"Der Academic Freedom Index muss Teil der Debatte sein"

Frau Kinzelbach, Sie untersuchen im Academic Freedom Index, wie es um die Wissenschaftsfreiheit bestellt ist. Danach leben nur 20 Prozent der Weltbevölkerung in Ländern, in denen Wissenschaftsfreiheit nicht nur rechtlich, sondern de facto gut geschützt ist. Deutschland gehört dazu. Gibt es sonst noch eine gute Nachricht? 

Kinzelbach: Ich hatte befürchtet, dass mit den pandemiebedingten Hochschulschließungen Einschränkungen in der Freiheit von Forschung und Lehre einhergehen. Das ist bis jetzt jedenfalls nicht eingetroffen, was doch eine gute Nachricht ist. In Gambia, Usbekistan, Sudan, Nord Mazedonien und Malediven waren in den letzten fünf Jahren sogar deutliche Verbesserungen zu beobachten. Positive Entwicklungen konnten wir uns theoretisch vorstellen, sie mit den Indexdaten konkret zu identifizieren, hat uns gefreut.

Portraits - eine Frau, ein Mann
Katrin Kinzelbach, Initiatorin des Academic Freedom Index, und Georg Schütte, Generalsekretär der VolkswagenStiftung (Screenshot: VolkswagenStiftung)

Was beeindruckt Sie an dem Index, Herr Schütte?

Schütte: Ein besonderer Wert besteht für mich auch darin, dass der Index Wissenschaftsfreiheit im historischen Verlauf sichtbar macht. Er bildet die Entwicklung seit 1900 ab. Man erkennt sprunghafte Verbesserungen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs im Jahr 1990 und kann sehr schön den Zusammenhang zwischen akademischer Freiheit und Demokratien sehen. 

China unterdrückt die Wissenschaftsfreiheit und feiert Forschungserfolge. Bei Publikationen schließt die Volksrepublik mit den USA auf. Als Kader in Peking würde ich mir denken: Passt doch!

Kinzelbach: (lacht) Ja, das würde ich mir auch denken! In gängigen Indikatoren wissenschaftlicher Leistungsbewertung wie Patentanmeldungen, Publikationen oder auch Rankings schneiden manche chinesische Universitäten sehr gut ab. Man muss aber genauer hinsehen. Das in China entwickelte Shanghai-Ranking gewichtet naturwissenschaftliche Publikationen höher als sozialwissenschaftliche Publikationen. Dahinter steckt Methode. Das Shanghai-Ranking ist ein Instrument des chinesischen Parteistaats, um die Reputation einzelner Unis zu verbessern. Wir müssen die Maßstäbe, nach denen die Qualität von Wissenschaft bewertet wird, immer wieder kritisch hinterfragen. 

Ist Wissenschaftsfreiheit überhaupt notwendig für Spitzenforschung?

Kinzelbach: Das ist eine komplizierte Frage. Auch wenn wir den Zusammenhang zwischen Erkenntnisgewinn und Forschungsfreiheit ganz gut verstehen, ist er statistisch nicht belegt. Forschende der Universität Trier versuchen gerade mit den Daten aus dem Academic Freedom Index herauszufinden, ob ein Zuwachs an Wissenschaftsfreiheit zu einer höheren Wissenschaftsleistung führt. Ich bin gespannt auf die Publikation. 

Schütte: Nach unserem Verständnis ist Wissenschaftsfreiheit doch eine Grundbedingung guter Wissenschaft. Und gleichzeitig ist gute Wissenschaft die Basis für die besonderen Freiheitsrechte der Wissenschaft. Denken Sie an den akademischen Diskurs: Um das Freiheitsrecht in Anspruch nehmen zu können, muss man wissenschaftlich sauber argumentieren. Um das zu können, braucht man wiederum eine qualitativ hochwertige Wissenschaft. 

Kinzelbach: Das berührt einen wichtigen Punkt. Wissenschaftsfreiheit ist nicht mit persönlicher Meinungsfreiheit zu verwechseln. Wissenschaftsfreiheit dient dem Erkenntnisgewinn, sie soll Innovation und intersubjektiv nachvollziehbare Reflexion erleichtern. Wir sollten sie aber nicht auf ihren instrumentellen Wert reduzieren.

Und wie ist Wissenschaftsfreiheit im Index genau definiert? 

Kinzelbach: Wir haben dafür fünf Dimensionen festgelegt: die Freiheit der Forschung und Lehre, die Freiheit des akademischen Austauschs, die institutionelle Autonomie, die akademische Ausdrucksfreiheit und die Campus-Integrität, also die Abwesenheit von Überwachung.

Illustration mit verschiedenfarbigen Kurven
Der Academic Freedom Index macht globale Trends im historischen Verlauf sichtbar. (Illustration aus dem Report 2021, Kinzelbach et al.)


Manchen Forschenden ist das alles egal. Sie lassen sich für ein exzellent ausgestattetes Labor sehenden Auges von autokratischen Systemen instrumentalisieren. Was halten Sie davon?

Schütte: Natürlich ist Geld ein Anreiz. Der prioritäre Antrieb in der Wissenschaft ist und bleibt aber die Suche nach Erkenntnis. Wenn wir auf Länder wie Saudi-Arabien oder Singapur schauen, stellen wir fest, dass dort zwar mit Geld gelockt wurde, man nach einigen Jahren aber individuell und kollektiv erkannte, dass rein materielle Bedingungen eben doch nicht ausreichen, um hervorragendes wissenschaftliches Arbeiten zu ermöglichen. Wissenschaftler:innen müssen sich die Frage stellen, wem sie ihr Wissen zur Verfügung stellen und was damit passiert. 

Gut, trotzdem gibt es prominente Forschende, die repressiven Regimen erlauben, sich mit ihnen zu brüsten. Braucht es eine neue Kategorie wissenschaftlichen Fehlverhaltens?

Schütte: Nein. Der freie Austausch ist für die Wissenschaft konstitutiv. Er darf nicht beschränkt und auch nicht reglementiert werden. Eine neue Kategorie aus dem Index abzuleiten, wäre eine völlige Fehlinterpretation dieses Instruments. Ich halte derlei sogar für sehr problematisch. 

Kinzelbach: Dem kann ich nur zustimmen. Der Index soll Kooperationen verbessern und helfen, Risiken zu minimieren. Dass Forschende frei entscheiden können, mit wem sie wo und in welcher Form zusammenarbeiten, ist Teil der Wissenschaftsfreiheit. Insofern verbietet sich solch eine neue Kategorie. Forschende müssen aber lernen, genauer hinzusehen, um Gleichgesinnte zu erkennen. 

Wie gelingt das? 

Kinzelbach: Indem wir uns gut vorbereiten. Man kann Wissenschaftsfreiheit als unverhandelbare Klausel in die Kooperationsvereinbarung aufnehmen. Vor allem aber muss man wissen, wen man vor sich hat.  In China zum Beispiel tragen Parteisekretäre Professorentitel. Wir müssen in repressiven Staaten die Kolleg:innen finden, die wirklich an freier Forschung interessiert sind. Mit ihnen sollten wir möglichst eng zusammenarbeiten. 

...der Index muss im weltweiten Kontext diskutiert und ernst genommen werden. Er muss Teil der demokratie- und wissenschaftspolitischen Debatte sein...

Georg Schütte

Schütte: Deshalb ist die VolkswagenStiftung parallel zu ihrer Entscheidung, den Index zu fördern, zusätzlich initiativ geworden. Gemeinsam mit anderen Akteuren werden wir individuell Wissenschaftler:innen  aus und in Ländern fördern, in denen die Wissenschaftsfreiheit bedroht ist. 

Wie kam es eigentlich zu der Entscheidung, den Academic Freedom Index zu fördern? Üblicherweise steigt die VolkswagenStiftung ja nicht als Finanzier laufender Vorhaben ein.  

Schütte: Zunächst einmal ist Wissenschaftsfreiheit ein sehr hohes Gut, dem sich die Stiftung in ihrer neuen Förderstrategie explizit verpflichtet. Der Academic Freedom Index ist zwar tatsächlich schon konzipiert und mittlerweile zwei Mal erschienen, aber die intellektuelle Forschungsarbeit geht weiter – und insbesondere diese unterstützen wir mit unserer Förderung. Wir müssen viel mehr über Wissenschaftsfreiheit und ihre Wirkungsmechanismen wissen. Der Index leistet hier wertvolle Arbeit. 

Die Förderlaufzeit beträgt fünf Jahre, die Forschung zur Wissenschaftsfreiheit ist aber doch eher ein Langzeitvorhaben. Ist der Index ein Fall für die Wissenschaftsakademien? 

Schütte: Da will ich den Akademien nicht vorgreifen. Die VolkswagenStiftung versteht sich als Impulsgeberin für die Wissenschaft und das Wissenschaftssystem. Unsere Förderentscheidung darf die wissenschaftliche Gemeinschaft gern als Signal verstehen, den Academic Freedom Index selbst aktiv zu unterstützen und zu nutzen. 

Der DAAD hat bereits einen Leitfaden zu Wissenschaftskooperationen in schwierigen Ländern vorgelegt, in dem Wissenschaftsfreiheit natürlich ein großes Thema ist. Die HRK verabschiedete unlängst ein sehr detailliertes Papier über Kooperationen mit China. Ist das nicht genug?

Kinzelbach: Tatsächlich gibt es viele, auch sehr gute Papiere dazu, aber es handelt sich doch um erste Entwürfe. Nachschärfungsbedarf sehe ich zum Beispiel bei dem HRK-Papier zu China, das mir in Teilen zu kulturrelativistisch ist. Genau das ist der Index ja nicht. 

Das müssen Sie erklären. 

Kinzelbach: Der Index basiert auf einem international vereinbarten Standard, dem Sozialpakt der Vereinten Nationen, in dem sich 171 von 193 UN-Mitgliedstaaten – übrigens auch die Volksrepublik China – zur Wissenschaftsfreiheit verpflichtet haben. Das macht den Index wertvoll für hochschulpolitische Akteure. Sie können sich auf eine unabhängige Erhebung stützen, wenn sie überprüfen wollen, ob alle Staaten ihr Versprechen einhalten. 

Frau Kinzelbach, kann der Index auch bei der Konzeption von Förderprogrammen nützlich sein?   

Kinzelbach: Ich denke schon. So wäre es überlegenswert, Anträge für Forschungsprojekte in Ländern mit eingeschränkter Wissenschaftsfreiheit um Risikoanalysen zu erweitern. Wie wollen Forschende in dem Projekt zum Beispiel mit dem Risiko der Instrumentalisierung umgehen? Was ist geplant, um den Missbrauch von Wissen zu verhindern? Ist an die Klausel zur Wissenschaftsfreiheit gedacht worden? Solche Punkte könnten auch bei der Antragsbegutachtung eine Rolle spielen. 

Was halten Sie davon, Herr Schütte? 

Schütte: Ich halte das für einen bedenkenswerten Vorschlag, wenn Programme zur internationalen Kooperation aufgelegt werden. 

Hermann von Helmholtz sprach 1877 in seiner Antrittsrede als Rektor in Berlin über Wissenschaftsfreiheit und bezog dabei Studierende explizit ein. Wie sehen Sie das? 

Kinzelbach: Im Index beschränken wir uns auf Wissenschaftsfreiheit als professionelles Recht für ausgebildete Forschende. Studierende haben in autonomen Universitäten aber natürlich eine wichtige Funktion: Sie sind Akteure der akademischen Selbstverwaltung und tragen zum akademischen Diskurs bei. Sie sollen Theorien und die Empirie der Professorenschaft kritisch hinterfragen. Damit leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Wissenschaft. In der Lehre muss für die Wissenschaftsfreiheit ein Bewusstsein geschaffen werden. 

Schütte: An der Stelle lässt sich der hohe Wert von Wissenschaftsfreiheit für liberale Demokratien besonders gut erkennen. In autonomen Hochschulen wird der freie Diskurs, werden demokratische Standards und demokratisches Verhandeln eingeübt und weiterentwickelt. Erst durch die Wissenschaftsfreiheit werden Hochschulen zu den Stellen angewandter demokratischer Praxis, die Demokratien brauchen.

Welches Standing wünschen Sie dem Academic Freedom Index in fünf Jahren? 

Schütte: Ganz klar, der Index muss im weltweiten Kontext diskutiert und ernst genommen werden. Er muss Teil der demokratie- und wissenschaftspolitischen Debatte sein und dazu führen, dass die Wissenschaft auch im internationalen Austausch größere Freiheiten erhält. Der Diskurs über den Index muss zu mehr Wissenschaftsfreiheit führen.  

Kinzelbach: Das ist für mich tatsächlich auch das Allerwichtigste. Für uns Forschende ist der Index ein Instrument, um empirisch besser zu verstehen, wie es weltweit um die Wissenschaftsfreiheit steht, aber auch welche Faktoren Wissenschaftsfreiheit begünstigen und hemmen. Die Daten sind offen und ich möchte möglichst viele Wissenschaftler dazu ermuntern damit zu arbeiten. Aber ich wünsche mir natürlich auch, dass die Wissenschaftsfreiheit durch die Forschung am Ende auch im politischen Prozess gewinnt. Dann ist der Index selber vielleicht gar nicht mehr so wichtig.

Zu den Personen

Dr. Katrin Kinzelbach ist seit 2019 Professorin für Internationale Politik der Menschenrechte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) und Initiatorin des Academic Freedom Index. Vor ihrem Wechsel an die FAU war sie stellvertretende Direktorin des Global Public Policy Institute in Berlin. Kinzelbach wurde von der Stiftung im Rahmen der Schumpeter-Fellowships gefördert.

Dr. Georg Schütte ist seit Anfang 2020 Generalsekretär der VolkswagenStiftung. Der Medien- und Kommunikationswissenschaftler war vorher unter anderem als Generalsekretär der Alexander von Humboldt-Stiftung tätig und von 2009 bis 2019 Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung. 

Christine Prußky ist Wissenschaftsjournalistin in Berlin.

Der Academic Freedom Index

Inhalt: Der Academic Freedom Index (AFI) liefert Daten zur weltweiten Lage der Wissenschaftsfreiheit seit dem Jahr 1900. Der Index erschien erstmals im Jahr 2019 und wird jährlich fortgeschrieben. Die aktuellen Daten sind frei verfügbar; es wird auch ein Online-Visualisierungstool angeboten.

Report: Den Report 2021 von Katrin Kinzelbach, Ilyas Saliba, Janika Spannagel und Robert Quinn finden Sie zum Download unter Free Universities: Putting the Academic Freedom Index Into Action (pdf).

Methodik: Die systematische Erhebung stützt sich auf Einschätzungen von mehr als 2.000 Expert:innen in 175 Ländern und Territorien sowie auf ein statistisches Modell, das vom V-Dem Institut an der Universität Göteborg für einen größeren Demokratiedatensatz entwickelt wurde.

Indikatoren: Der Index misst den Grad der Wissenschaftsfreiheit anhand von fünf Indikatoren, die unterschiedliche Dimensionen erfassen: Freiheit der Forschung und Lehre, Freiheit des akademischen Austauschs und der Wissenschaftskommunikation, Institutionelle Autonomie, Campus-Integrität (Freiheit von Überwachung und Übergriffen) sowie akademische und kulturelle Ausdrucksfreiheit.

Kooperation: Der Index wurde als Gemeinschaftsprojekt von Forschenden an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, dem V-Dem Institut der Universität Göteborg und dem Global Public Policy Institute in Berlin in enger Zusammenarbeit mit dem Scholars at Risk Network (als Partner beim Wissenstransfer) entwickelt – und wird heute vom V-Dem Institut und der Universität Erlangen-Nürnberg getragen. 

Finanzierung: Die wissenschaftliche Arbeit am Academic Freedom Index wird seit Sommer 2021 von der VolkswagenStiftung mit rund 750.000 Euro über eine Laufzeit von fünf Jahren gefördert.

Förderung für geflüchtete Wissenschaftler:innen

Die Stiftung unterstützt auch Forschende, die ihre Heimat verlassen mussten und müssen. Aktuell mit dem Schwerpunkt Afghanistan, alle Informationen dazu unter Afghanistan: Sonderförderung für geflohene Forschende.