Warum es vernünftig ist, von der Unvernunft auszugehen

20. Nov 13

Warum handeln Menschen nicht immer "vernünftig"? Diese Frage wurde beim Herrenhäuser Forum Politik-Wirtschaft-Gesellschaft am 19. November in Schloss Herrenhausen diskutiert.

Prof. Dr. Nora Szech konnte in ihrer Studie "Morals and Markets" anhand eines Experiments mit Studenten zeigen, dass Märkte moralisch korrumpieren, also dazu anregen, seinen eigenen moralischen Grundsätzen zuwider zu handeln. © Max Ernst Stockburger

Prof. Dr. Nora Szech konnte in ihrer Studie "Morals and Markets" anhand eines Experiments mit Studenten zeigen, dass Märkte moralisch korrumpieren, also dazu anregen, seinen eigenen moralischen Grundsätzen zuwider zu handeln. © Max Ernst Stockburger

Über Jahrhunderte geisterte ein Gespenst durch die Wirtschaftstheorie: der "homo oeconomicus". Dieser stets rational seinen Nutzen maximierende Marktteilnehmer soll, folgt man dieser Denkweise, kraft seiner Eigenschaften auch noch für die Rationalität des Marktgeschehens gesorgt haben. Eine Fiktion – da waren sich alle Experten beim 4. Forum Politik-Wirtschaft-Gesellschaft der VolkswagenStiftung in Schloss Herrenhausen einig.

"Von der Vermessung der Unvernunft unseres Handelns" war denn auch die von der WDR-Journalistin Tanja Busse moderierte Veranstaltung am 19. November 2013 betitelt.

Wie man mit der Einsicht, dass es vernünftig ist, von der Unvernunft auszugehen, im wirtschaftlichen Alltag umgehen kann, erläuterte der Mannheimer Professor für Bankbetriebslehre, Martin Weber. Er stellte das Konzept der Behavioral Finance, einem Teilbereich der Verhaltensökonomik vor, mit dem man das reale Verhalten der Menschen und die Folgen für die Märkte untersucht.

Menschen, so seine Beobachtung, verschließen sich gern der allseits bekannten Einsicht, dass hohe Renditen stets mit hohen Risiken verbunden sind. Die Geldentwertung und damit der Unterschied zwischen nominalen und realen Vermögenswerten werden ignoriert. Es sei bekannt, dass man seine Investitionen streuen sollte – und doch verhielten sich die meisten anders. So entnahm Weber einer Studie, dass sich beispielsweise ausgesprochen viele Ludwigshafener - auch die Angestellten – auf BASF-Aktien konzentrierten und damit alles auf eine Karte setzten. Investitionsfonds sollte man lange halten, aber tatsächlich würden sie im Durchschnitt alle drei Jahre gehandelt – zur Freude der Banken, die dabei Provisionen kassieren.

Was tun? Die Kunden müssen sich Informationen beschaffen, genau darauf achten, was hinter mancher Formulierung steckt, und sie sollten sich an erprobte Regeln halten. Es lohnt sich, so Weber, sich beim Kauf von z.B. Aktien oder Gold immer zu fragen "Wer verkauft mir etwas und ist derjenige dümmer als ich?". Eingriffe von außen hält Weber für problematisch, verwies aber auf das in der Fachwelt diskutierte "nudging", das "Anstupsen", mit dem per "sanftem Paternalismus" die Bürger zu vernünftigerem Handeln (etwa durch entsprechend formulierte Informationen oder Formulare) gebracht werden sollen.

Prof. Dr. Martin Weber, Professor für Bankbetriebslehre, stellte das Konzept der Behavioral Finance, einem Teilbereich der Verhaltensökonomik vor, mit dem man das reale Verhalten der Menschen und die Folgen für die Märkte untersucht.© Max Ernst Stockburger

Prof. Dr. Martin Weber, Professor für Bankbetriebslehre, stellte das Konzept der Behavioral Finance, einem Teilbereich der Verhaltensökonomik vor, mit dem man das reale Verhalten der Menschen und die Folgen für die Märkte untersucht.© Max Ernst Stockburger

Während Webers Ansatz den Einzelkunden und seine Bedürfnisse im Auge hatte, stellt die Untersuchung, deren Ergebnisse die Volkswirtin Nora Szech erläuterte, auf die gesellschaftliche Dimension wirtschaftlichen Handelns ab. In ihrer mit Armin Falk erarbeiteten Studie "Morals and Markets" konnte sie anhand eines Experiments mit Studenten zeigen, dass Märkte moralisch korrumpieren, also dazu anregen, seinen eigenen moralischen Grundsätzen zuwider zu handeln.

Die Testteilnehmer konnten in unterschiedlichen Settings mit dem Leben von Mäusen handeln. Je unübersichtlicher das Marktgeschehen war, je mehr Käufer und Verkäufer in den Marktmodellen des Tests auftraten, desto eher waren die Testpersonen bereit, den Tod der Tiere in Kauf zu nehmen. In der börsenähnlichen "multilaterialen Auktion" entschlossen sich rund 70 % der Teilnehmer für das Geld und gegen das Leben der Maus. Ohne das Marktgeschehen entschieden sich 40 % dafür, die Maus sterben zu lassen. Der Grund für die Zunahme: Man konnte die Schuld und Verantwortung gedanklich gleichsam verteilen und sich so – "wenn ich das Geschäft nicht mache, macht es ein anderer" – entlasten. Freilich haben das viele danach, als sie Distanz zur Marktsituation hatten, bereut.

Szech fragte mit Verweis auf den in Harvard lehrenden Moralphilosophen Michael Sandel, welche gesellschaftlichen Bereiche wir dem Markt überlassen sollten. Das schließt die Frage ein, wie wir eigentlich leben wollen und welche Normen wir in einer Demokratie setzen wollen. Wenn das Aufklären nicht reicht, müsse der Markt stärker reguliert werden.

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© Max Ernst Stockburger für VolkswagenStiftung

Audio der Vorträge und der Podiumsdiskussion zum Nachhören

 

 

 

 

Christoph Harrach, der 2007 die Plattform "KarmaKonsum" gründete, setzt auf die Konsumentenmacht. Er informiert über andere Formen des Wirtschaftens (Genossenschaften etwa) und darüber, wie man moralisch konsumieren und produzieren kann. Statt eine Verzichtmoral zu propagieren, sollten Freiwilligkeit und Attraktivität im Vordergrund stehen: also die "Hippness" eines nachhaltigen Lebensstils.

Vor Regulierungen und allzu viel Moral warnte Hartmut Kliemt, Professor für Philosophie und Wirtschaft an der privaten Frankfurt School of Finance & Management. Auch Selbstlosigkeit könne gefährlich werden, wie man an Selbstmordattentäter sehe. Zudem sei es in Gesellschaften, die über Kleingruppengröße von 70 Personen hinausgehen schwierig, sich auf eine allgemeine Moral zu verständigen, "das Gemeinwohl" existiere nicht. Er warnte davor, den Menschen nicht als mündigen Marktteilnehmer zu sehen und immer gleich nach dem regulierenden Staat zu rufen und den Markt zu verteufeln. Auf Märkten begegnen wir uns, um autonom Verträge auszuhandeln. Auch dies sei ein Gut, das es zu schützen gelte. Wenn der Staat mächtiger sei, das Richtige zu tun, sei er es auch, um das Falsche zu tun.

Auf den Aspekt der Banken- und Finanzkrise von 2008 angesprochen verwies er darauf, dass die Kundenberatungen durch die Bankangestellten sicher eigennützig gewesen seien und die Interessen der Banken eine Rolle gespielt hätten, aber wer nicht zum unabhängigen Experten geht, um sich kostenpflichtigen Rat einzuholen, trage eine Mitschuld. Selbstüberschätzung mehr noch als Gier führt die Menschen zu falschen Entscheidungen.

Was also kann getan werden, um die Rationalität eines Marktteilnehmers zu erhöhen?

Information, Transparenz und Verbraucherschutz gehörten zu den Maßnahmen, die diskutiert wurden – wobei die dabei entstehenden Probleme unterschiedlich bewertet wurden. Weber machte deutlich, dass es einfach an Forschung zu diesen Fragen fehlte. Ob Regulierung helfe oder Transparenz sei in vielen Bereich schlichtweg nicht bekannt. 

Harrach hält den Preis für eine gute Methode, vernünftiges Konsumentenverhalten zu motivieren. Wenn sich die ökologischen und sozialen Kosten, die die Herstellung der Produkte auch verursachen, im Preis widerspiegeln – die sogenannten externen Effekte eingepreist würden –, würde jeder die Konsequenzen seines Handelns direkt spüren.

Szech setzt dagegen mit Verweis auf die Manipulation des Kunden auf stärkere Regulierungen, hält es aber auch für möglich, dass bei guter Information Kunden hierzulande zur Empathie für die Produzenten etwa in Billiglohnländern fähig sein können.

Damit wurden auf dem Podium die unterschiedlichen Positionen der gegenwärtigen Diskussion markiert. Hier die Bevorzugung der Marktmechanismen, mit der Betonung der Eigenverantwortung und der Freiheit des Einzelnen, dort die Marktskepsis, die das Machtgefälle unter den Marktteilnehmern im Blick hat, und die Forderung nach demokratischer Regulierung.


Karl-Ludwig Baader