Corona-Update: "Wir beobachten, was sich Neues aus der Krise ergibt" 

Frau Hartmann, die mehr als 40 Köpfe zählende Förderabteilung arbeitet seit zwei Wochen im Homeoffice. Wie ist der Wechsel geglückt?

Ich will nicht sagen völlig nahtlos, aber insgesamt doch sehr, sehr gut. Wir haben auch bisher schon hauptsächlich digital gearbeitet und zahlreiche Kollegen und Kolleginnen haben die Möglichkeit der Arbeit von zuhause bereits an einzelnen Tagen genutzt. Auch Anträge erreichen uns seit geraumer Zeit papierlos über das Antragsportal. Zur Zeit sind die Kolleginnen und Kollegen zum Beispiel dabei, 270 Anträge in der Förderinitiative "Originalitätsverdacht" zu sichten, und diese dann dezentral nach Fachkompetenzen aufgeteilt, zu prüfen. Wo wir jedoch an unsere Grenzen kommen, das ist die Gestaltung des Begutachtungsprozesses.

Warum?

Es gibt unterschiedliche Verfahren der Begutachtung: eine schriftliche Begutachtung bei der schriftliche Einzelvoten vorgelegt werden, kann man leicht digital gestalten, dies entspricht den bereits praktizierten digitalen Verfahren. Die mündliche Begutachtung lässt sich jedoch nur mit Einschränkungen durchführen. Bei den gewohnten Jurysitzungen mit Gutachterinnen und Gutachtern hier in der Geschäftsstelle, entstehen rund um einen Antrag häufig sehr engagierte Debatten. Das funktioniert in einer Videokonferenz nur sehr mittelbar. Außerdem legen die Gutachterinnen und Gutachter, aber auch wir, häufig Wert darauf, sich mit den Antragstellerinnen und Antragsteller persönlich auszutauschen. Wir finden das sehr wichtig, und nicht selten gibt es dabei Überraschungen, positive wie negative. Auch dies, also der persönliche Vortrag und insbesondere die Diskussion zwischen allen Beteiligten, ist per Video nur mit sehr eingeschränkter Wirkung möglich.

Wie behelfen Sie sich in dieser Situation?

Einerseits müssen alle Beteiligten einfach akzeptieren, dass Prozesse und Verfahren gegenwärtig nicht so gestaltet werden können wie gewohnt oder wie wir es für optimal halten würden. Andererseits haben wir schon eine Reihe von Stichtagen und Gutachtersitzungen in das zweite Halbjahr 2020 verlagert. Das gibt den Interessierten mehr Zeit für ihre Anträge – und wir hoffen, spätestens nach der Sommerpause wieder zu den bewährten Routinen zurückkehren zu können.

Wie bearbeiten Sie die Bewilligungen aus der letzten Kuratoriumsberatung, die kürzlich – erstmals in der Stiftungsgeschichte - auf rein schriftlicher Basis stattgefunden hat?

Da ist gar kein Problem. Die Bewilligungen können elektronisch versandt werden. Zu zwei Entscheidungsfällen möchten sich die Kuratorinnen und Kuratoren allerdings noch einmal in einer mündlichen Aussprache austauschen. Dies wird dann in der nächsten Sitzung möglich sein, Ende Juni. Wir mussten also zwei Entscheidungen vertagen, was ungewöhnlich ist und der Ausnahmesituation geschuldet. Andererseits erweist sich daran auch, wie ernst das Kuratorium seine Verantwortung nimmt. Und das finde ich ein sehr positives Signal. 

Sie sind als Mitglied des Krisenstabes in der Geschäftsstelle geblieben. Wie tauschen Sie sich mit Ihrer Abteilung aus?

Ein wichtiges Instrument ist die tägliche Telefonkonferenz mit den drei Teamleiterinnen. Die dauert etwa eine Stunde. Wir sprechen über das Tagesgeschäft, wie es den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in dieser ungewohnten Situation geht, diskutieren aber auch, was sich aus der aktuellen Krise für das künftige Stiftungshandeln ergeben könnte. 

Und: Was könnte sich ergeben?

Für programmatische Aussagen ist es natürlich noch viel zu früh. Im Moment tauschen wir uns erstmal nur darüber aus, was wir beobachten. Etwa, dass medizinische Forschungsdaten plötzlich sehr rasch mit Fachkolleginnen und -kollegen in aller Welt geteilt werden. Oder dass Corona-Papers in Preprint-Portalen heiß diskutiert werden, lange bevor sie in den üblichen High Impact Journals erschienen sind. Mir scheint, wir erleben gerade, dass in vielen Bezügen tradierte Dogmen einfach in sich zusammenfallen, und dies betrifft nicht nur die verschiedensten Forschungsfelder, sondern auch strukturelle Gegebenheiten des internationalen Wissenschaftssystems. Ich bin gespannt, was wir da noch erleben werden. Auf jeden Fall kommen wir dem Ziel einer "Open Science" mit Blick auf die Corona-Forschung sehr rasch näher. Wir in der VolkswagenStiftung werden diese Entwicklungen sehr aufmerksam beobachten und darauf dann auch reagieren. 

Wie lange halten Sie den Lockdown noch durch?

Das ist eine Frage, die Sie nicht mir stellen sollten, sondern zum Beispiel den Eltern mit Kleinkindern, die wir ja auch in der Abteilung haben. Den Ansprüchen der Arbeit und denen der Familie nachzukommen, ist im Homeoffice bisweilen ein echter Knochenjob. Ich weiß von einem Kollegen, der oft erst nach 22 Uhr zum Arbeiten kommt, wenn der sechs Monate und drei Jahre alte Nachwuchs endlich eingeschlafen ist. Aber auch das Gegenteil kommt vor: Dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu Hause die Decke auf den Kopf fällt, zumal Alleinstehenden. Ich fühle mich auch in solchen Fällen in der Verantwortung, gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Am Ende ist es unbestritten: Diese Situation verlangt uns allen viel ab. Und ich gebe zu, ich bin stolz darauf, wie alle in der Förderabteilung, egal in welcher Funktion, ihr Bestes geben. Insofern würde ich sagen: Gemeinsam halten wir das schon noch eine Weile durch, auch wenn wir hoffen, dass wir bald nachjustieren können.

Fühlen Sie sich in Ihrem Büro in der sonst menschenleeren Geschäftsstelle "abgehängt"?

Abgehängt nicht. Seit dem Lockdown habe ich so viele Telefonate mit Kolleginnen und Kollegen aus der Abteilung geführt wie nie. Und auch die Möglichkeit von Videokonferenzen wird zunehmend genutzt. Am Informationsaustausch herrscht also kein Mangel. Aber wenn Sie mich schon danach fragen: Keine Telefon- oder Videokonferenz kann das Gespräch von Mensch zu Mensch ersetzen. Ich fühle mich nicht abgehängt, aber ich vermisse die Kolleginnen und Kollegen. Sehr sogar.

 

Hier finden Sie aktuelle Informationen zum Umgang der VolkswagenStiftung mit der Corona-Krise.