolkswagenStiftung geförderten Projekts: Im Rahmen der Initiative "Originalitätsverdacht?" wurde Prof. Dr. Jan Röhnert für seine interdisziplinäre Annäherung an das Thema Karst gefördert. Jan Röhnert lehrt Neuere und neueste deutsche Literatur in der technisch-wissenschaftlichen Welt am Institut für Germanistik der TU Braunschweig. Neben literaturwissenschaftlichen Arbeiten veröffentlicht er Essays und Lyrik.

Herr Röhnert, Sie haben als Literaturwissenschaftler ein Buch über den Karst geschrieben – auf den ersten Blick ja eher ein geologisches Thema. Was war Ihre Motivation?

Ich muss zugeben, dass die Ausschreibung der VolkswagenStiftung unter dem Titel Originalitätsverdacht? – Komm! ins Offene … mich angeregt hat. Ich habe sofort an den Karst gedacht. Ein Schwerpunkt meiner Lehre und Forschung ist schon lange das Thema "Landschaft in der Literatur". Die Landschaftsmalerei war eine wichtige europäische Kulturtradition. Die Literatur hat sich teilweise parallel entwickelt. Autoren aus diesem Zusammenhang haben mich schon lange begleitet.

Wo sind Sie dabei vor allem auf den Karst als Landschaftsform gestoßen?

Ich bin ein großer Leser von Peter Handke, für den der Karst in seinem Roman Die Wiederholung von 1986 eine prägende Rolle spielt. Dieser Roman ist so etwas wie das poetische Manifest Handkes für sein landschaftsverbundenes Schreiben. Der Karst war bis dahin aufgrund seiner Kargheit und abweisenden Schroffheit in der Literatur eher negativ und menschenfeindlich rezipiert oder dargestellt worden. Bei Handke kehrt sich das um, der Karst wird zu einem Gegenbild, dem Entwurf einer utopischen Gesellschaft. Geologische Begriffe beginnen zu oszillieren und werden philosophisch unterlegt.

Ihre Begegnung mit dem Karst blieb aber keine rein literarische?

Mann stützt Fuß auf Baumstamm
Prof. Dr. Jan Röhnert lehrt Neuere deutsche Literatur am Institut für Germanistik der TU Braunschweig (Foto: Alexander Paul Englert/Frankfurt am Main)

Hinzu kam, dass ich persönlich auf dem Weg von Braunschweig, wo ich lehre, nach Thüringen, wo ich herstamme, im Südharz immer wieder mit der Bahn am Karst vorbeigefahren bin. Da sieht man diesen Gipskarst, der aktuell besonders in Niedersachsen zu einem Politikum zwischen Abbaubetrieben und Naturschützern geworden ist. Mein Projektidee war, die Lektüre von Karstlandschaften auf verschiedenen Ebenen zu betreiben, nicht nur deren literarische Darstellung in Büchern nachzulesen, sondern das Thema zugleich um ideologische und geoökologische Aspekte zu erweitern – und vor allem auch um meine eigene, leiblich-sinnliche Erfahrung dieser Landschaften.

20 Prozent der Welt sind verkarstet. Zitate in Ihrem Buch scheinen sagen zu wollen: Karst ist überall, in allen Kulturen und Disziplinen. Karst scheint hier und da sogar Mentalitäten geprägt zu haben.

Das mag nicht meine zentrale Frage gewesen sein, aber sie taucht auf: inwieweit die Erfahrung einer bestimmten Landschaft Kultur und Leben beeinflusst, bis hin zu Forschungsfragen. Sowohl in den Geistes- als auch in den Naturwissenschaften wird ja persönliche Motivation meist ausgeklammert. Aber an Anekdoten sieht man, wie Erlebnisse eine Forscherpersönlichkeit prägen können.

In der Kerndefinition ist Karst wasserlösliches Gestein. Sie nennen dazu Stichworte wie "geologische Störung". Karst wird bei Ihnen schnell zu einem Sinnbild des Übergangs, der Durchdringung, von Komplexität und Uneindeutigkeit.

Der Untertitel meines Projektes war ursprünglich Poetik einer geoökologischen Schwelle. Es geht auch darum, wie diese Landschaft sich überlagernde Erfahrungen und Perspektiven bedingt. Hier prallen Schichten aufeinander, zunächst im tektonischen Sinn, aber auch im metaphorischen: Der Karst verändert sich, je nach Blickwinkel. Er bedingt eine Durchlässigkeit und eine offene Herangehensweise.

Auch wenn Sie in Ihrer Betrachtung in der Regel oberirdisch bleiben, spielt ja das Wissen um die Dimension darunter, die Höhlen und Stollen, auch eine Rolle.

Der Karst birgt einerseits die erdgeschichtliche Tiefendimension, die einen Geologen interessiert. Aber damit allein ist er eben noch nicht erkundet. Der Mensch hat sich die natürlichen Gegebenheiten über Jahrhunderte nutzbar gemacht, ohne sie nur auszubeuten – er hat quasi kooperiert. Wenn man nur im Buch der Natur liest, hat man den Karst noch nicht begriffen, weil er sich mit dem menschlichen Zugriff immer wieder verändert hat. Auch wie er sich uns heute darstellt, ist davon geprägt: Steinbrüche, Untertagebau, die Geschichte von Kriegsverbrechen und Konzentrationslagern. Auch Abgründe oder Schluchten kennzeichnen diese Landschaft. Der Karst ist keine Ebene.

Mann auf einem Waldweg
Jan Röhnert unterwegs auf dem Karstwanderweg (Foto: Alexander Paul Englert/Frankfurt am Main)

Sie zitieren W. H. Auden mit der Frage nach der Quelle der Sehnsucht nach dieser Landschaft. Bleiben Sie eine eigene Antwort schuldig?

Ich hatte eigentlich keine autobiografische Studie vor. Aber als dann feststand, dass der Band in Judith Schalanskys Reihe Naturkunden bei Matthes & Seitz erscheinen würde, war dieser Horizont auch mit aufgetan. Ich habe gemerkt, dass meine Sehnsucht, mich mit dem Karst zu beschäftigen, mich darin aufzuhalten und die veränderten Horizonte abzuwandern, auch daher kommt, dass ich in einer verwandten Landschaft aufgewachsen bin, mit einem Steinbruch hinter dem Haus. So wagte ich, meine eigene Geschichte in den Karst mit hineinzuschreiben. Und zwar, ohne mich als Person dabei wichtig zu nehmen, sondern als Vergewisserung meiner Sensibilität im Erkenntnisprozess.

Sie nehmen sich eine Kultur- und Literaturgeschichte der Geowissenschaften vor. Das Aufeinanderprallen von Perspektiven ist immer wieder zentrale Motivation des Forschens.

Das steht auch in der Tradition des "Nature Writing". Deren Thema hat eigentlich Henry David Thoreau mit seinem Buch "Walden" vorgegeben: Die Beobachtung von Räumen unter verschiedenen Gesichtspunkten der Natur. "Nature Writing" hat dabei auch immer einen politischen Aspekt. In der Gegenwart ist – neben Menschenrechten – die Ökologie das dominierende Dispositiv, weil sie unsere Grundlagen betrifft, unser Überleben an sich. Insofern kann das "Nature Writing" heutzutage umso mehr einen gesellschaftlichen Standpunkt reklamieren.

Was können Literatur oder Literaturwissenschaft konkret zu Perspektiven der Naturwissenschaften beitragen?

Naturwissenschaftler müssen zwangsläufig auch zu Metaphern und poetischen Bildern greifen, um ihre Forschung darzustellen. Man kann Wissenschaftsgeschichte in diesem Sinn daher durchaus auch als erweiterten Teil der Literaturgeschichte begreifen. Wenn man zum Beispiel an Konrad Lorenz denkt und an seine Darstellungen aus der Verhaltensbiologie. Oder an die großen Geografen des 19. Jahrhunderts, die unmittelbar auf Sprache als Beschreibungsinstrument angewiesen waren.

Das Buch erscheint in einer Zeit, in der Menschen das Spazierengehen wiederentdecken, auch als Naherholung in der Pandemie. Geht es auch darum, vorzuschlagen, wie man sich in der Natur bewegen könnte?

Nicht nur das. Ich freue mich auch, wenn Leser im urbanen Raum das vermeintlich Wilde entdecken. Oder generell zum Rand der Wahrnehmung gehen, wo der Blick sonst abprallt, wo man eher nicht so genau hinschaut. Was bedeutet es eigentlich, wenn ein Bach in der Erde verschwindet und anderswo wieder hervortritt? Und es ist mir wichtig, dass Menschen erkennen, dass solche Phänomene nicht weit weg sind. Natürlich muss man auch den Bezug zum Globalen herstellen. In Madagaskar zum Beispiel verkarstet unter tropischen Bedingungen Granit. Zu sehen, welche Formensprache Karst rund um die Welt entfalten kann, ist faszinierend.
 

grünes Buchcover mit verfremdeten Nadelbäumen, Titel "Vom Gehen im Karst", Autor Jan Röhnert

Bibliographische Angaben

Jan Röhnert: Vom Gehen im Karst. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2021. 184 Seiten, 28 Euro.

Die Förderinitiative "Originalitätsverdacht?"

Mit der Initiative "Originalitätsverdacht? Neue Optionen für die Geistes- und Kulturwissenschaften" ermutigt die VolkswagenStiftung Forscherpersönlichkeiten und kleine Projektteams aus den Geistes- und Kulturwissenschaften, überzeugende Ideen mit erkenntnisgewinnender Originalität zu entwickeln.