Daten in der Demokratie - ein Rückblick auf SciCAR 2018

Wissenschaftler und Datenjournalisten haben viel gemeinsam: Beide benötigen Zugang zu Daten, erheben sie zum Teil selbst, verwenden ähnliche Methoden zur Analyse. Auf der SciCAR Konferenz vom 24.-26. September 2018 loteten beide Gruppen Optionen der Kooperation aus – mit dem Schwerpunkt "Daten in der Demokratie". 

Podiumsdisskussion mit vier Beteiligten bei Scicar 2018
Podiumsdiskussion bei SciCAR 2018 in Dortmund (Foto: Lutz Dreesbach)

Die SciCAR Konferenzreihe hat zum Ziel, die Zusammenarbeit von datenbasiert arbeitenden WissenschaftlerInnen und JournalistInnen zu fördern. Zwar suche der Journalismus bei den Recherchen seit jeher die Unterstützung durch die Wissenschaft, so Mitveranstalter Franco Zotta (Wissenschafts-Pressekonferenz e.V.), doch könnten die Synergien noch viel größer sein, "weil beide bei allen Unterschiedlichkeiten eine zentrale aufklärerische Grundüberzeugung teilen". Er sehe daher noch großes Potential bei der journalistischen Arbeit mit Daten.

Der Schwerpunkt der diesjährigen Veranstaltung in Dortmund lag auf dem Thema "Daten in der Demokratie". Georg Thiel, Präsident des Statistischen Bundesamtes, konnte als Auftaktredner gewonnen werden. In der an sein Referat anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass die Datenportale der statistischen Ämter unübersichtlich und unvollständig sind und Datenjournalisten die angebotenen Daten oft noch mühsam umformatieren müssten. Thiel zeigte Verständnis und versprach, dass sich in dieser Hinsicht in den kommenden Monaten vieles verbessern werde. Thematische Lücken in der amtlichen Statistik sprach er selbst offen an, gab jedoch auch zu bedenken, dass das Bundesamt nur die gesetzlich vorgegebenen Statistiken erheben kann. Bei der Frage nach einem privilegierten Datenzugang zu Rohdaten auf Mikroebene, wie ihn die Wissenschaft genießt, verwies Thiel auf die Grenzen, die der Datenschutz setze. 

Auch in der journalistischen Arbeit mit Daten ist Automatisierung ein großes Thema. Algorithmen können helfen, große Mengen von Dokumenten zu durchsuchen. Ebenso sind automatisch erstellte Texte längst keine Zukunftsmusik mehr. Nick Diakopoulus, der dazu an der Northwestern University in den USA forscht, erwartet, dass sich die Rolle des Journalisten entsprechend wandeln wird. Er forderte, mehr Informatik und Datenwissenschaften in der journalistischen Ausbildung zu lehren. Nicht nur, um diese Techniken in Zukunft einsetzen zu können, sondern auch, um über Algorithmen journalistisch berichten zu können.

In zahlreichen Werkstattberichten stellten dann JournalistInnen und WissenschaftlerInnen ihre Arbeit vor. Besonders interessant waren natürlich solche, in denen von erfolgreichen Kooperationsprojekten berichtet wurde. Besonders im Fokus der vorgestellten Projekte standen dabei aktuelle gesellschaftliche Themen wie Feinstaub, Miete oder Mobilität. Deutlich wurde, dass dabei nicht nur auf bestehende Daten zurückgegriffen wird, sondern auch neue Herangehensweisen wie Crowdsourcing und sensorbasierte Datenerhebungsverfahren angewendet werden.

In einem "View from America" berichtete Sinduja Rangarajan, Datenjournalistin bei Reveal vom Center for Investigative Reporting, von Recherchen zur Diversität in den großen Technikunternehmen des Silicon Valley, bei denen Wissenschaftler die entscheidenden Daten bereitstellten. Der Investigativjournalist Sam Roe vom Chicago Tribune, der bereits letztes Jahr ein Projekt zu Medikamentenwechselwirkungen vorgestellt hatte, berichtete von einer Anschlussrecherche, bei der wieder Wissenschaftler zum Team gehörten. Seine positive Nachricht: Es werde einfacher, Wissenschaftler für eine Kooperation zu gewinnen, wenn man auf erfolgreiche Projekte in der Vergangenheit verweisen kann.

Auch Hindernisse, Fehler und Hürden waren Thema auf der SciCAR – nicht nur in Pausengesprächen. Bei der Fuck-Up-Night erzählen Datenjournalisten von Stolpersteinen und im Sand verlaufenen Recherchen. JournalistInnen sowie WissenschaftlInnen stellten sich der kritischen Diskussion um die korrekten Methoden und die richtigen Fragen. Auch Sozialforscherin Lisa Hehnke lobte die insgesamt offene Atmosphäre, als sie nach ihrem Vortrag viel konstruktive Kritik erntete.

Die SciCAR auch im kommenden Jahr wieder Wissenschaftler und Journalisten zusammenbringen, um Kooperationen anzustoßen und den gegenseitigen Dialog zu fördern.

Die SciCar ist eine Veranstaltung von TU Dortmund, Science Media Center Germany, WPK - Die Wissenschaftsjournalisten, und wird von der VolkswagenStiftung unterstützt.

Bericht: Lutz Dreesbach